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Ein Quantum Homophobie

James Bond: "Zu süß und zu schwul"

Heute vor 50 Jahren – am 14. Dezember 1971 – war die Premiere des James-Bond-Films "Diamantenfieber". Ein klischeehaft schwules Killerpaar wird von James Bond ermordet.


Mr. Wint (links mit Parfüm) und Mr. Kidd (rechts) als schwule Auftragskiller

Der Film "Diamantenfieber" bzw. "Diamonds Are Forever" ist der siebte Film der James-Bond-Reihe, wurde zum Teil in der Bundesrepublik Deutschland gedreht und erlebte hier auch seine Welt-Premiere. Wie viele andere James-Bond-Filme basiert er auf einem Roman von Ian Fleming. Von Flemings Roman wurde das schwule Killerpaar Mr. Wint und Mr. Kidd auch für das Drehbuch des Films übernommen. Es lohnt sich, diese beiden Filmrollen näher zu betrachten, denn auch sie sind – wie so viele andere Superschurken – als Gegenstück zu James Bond angelegt. Die Roman- und Filmfigur James Bond gilt bis heute als Inbegriff heterosexueller "Männlichkeit", wozu die Macho- und Gentleman-Attitüde und die zahlreichen Frauenaffären gehören.

Die Filmszenen mit Mr. Wint und Mr. Kidd

Bei der folgenden inhaltlichen Zusammenfassung der Darstellung von Mr. Wint und Mr. Kidd beziehen sich die Zitate auf die deutsche Filmfassung, ich habe sie mit den Filmszenen der Originalfassung verlinkt. Bei ihrem ersten Auftritt schwärmen die beiden von todbringenden Skorpionen, halten Händchen, reden sich aber hier und auch später nur mit ihren Nachnamen an (Teil 2: 2:00-4:30 Min.). Als sie im Rahmen des Diamantenschmuggels eine ältere Dame besuchen, benutzt Mr. Wint – zufällig anmutend – Parfüm (Teil 2: 5:15-5:45 Min.). Während eines Fluges – Mr. Wint verwendet wieder sein Parfüm – wird er von Mr. Kidd auf die Attraktivität einer Frau angesprochen. Als Mr. Kidd die eifersüchtigen Blicke seines Freundes bemerkt, ergänzt Mr. Kidd: "… wenn man auf Frauen steht" (Teil 4: 1:20-1:40 Min.). Später versuchen sie den bewusstlosen James Bond (D: Sean Connery) in einem Sarg zu verbrennen, wobei die beiden Kommentare "Ein Mann weint nicht" (von Mr. Wint) und "Hier wird es ja immer wärmer" (von Mr. Kidd) als schwule Anspielungen zu verstehen sind (Teil 4: 7:45 Min.).

Etwas unklar bleibt der Blick, den Mr. Wint seinem Freund in einem Tunnel zuwirft, als sie an einem Schild mit der Aufschrift "Activate" vorbeifahren (Teil 10: 4:25-4:50 Min.). Zu Bonds Widersachern in diesem Film gehört auch Ernst Stavro Blofeld, der in einer kurzen Szene inkognito und in Frauenkleidung zu sehen ist (Teil 12: 0:30-0:40 Min.).


Der Schurke Ernst Stavro Blofeld im Fummel

In Bezug auf Homosexualität ist das Filmfinale am deutlichsten (Teil 15: 3:10-6:20 Min.): James Bond erkennt Mr. Wint am Geruch seines Aftershaves (bzw. Parfüms), das er daraufhin als "zu süß und zu schwul" diskreditiert (4:45 Min.). Er überwältigt Mr. Wint, befestigt eine Bombe zwischen seinen Beinen und wirft ihn von Bord eines Schiffes. Als Mr. Wint durch die anschließende Explosion ums Leben kommt, dreht sich Bond zu seiner Freundin Tiffany Case um und betont ihr gegenüber stolz: "Den Hund hatʼs mit eingeklemmtem Schwanz zerrissen" (6:00 Min.). Nur einige dieser Szenenwie etwa das Finale – sind auch in deutscher Synchronisation online verfügbar.

