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Sachbuch

Katholisch und queer, geht das überhaupt?

Im Bonifatius Verlag ist mit "Katholisch und Queer" ein wichtiges Buch erschienen, das sowohl dem Schmerz der Betroffenen und ihren Aus-Wegen eine Stimme gibt als auch der Ratlosigkeit der Nahestehenden.


Symbolbild: Aus Protest gegen das Segnungsverbot des Vatikans für gleichgeschlechtliche Paare wehten im Frühjahr vor vielen Kirchen die Regenbogenflagge (Bild: #liebegewinnt)

Katholisch und queer, geht das überhaupt? Nein, natürlich nicht, die katholische Kirche verurteilt in ihrer Lehre das Ausleben homosexueller "Tendenzen". Ebenso das "willkürliche Manipulieren" am Körper, das für trans Menschen ein wichtiger Schritt sein kann, um man selbst sein zu können oder zu werden. Kurz: Die katholische Kirche verurteilt queeres Leben (aber – zumindest auf dem Papier – nicht das queere Empfinden, solange man es selbst unterdrückt und nicht auslebt).

Katholisch und queer, geht das überhaupt? Es sind beides Prägungen, die ein Mensch haben kann, annehmen und ausleben kann, wobei man durchaus auch in der katholischen Kirche im Einzelfall Räume (Gemeinden, Gruppen, auch Arbeitsplätze als Mitarbeitende*r) finden kann, wo dafür Offenheit und Akzeptanz besteht.

Herausgeber*innen aktiv im "Synodalen Weg"


"Katholisch und Queer" ist im Bonifatius Verlag erschienen

Von beidem berichten die Texte des neuen Buches "Katholisch und Queer" (Amazon-Affiliate-Link ). Eines vorweg: Das Buch befasst sich nur mit der römisch-katholischen Kirche und der Situation in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum. Die viel akzeptierendere Situation in der reformorientierten altkatholischen Kirche und die oft noch wesentlich katastrophalere Situation in der römisch-katholischen Kirche sehr vieler anderer Staaten (angefangen schon im Nachbarland Polen) muss außen vor bleiben.

Die römisch-katholische Kirche ist zurzeit geprägt durch den "Synodalen Weg", ein neuartiger mehrjähriger Prozess des Diskutierens und Beschließens über die vielen Themen, die im katholischen Reformstau des letzten halben Jahrhunderts stecken geblieben sind. Eines ihrer Foren beschäftigt sich mit Fragen der Sexualmoral, also der ethischen Einordnung von Fragen der menschlichen Sexualität. Die drei Herausgeber*innen von "Katholisch und Queer" – Mirjam Gräve, Hendrik Johannemann und Mara Klein – sind aufgrund ihres eigenen Queer-Seins und ihres Engagements gegen die Diskriminierung queerer Menschen in dieses Forum IV berufen worden.

Berichte von Gewalt und Missbrauch

Auf ihrem Aufruf, queere Menschen sollten sich bei ihnen mit ihren Erfahrungen melden, damit sie diese direkt in das Forum einbringen könnten, kamen eine Vielzahl von Lebenszeugnissen zusammen. Die Texte von 24 lesbischen, schwulen, bi, trans, inter, nichtbinären und anderen queeren Menschen bilden das erste Drittel des Buches. Sie berichten von psychischer und verbaler Gewalt, von spirituellem Missbrauch und sexueller Übergriffigkeit durch Vertreter*innen der Kirche, ohne jedoch sensationsheischend oder voyeuristisch zu sein.

Oft schildern sie ihren eigenen inneren Wandel weg von der Fokussierung auf die erniedrigende Sexuallehre und hin zu Selbstannahme, manchmal innerhalb, oft als gläubige Christen außerhalb der Kirche. Auffällig viele Berichte stammen von Mitarbeiter*innen in kirchlichen Einrichtungen oder von ehrenamtlich stark Engagierten. Kein Wunder, die meisten Menschen, bei denen solche "Anker" an der katholischen Kirche nicht (mehr) bestehen, sind sicher längst von ihr weggegangen und als Gesprächspartner*innen für die Herausgeber*innen auch nicht mehr erreichbar.

