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Schwule Literaturgeschichte

Offenherzige Briefe über die Massage seiner "Liebeskugeln"

Heute vor 200 Jahren – am 12. Dezember 1821 – wurde Gustave Flaubert geboren. Früher wurde sein Roman "Salambo" breit diskutiert, heute sind es eher seine homoerotischen Erfahrungen.


Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert ca. 1865-1869 (Bild: Nadar)
  • Von Erwin In het Panhuis
    12. Dezember 2021, 08:46h, 8 Kommentare

Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert (1821-1880) erregte schon mit seinem ersten gedruckten Werk "Madame Bovary" (1851) allgemeine Aufmerksamkeit: Der Prozess wegen Verstoßes gegen die "guten Sitten" und sein Freispruch verhalfen dem Buch zu einem kommerziellen Erfolg und dem Autor zu der erhofften Popularität.

Seit mehr als 120 Jahren gibt es auch eine schwule Rezeption von Flauberts Leben und Werk, die sich mit der Zeit verlagert hat. Während sich die frühe Homosexuellenbewegung auf sein Werk "Salambo" bezog, wird heute eher diskutiert, welche sexuellen Erlebnisse Flaubert wohl auf seiner Ägyptenreise 1850/51 machte, die er in seinem Reisetagebuch und seinen Briefen beschrieb. Auch Jean-Paul Sartre beteiligte sich an dieser Spekulation und brachte eine immerhin fünfbändige Flaubert-Monografie heraus.

Flauberts Reisetagebuch aus Ägypten (1849-1850)

Gustave Flauberts "Reisetagebuch aus Ägypten" ("Voyage en Egypte") wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Die erste deutsche Ausgabe, übersetzt von Eduard Wilhelm Fischer, erschien 1918. Auf Fischers Übersetzung beruhen wohl alle deutschen Ausgaben in verschiedenen Bearbeitungen bis heute. Leider sind sie alle massiv gekürzt und daher nur bedingt zu gebrauchen.

Flaubert schildert im Reisetagebuch auch seine sexuellen Eindrücke von der ihm fremden Kultur (im Folgenden zitiert nach der deutschen Ausgabe "Die Reise nach Ägypten" von 2011). Er begegnet angeblichen Männern in Frauenkleidern (S. 46, 48), Eunuchen (S. 77, 229) und "Sänger[n] (…) von zweifelhaftem Geschlecht" (S. 26). In Kairo erlebt er zwei Tänzer, bei denen "die Lenden und der Ansatz der Hinterbacken nackt" durch den Stoff durchscheinen. Sie werfen sich manchmal "auf den Rücken wie eine Frau, die sich hingibt", wobei ein Tänzer den anderen scherzhaft auf den Bauch küsst (S. 78-80). Er besucht ein Bordell, wo er auf Abbas Pascha trifft, "der die Männer liebt", und wo er selbst Kontakt mit einer weiblichen Prostituierten aufnimmt (S. 48). Später berichtet er von gleichgeschlechtlicher Prostitution, erwähnt "Lustknaben" (S. 85) und Gargar, den "Liebhaber" von "Lustjungen" (S. 210). Im Dezember 1849 lässt er sich in einem türkischen Bad von einem "Knaben" seinen "Schenkel" massieren (S. 69). Als sein Begleiter Maxime Du Camp in einem Gewässer ein Bad nimmt, notiert Flaubert den "Anblick seines nackten Körpers, als er am Ufer steht" (S. 198). Kontextlos wirkt die Schilderung von Flauberts Besuch in einem Krankenhaus, wo mehrere an Syphilis erkrankte Männer mit "den Fingern ihren Anus" öffnen, um ihm ihre jeweiligen Erkrankungen zu zeigen (S. 73).

