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Berlin

Jung, kompetent, zum Islam konvertiert – und trans

Mit der Berufung von Mira Sievers an das Institut für Islamische Theologie ist an der Humboldt-Uni ein Coup gelungen. Nun wurde die 29-jährige Professorin auch noch mit dem renommierten Berliner Wissenschaftspreis ausgezeichnet.


Mira Sievers hat an der Humboldt-Universität eine Professur für Islamische Glaubensgrundlagen, Philosophie und Ethik (Bild: Philipp Plum / HU Berlin)

Die Themen lassen aufhorchen. Es geht unter anderem um Sex vor der Ehe, Polyamorie, gleichgeschlechtlichen Sex und Intergeschlechtlichkeit. Eigentlich um alles, was jugendliche und queere Muslim*innen interessiert. Aber nicht nur die. "In der muslimischen Zivilgesellschaft werden diese Fragen als besonders dringlich angesehen", erklärt Mira Sievers, die 2020 mit gerade mal 28 Jahren als Professorin an das neugegründete Institut für Islamische Theologie der Berliner Humboldt Universität berufen wurde. Die Debatte ist Teil eines umfassenderen Forschungsprojekts, das neue Ansätze zu einer Islamischen Ethik untersucht.

Ihr vergleichsweise junges Alter als Professorin ist nicht das einzige Ungewöhnliche an ihrer Biografie. Katholisch getauft und aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, konvertierte Sievers im Alter von 15 zum Islam und entschied mit 25, offen mit ihrer Transidentität umzugehen. Mit letzterem haben ihre Student*innen offenbar nicht das geringste Problem: "Es gibt ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit und Normalität in meinem Alltag, und das nehme ich für mich als positiv wahr."

Kopftuch nur bei religiösen Ritualen

Eigentlich sollte das Interview in ihrem Büro am Institut der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte stattfinden. Sievers' überbordender Terminplan hat die Pläne jedoch durchkreuzt, und dann kam auch noch eine Erkältung dazu. So wurde aus der leibhaftigen Begegnung ein Video-Chat. Im Hintergrund ist ein volles Buchregal in einer typischen Berliner Altbauwohnung zu sehen. Sievers' Haare sind zu einem Zopf gebunden, das Tragen des Kopftuchs behält sie religiösen Ritualen vor.

"Meine Transidentität spielt bei meiner Arbeit im Grunde keine große Rolle", fügt sie ihrer vorhergehenden Äußerung hinzu. Es sei ihr von Anfang an ein Anliegen gewesen, kein Geheimnis daraus zu machen und "authentisch zu bleiben". Und damit scheint, als wäre zum Thema alles gesagt. Doch sie zögert und überlegt einen Moment, bis ihr schließlich noch etwas einfällt.


Im islamischen Mittelalter waren homoerotische Zuneigungen nichts Ungewöhnliches – wie etwa in der Lyrik des hier abgebildeten Dichters Babur und seines Nachfolgers Humayun (Bild: qantara.de)

Einen positiven Nebeneffekt habe sie beobachtet: dass sich ihr mitunter Studierende anvertrauten, die sich – völlig unabhängig von Sexualität oder Geschlecht – als Außenseiter empfänden. Dabei sieht sich Sievers selbst nicht als Außenseiterin. Tatsächlich zeugt die ihr gewogene Zweidrittelmehrheit des Beirats am Institut für Islamische Theologie, in dem auch konservative islamische Verbände vertreten sind, von einem bemerkenswerten Vertrauen.

"Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Person mit meiner Biografie eine solche Zustimmung erhält." Da liegt die Frage nahe, ob die katholische Kirche in einem vergleichbaren Fall die Lehrerlaubnis – das Nihil obstat – erteilt hätte. Sievers bezweifelt das: "Ich glaube, das wäre unmöglich."

Auseinandersetzung mit Geschichte statt Revolution

Als Theologin hält es Mira Sievers für entscheidend, in ihrer Arbeit ein Angebot für eine breite Mehrheit der muslimischen Community zu machen und diese mit ihren Themen zu erreichen. Gleichwohl ist ihr bewusst, dass ihr Aufgabenbereich zumindest teilweise als ein Minenfeld gesehen wird, das sich nur mit größter Umsicht entschärfen lässt. Sie beklagt, in der Gesellschaft herrsche eine deutliche Skepsis gegenüber dem Islam, den viele in Fragen von Sexualität und Gewalt als rückständig ansehen. Es ließen sich dafür eine ganze Reihe von Gründen anführen, die in fundamentalistischen Strömungen begründet sind.

