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Buchneuerscheinung

"Fuck all y'all"

"100 Boyfriends" von Brontez Purnell ist eine neue Kurzgeschichten-Anthologie aus dem Albino Verlag, die sich humorvoll – aber leider nicht besonders reflektiert – mit schwulem Sex auseinandersetzt.


Brontez Purnell arbeitet seit über zehn Jahren als Schriftsteller, Performancekünstler und Choreograf in Kalifornien. Für seinen Roman "Alabama" (im Original: "Since I Laid My Burden Down") wurde er 2018 mit dem renommierten Whiting Award für Literatur ausgezeichnet (Bild: Beowulf Sheehan)
  • Von Johannes Streb
    6. Dezember 2021, 16:30h, noch kein Kommentar

"100 Boyfriends" (Amazon-Affiliate-Link ) ist das neue Werk des US-amerikanischen Schriftstellers Brontez Purnell. Das 232 Seiten starke Buch ist eine Kurzgeschichten-Anthologie über Affären, One-Night-Stands und das Sich-Verlieren bei sexuellem Ausprobieren. Und wenngleich dieser Sexpositivismus angenehm zu lesen ist, verfrachtet Purnell sich und seine Charaktere schnell in die Belanglosigkeit.

In teils nur wenigen Zeilen langen Texten führt der Autor seine Protagonisten ein: selbstbewusste queere Männer, zwischen deren Perspektiven er mit spielerischer Leichtigkeit hin- und her-, teils auch wieder zurückspringt. Sie alle eint ihre unersättliche Neugier, ihre brodelnde Lust, ihren Hunger nach mehr zu stillen und sich dafür auf neues erotisches Terrain zu begeben.

Ungefilterter Gedankenfluss


Die deutsche Übersetzung von "100 Boyfriends" ist im Albino Verlag erschienen

Dabei feiert Purnell auf jeder Seite die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, andere Schwule kennenlernen und sich gemeinsam austoben zu können; das Einstiegszitat "Fuck all y'all" wirkt da akkurat. Der Schreibstil ist flapsig, leicht zu lesen, teils vulgär. Es fühlt sich an, als würde man kontinuierlich Zugriff auf den ungefilterten Gedankenfluss der dargestellten Männer erhalten – das nimmt schnell die Barriere zwischen dem Lesepublikum und den Protagonisten.

Die explizite Ausformulierung sexueller Szenen gerät hingegen zu oberflächlich und stumpf: Sie "fickten", heißt es da oft nur. In "100 Boyfriends" ist nur wenig Platz für romantische Gefühle und Intimitäten. Dadurch mutieren die Figuren in den Kurzgeschichten von einzelnen Individuen zu vielmehr triebgesteuerten und leicht manipulierbaren Männern.

"Wir mussten unser Fuckbuddytum neu erfinden. Die Welt drehte sich so gottverdammt schnell – es ging nur noch um Rechnungen, Liebeskummer, Niederlagen. Die kurzen Momente der Zärtlichkeit musste man manchmal selbst konstruieren", so heißt es an einer Stelle. Sich diese humorvolle Hyperbel zu eigen zu machen und aufzudröseln, daran scheitert der Autor.

Die Geschichten führen ins Leere

Man hätte die aus belanglosen Rendezvous resultierende Einsamkeit thematisieren können; mehr noch, die Anonymität und das Ausgeliefertsein in einem Teufelskreis, der Männer mehr als (teils fetischisierte) Sexobjekte sieht, der jede Suche nach erfüllter Liebe im Keim erstickt.

Purnell schneidet diese Problematiken an, vertieft sie jedoch nicht weiter. Auch die Auseinandersetzung mit den rassistischen Aussagen, mit denen einige Schwarze Protagonisten konfrontiert sind, enttäuscht. Vergeblich wartet man auf ein Fazit oder eine Konsequenz – die Kurzgeschichten führen auf Dauer ins Leere.

"100 Boyfriends" – oder "100 Geschichten über schwulen Sex", wie es treffender heißen müsste – ist eine humorvolle, aber unreflektierte Kurzgeschichten-Anthologie, die sich nicht vor der Belanglosigkeit retten kann.

Infos zum Buch

Brontez Purnell: 100 Boyfriends. Roman. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke. 232 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2021. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-86300-322-7). E-Book: 12,99 €

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