Flauberts Briefe aus Ägypten (1849-1850)


Mit seinem Freund Louis Bouilhet konnte sich Flaubert auch über sexuelle Details austauschen

Massiv gekürzt sind ebenfalls Fischers Übersetzungen der Briefe, die Flaubert aus dem Orient an seinen Freund Louis Bouilhet schrieb und die vom Projekt Gutenberg online angeboten werden (ohne Hinweis auf eine Kürzung). In seinem Brief vom 15. Januar 1850 beschreibt Flaubert ähnlich wie in seinem Tagebuch die beiden Tänzer in Kairo: "Als Tänzer stelle Dir zwei […] Kerle vor, entzückend in der absichtlichen Verworfenheit des Blicks und der Weibischkeit in den Bewegungen, Kerle […] in Frauenkleidern. Als Kostüm weite Hosen und eine gestickte Jacke, die bis zur Herzgrube hinabreicht, während die Hosen […] fast erst auf dem Unterleib beginnen, so daß der ganze Bauch, das Kreuz und der Ansatz der Hinterbacken durch eine schwarze Gaze nackt durchscheinen, die eng an der Haut anliegt" (zitiert nach der Ausgabe "Reiseblätter. Briefe aus dem Orient", 1905-1906).

Der Herausgeber Francis Steegmuller (1972)

Der Brite Francis Steegmuller war vermutlich einer der Ersten, die Flauberts Texte ins Englische übersetzten, ohne dabei sexuelle Tabus zu berücksichtigen. In dem von ihm herausgegebenen Buch "Flaubert in Egypt" (1972) übersetzt er auch Textpassagen aus zwei Briefen Flauberts an Louis Bouilhet, die in den deutschen Ausgaben fehlen (Brief vom 15. Januar 1850 auf S. 82-87; Brief vom 2. Juni 1850 auf S. 203-204). Im ersten Brief beschreibt Flaubert, wie sich die tanzenden Männer nicht nur auf den Bauch, sondern auch auf den Arsch ("arse") küssten. Nach Flauberts Eindruck wurde Homosexualität unter europäischen Touristen in Ägypten "durchaus akzeptiert. Man gibt seine Sodomie zu, und davon wird bei Tisch im Hotel gesprochen. Manchmal leugnest du ein bisschen, und dann necken dich alle und du gestehst schließlich. Da wir zu Bildungszwecken und im Auftrag der Regierung reisen, haben wir es als unsere Pflicht angesehen, uns dieser Form der Ejakulation hinzugeben. Bisher hat sich der Anlass nicht ergeben."

Im selben Brief berichtet Flaubert auch von den Erlebnissen mit einem Masseur: "Als er zu den edlen Stellen kam, hob er meine Liebeskugeln hoch, um sie zu reinigen, dann fuhr er mit seiner linken Hand fort, meine Brust zu reiben, und begann mit seiner rechten Hand an meinem Schwanz zu ziehen." Dabei habe er sich über Flauberts Schulter gebeugt und um Trinkgeld ("Bakschisch") gebeten. Der Masseur sei ein Mann in den Fünfzigern gewesen und er, Flaubert, habe abgelehnt. Der Masseur habe gelächelt, als wollte er sagen: "Du machst mir nichts vor – du magst es wie jeder andere, aber heute hast du dich aus irgendeinem Grund dagegen entschieden." Flaubert schreibt, er habe dazu gelächelt wie ein "dirty old man". In dem zweiten Brief schrieb er an Louis Bouilhet: "Kopuliere nicht zu oft, schone deine Kräfte; ein Gramm verlorenes Sperma ist schlimmer als zehn Pfund Blut. Übrigens, Du fragst mich, ob ich diese Sache im Bad erledigt habe. Ja – und mit einem pockennarbigen jungen Schlingel mit weißem Turban. Es hat mich zum Lachen gebracht, das ist alles. Aber ich bin wieder dabei. Um getan zu werden, muss ein Experiment wiederholt werden."

Von der englischen Wikipedia werden diese beiden Briefe als Belege für Flauberts Bisexualität angeführt. Dabei wird ignoriert, dass Steegmuller ausdrücklich auf den französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre (1905-1980) verweist, der zu einer anderen Einschätzung gelangte. Sartre ging davon aus, dass das "päderastische Gerede" Flauberts in seinen Briefen nur scherzhaft gemeint sei, um seinen Freund Bouilhet mit seiner exotischen Erfahrung zu beeindrucken.