Interpretation

Die Szene, in der die Männer Händchen halten, ist wohl das deutlichste Zeichen dafür, dass sie ein Liebespaar sind. Sie ist, bei genauer Betrachtung, gleich mehrfach entschärft: Zum einen ist das Paar nur von weitem zu sehen, was deshalb auffällt, weil bei Filmszenen, die eine Nähe zum Ausdruck bringen sollen, meistens Nahaufnahmen präferiert werden. Zum anderen ist diese Szene wegen der einsetzenden Dämmerung nur schwer zu erkennen. Es ist zudem auch ein Unterschied, ob sich ein schwules Pärchen auf das Kinopublikum hin- oder, wie in diesem Fall, von ihm wegbewegt. Diese Form einer entschärfenden Inszenierung muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass ein schwules Paar negative Reaktionen beim damaligen heterosexuellen Kinopublikum auslösen konnte. In dieser Szene beendet Mr. Wint einen Satz von Mr. Kidd, was wohl Harmonie und Ergänzung ausdrücken soll. Dass sie sich – trotz aller Vertrautheit – nur mit Nachnamen ansprechen, ist vermutlich kein Continuity-Fehler, sondern vielleicht als trockener Humor gemeint. Nur in der deutschen Fassung spricht Mr. Kidd nasal, was einem zu dieser Zeit gängigen Homosexuellen-Klischee entsprach.


Entschärfte Szene: Schwule halten Händchen, aber von hinten, von weitem und bei Dämmerung

Was heute als Anspielung fast übersehen wird, ist das Parfüm, das Mr. Wint verwendet. Zu dieser Zeit war Parfüm generell weiblich bzw. schwul konnotiert und sollte zur Feminisierung der Filmfigur beitragen. In eine ähnliche tendenziell homophobe Richtung geht die kurze Szene mit Blofeld in Frauenkleidung. Ich halte es für falsch, in solchen Filmszenen generell etwas Positives zu sehen, weil damit vielleicht geschlechtsspezifisches Rollenverhalten in Frage gestellt wird. Wenn sich Männer in Filmen als Frauen verkleiden, ist der Humor vom Kern her nicht nur schwulen-, sondern auch frauenfeindlich, weil man sich über das "Weibliche" von Männern belustigt und sie damit zu "degradieren" versucht.

Im Finale macht James Bond deutlich, dass er nicht nur den Tod von Mr. Wint herbeiführen will, sondern auch, dass dessen Geschlechtsteil in tausend Stücke zerrissen werden soll. Diese Form der Tötung wird damit zu einer Art "spiegelnder Strafe", bei der die Tötungsart bildlich das aufgreift, was dem so Getöteten vorgeworfen wird. Der Tod gilt in diesem Fall nicht nur dem Auftragskiller, sondern auch dem Schwulen.

Die beiden Schauspieler

Die schwulen Killer wurden von Bruce Glover (Mr. Wint) und Putter Smith (Mr. Kidd) verkörpert. Bruce Glover kennt man u. a. aus dem Gay-Interest-Film "Denkt bloß nicht, daß wir heulen" (1971). Im Gegensatz zu Glover ist Putter Smith kein gelernter Schauspieler, sondern Jazz-Musiker. Die Besetzung der Rolle mit ihm wurde, auch vor dem Hintergrund seiner schauspielerischen Leistungen, mehrfach kritisiert. Rund 30 Jahre nach den Dreharbeiten kamen die beiden Männer in der Doku "Inside Diamonds Are Forever" (2000, 30 Min., 10:45-12:45 Min.) auch auf ihre schwulen Rollen zu sprechen, ohne diese jedoch kritisch zu reflektieren. Übrigens: In der Doku "Diamonds Are Forever: Deleted Scenes" (1971/2006, 8 Min., 1:09-1:55 Min.) ist ein weiterer Mord des schwulen Paares enthalten, der nicht in die Kinofilmfassung aufgenommen wurde und bei dem die merkwürdig anmutende Mischung aus Humor und Brutalität besonders stark zum Ausdruck kommt.


