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"Und der Himmel explodiert in einer Orgie spermienartiger Sterne"

Schwuler Fantasy-Slapstick von 1907

Heute vor 160 Jahren – am 8. Dezember 1861 – wurde der spätere Filmpionier Georges Méliès (1861-1938) geboren. Ein Film von ihm enthält eine viel diskutierte Sexszene.


Szene aus "Die Sonnenfinsternis bei Vollmond": Die Sonne nähert sich von hinten dem Mond (1907)

  • Von Erwin In het Panhuis
    8. Dezember 2021, 10:58h, 1 Kommentar

Filmplakat von "Die Reise zum Mond" (1902)

Georges Méliès ist ein Pionier der Filmgeschichte, der mehr als 530 Kurzfilme drehte und unter anderem als Erfinder der Stop-Motion-Filmtechnik gilt. Sein bekanntester Film ist "Die Reise zum Mond" ("Le voyage dans la lune", 1902, hier online), mit dem er in Anlehnung an den gleichnamigen Roman von Jules Verne den ersten Science-Fiction-Film der Welt schuf. Diese von ihm gezeigte Mondlandung wird manchmal als Beispiel dafür angeführt, dass Filme und insbesondere Science-Fiction-Filme die Realität nicht nur widerspiegeln, sondern sie auch inspirieren können. Georges Méliès hat die Filmgeschichte allerdings nicht nur inspiriert – er hat sie mit seinen Filmen revolutioniert.

"Die Sonnenfinsternis bei Vollmond" (1907)

Für die Leser*innenschaft von queer.de ist vermutlich ein anderer Film von größerem Interesse. Fünf Jahre nach seinem Film über die Mondlandung drehte Méliès den Film "Die Sonnenfinsternis bei Vollmond" (Originaltitel: "L'éclipse du soleil en pleine lune", 1907, ab 3:20 Min., hier online). Zu seinem Film "Die Reise zum Mond" (1902) gibt es viele Parallelen, die weit über Kostüme und Filmstil hinausgehen. In beiden Filmen verkörpert Georges Méliès einen Astronomie-Professor, der das Thema des Films vor Studenten mit Kreide auf einer Tafel aufzeichnet. Den Mond vermenschlichte Méliès mit Gesichtszügen auf ähnliche Art, wie er es auch 1907 mit der Sonne und dem Mond tat. Der Mond von 1902 ist mit seinen Gesichtszügen – insbesondere mit seinen nach oben gezogenen Augenbrauen – der Sonne von 1907 sehr ähnlich. In beiden Filmen werden im späteren Verlauf auch die Sterne vermenschlicht. Zwischen beiden Filmen gibt es jedoch auch einen wichtigen Unterschied: Nur im Film von 1907 geht es auch um Sex.

Direktlink | Der komplette Film: Die Sonne nähert sich dem Mond von hinten (3:20-4:55 Min.)
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Die Sexszene und Interpretationsversuche

In "Die Sonnenfinsternis bei Vollmond" schiebt sich die "ältere" Sonne in sexuell lüsterner Absicht hinter den "jüngeren" Mond. Sowohl die laszive Sonne als auch der Mond lecken sich während der Annäherung erwartungsvoll die Lippen, und auch die jeweiligen Gesichtsausdrücke deuten auf eine sexuelle Begegnung hin. Es ist die bekannteste Szene und von der Filmdramaturgie her der Höhepunkt des Films. Der US-Verleihtitel "The Eclipse: Courtship of the Sun and Moon" hebt mit dem Wort "courtship" (= Umwerben bzw. Balzen) den erotischen Aspekt dieser kurzen Szene noch einmal besonders hervor. Es steht außer Frage, dass es in dieser Szene um Sex geht, in den Augen vieler um Analsex.

Im Rahmen traditioneller Symbolik wird der Mond meistens als "weiblich" und "passiv", die Sonne als Gegenpart meistens als "männlich" und "aktiv" interpretiert bzw. dargestellt. Insofern wundert es nicht, dass die meisten Rezensionen und Kommentare zunächst einmal davon ausgehen, dass hier heterosexueller Sex angedeutet werden solle. Einer genaueren Betrachtung hält dies jedoch nicht stand, weil der Mond ein eindeutig jungenhaftes männliches Gesicht und eine ebensolche Frisur trägt.