Die kommentierte Übersetzung von Francis Steegmuller (Ausschnitt)

Jean-Paul Sartre über Homosexualität (1971)

Francis Steegmuller bezog sich dabei auf Jean-Paul Sartres fünfbändige Monografie "Der Idiot der Familie. Gustave Flaubert 1821 bis 1857" (Rowohlt, 1977-1979; Originalausgabe 1971-1972), die auf rund zehn von insgesamt 3457 (!) Seiten auf Homosexualität eingeht. Dieser Abschnitt (Band 2, S. 44-55) ist allerdings nicht Teil einer klassischen Biografie, sondern beinhaltet eher philosophische Reflexionen über Homosexualität, die ich hier nur so weit berücksichtigen möchte, sofern sie Aussagen über Flaubert machen. Auch Sartre schildert, wie sich Flaubert im Hamam der "Ejakulation" hingeben wollte und wie er betont, "dass alle Badediener Lustknaben sind". Er zitiert Flaubert, der die Massage seiner "Liebeskugeln" beschreibt und wie ihn der Masseur an seinem "Schwanz" gezogen habe, allerdings mit dem Zusatz, dass er ihn auch "zum Erguß" gebracht habe. Seinem Freund Bouilhet bestätigte Flaubert ausdrücklich, dass er "das Werk der Bäder vollendet habe" und diese Erfahrung auch wiederholen wolle. Flaubert schreibt im Plural, wenn er betont, dass die "letzten Masseure […] ganz nette Jungen" gewesen seien.

Aber Sartre glaubt nicht allen seinen Schilderungen und versucht zu verdeutlichen, dass "man nicht von Homosexualität zu sprechen braucht, um Gustaves sexuelle Verhaltensweisen zu kennzeichnen". Sartre ging davon aus, dass bei Flaubert "allein die Umstände" entscheidend dafür gewesen seien, auf welches Geschlecht er sich habe einlassen können. Flauberts homosexuelle Begierde habe "höchstens in der Imagination" bestanden. Beim Massiertwerden habe er "nicht den Mann [gesucht], er sucht die Beherrschung durch den Anderen – der ebensogut auch eine Frau sein kann". Flauberts Passivität beim Massieren sei in Analogie zu seiner "geheimen Feminität" zu sehen. Flaubert habe "eher Zärtlichkeiten empfangen als geben" wollen, wodurch das Geschlecht seines Gegenübers jedoch noch nicht festgelegt gewesen sei. Sartre zitiert aus einem Brief von Flaubert: "Bin ich nicht ein Femininum, wie Ihr sagt! Lesbos ist meine Heimat, ich habe […] ihre Sehnsüchte." In diesem Brief – so Sartre – begehre Flaubert eine Frau als Lesbe. In Sartres Ausführungen kann man typische zeitgenössische sexualpsychologische Geschlechterklischees erkennen.


Jean-Paul Sartre prägte die Flaubert-Rezeption mit einer fünfbändigen Monographie (Foto, 1967)

Für Sartre waren die engsten Freunde Flauberts, Alfred Le Poittevin, Maxime Du Camp und Louis Bouilhet, "gewiß der Gegenstand von homosexuellen, wenn auch platonischen Zuneigungen". So habe Maxime Du Camp an Flaubert leidenschaftliche und liebevolle Briefe geschrieben und das Tauschen von Ringen als "intellektuelle Verlobung" bezeichnet. In dieser Freundschaft habe Maxime Du Camp – so Sartre – "einige Zeit lang die Rolle des Mannes" gespielt. Sartre betont allerdings auch, dass andere Autor*innen im Gegensatz zu ihm bei Flaubert und Du Camp durchaus von einem homosexuellen Verhältnis ausgingen.