Bruce Glover (links) und Putter Smith (rechts) während der Dreharbeiten in Amsterdam

Sekundärliteratur zum Weiterlesen

Der Filmhistoriker Vito Russo ("The Celluloid Closet", hier zitiert nach der deutschen Ausgabe "Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 49) bezeichnet die beiden zu Recht als "Karikaturen", die übrigens – sehr typisch für die Zeit – noch eine andere Gemeinsamkeit haben: Wie viele andere schwule Filmfiguren in den Siebzigerjahren werden auch sie ermordet.

Außergewöhnlich ist allenfalls, dass sie auch selber brutale Mörder sind. Zur merkwürdigen Inszenierung, dass sie gleichzeitig äußerst brutal und äußerst komisch wirken sollen, schrieben Axel Schock und Manuela Kay ("Out im Kino", 2003, S. 95): "Das Killerpärchen wirkt einerseits kaltblütig, gibt andererseits aber eine lächerliche Vorstellung ab." Sehr ausführlich geht Paul Senftenberg in seinem Buch "Gay Movie Moments. Schwule Gänsehautmomente in Filmen und Serien" (2020, S. 198-202) auf dieses Paar ein, bei dem er davon ausgeht, dass es als Kontrast zu James Bond dessen "Männlichkeit" unterstreichen solle.

Die Bewertung dieses Filmpaares ist auch eine Frage der Perspektive. Dorian Wüsten schreibt eher zurückhaltend ("Zwischen Herr und Hund. Bonds Rollenwechsel", in: "Die Evolution des James Bond. Stabilität und Wandel", 2014, S. 97-106, hier S. 103): "Zur damaligen Zeit war ihr Auftritt außergewöhnlich und hat viele Leute im Publikum schockiert." Angenehm deutlich positioniert sich hierzu Julia Kulbarsch-Wilke ("James Bond und der 'Zeitgeist'. Eine Filmreihe zwischen Politik und Popkultur", 2016, S. 142), die von "geschmacklosen Witze[n]" und "faulen Anspielungen" schreibt, welche "den Geist der Entstehungszeit" spiegelten, "was eine solche homophobe Haltung jedoch noch lange nicht entschuldigt".

Die Rezeption in der IMDB

Es sind mittlerweile 353 User*innen, die in der "Internet Movie Database" (IMDB) Kommentare zu diesem Film veröffentlicht haben und bei dem schwulen Paar zu sehr unterschiedlichen Bewertungen gekommen sind, von albern, originell, schrullig und bizarr bis faszinierend. Dabei werden mehrmals Vergleiche mit dem Komiker-Duo Laurel und Hardy angestellt.

Auch die Kommentare, die sich deutlich auf das Thema Homosexualität beziehen, fallen unterschiedlich aus. Es gibt Bewertungen, dass dieser Film "glücklicherweise nie homophob oder unsensibel" sei, andere sehen ihn als "leicht homophob" oder auch als "mehr als ein bisschen homophob" an. Die "öffentliche Zurschaustellung" der Zuneigung zwischen beiden Männern wird als "gewagt" bezeichnet, sie sage viel "über die Vorurteile dieser Zeit" aus. Der/die User*in majikstl schrieb 2006: "Dem Film wurde Homophobie vorgeworfen, weil er ein paar schwule Mörder aufgenommen hat, aber angesichts der großen Anzahl von Attentätern […] wäre es diskriminierender, sie aufgrund ihrer Ausrichtung auszuschließen." Diese Äußerung ist nur vordergründig reflektiert, weil sie verkennt, dass sich die Bewertung schwuler Rollen als homophob nicht nur an ihrer Existenz als solcher, sondern immer auch an der Art der Darstellung orientiert.