Während manche Muslim*innen einen Bruch oder gar eine sexuelle Revolution beschwören, um ihre Religion voranzubringen, schlägt Sievers den entgegengesetzten Weg ein: Sie legt großen Wert auf Anbindung an die Tradition und die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Als Wissenschaftlerin ist ihr wichtig, die mitunter bis zur Antike zurückreichenden und vielfältigen Schriften der klassischen Gelehrten im Detail unter die Lupe zu nehmen. Und zu entschlüsseln, in welchem Kontext sie entstanden sind. Denn die meisten Aussagen, die zu umstrittenen Themen in der Gegenwart als Beleg herangezogen werden, sind aus dem historischen Zusammenhang gerissen.

Wenn im Islam etwa von Homosexualität die Rede sei, beziehe sich das meist auf die Geschichte von Lot und der Stadt Sodom, die nicht nur in der Bibel, sondern auch im Koran vorkomme. "Die Rechtsgelehrten bezogen sich damals auf eine rein sexuelle Handlung unter Männern. Heute haben wir jedoch eine ganz andere Vorstellung von Homosexualität, von einem Coming-out und dem Wunsch nach festen Beziehungen. Damals war das undenkbar."

Theologisches Verständnis und Geduld

Die Gleichsetzung mit der überlieferten Vorstellung gleichgeschlechtlichen Begehrens ergebe keinen Sinn für unser heutiges Leben. Auch habe es in vormodernen Zeiten kein Konzept von der romantischen Liebe gegeben – wohl aber Schriften, die sich mit der Frage nach gelingenden Beziehungen und nach persönlichem Glück beschäftigten. Sich mit diesen auseinanderzusetzen und zu fragen, was sie uns heute noch zu sagen haben, sei zwar mühsam und mitunter frustrierend.

Sievers ist sich aber sicher: "Es ist der verantwortungsvollere und überzeugendere Weg." Einer, für den man sich mit Geduld, theologischem Verständnis und weitreichenden Kenntnissen wappnen muss. Das möchte sie ihren Studierenden nahebringen, die im Idealfall ihre jeweils eigenen Erkenntnisse an die muslimischen Gemeinden weiterreichen. In den ersten studentischen Evaluationen, die Sievers für ihren Unterricht bekommen hat, erfuhr sie genau dafür Wertschätzung.


Die Berliner Humboldt-Universität wird immer bunter – nicht nur beim Festival of Light(Bild: ak)

Mira Sievers beherrscht unter anderem die persische und die türkische Sprache. Arabisch ist ihre Hauptarbeitssprache. "Ich lese jeden Tag arabische Texte, im islamischen Raum war das ab dem achten Jahrhundert die Wissenschaftssprache." Aber auch Judentum und christliche Tradition sind ihr vertraut. "Der islamische Gott ist kein anderer Gott. Jede Religion hat eben ihre eigene Geschichte. Mich hat die persönliche Gottesbeziehung im Islam sehr angesprochen, und natürlich auch Begegnungen mit den Menschen, die dieser Religion angehörten." Darum sei sie im Alter von 15 konvertiert.

In der Auseinandersetzung der abrahamitischen Religionen sieht sie eine Chance für alle drei, sich jeweils neu auszurichten. Auch das ist Teil ihrer Agenda, mit der sie nicht nur ihre Studierenden am Institut für Islamische Theologie beeindruckt. Im November erhielt sie für ihre Arbeit an der Humboldt Universität den renommierten Berliner Wissenschaftspreis der Nachwuchskategorie.

Aufbruchstimmung am Institut

Die Freude über ihren Erfolg ist ihr deutlich anzumerken. "Bei uns herrscht eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Wir haben sehr junge Wissenschaftler*innen, das Durchschnittsalter liegt unter 40. Das gibt es so in anderen Fächern nicht. Auch bei den Studierenden ist das spürbar, die jetzt die Chance haben, in Deutschland zu bleiben – in einem völlig anderen Kontext, als wenn sie dafür nach Saudi-Arabien oder in die Türkei gehen müssten. Wir haben in Berlin jetzt den Zauber des Anfangs. Der Wunsch ist groß, zu gestalten."

Es lässt sich kaum bestreiten, dass mit der Berufung von Mira Sievers ans Institut für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität ein Coup gelungen ist. Damit kam frischer Wind in eine Debatte, die bis vor kurzem ausweglos und erstarrt erschien. Vor drei Jahren hatte Seyran Ates, Rechtsanwältin und Gründerin der Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, noch voller Überzeugung in der "Berliner Zeitung" erklärt: "Dieses Institut ist eine Totgeburt!"

Davon kann spätestens jetzt keine Rede mehr sein. An die Stelle von Larmoyanz ist nun ein Drang nach positiver Veränderung getreten, dessen weitere Entwicklung man gespannt beobachten darf.



#1 Schwul__Anonym
  • 11.12.2021, 18:10h
  • "Die Rechtsgelehrten bezogen sich damals auf eine rein sexuelle Handlung unter Männern. Heute haben wir jedoch eine ganz andere Vorstellung von Homosexualität, von einem Coming-out und dem Wunsch nach festen Beziehungen. Damals war das undenkbar."

