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So liefen die Frankfurter Homosexuellenprozesse

Die neue Doku "Das Ende des Schweigens" beleuchtet ein ganz dunkles Kapitel der Adenauer-Zeit: 1950/51 wurde in Frankfurt am Main gegen über 200 schwule Männer ermittelt, rund 100 wurden verhaftet.


Ein nachgestelltes Verhör: Yvo Heinen spielt in "Das Ende des Schweigens" den Sexarbeiter Otto Blankenstein (Bild: GMfilms)

Ausgelassene Stimmung beim Frankfurter CSD. Queere Menschen feiern, tanzen, genießen die Offenheit, zeigen sich voller Stolz. "Das Ende des Schweigens" beginnt im Heute, springt aber ganz schnell eine Generation zurück. Denn 70 Jahre zuvor war Frankfurt Schauplatz der wohl größten Verfolgung schwuler Männer der Adenauer-Zeit.

Bei den sogenannten Frankfurter Homosexuellenprozessen wurde gegen mehr als 200 Männer ermittelt, weil sie Sex mit Männern gehabt haben sollen. Knapp 100 wurden verhaftet. Was das bedeutete, ist heute kaum mehr zu fassen: Die Männer verloren oft nicht weniger als ihre Lebensgrundlage. Eine Verurteilung ging häufig einher mit sozialer Ächtung und Jobverlust.

Vorkriegs-Haftbefehle nach dem Krieg vollstreckt


Poster zum Film: "Das Ende des Schweigens" läuft seit 2. Dezember 2021 in ausgewählten Programmkinos

Im Mittelpunkt dieser Prozesse steht der Stricher Otto Blankenstein. Vielleicht hieß er auch Rolf Dieter von Rössing oder Rolf Dieter von Werder oder ganz anders. Die Staatsanwaltschaft, an vielen Stellen noch immer besetzt mit Nazis, machte ihn zum Kronzeugen. Er belastete Dutzende Männer.

Wie konnte es soweit kommen? Und warum ausgerechnet in Frankfurt, der laut Historiker Gottfried Lorenz "ersten Homosexuellen-Hauptstadt nach dem Krieg"? Produzent und Regisseur van-Tien Hoang arbeitet in seinem Dokumentarfilm "Das Ende des Schweigens" diese Fragen sorgfältig auf, liefert Antworten und zeigt die Leerstellen, die es noch immer gibt. Otto Blankenstein etwa, dessen Spur sich nach seiner Verurteilung verliert.

Dafür lässt er Historiker zu Wort kommen, die es schaffen, die Zeit und die damals herrschende Stimmung erlebbar zu machen. Außerdem legen sie dar, wie die Prozesse nachwirkten. Hauptverantwortlich war der Staatsanwalt Fritz Thiede, der bereits zur Nazi-Zeit brutal gegen homosexuelle Männer vorging. Haftbefehle wegen Paragraf 175 von vor dem Krieg wurden in der Bundesrepublik einfach wieder aus den Schubladen gezogen.

Highlight: das Interview mit Wolfgang Lauinger

Zentral und ein wirklich wertvolles Zeitdokument wird die Doku vor allem durch das Interview mit Wolfgang Lauinger. Er war der wohl letzte Zeitzeuge der Frankfurter Homosexuellenprozesse. Lauinger saß für sechs Monate ohne Anklage in Einzelhaft, wurde am Ende jedoch freigesprochen.


Regisseur van-Tien Hoang (Bild: GMfilms)

Aufmerksamkeit erhielt sein Schicksal im Jahr 2017, als sein Antrag auf Entschädigung für die damalige Untersuchungshaft abgelehnt wurde. Bis zu seinem Tod Ende 2017 erhielt er keine Rehabilitierung (queer.de berichtete). Das bereits 2015 geführte Interview vermittelt einen Eindruck dieses Menschen und des Unrechts, das er erfahren musste. Gleichzeitig ist es bemerkenswert, wie Lauinger seine Fröhlichkeit nicht verlor.