Der Roman "Diamantenfieber"

Der dem Film zugrundeliegende Roman von Ian Fleming "Diamantenfieber" (Scherz-Verlag, 1993; Übersetzer: Günther Eichel) wurde sehr frei verfilmt. Im Roman merkt man schnell, dass die beiden Charaktere Wint und Kidd als schwules Paar und – ohne die ironische Brechung im Film – als ernsthafte Auftragskiller angelegt sind. Kontrastierend zum dicken und stark schwitzenden Wint ist der ca. 30-jährige Kidd – wie die Romanfigur Felix Leiter meint – "ein hübscher Kerl […]. Irgendwie ist er von Wint abhängig, und das sind manchmal die Schlimmsten." Im Zusammenhang mit einem Attentat, das Mr. Wint und Mr. Kidd in einem kombinierten Schlamm- und Schwefelbad verüben, wird betont, dass sie immer zusammenarbeiten (S. 88-97). In diesem Bad, in dem sich nur Männer aufhalten, lässt sich James Bond kurz vor dem Attentat von einem Mann massieren. Mit Sätzen wie "Und dann standen wir da – zwanzig mit Schlamm eingeschmierte Männer und nur eine Dusche" (S. 96) wird bei den Lesern deutlich das schwule Kopfkino angesprochen.

Ähnlich wie im Film gibt es auch im Roman das große Finale mit der Ermordung von Mr. Wint und Mr. Kidd (S. 134-179), wobei noch einmal auf den gutaussehenden Kidd eingegangen wird, seine "merkwürdig feinen Gesichtszüge […], die sanften braunen Augen und die langen Wimpern" (S. 167). Ich halte es für gut möglich, dass Fleming hier zwei weitere zeittypische homophobe Klischees bedient: Zum einen die Geschlechterrollen-Aufteilung bei einem schwulen Paar mit einer "weiblichen" und "männlichen" Rolle. Zum anderen die Vorstellung, dass schwule Beziehungen per se destruktiv seien, wie hier als ein Abhängigkeitsverhältnis, das zum Verbrechen führt.

In einer Hörspielfassung des Romans in der Übersetzung von Anika Klüver und Stephanie Panne (Laufzeit 7:42 Stunden; Sauna-Szene: 3:33:40-3:55:58 Min., insb. 3:54:45 Min.) bietet sich ein Vergleich mit der oben zitierten Textpassage an. Mr. Kidd ist – nach Ansicht der Romanfigur Felix Leiter – ein "Schönling […]. Vermutlich läuft zwischen ihm und Wint was. Ein paar dieser Homos geben die übelsten Halsabschneider ab."

Die Meinungen über diese beiden Rollen in Ian Flemings Roman gehen leicht auseinander. Während der User "JamesHitchcock" in der IMDB betont, dass die beiden Charaktere im Roman ohne Einschränkung "gay" seien, wird für den User "Cuish" deren Homosexualität nur angedeutet. Vito Russo ("The Celluloid Closet", hier zitiert nach der deutschen Ausgabe "Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 126) ging fälschlicherweise davon aus, dass die beiden Charaktere im Roman gar nicht vorkämen.

Die lesbische Rosa Klebb in "Liebesgrüße aus Moskau"

Um Kontinuitäten und Veränderungen aufzuzeigen, lohnt sich ein Blick auf weitere homosexuelle Charaktere in James-Bond-Filmen. Die erste lesbische Figur in einem James-Bond-Film ist Rosa Klebb in "Liebesgrüße aus Moskau" (1963). An dieser Figur lassen sich gut die damals gängigen Klischees über lesbische Frauen aufzeigen, vor allem in der Verführungsszene mit Tatjana Romanova, wozu u.a. das "Männliche" und aggressiv-begehrende Verhalten gehört. Als ehemalige sowjetische Geheimdienstabteilungsleiterin repräsentierte Klebb (in der Zeit des Kalten Krieges) nicht nur sexuell, sondern auch politisch das Böse und Andere.


Rosa Klebb war die erste Lesbe in einem James-Bond-Film: "Liebesgrüße aus Moskau" (1963)

Bei diesem Film lohnt sich auch ein besonderes Augenmerk auf Lotte Lenya, die Rosa Klebb verkörperte. Julia Kulbarsch-Wilke schreibt in ihrem Buch viel zur Biografie dieser berühmten Schauspielerin und Sängerin, die mit maskulinem Haarschnitt in deutlichem Kontrast zu den üblichen Bond-Girls inszeniert wurde ("Frauen, Politik und Action – Das Phänomen der James Bond Spielfilmreihe im Spiegel der Zeit. Eine Analyse der Filme im Zeitraum von 1962 bis 2006", 2009, S. 89-90). In Wikipedia kann man zudem nachlesen, dass Lotte Lenya nicht nur mit dem Komponisten Kurt Weill, sondern später auch mit zwei schwulen Männern (George Davis, Russell Detwiler) verheiratet war und eine Affäre mit der Tänzerin Tilly Losch hatte.

