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Interview

"Sie suchen Schutz, müssen sich aber verstecken und werden dabei übersehen"

Marc Arthur Tsanang hat es in das Finale der Wahl zum Mr. Germany geschafft. Der 31-jährige Übersetzer und Dolmetscher aus Wiesbaden will sich vor allem für queere Geflüchtete einsetzen.


Marc Arthur Tsanang arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher in Wiesbaden
  • Von Tobias Trapp
    11. Dezember 2021, 12:19h, noch kein Kommentar

Am 18. Dezember 2021 wird ein neuer Mr. Gay Germany gekürt. Bei dem jährlichen Wettbewerb ist nicht nur Haut, sondern auch Hirn gefragt. Gesucht wurde laut Ausschreibung ein "Role-Model und Vorbild" als "internationaler Botschafter" und "Repräsentant der schwulen Community Deutschlands". Der Sieger tritt beim internationalen Wettbewerb an.

Sieben Personen haben es ins Finale geschafft: Neben trans Kandidat Max Appenroth machen sich auch Robin, Marvin, Bilel, Flo, Nick sowie der Wiesbadener Marc Arthur Tsanang Hoffnung auf den Titel.

Tsanang kommt aus Wiesbaden. Dort arbeitet er als freiberuflicher Übersetzer und Dolmetscher mit den Sprachen Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch und Russisch. Daneben unterrichtet der 31-Jährige Deutsch als Fremdsprache für Migrant*innen. Der Mitbegründer des Queeren Zentrums Wiesbadens engagiert sich u.a. im Verein Warmes Wiesbaden und im Schulprojekt "Schlaugruppe".

Die Rainbow Refugees Mainz unterstützen Marcs Kampagne #freeyourselfnow bei der Wahl zum Mr. Gay Germany. Der ehrenamtliche Vorsitzende Tobias Trapp hat den Kandidaten für queer.de interviewt.

Warum hast du dich für das Amt des Mr. Gay Germany beworben?

Mr. Gay Germany steht für ein soziales Engagement und für eine sehr bedeutende Plattform in Bezug auf die Rechte der LGBT-Community. Mit der Teilnahme an Mr. Gay Germany möchte ich meine persönliche Botschaft und die Belange der LGBT-Community mit einer größeren Reichweite stärker kommunizieren.

Auch interessiert mich der Austausch mit den anderen Kandidaten sowie mit der LGBT-Community mit ihren Erfahrungen, Meinungen und Vorschlägen. Mit der Kandidatur bin ich ein gutes Stück mehr in diesen Austausch involviert und kann meinen Beitrag zur besseren Sichtbarkeit der LGBT-Community leisten.

Vor welchen Herausforderungen stehen queere Migrant*innen in Deutschland?

Die Integration von Migranten ist eine sehr wichtige und fordernde Aufgabe unserer Gesellschaft. Oftmals gilt es zwischen den unterschiedlichen Kulturen, Einstellungen und Auffassungen zu vermitteln. Für manche Umfelder ist es nach wie vor schwer zu akzeptieren, dass queere Lebensweisen einen ebenso gleichwertigen Platz in unserer Gesellschaft haben.

Dabei spielen die Familien und das enge persönliche Umfeld eine besondere Rolle. Leider sind diese oft selbst mit viel Unsicherheiten konfrontiert. Das kann für den Einzelnen eine enorme Belastung darstellen. Ganz konkret brauchen die queeren Betroffenen meist Hilfe, mit ihrem Umfeld zurecht zu kommen oder sich gar von diesem zu lösen.

Um solche Schritte zu gehen, bedarf es oftmals Unterstützung von außen, wie etwa der Austausch mit Gleichgesinnten, Hilfe beim Finden und Akzeptieren der eigenen sexuellen Identität oder Orientierung bis hin der Zugang zur queeren Community. Letztere kann Halt bieten und Lebenswege aufzeigen, die besser zu einem passen.