Hoffnung auf Wandel und Veränderung


Auch der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers ist mit einem Beitrag im Buch vertreten (Bild: BMO-Vechta / wikipedia)

Im zweiten Teil des Buches kommen zwölf "Perspektiven aus dem Nahbereich" zu Wort: Eltern und Geschwister, Seelsorger*innen und weitere Personen, die aus ihrer Sicht das Leiden und die Gefährdungen, aber auch die unerwartete Kraft und Ausdauer ihrer queeren Angehörigen wahrnehmen und schildern.

"Für das Konzept dieses Buches orientieren wir uns […] an der Idee des Wandels, die eine Problemanzeige, Forderung nach und Hoffnung auf Veränderung in sich vereint", so schreiben die Herausgeber*innen in ihrem Vorwort. Dies kommt in allen Teilen unmissverständlich zur Sprache, auch im dritten Teil, der Texte von Verantwortungsträger*innen der katholischen Kirche enthält. Er beginnt mit den Statements der Bischöfe Heinrich Timmerevers (Dresden-Meißen) und Franz-Josef Overbeck (Essen). Beide schildern, wie sie mit "Betroffenen" geredet, wie sie sich von persönlichen Begegnungen mit queeren Menschen haben anrühren lassen, wie sie nachdenklich geworden sind und erkennen, dass die katholische Lehre Menschen ausschließt und eben nicht annimmt. Sie ringen (auch sprachlich) mit dem Zwiespalt zwischen dieser Lehre und der Tradition einerseits und der erkannten Notwendigkeit andererseits, längst vorliegende humanwissenschaftliche Erkenntnisse auch über Sexualität und geschlechtlicher Identität anzuerkennen und in Lehre, Seelsorgepraxis und kirchlichem Arbeitsrecht umzusetzen. Sie erklären sich zu Anwälten für diese "Verheutigung" der katholischen Kirche.

Aber auch die anderen Statements aus der Perspektive von Seelsorgeverantwortlichen aus bischöflichen Ordinariaten und aus katholischen Lai*innenverbänden (Zentralkomitee, Jugendverband, Familienbund) gehen vorbehaltlos in die gleiche Richtung. Die letzten füng Texte stammen von Professor*innen, also Vertreter*innen der verschiedenen wissenschaftlichen theologischen Disziplinen. "Kurskorrektur!" (mit Ausrufezeichen), so der Titel des Beitrags der Dogmatikerin Julia Knop, hier als Beispiel angeführt.

"Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln"

Insgesamt umfasst der Band 304 Seiten, aber es macht keinen Sinn, sie einem Zug zu lesen. Jeder der 49 Texte, die zwischen zwei und sieben Seiten lang sind, verdient es, in Ruhe gelesen und bedacht zu werden. Sie bauen nicht aufeinander auf, so dass man eine beliebige Reihenfolge wählen kann. Die Lebenszeugnis-Texte sind dabei grob nach Rubriken wie Familie, Arbeits(un)recht, Berufung, Glaubensverlust sortiert. Ein Leseschlüssel am Ende des Buches listet zusätzlich 15 Themenbereiche auf und benennt die Kapitel, in denen diese Themen vorkommen.

"Katholisch und Queer" ist ein wichtiges Buch, das sowohl dem Schmerz der Betroffenen und ihren Aus-Wegen eine Stimme gibt als auch der Ratlosigkeit der Nahestehenden. Wichtig die Zeugnisse der eigenen Wandlungsprozesse und das Argumentieren und Handeln der Verantwortungsträger*innen auf dem langen und hoffentlich erfolgreichen Weg zu einer menschenfreundlichen katholischen Kirche. Tatsächlich eine "Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln", so der Untertitel des Bandes, für alle.