Die lesbische Pussy Galore in "Goldfinger"

Eine weitere lesbische Figur in einem James-Bond-Film war Pussy Galore (D: Honor Blackman) in "Goldfinger" (1964). Sie war "eine in jeder Hinsicht kontroverse Figur. Im ursprünglichen Roman verkörperte sie eine starke lesbische Pilotin mit eher herrisch-männlichen Attributen. Im Film fielen diese Eigenschaften der Zensur zum Opfer, um das Publikum nicht vor den Kopf zu stoßen" (aus: "Die Evolution des James Bond. Stabilität und Wandel". Hrsg. von Stefani Brusberg-Kiermeier und Werner Greve, 2014, S. 102-103). Peter Fuchs schrieb 2012 in einem Artikel über "James Bond und die Homo-Schurken" auf queer.de, James Bond ziehe "die lesbische Staffelpilotin Pussy Galore nicht nur auf die Seite der Guten, sondern 'korrigiert' mit seiner Testosteronaura auch gleich ihre sexuelle Orientierung. Die gute Seite, die war natürlich ausschließlich heterosexuell."

Der schwule Raoul Silva in "Skyfall"

Wie viel sich gesellschaftlich inzwischen verändert hat, zeigt eindrucksvoll der neuere James-Bond-Film "Skyfall" (2012) mit dem schwulen Geheimagenten Raoul Silva, der mit seiner Mutterbindung und seinen blond gefärbten Haaren durchaus gängigen Homo-Klischees entspricht. Er streichelt den gefesselten und wehrlosen James Bond (D: Daniel Craig) zärtlich über Hals und Oberschenkel: "Nun, es gibt für alles ein erstes Mal, nicht?" Bond: "Wie kommen Sie auf die Idee, das wäre mein erstes Mal?" (72. Min., hier als Ausschnitt aus der Originalfassung). Damit geht es erstmals nicht nur um die homosexuelle Orientierung von Bonds Gegenspielern, sondern auch um Bond selber.

Erst mit "Skyfall" – so die Autorin Julia Kulbarsch-Wilke ("James Bond und der 'Zeitgeist'. Eine Filmreihe zwischen Politik und Popkultur", 2016, S. 142, hier online) – "scheinen die Bond-Filme in der Frage nach der Akzeptanz von Homosexualität übrigens endlich in die Nähe von Gleichberechtigung zu kommen", auch wenn sie dem Zeitgeist noch "ein wenig hinterher zu hinken" schienen.

Dorian Wüsten ("Zwischen Herr und Hund. Bonds Rollenwechsel", in: "Die Evolution des James Bond. Stabilität und Wandel". Hrsg. von Stefani Brusberg-Kiermeier und Werner Greve, 2014, S. 102-103) bleibt skeptisch, ob die Zuschauer*innen dabei mitgehen: "Man könnte annehmen, dass sich das in unserer Generation geändert hätte, aber auch bei Silva waren viele empört, als er anfing, Bonds Oberschenkel zu kneten."

"Skyfall" ist der vorsichtige Versuch, eine sehr traditionelle Macho-Figur dem schwulenfreundlicher gewordenen Zeitgeist anzupassen. Unter der Überschrift "Burnout, Kindheitstrauma, Mutterkomplex – und womöglich sogar schwul?" schreibt Andreas Borcholte im "Spiegel" (29. Oktober 2021): "Ein Mann darf hart und wild sein, aber er sollte sich bewusst sein, warum er es ist […]. Darin besteht wohl der Mut moderner Männlichkeit." Das Thema "Männlichkeit" und James Bond ist zu komplex, um hier ausreichend darauf einzugehen.