Maxime Du Camp (Kalatypie, ca. 1847-1867)

Heutige Sichtweisen auf Flauberts homoerotische Erlebnisse

Es gibt heute eine breite Rezeption von Flauberts homoerotischen Abenteuern. In einigen Fällen verweist die Sekundärliteratur auf Äußerungen und Hintergründe, die ich nicht nachprüfen konnte, weil die Quelle nicht angegeben wurde oder die Texte nur auf Französisch vorliegen und in den deutschen Übersetzungen fehlen.

In dem Nachschlagewerk "A Gustave Flaubert Encyclopedia", herausgegeben von Laurence M. Porter (2001, S. 172-173), gibt es bei den Einträgen von A bis Z auch den Eintrag "homosexuality", in dem nicht nur auf das Badehaus in Kairo, sondern auch auf einen 14-jährigen maronitischen Jungen eingegangen wird, bei dem sich Flaubert 1850 mit Syphilis infiziert haben soll. Bei käuflichem Sex mit Minderjährigen ist es mehr als angebracht, in Gustave Flaubert nicht nur den französischen Autor zu sehen, sondern auch das zu problematisieren, was wir heute als Sextourismus bezeichnen, wie es beispielsweise Jarrod Hayes ansatzweise in seinem Buch "Queer Nations. Marginal Sexualities in the Maghreb" (2000, S. 29-31) macht.

Eine andere Sicht auf Flaubert ist die auf die sich verändernden kulturellen Unterschiede zwischen der westlichen und der arabischen Welt. Eva Marie Kogel ("Im Paradies warteten auch zarte Jünglinge", in: "Die Welt", 19. Juni 2016) betont zu Recht, dass es in der arabischen Welt über Jahrhunderte herzlich egal war, ob jemand homo oder hetero war, und dass der Nahe Osten im 19. Jahrhundert "so manchem Europäer als eine Art schwule Traumdestination" galt. Auch bei der Journalistin Shereen El Feki ("Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt", 2013, S. 31-37, online, aber o. S.) ist weniger spannend, was sie über Flauberts homoerotische Erlebnisse schreibt (S. 33), sondern wie sie diese in den Kontext der unterschiedlichen Kulturen einbindet.

Anne-Catherine Simon betont in ihrer Rezension von El Fekis Buch ("Lust und Islam: Die Sexualnot der Massen", in: "Die Presse", 15. Februar 2013), wie neu die Vorstellung von prüden Muslimen und dem sexuell so freien Westen ist: "Bis weit ins 19. Jahrhundert galt der Orient dem Westen als Hort der Sinnenfreude und Freizügigkeit." Hier möchte ich ergänzen, dass es schwierig zu bestimmen ist, ob die beiden Bilder – sowohl die des "prüden Islam" als auch die des "sexuell freizügigen Orients" – etwas mit den Lebensrealitäten in den betreffenden Ländern zu tun haben oder ob sie Projektionen und Konstrukte sind, in denen sich die Wunsch- oder Feindbilder bzw. die Selbst- und Fremdbilder des Westens manifestieren.

Flauberts Werk: Die Liebe der Soldaten in "Salambo" (1862)

Bezogen auf Homosexualität in Flauberts literarischem Werk ist vor allem "Salambo" zu nennen. In dem 1862 erschienenen Roman – angelehnt an historische Begebenheiten – schildert Flaubert den Verlauf des Söldneraufstandes, der nach der Niederlage Karthagos im Ersten Punischen Krieg 241 bis etwa 238 v. Chr. in Nordafrika ausbrach. Die Titelfigur Salambo, im Roman die Tochter eines Feldherrn, ist fiktiv. Flauberts exotisch-drastische Schilderungen beeindruckten das zeitgenössische Publikum und hinterließen in den Bereichen Oper, Film und bildende Kunst nachhaltige Spuren.