Indem sich die "ältere" Sonne dem "jüngeren" Mond von hinten nähert, wird die Sonne zum sexuell "aktiven" und der Mond zum "passiven" Part beim Analsex. Dazu passend ist auch nur die "aktive" Sonne in Bewegung, während der Mond seine Position am Firmament nicht verändert. Das Gesicht des Mondes ist geschminkt, wodurch er deutlich als "effeminierter" Jüngling gekennzeichnet ist. Der ältere Sonnenmann hat durch die spitzen Ohren Ähnlichkeit mit einem Satyr. Satyrn sind Wesen aus der griechischen Mythologie, die als sexuell besonders aktiv gelten und für ungezügelte Wollust stehen.

Die Darstellung im Film entspricht damit nicht nur der traditionellen Symbolik, sondern auch den damals gängigen Klischees einer homosexuellen "Verführung": Sehr verbreitet war die Vorstellung von älteren, sittlich verkommenen "Päderasten", die sich Jünglingen nähern würden – solchen, die entweder selbst schon "verdorben" seien oder dadurch "verdorben" würden. Anzumerken ist, dass die sexuelle Darstellung in dieser Filmszene der Unterhaltung für ein Hetero-Publikum dient, das über klischeehaft gezeichnete Schwule lachen soll. Die Szene lässt sich aber trotzdem aus schwuler Sicht gegen den Strich lesen, denn Sonne und Mond haben an der sexuellen Begegnung gleichermaßen ihren Spaß, der weder durch Moral noch durch Religion kritisiert oder bewertet wird.

Die nach der Sexszene herunterprasselnden Sternschnuppen (6:45-7:25 Min.) funktionieren zumindest als ein Feuerwerk der Gefühle. Ich kann nachvollziehen, dass ein User auf IMDB und eine Rezensentin (siehe unten) hier spermienartige Sterne bzw. die Andeutung eines Orgasmus sehen. Das würde die sexuelle Direktheit noch verstärken.

Die schwule Rezeption

Wie bereits angemerkt, sehen die meisten Zuschauer*innen und Rezensent*innen hier eine heterosexuelle Sexszene. Es gibt jedoch auch Stimmen, die die Szene als schwulen Sexualakt interpretieren, was wesentlich einleuchtender ist. So steht in der französischen Wikipedia: "Einige Forscher, die Sonne und Mond als männlich interpretierten, haben die erotische Sonnenfinsternis als eine frühe Darstellung von Homosexualität im Kino beschrieben." Diese Aussage wird in der Wikipedia mit zwei Quellen belegt.

Aufgrund meiner (nicht besonders aufwändigen) Recherche im Internet sind mir darüber hinaus eine Filmdokumentation, drei Bücher und eine seriöse Internetquelle bekannt, die von einer homosexuellen Begegnung ausgehen. Bei der Filmdokumentation handelt es sich um "The silver screen. Color me lavender" (1997, 2:40 Min., hier online), wo es heißt: "Both […] enjoy the eclipse." Christine Cornea geht in ihrem Buch "Science Fiction Cinema. Between Fantasy and Reality" (2007, S. 14-15) ausführlich auf diese Szene ein und betont, dass die sexuelle Symbolik – im Gegensatz zu früheren Filmen – hier von zentraler Bedeutung sei. Dieser "freche kleine" Film zeige eine offenbar homosexuelle Begegnung zwischen einem effeminierten Mond und einer teuflisch maskulinen Sonne. Kurz danach komme es zu einem – so die Autorin – orgasmischen Meteoritenschauer.


Sperma oder Sternschnuppe? Nach der sexuellen Begegnung zwischen Sonne und Mond

Für Carolyn Jess-Cooke ("Film Sequels", 2009, o. S., hier online) sehen die Zuschauer*innen hier einen homosexuellen Kuss [sic!], weil Sonne und Mond beide männlich seien. Für den Autor Miguel Carrara ("El cine que el viento se llevó", 2010, S. 225, hier online) ist der Film – wegen dieser Szene – der erste schwule Film der Geschichte. Hingegen behauptet Patrick Nabarro im Onlinedienst "WordPress.com" (2019, hier online), ohne dabei eine Quellenangabe zu nennen, dass Méliès – trotz der scheinbaren Darstellung des weiblichen Mondes als Mann – keine homosexuelle Darstellung beabsichtigt habe.