Der "Mut moderner Männlichkeit": Raoul Silva in "Skyfall" (2012)

Übrigens: Wer den Bond-Darsteller Daniel Craig gerne in schwulen Filmen sehen möchte, hat gleich zwei Möglichkeiten dazu: In "Love is the devil" (1998) verkörpert er George Dyer, den Liebhaber des Malers Francis Bacon. In "Enduring Love" (2004) kommt es zu einem Unfall mit einem Heißluftballon. Daraufhin sucht Jed den näheren Kontakt zu Joe (D: Daniel Craig), weil er sich durch den Unfall mit Joe untrennbar verbunden fühlt, was sich schnell zu Stalking und krankhaftem Liebeswahn steigert.

James Bond – gestern

Es ist grundsätzlich in Ordnung, wenn in einem Film Schwule mordend durch die Gegend ziehen. Es ist aber nicht in Ordnung, wenn sie dabei einseitig das "Böse" verkörpern, das es zu vernichten gilt, und wenn das gesamte Drehbuch darauf angelegt ist, dass sich das Kinopublikum nur mit dem "guten" heterosexuellen James Bond identifizieren kann. Auch nach einem halben Jahrhundert verrät dieser Film immer noch deutlich, wie abfällig die Mehrheitsgesellschaft über Schwule dachte und wie homophob das Mainstreamkino war, das sich vor allem an heterosexueller Männlichkeit orientierte. Es war diese 007-Männlichkeit, die das 08/15-Publikum im Kino sehen sollte und wollte. Die Darstellung kann man bezogen auf den Zeitgeist gut erklären, aber nicht rechtfertigen.

"Diamantenfieber" von 1971 hat bei mir unterschiedliche Emotionen geweckt. Ich ärgere mich, weil ich mir bewusst mache, wie negativ sich diese Vorstellungen auf das Selbst- und Fremdbild von Schwulen ausgewirkt haben müssen. Ich freue mich nicht nur, weil sich vieles zum Positiven geändert hat, sondern auch, weil sich an diesem Mainstream-Film sehr gut all die dummen Klischees herausarbeiten lassen, die das Bild von Homosexuellen in den Siebzigerjahren bestimmten, wie das Parfüm oder die nasale Sprechweise, bis zum Hinweis, dass es hier "warm" oder "süß" sei. Selbst der Tod der beiden Schwulen am Ende des Films ist typisch für viele schwule Filmfiguren, die am Ende ermordet wurden oder sich selbst umbrachten. Für viele war dieses Mörder-Duo unterhaltsam und einige waren bestimmt auch gerührt, mich hat es eher geschüttelt.

James Bond – heute

Oben habe ich geschrieben, dass die Gleichsetzung von klischeehaft "Weiblichem", das zum Beispiel durch die Verwendung von Parfüm dargestellt wird, und schwulen Männern homophob sein kann, weil sie der Abwertung schwuler Männer dient. An dieser Stelle möchte ich auf den Titelsong des Films "Diamonds Are Forever" hinweisen, der sehr erfolgreich war und auch unabhängig vom Film und seinem Inhalt rezipiert wurde. Eine Interpretation dieses Liedes zeigt gut die Veränderungen der vorigen Jahrzehnte. Die Drag-Künstler*innen Conchita Wurst und Trevor Ashley sangen 2016 gemeinsam das Lied "Diamonds Are Forever" in der Oper von Sydney (hier online). In der so herrlich selbstbewussten Form, wie die beiden das Lied neu interpretieren, verkehren sie das ursprünglich negative Bild einer Feminisierung von Schwulen ins Gegenteil und machen es zu einem kraftvollen emanzipatorischen Statement queerer Künstler*innen.