Ein Soldat auf dem Cover des Romans "Salambo" (1862, hier Kindle-Ausgabe 2019)

Mit wenigen Sätzen beschreibt Flaubert sehr positiv auch die Liebe unter den Soldaten: "Da sie ohne Familie lebten, widmeten sie ihr Zärtlichkeitsbedürfnis einem Waffengefährten, mit dem sie Seite an Seite, unter demselben Mantel, im Sternenlichte schliefen. Auch waren bei [den] Abenteuern seltsame Liebschaften entstanden, unzüchtige Verbindungen, ihnen ebenso ernsthaft wie andern Leuten die Ehe, kraft deren der Stärkere den Jüngeren im Mordgewühl verteidigte, […] während der andere […] ihm diese Hingabe mit tausend zarten Aufmerksamkeiten und den Gefälligkeiten einer Gattin vergalt. Sie tauschten ihre Halsketten und Ohrgehänge aus, […] Brüder blickten sich Hand in Hand an, und Liebende sagten ihren Geliebten auf ewig Lebewohl, indem sie weinend an ihren Schultern hingen. […] Bisweilen hielt ein Kämpferpaar blutüberströmt inne, sank einander in die Arme und starb unter Küssen" (zitiert nach Projekt Gutenberg, Übersetzer: Arthur Schurig).

Es gibt mindestens acht verschiedene Übersetzungen ins Deutsche, wobei zumindest Petra-Susanne Räbel (Haffmans Verlag, 1999, S. 356-357) bei dieser Textpassage eine recht ähnliche Übersetzung bietet.

Flauberts Werk: Die Körperwärme wird zur Jenseitserfahrung (1877)


Die Legende vom Heiligen Julian als homoerotischer Heiligenkitsch (Free E-Book Version)

Weniger bekannt und recht bizarr bis schwülstig ist Gustave Flauberts Roman "Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien", in dem sich der heilige Julian nackt zu einem Aussätzigen legt, um ihm besonders nah zu sein. Flaubert schreibt dazu: "Der Aussätzige[:] 'Zieh dich aus, damit ich die Wärme deines Körpers spüre!' Julian legte seine Kleider ab; dann legte er sich nackt […] in das Bett; und er fühlte an seinen Schenkeln die Haut des Aussätzigen […]. Er versuchte, ihm Mut zuzusprechen; und der andere antwortete[: …] 'Komm näher, wärme mich! Nicht mit den Händen! nein! mit deinem ganzen Leib!' Julian breitete sich vollständig über ihm aus, Mund an Mund, Brust auf Brust. Da umschlang ihn der Aussätzige; und seine Augen erglänzten plötzlich, klar wie die Sterne; […] der Hauch seiner Nasenflügel hatte die Lieblichkeit des Rosendufts [...]. Indessen senkte sich eine Fülle von Wonnen, eine überirdische Freude wie eine Flut in die Seele des verzückten Julian; und er, dessen Arme ihn umschlangen, wuchs fortwährend […]. Das Dach wurde fortgerissen, das Firmament breitete sich aus – und Julian stieg in den blauen Raum, von Angesicht zu Angesicht mit unserm Herrn Jesus Christus, der ihn in den Himmel trug" (Projekt Gutenberg – ohne Übersetzer*innen-Angabe). Ursula März betont in ihrem Rundfunkbeitrag "Bizarre Heiligenlegenden" (in: Deutschlandfunk, 5. November 2017), dass der "sexuelle, vielmehr homosexuelle Akzent der Szene […] unübersehbar" sei. Jean-Paul Sartre sah das anders: In der Nähe der beiden Münder sah er nur eine Art von Energieübertragung (s. o., Band 1, S. 383), die sicher nicht aus Liebe geschehe (Band 4, S. 365-366).

Die Rezeption in der frühen Homosexuellenbewegung

Für die frühe Homosexuellenbewegung spielte "Salambo" keine große Rolle, der Roman wird aber in der ersten schwulen Anthologie der Weltgeschichte "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" (1900, Reprint 1995, S. 147-148) mit der oben genannten Textpassage zitiert. Für Magnus Hirschfeld ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914) ist "Salambo" mit seiner "Liebesleidenschaft unter den kathargischen Söldnern" (S. 1019) ein Beispiel für "Nothomosexualität" (S. 193-194) oder für homoerotische Männer-, insbesondere Kriegerbünde (S. 646).