Dokumentarische Unterfütterung für "Große Freiheit"

Regisseur van-Tien Hoang ergänzt die Aussagen der Historiker durch nachgespielte Szenen. Die Dialoge hätten vielleicht etwas authentischer geschrieben werden können, doch die Szenen sind dennoch ein kluger Kniff, die Geschichte plastischer zu gestalten.

Der Film wurde gefördert und auch durch Crowdfunding finanziert. Vielleicht ist es ein großes Glück, dass er kurz nach dem Spielfilm "Große Freiheit" erschien: Er dient so als dokumentarische Unterfütterung des preisgekrönten Dramas und erfährt hoffentlich noch mehr Aufmerksamkeit.

Zum Ende hin schlägt "Das Ende des Schweigens" den wichtigen Bogen zum Anfang: Unsere Freiheit ist nicht selbstverständlich, sondern erkämpft worden. So wird der Titel des Dokumentarfilms zur Aufforderung: Dieses Kapitel der Nachkriegsgeschichte darf nicht länger verschwiegen werden.

Infos zum Film

Das Ende des Schweigens. Dokumentarfilm. Deutschland 2020. Regie: van-Tien Hoang. Mitwirkende: Christian Setzepfandt, Markus Velke, Gottfried Lorenz, Horst Tim Riethausen, Wolfgang Lauinger, Conrad Bach, Wolf Marian Gerhardt, Yvo Heinen, Eric Lenke, Marco Linguri, Bernd Lottermann, Thorsten Schmitt, Pierre Siart, Christoph Gérard Stein, Horst Winkelewski. Laufzeit: 75 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: GMfilms. Kinostart: 2. Dezember 2021


#1 56James35Anonym
  • 04.12.2021, 14:03h
  • Eine schreckliche Zeit im schrecklichen Deutschland der Nachkriegsjahre und der Adenauer-Ära.
    Dieser Film ist ein Muss.
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#2 Phil80Anonym
  • 04.12.2021, 15:45h
  • Viele Jüngere übersehen immer wie faschistisch und minderheitenfendlichh diese Republik bis zu den 68ern war..und viele denken, dass es selbstverständlich ist wie wir leben.
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#3 marcocharlottenburgAnonym
  • 04.12.2021, 18:00h
  • Antwort auf #2 von Phil80
  • Es gehört leider aber dazu, dass das Bildungssystem die Zeit nach 45 weitestgehend ausblendet. Ich hoffe ich irre mich und es hat sich geändert, mutmaße aber, dem ist nicht so. Bei mir endete damals der Geschichtsunterricht in der 10. Klasse mit dem Ende des 2. WK. Ab der 11. Klasse gab es keinen Geschichtsunterricht mehr. Nun könnte man interessiert die Lücke selber schließen, in jungen Jahren liegen die Interessen dann aber wohl wo anders.
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#4 LegatProfil
  • 04.12.2021, 20:56hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #3 von marcocharlottenburg
  • Bei mir gab es durchaus Geschichtsunterricht zur Zeit nach 45. Unser Lehrer war da aber sehr einseitig. Amerikaner waren in seinem Unterricht die Guten (vor allem Reagan), die Russen die Bösen und Adenauer der beste Kanzler aller Zeiten. Kein Wort davon, dass viele Altnazis einfach weiter in Machtpositionen waren und die Geschicke des Landes entscheidend weiter prägten. Aber natürlich war auch bei mir die Nazizeit sehr dominant im Geschichtsunterricht vertreten. Dabei nie ein Wort über die Schwulenverfolgung. Kein einziges mal. Wohlgemerkt kam damals Homosexualität sowieso in keinem einzigen Schulfach vor.
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#5 Ith_Anonym
  • 05.12.2021, 09:44h
  • So unvorstellbar finde ich das jetzt nicht, ich schätze, ich werde wohl nicht der einzige hier sein, der sich mit seiner geouteten Existenz im Internet Wünsche verdient, es möge bald wieder eine Gestapo geben, die mich ins KZ steckt.