Conchita Wurst und Trevor Ashley machen aus der Titelmelodie "Diamonds Are Forever" ein kraftvolles queeres Statement

James Bond – morgen

In den letzten Jahren sind auf queer.de mehrere Artikel erschienen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob es wohl irgendwann auch mal einen schwulen James Bond geben wird: "Craig: Bond muss schwuler werden" (2006), "Daniel Craig: 'Mein James Bond ist nicht schwul'" (2012), "Roger Moore lehnt schwulen James Bond ab" (2015) und "Pierce Brosnan: 'Produzentin akzeptiert keinen schwulen James Bond'" (2015). Auch ich bin für mehr schwule Sichtbarkeit, mache mir aber keine großen Hoffnungen auf einen schwulen James Bond. Seit Jahrzehnten verkörpert diese Filmreihe eine heterosexuelle Macho-Kultur und ich vermute, dass Schwule besser dran sind, wenn sie zu den James-Bond-Filmen auf kritische Distanz gehen und von zukünftigen Filmen nicht mehr erwarten als eine vorsichtige und notwendige Anpassung an den Zeitgeist wie in "Skyfall".

Für die weitere homosexuelle Bond-Forschung gibt es übrigens einige interessante Ansätze, wie die oben angesprochene Schauspielerin Lotte Lenya. Zwei weitere Ansätze finden sich in Danny Morgensterns Buch "James Bond für Besserwisser" (2015): Zum einen wird dort auf den britischen homosexuellen Schauspieler Philip Locke hingewiesen, der in dem Bond-Film "Feuerball" (1965) den irgendwie asexuellen Vargas verkörperte. Zum anderen verweist Morgenstern auf Ian Flemings Roman "Liebesgrüße aus Moskau", in dem Bond auf die Äußerung "parfümierte Schwuchteln" erwidert: "Nicht alle Intellektuellen sind homosexuell. Und viele von ihnen haben eine Glatze." Nach Morgenstern ist das eine Anspielung auf den homosexuellen Schriftsteller und Schauspieler Noël Coward, der ein Freund und Nachbar von Ian Fleming war. Vielleicht war es ja diese Freundschaft zwischen Fleming und Coward, die mit dazu beitrug, dass (und wie) Homosexualität in Flemings Romanen und damit auch in den entsprechenden Bond-Verfilmungen ihren Niederschlag fand.


Der schwule Noël Coward (Foto von 1972). Vielleicht prägte er über seine Freundschaft mit Ian Fleming das Bild von Homosexualität in vielen James-Bond-Romanen und -Filmen?

Man muss sich dabei jedoch ernsthaft fragen, warum ein Autor, der mit einem Schwulen befreundet ist, solche homophoben Romanpassagen schrieb. Flemings Romane waren übrigens nicht nur in den Siebzigerjahren prägend – sein Roman "Casino Royale" von 1953 wurde erst 2006 verfilmt.

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#1 0815Anonym
  • 14.12.2021, 11:28h
  • Furchtbarer homophober Film. Kann mich noch gut daran erinnern, wie ich diesen Film in den Achtzigern im Fernsehen gesehen habe. Habe leider nicht den Rat von Peter Lustig damals befolgt, einfach mal rechtzeitig abschalten ...
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#2 BondfanAnonym
  • 14.12.2021, 11:53h
  • Bond-Filme sind immer ein Spiegel ihrer Zeit - daher ist es absurd, Filme von vor 50 Jahren aus dem heutigen Blickwinkel zu betrachten.

    Zur Vollständigkeit hätte übrigens gehört zu erwähnen, dass im neuesten Film "Keine Zeit zu sterben" der vom schwulen Ben Wishaw dargestellte Waffenmeister Q sich ebenso als schwul herausstellt - zumindest erwähnt er, dass er "ihn" zum romantischen Abendessen erwartet. Es sind also nicht nur die Bösen.
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#3 YomenAnonym
#4 LotiAnonym
  • 14.12.2021, 12:06h
  • Antwort auf #1 von 0815
  • Für mich war es damals einfach ein muss die ersten James Bond Filme besonders auf Großleinwand im Kino zu sehen. Bis zum Ende von Darsteller Roger Moore. Danach war schluß mit dieser Begeisterung an James Bond. So ist es bis heute auch geblieben.
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#5 DreddAnonym
  • 14.12.2021, 12:24h
  • Antwort auf #3 von Yomen
  • Aber Connery rockt und man kann - gerade mit zeitlichen Abstand - einen Film aus den Siebzigern Jahre auch als das einordnen was es ist: ein Film aus den siebzigerjahren....