Ohne diese Unterstützung ist man rasch gefangen in einem queerphoben Umfeld, das einen verleitet, sich zu verstecken. Auch ich habe erst im Austausch mit Freunden meinen eigenen Lebensweg gefunden. Dies leider relativ spät, so etwa Mitte Zwanzig, und ich hätte mir gewünscht, die Hilfe viel früher zu bekommen. So geht es vielen, und hieran möchte ich etwas ändern.

Was würdest du als Mr. Gay Germany tun?

Ich würde mit dem Titel und der Plattform meine Kampagne umsetzen wollen. Sie lautet #freeyourselfnow. Sie richtet sich vor allem an junge Menschen, aber auch an alle, die mit ihrem Outing zu kämpfen haben. Jeder hat das Recht darauf, offen und selbstbewusst in jeder Gesellschaft zu leben.

Ich selbst habe mir dieses Recht und das Selbstbewusstsein Stück für Stück erkämpfen müssen, weil ich in einer sehr homophoben Gesellschaft aufgewachsen bin. Dies muss nicht sein. Wir sind doch alle Menschen.

Deshalb möchte ich anderen dabei helfen, zur eigenen Sexualität zu stehen, die angeblich von irgendeiner Norm abweichen soll. Auch möchte ich bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit helfen – und zwar frei von Ängsten und der Erwartungshaltung anderer.

Was ist notwendig speziell für queere Geflüchtete?

Queere Geflüchtete haben meist gleich zwei Probleme. Zum einen können sie sich nicht ihren eigenen Landsleuten gegenüber öffnen, weil sie ja aus eben jenem queerphoben Kulturkreis kommen, der gleichzeitig die Fluchtursache prägt. Sich in diesem Umfeld zu öffnen, ist meist mit Repression verbunden. Sie müssen sich also erstmal verstecken.

Auf der anderen Seite sind sie erstmal fremd in einem neuen Land und in einer neuen Kultur, die teilweise von neuen Lebensweisen geprägt sind. Dazu kommt, dass sie unter Beobachtung stehen und beurteilt werden. Schließlich beantragen sie Asyl, das geprüft und schlimmstenfalls abgelehnt werden kann.

Obendrein müssen sie glaubhaft und ausführlich ihren Asylgrund darlegen, der eng mit ihrer Sexualität und Identität verbunden ist, die sie ja meist verstecken müssen. Oft höre ich, dass die eingesetzten Laien-Dolmetscher nicht über das nötige Vokabular verfügen oder Verständnis für das queere Anliegen haben. Im Wirrwarr des Verfahrens und verloren in der Sprachbarriere lässt dies fast verzweifeln. Viele queere Betroffene sind besonders verletzlich. Im Grunde suchen sie Schutz, müssen sich aber verstecken und werden dabei übersehen. Das ist eine Falle.

Die queeren Geflüchteten brauchen insbesondere eine sensible Ansprache, Schutzräume, eine besondere Begleitung bei ihren Ayslverfahren und Zugang zur queeren Community. Dies brauchen wir in der Breite, nicht nur bei den Flüchtlingsunterkünften in der Stadt, sondern auch bei denjenigen im ländlichen Raum.

Wie kann die queere Community dabei helfen?


Zuallererst kann die queere Community die Unterstützung von queeren Geflüchteten als solidarische Aufgabe wahr- und anschließend annehmen. Wie gesagt, die meisten verstecken sich und müssen mit ihrem Anliegen besonders sensibel abgeholt werden. Ganz klassisch können die sozialen Einrichtungen mit Spenden und Lobby unterstützt werden. Diese wiederum stellen speziell geschultes und sensibilisiertes Personal bereit, die proaktiv die Ansprachen durchführen. Auch hilft ein ehren¬amtliches Engagement, indem man an den geschützten Treffen teilnimmt, eine Art Mentoren-Rolle übernimmt oder einfach nur hilft, an unserer Gesellschaft teilzuhaben, insbesondere an der queeren Community selbst.