Ich vermute, dass sich der Kölner Literaturwissenschaftler Ernst Bertram (1884-1957) – in indirekter und literarisch maskierter Form – über die Homosexualität von Gustave Flaubert und der mit diesem befreundeten Schriftstellerin George Sand (1804-1876) äußern wollte, als er schrieb: "Ursprünglich scheint ihn [Flaubert] auch hier das Un-Weibliche an George Sands Persönlichkeit gefesselt und beschäftigt zu haben." Beide seien sich "im Zwischenbereich der Kunst" begegnet, der "zwischen den beiden Geschlechtern liegt" (Ernst Bertram: "Neue Briefsammlungen II. Gustave Flauberts Briefe", in: "Mitteilungen der literarhistorischen Gesellschaft", Jg. 1911, Heft 6-7, S. 133-168, hier S. 155).

Klaus Hoffmann singt "Salambo" und Reda Ait verfilmt "Salambo"

Im Bereich von Musik und Film gibt es mit queerem Bezug wohl zwei indirekte künstlerische Bezugspunkte zu Flauberts Roman. Vermutlich denken viele Schwule bei "Salambo" schnell an das gleichnamige Lied des Liedermachers Klaus Hoffmann, in dem er den gleichnamigen berühmt-berüchtigten queeren Nachtclub in Hamburg-St. Pauli besingt ("Salambo" von der 1979 erschienenen Schallplatte "Westend", hier online). Der Nachtclub war dafür bekannt, dass Sex auf der Bühne ohne sexuelle Festlegungen stattfand. Dementsprechend singt Klaus Hoffmann davon, dass sich auch "Spießer und Studenten" "unter all den schönen Strichern und den Huren" ganz "normal" fühlten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Hamburger Nachtclub nach Flauberts gleichnamigem Roman benannt wurde.

Der Roman "Salambo" wurde mehrfach und unterschiedlich eng an der literarischen Vorlage verfilmt, wobei aufgrund der geringen Bedeutung der homosexuellen Textpassage nicht zu erwarten war, dass diese in den Drehbüchern berücksichtigt wurde. Es ist unklar, welche Verbindung es zwischen dem Roman und dem Kurzfilm "Salambo" (2016, 11 Min., hier online) gibt, wo – ähnlich wie beim Lied von Klaus Hoffmann – ein indirekter Zusammenhang mit Flauberts Roman als sehr wahrscheinlich gilt. Im Film wird ein junger Pariser Dragking "Salambo" geschildert, der während einer Show seine Identität und die Bedeutung seines Geschlechts durch eine Begegnung zu entdecken scheint. Die Schauspielerin und Regisseurin Reda Ait hat sich in späteren Filmen auch mit Schwulenpornos ("Messer im Herz", 2018) und der queeren Community in Berlin ("HipBeat", 2020) beschäftigt.


Ein Dragking und die Frage der sexuellen Identität (Ausschnitt eines Posters von "Salambo", 2016)

Fazit

Was bleibt, ist ein großer und bedeutender französischer Schriftsteller, der gleich mehrere Ansätze für eine Neubeschäftigung bietet. Damit meine ich weniger seinen Roman "Salambo" mit seiner eher übersichtlichen queeren Rezeptionsgeschichte, sondern eher Flauberts sexuelle Erlebnisse, wie sie für seine Zeit in Ägypten dokumentiert sind. Geht es bei Flauberts Erlebnissen mit Strichjungen in Ägypten nur um Sextourismus, der wohl noch unmissverständlicher als Prostitutionstourismus zu bezeichnen ist? Grundlage für diesen Tourismus ist – bis heute – das ökonomische Gefälle zwischen den wohlhabenderen europäischen Touristen, die sich hier fern von den bürgerlichen Zwängen ihrer Heimat ausleben konnten, und den vergleichsweise armen Einheimischen, die auf dieses Geld angewiesen waren.