Die schwule Rezeption in der IMDB

In der Internet Movie Database (IMDB) wurden bei diesem Film zur inhaltlichen Erschließung die Schlagwörter "gay kiss" und "gay interest" vergeben. Das Schlagwort "gay kiss" erscheint unpassend, da ein Kuss nicht zu sehen ist. Durch eine Cross-Recherche (Schlagwort "gay kiss" / Filme bis 1960) lässt sich leicht ermitteln, dass das Schlagwort "gay kiss" bei Filmen bis 1960 nur noch ein weiteres Mal vergeben wurde: an den tschechoslowakischen Animationsfilm "Pérák a SS" (1946, hier Filmszene online, 10:18-10:40 Min. mit dem Stereotyp des "schwulen Nazis"). Einen gleichgeschlechtlichen Kuss überhaupt nur anzudeuten, war Anfang des 20. Jahrhunderts bereits gewagt; aber sogar den gleichgeschlechtlichen Sex anzudeuten, war unglaublich mutig.

Wenn man sich die 13 Kommentare der User*innen in der IMDB durchliest, ist es auffallend, dass mit elf User*innen fast alle auf diese kurze Sexszene eingehen. Ein User ("wmorrow59") spricht von einem "Orgasmus" und vom "vollen Spektrum an erotischen Freuden". Ein anderer User (ackstasis) betont – etwas zurückhaltender – die "unverwechselbare und unendlich verblüffende Allegorie des Geschlechtsverkehrs". Sechs User*innen glauben einen weiblichen Mond zu sehen, während sich vier User*innen nicht über das Geschlecht des Mondes äußern.

Ich möchte das Wort "David-240" überlassen, der als einziger User einen männlichen Mond sieht. Unter der Überschrift "Die erste schwule Liebesszene auf dem Bildschirm??" schreibt er: Es sei zu sehen, "wie der Mann im Mond dem Mann in der Sonne zuzwinkert. Beide beginnen, sich über die Lippen zu lecken […], während sie sich näherkommen. Endlich geht die Sonne hinter den Mond und der Mann im Mondgesicht deutet auf einen Orgasmus hin!! Schließlich trennen sie sich wieder erschöpft und zufrieden. Und der Himmel explodiert in einer Orgie spermienartiger Sterne [6:45-7:25 Min.]. Sicherlich muss dies die erste schwule Liebesszene sein, die jemals verfilmt wurde. Es ist kaum zu glauben, dass es in einem Film von 1907 passiert. Du musst es sehen, um es zu glauben." Dem User möchte ich nur bei seiner Formulierung "Liebesszene" widersprechen. Was er sagen möchte, lässt sich mit "Andeutung von Analverkehr" wohl klarer zum Ausdruck bringen.

Der Mond als Symbol in queeren Filmen

Georges Méliès ging es in seinem Film um die Personifizierung des Mondes. Die größte Nähe zu einem neuen Schwulenfilm sehe ich in "Das Flüstern des Mondes" (2006), dessen Titel sich auf die Vorstellung von einem "Mann im Mond" bezieht. Auch das Werbefoto des Pornos "Cool Moon" mit einem Mann, der nackt auf einem Halbmond reitet, knüpft wohl an die Vorstellung vom Mann im Mond an. Die wohl größte Bedeutung in schwulen Filmszenen hat der nach wie vor faszinierende Vollmond, der nicht nur, wie in "Brokeback Mountain" (2005), in einen romantischen Kontext eingebunden werden kann, sondern in Filmen wie "Interview mit einem Vampir" (1994) auch als Auslöser von Verwandlungen in Vampire und Werwölfe fungiert.