    Soll man das so verstehen, dass 'rein sexuelle Handlungen unter Männern' ethisch problematisch sind, und Schwulsein nur ok ist, wenn es in der romantisch ausgeposlterten Homoehe endet? Ich hoffe mal nicht. Zumindest habe ich dann nicht viel von einer queeren Professorin, wenn sie als Stütze der Normalisierung dient!
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#2 StaffelbergblickAnonym
  • 11.12.2021, 18:45h
  • "In der Auseinandersetzung der abrahamitischen Religionen sieht sie eine Chance für alle drei, sich jeweils neu auszurichten." kommt mir bekannt vor, Die Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise"
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#3 Sven100Anonym
#4 TuckDavisProfil
  • 11.12.2021, 23:35hBad Kreuznach
  • Der Islam ist genauso queerfeindlich wie die Katholische Kirche. Dass die großen Sekten sich in Europa Gesprächsbereit geben lasse ich nicht gelten solange sie andernorts systematische Unterdrückung und Tötung unterstützen.

    Gerade Muslime zeigen sich viel zu selten solidarisch mit den Opfern ihres Glaubens und wenn, dann sind es kleine westliche Minigruppen. Viel zu häufig bringen sie dann ihre dezentrale Leere und Religionsauslegung ins Spiel - in Ordnung dann sind sie Mitglieder _eines_ Islam und _Der Islam_ existiert also nicht und ist auch keine Weltsekte.

    Glücklicherweise ist es für mein (Über-)Leben unerheblich, für viele andere ist es ein täglicher Kampf. Dem wird die Berichterstattung häufig nicht gerecht und da macht auch die "Diskussion" von Konvertierten hierzulande keinen Unterschied.
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#5 Lucas3898Anonym
  • 12.12.2021, 00:31h
  • Ist auf jeden Fall eine sehr interessante und ungewöhnliche Biografie die die Frau hat.
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#6 DamianAnonym
  • 12.12.2021, 00:52h
  • eine professorin, die studierende in götterkunde unterrichtet, bekommt einen wissenschaftspreis. finde den fehler!
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#7 LegatProfil
  • 12.12.2021, 01:42hFrankfurt am Main
  • Schlimm, dass selbst 2021 immer noch neue theologische Institute gegründet werden. Theologie hat an staatlichen Universitäten überhaupt nichts verloren!
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#8 bisexuelle FrauAnonym
  • 12.12.2021, 01:54h
  • "Die Themen lassen aufhorchen. Es geht unter anderem um Sex vor der Ehe, Polyamorie, gleichgeschlechtlichen Sex..."

    Das lässt wirklich aufhorchen. Insbesondere in 2022. Diese Themen sind seit den 1970er Jahren durch.

    "Heute haben wir jedoch eine ganz andere Vorstellung von...dem Wunsch nach festen Beziehungen. Damals war das undenkbar."

    Wer ist nur dieser mysteriöse "wir", der entscheidet, was denkbar und undenkbar ist?

    "Mich hat die persönliche Gottesbeziehung...sehr angesprochen..."

    Man kann gar nicht oft genug vor toxischen Beziehungen warnen und warum man in sie hinein gerät.

    Religion ist einfach total unsexy. Schrecklich deprimierend. Da nutzt es auch nicht, wenn man sie alle zusammenrührt. Leider erfährt man in dem Interview nichts über die Ursachen dieser Selbstgeißelung.
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#9 queergayProfil
  • 12.12.2021, 05:11hNürnberg
  • Wie schön, dass uns nun diese 28-jährige Islamkennerin die Welt richtig erklärt.
    Die vielen muslimischen Gemeinden warten alle schon auf ihre kompetenten Äußerungen?
    Auf den Seiten von 'OpenDoors' - einem internationalen überkonfessionellen christlichen Hilfswerk, das sich in mehr als 70 Ländern der Welt für Christen einsetzt, die aufgrund ihres Glaubens diskriminiert oder verfolgt werden - kann man übrigens nachlesen, wie es den Christen real ergeht, wenn der Islam die politische Macht innehat.
    Natürlich gibt es unterschiedliche Islamverständnisse. Die Engelserscheinungen, die der Gründer des Islams vor sehr langer Zeit erlebt haben soll, sind auch Glaubenssache oder belegbar? Nun ja...der Islam - die unendliche Geschichte. Gott sei Dank gibt es noch andere (religiöse) Geschichten, mit denen man sich beschäftigen kann.
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#10 audeasAnonym
  • 12.12.2021, 07:54h
  • Antwort auf #9 von queergay
  • Weil Muslim*innen weltweit ja gar nicht verfolgt, diskriminiert und getötet werden und anti-muslimischer Rassismus ja gar nicht salonfähige deutsche Leidkultur ist. Schonmal was von den Uigur*innen gehört?
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