Es ist auf jeden Fall erstaunlich, wie sich in der arabischen und der westlichen Welt fast gegenläufig seit dieser Zeit die sexuellen Normen und gesellschaftlichen Vorstellungen verändert haben. Heute ist es die arabische Welt, die im Gegensatz zu Teilen der westlichen Welt mit einer massiven Homophobie gleichgesetzt wird, die in einzelnen Ländern bis zur Vollstreckung der Todesstrafe für homosexuelle Männer reicht.

Gustave Flaubert starb 1880 und wurde im französischen Rouen beigesetzt. Flaubert betonte einmal, dass er in seinem Leben nur zwei Menschen geliebt habe: seinen Vater und Paul Alfred Le Poittevin. Weil er damit auch zum Ausdruck brachte, nicht mehr zu lieben, ist dies eine bedauerliche Lebensbilanz. Auch in dieser Äußerung kann man übrigens – wie Jean-Paul Sartre (s.o., Band 1, S. 502-503) – einen "leicht homosexuellen Aspekt" sehen.

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#1 StaffelbergblickAnonym
  • 12.12.2021, 14:35h
  • Flaubert .. jo schon mal gehört, aber mich noch nie mit ihm beschäftigt. Damit ein höchst interessanter Einblick. Auch die philosophischen Interpretationen von Sartre.
    Aber " Vermutlich denken viele Schwule bei "Salambo" schnell an das gleichnamige Lied des Liedermachers Klaus Hoffmann, in dem er den gleichnamigen berühmt-berüchtigten queeren Nachtclub in Hamburg-St. Pauli besingt". Hier bin ich mir nicht sicher ob Hoffmann Hamburg-St. Pauli meint. In Berlin gab es lange Jahre am oberen Ku-Damm, zwei, drei Häuser vor der Einmündung der "Brandenburgische Straße" auf der linken Seite Fahrtrichtung Rathenauplatz ein Gebäude mit einem Nachtklub "Salambo". Und Hoffmann ist Berlin. Deshalb habe ich dieses Lied immer in diesem Lokal "angesiedelt". Sollte es Belege geben, dass Hoffmann seine Inspirationen aus Hamburg geholt hat .. .werde ich schweren Herzens mich geistig neu "einlassen" müssen.
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#2 Erwin In het PanhuisAnonym
  • 12.12.2021, 16:40h
  • Antwort auf #1 von Staffelbergblick
  • Danke für Dein Feedback zu meinem Artikel. Es ist richtig, dass es auch in Berlin einen (weniger bekannten) Nachtclub Salambo gab. Die Info, dass Hoffmann den Hamburger Nachtclub besang, habe ich u.a. aus Ralf Jörg Rabers Buch Wir sind wie wir sind (2010, S. 112-114). Im Wikipedia-Artikel von Salambo als Roman wird bei Adaptionen nur auf den Hamburger, aber nicht auf den Berliner Club verwiesen. Vermutlich basieren beide der Hamburger und der Berliner Club auf Flauberts gleichnamigen Roman.
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#3 David JacobAnonym
#4 AranosAnonym
  • 13.12.2021, 11:13h
  • Danke für diesen wirklich tollen Artikel!
    Zum diesem Thema kann ich auch folgendes, erst kürzlich erschienene und leider noch nicht übersetzte Buch von Jeanne Bem empfehlen:
    Flaubert aux prises avec le "genre": De la famille queer à "la Nouvelle femme"
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#5 bajuAnonym
#6 RuntAnonym
  • 14.12.2021, 10:20h
  • Danke für den ausführlichen und toll recherchierten Artikel, insbesondere für den differenzierten Blick auf die Sexualität im nordafrikanisch-islamischen Raum (in europäischer Wahrnehmung) und das Ansprechen der Problematik des europäischen Sextourismus.
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#7 Erwin In het PanhuisAnonym
#8 bigbenAnonym