Filmszene aus dem Porno "Cool Moon"

Wie komplex Andeutungen sein können, zeigt Rainer Werner Fassbinder in seinem Film "In einem Jahr mit 13 Monden" (1978) über das Leben einer trans Person. Der Titel bezieht sich auf die Annahme, dass Gefühlsmenschen in Mondjahren verstärkt unter Depressionen leiden würden. Wenn ein Mondjahr – wie 1978 – gleichzeitig ein Jahr mit 13 Neumonden sei, komme es oft zu persönlichen Katastrophen.

Wenn bei der Vermarktung eines Films keine Hilfestellung zum Verständnis angeboten wird, lassen sich die mit dem Mond-Motiv verbundenen Andeutungen nicht immer dechiffrieren. Viele schwule Filme – wie "Total Eclipse" (1995), "Die andere Seite des Mondes" (2003), "Four Moons" (2014), "Pink Moon" (2015) und "Moonlight" (2016) – bieten mit ihren jeweiligen Filmtiteln bei näherer Betrachtung weniger konkrete Bedeutungsebenen, sondern eher assoziative Bezüge und stimmungsvolle Eyecatcher an.

Fazit


Foto von Georges Méliès (ca. 1890)

Was bleibt, ist ein Filmkunstwerk, das in seiner fantasievollen Mischung aus schrägen Spezialeffekten, lustiger Slapstick-Comedy und unterhaltsamem Sex einer von Méliès' besten Filmen geworden ist. Auch hier zeigt er sich als wahrer Magier mit Kamera. Hut ab vor diesem Film – auch dann, wenn er ursprünglich als filmischer "Schwulenwitz" für ein Hetero-Publikum gedacht war! In seiner Zeit wird der Film sogar noch wesentlich eindrucksvoller als heute gewirkt haben.

Dieser Film spiegelt mit seinem Produktionsjahr 1907 sehr gut die Situation vor dem Ersten Weltkrieg wider, als das neue Medium Film noch nicht wirklich als Kunstform anerkannt war, sondern vor allem der trivialen Belustigung diente. Die Zensur kümmerte sich noch wenig um dieses Medium, und man konnte darin Frivolitäten wagen, wie sie zum Beispiel in der Literatur so nicht möglich gewesen wären.

Das änderte sich erst kurz vor, während und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg. In dieser Zeit stieg der Film zur anerkannten Kunstform und wurde zum wichtigen Propagandamittel, was nicht nur zu verstärkter kulturkritischer Auseinandersetzung, sondern auch zur Einführung der Filmzensur führte. Innerhalb der nächsten 50 Jahre wäre eine solch explizite Szene wohl nur in einem Underground-Film möglich gewesen.

"Die Sonnenfinsternis bei Vollmond" (1907) ist heute bei weitem nicht mehr das einzige filmische Beispiel dafür, wie der Mond in einer symbolischen Bedeutung auch im schwulen Kontext aufgegriffen werden kann. Dieser Film ist aber nicht nur das erste, sondern – auch nach einem Vergleich mit vielen schwulen Filmen von heute – immer noch das gewagteste Beispiel für eine solche symbolische Verwendung.



#1 willieAnonym
  • 30.12.2021, 09:53h
  • Hallo Erwin, danke für dieses witzige Fundstück! Die Szene kam mir irgendwie bekannt vor. Und tatsächlich - es weisen einige Kommentatoren auf YouTube darauf hin, dass sie im Video für Queens Heaven for Everyone verwendet wurde. Dort steht sie ganz am Ende, gewissermaßen als Ziel des Videos.

    youtu.be/yI8lrvKLzg0

    Das Gesicht des schwulen Mondes kommt vorher einmal kurz vor, bei 3.50, und wird dort mit Freddie Mercury überblendet. Ganz am Schluss verneigt sich Freddie quasi vor der Sexszene.
    Im Video werden zusätzlich Szenen aus George Melies' Reise zum Mond von 1902 verwendet. Auch dort ist der Mond männlich. Die Sache ist also ziemlich eindeutig.
    Das Lied wurde einige Jahre nach Mercurys Tod veröffentlicht.
    Der englische Wikipedia Eintrag für Heaven for Everyone nennt zwei der Melies Quellen, unterschlägt aber interessanterweise den Film von 1907.
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