    Ich setz es mal auf die Liste für "nach Corona". Derzeit ist die Welt echt düster genug, da braucht man sich nicht allzu plastisch vor Augen führen, was die Leute gern wieder mit einem tun würden. Eine parlamentarische Vertretung, die es nicht einmal nötig hat, so zu tun, als wolle sie in diese "guten alten" Zeiten nicht wieder zurück, hat dieses Klientel ja bereits wieder.
    Auf jeden Fall aber mal eine schöne Referenz für Leute, die das Problem an zunehmenden Überwachungsmaßnahmen nicht begreifen und finden "das können die ruhig alles über mich wissen". Ja, klar, liebe Cis-Hete, für dich wäre das sehr wahrscheinlich wirklich kein Problem. Für Leute wie mich sah das vor gar nicht so langer Zeit noch extrem anders aus.
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#6 Ith_Anonym
  • 05.12.2021, 10:01h
  • Mir ist ja klar, dass ich in der Szene als Frau gelte, die hier nicht mitreden kann und natürlich auch nicht darf. Auf der Arbeit, im Alltag und so bin ich aber ganz normal als Mann unterwegs. Und natürlich werde ich als Autor mit männlichem Pseudonym schon auch ganz normal als Schwuchtel beschimpft und bedroht.

    Mich würden sie halt nicht in den Knast stecken, sondern in der Psychiatrie kaputtfoltern. Aber natürlich wundere ich mich über nichts an diesen Prozessen, außer vielleicht darüber, wie viele offenbar zumindest körperlich überlebt haben.
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#7 Tunten-SireneAnonym
  • 05.12.2021, 12:22h
  • Antwort auf #6 von Ith_
  • in einer Kölner Schwulenemanzipationsgruppe wurde mir voller Haß erklärt:
    Eine Person wie Du muß in den tiefsten,dunkelsten Keller eingesperrt werden und darf erst wieder ans Tageslicht, wenn die Gesellschaft toleranter gegenüber solchen Personen wie ich es bin würde.Als ich darüber nur laut lachen konnte steigerte sich der Haß mir gegenüber so sehr, daß mir dann erklärt wurde:
    Bei Adolf Hitler wärest du vergast worden.
    Die Tunte ist für die meisten Schwulen noch immer die größte Haßperson. Nur erreichen mich Tuntenhasser in keinster Weise. Ich lebe bewußt mein Leben so, wie es mir gegeben ist.
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#8 KölnerAnonym
#9 Klaus 001Anonym
  • 05.12.2021, 16:19h
  • Meine eigene Schwester hat mir und meinem Partner gesagt: Ihr sollt dahin wo ihr hingehört. Daa Kz war gemeint. Das war in Lörrach 2008. Ich bin enterbt worden, und Gericht und Anwälte haben nicht geholfen, im Gegenteil. 12 Jahre her. Seid vorsichtig. Deutschland ist noch lange nicht reif und nicht frei.
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#10 MarkKerzmanProfil
  • 05.12.2021, 22:37hPrinceton
  • Hat sich die Situation für die Community in Frankfurt eigentlich spürbar gebessert, als Dr. Fritz Bauer 1956 Generalstaatsanwalt in Hessen wurde? Wikipedia schreibt etwas undeutlich über seine sexuelle Identität, > Die dänische Fremdenpolizei verdächtigte Bauer, mit männlichen Prostituierten Umgang zu haben, was in einer Ausstellung des Fritz-Bauer-Instituts thematisiert wurde, die erstmals 2014 im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main zu sehen war. Seitdem wird Bauer als Homosexueller kategorisiert, obwohl er sich weder dazu bekannt hat noch eindeutige Belege hierfür vorliegen. < Andere Quellen sprechen von seinem unermüdlichen Einsatz für die Rechte von Minderheiten-Menschen, auch und besonders von Homosexuellen, wie im Film, > The People vs Fritz Bauer < konkretisiert wird. Auf der Website des Fritz-Bauer-Institute habe ich keine Dokumente finden können hinsichtlich der Situation der Community in Frankfurt vor und seit dem Amtsantritt von Dr. Bauer, als hessischer Generalstaatsanwalt. Sind einem von Euch (eventuell Mr. Legat in Frankfurt) Einzelheiten dazu bekannt?

    Dr. Mark (Bibi) Kerzman
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