    Und well, die 70er waren halt Homophob, was willst machen?? Alles Umschreiben, zensieren und verbieten damit die Leute von heute sich nicht angegriffenen fühlen von Standards aus der Vergangenheit???
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#6 StaffelbergblickAnonym
  • 14.12.2021, 14:24h
  • Bond ... Bond ist Bond, und Connery war für mich der beste. Einfach eine geile Männergestalt. Natürlich hemmungsloser "verwerflicher" Macho. Was er wohl auch im Privatleben teilweise war. Als ich mit etwas 16 zum erstenmal Goldfinger gesehen hatte ... wehe wäre mir da jemand zu Nahe gekommen, ich im Anzug und Binder ... der hätte mal Bonds "kleinen Bruder" erleben können. Keine Sorge ich bin inzwischen erwachsen geworden.
    Und die Lenya ... wie sie eiskalt Bond mit Schlagring bewaffnet in den Bauchraum boxt, der es mit unbewegter Mine erträgt.
    Den letzten habe ich mir nicht mehr angesehen .. Das soll mir zu viel "Liebesgeschichte" gewesen sein.
    Und übrigens Craig ... In dem beschriebenen Film spielt er einen Liebhaber von Francis Bacon ... und liegt dort bei ihm nackt in der Badewanne. Leckere Szene ;-)
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#7 LotiAnonym
  • 14.12.2021, 14:50h
  • Antwort auf #6 von Staffelbergblick
  • Und wieder muss ich dir umfänglich voll zustimmen. Lotte Lenya bleibt in dieser Rolle einfach unvergessen. Ich habe damals nichts homophobes an den Bond Filmen weder gesehen noch verspürt. Ich war jung u.wollte gute Aktion auf großer Leinwand erleben. Und nicht zu vergessen bevor der Film losging das Langnese Eis ausgepackt u.auf den Gong gewartet. Pierce Brossman fand ich wesentlich besser in der Serie Remington Steel. Und wenn ich schon dabei bin, Roger Moore kannte ich auch schon als Knirps aus der s/w Film Serie Ivanhoe.
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#8 0815Anonym
  • 14.12.2021, 14:51h
  • Antwort auf #5 von Dredd
  • Sorry, aber bspw. der angeblich erfolgreichste Film "Vom Winde verweht" war damals schon rassistisch bei der Entstehung und auch heute noch. Völlig egal wie der zeitliche Kontext war. Die viel verkaufte Buchvorlage hat sogar den Ku-Klux-Klan verharmlost und verherrlicht. Und der obige Bond Film war damals und heute eindeutig von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit geprägt. Und um Verbieten geht es nicht! Es geht darum, dies einzuordnen, zu kritisieren, der kategorische Imperativ bzw. Grundlage sind da die AEMR von 1948 und es somit besser zu machen und nicht erneut diskriminierende bzw. Filme mit Tendenz zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu produzieren!
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#9 LotiAnonym
  • 14.12.2021, 15:15h
  • Antwort auf #8 von 0815
  • Frage. Welch Jugendliche sitzen vor der Glotze und schauen sich ausgerechnet solch Schinken an? Selbst ich tue mich schwer damit alte Lieblingsklassiker auf DVD aus mein Regal heraus zu ziehen um sie zum X ten mal wiederzusehen.
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#10 DreddAnonym
  • 14.12.2021, 15:19h
  • Antwort auf #8 von 0815
  • Ein Film wie von Winde verweht ist rassistisch aufgrund des zeitlichen Kontexts. Die damals weitverbreitete Meinung hinsichtlich Rassen und Ethnien spiegeln sich selbstredend in dem Produkten Ihrer Zeit, hier von einer losgelösten Betrachtung zu sprechen bzw diese zu fordern wird der Vergangenheit nicht gerecht.

    Eben durch diesen Kontext kannst du ja erst mit einer Einordnung anfangen, diesen zu streichen und völlig losgelöst von Zeit und Umständen Kunst nur nach den eigenen Moralvorstellungen zu trennen erscheint mir recht befremdlich!
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