Infos zum Buch

Katholisch und Queer: Eine Einladung zum Hinsehen, Verstehen und Handeln. Herausgegeben von Mirjam Gräve, Hendrik Johannemann und Mara Klein. Sachbuch. 304 Seiten. Bonifatius Verlag. Paderborn 2021. Hardcover: 22 € (ISBN: 978-3-89710-915-5). E-Book: 17,99 €

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#1 LegatProfil
  • 19.12.2021, 10:51hFrankfurt am Main
  • "Katholisch und queer, geht das überhaupt? Es sind beides Prägungen, die ein Mensch haben kann, annehmen und ausleben kann, wobei man durchaus auch in der katholischen Kirche im Einzelfall Räume (Gemeinden, Gruppen, auch Arbeitsplätze als Mitarbeitende*r) finden kann, wo dafür Offenheit und Akzeptanz besteht."

    Schmerzhafte Sätze. Zunächst mal ist Queersein keine "Prägung", es ist eine Identität und diese nicht anzunehmen ist immer mit viel Leid verbunden. Auf gar keinen Fall ist daher Religion auf derselbeen Stufe zu verorten wie Queersein, da mensch seine Religion mit nur ein bisschen Mühe zu einer inklusiveren Form wechseln oder - meiner persönlichen Ansicht nach nochmal deutlich besser - ablegen kann. Warum dieses krampfhafte Festhalten an einer kriminellen Hassorganisation wie der römisch-katholischen Kirche? Da hilft auch das bemitleidenswerte Beschwören von positiven Einzelfällen innerhalb dieser Kirche nichts.
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#2 YomenAnonym
#3 DestroyaAnonym
#4 LotiAnonym
  • 19.12.2021, 12:06h
  • Antwort auf #1 von Legat
  • Wiederum muß ich dir hier voll zustimmen.
    Ich wußte zwar mit 10 Jahren noch nichts über meine eigene Schwule Identität. Begann aber schon sehr regen sexuellen Kontakt mit Gleichaltrigen zu suchen.
    Bis zum 16. Lebensjahr war ich zwar kein allzu gläubiger Katholik, doch glaubte ich noch daran, das es da eine höhere Macht gibt. Erst mit 18 merkte ich wie verlogen doch all dieser Glaube an Gott war. Was sicherlich auch mit mein damaligen Umfeld u.Bekanntenkreis zu tun hatte. So lernte ich sich offen bekennende Schwule i. Münster kennen. Lebte eine Zeitlang mit Hippies zusammen auf einem Bauernhof. Keiner von ihnen war gläubig. Das war für mich etwas vollkommen neues.
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#5 KaiJAnonym
  • 19.12.2021, 12:11h
  • Antwort auf #1 von Legat
  • " ... da mensch seine Religion ... noch mal deutlich besser ablegen kann" ... als Queersein.

    Wie ist es denn weiter noch mit Grundrechten und Identitäten? Ist es so, dass mensch die zu Religion einschließlich seines Nichtglaubens und die "noch mal deutlich besser ablegen kann" als die denn auch noch zu seiner Sexualität? Macht es Demokratie aus, dass die Grundrechte und Identitäten sich da auf einem Verschiebebahnhof befinden?
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#6 LegatProfil
  • 19.12.2021, 12:33hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #5 von KaiJ
  • Ich werde dir dazu nicht weiter antworten, da du nun dazu übergegangen bist, mich verfälscht zu zitieren. Ich habe geschrieben:
    "Auf gar keinen Fall ist daher Religion auf derselbeen Stufe zu verorten wie Queersein, da mensch seine Religion mit nur ein bisschen Mühe zu einer inklusiveren Form wechseln oder - meiner persönlichen Ansicht nach nochmal deutlich besser - ablegen kann. "
    Und du entstellst dies zu einem verkürzten:
    " ... da mensch seine Religion ... noch mal deutlich besser ablegen kann", womit du meine eigentliche Position absichtlich verfälschst.
    Das ist nicht OK!
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#7 LegatProfil
  • 19.12.2021, 12:40hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #3 von Destroya
  • Sollen diese pseudowissenschaftlichen Nischenmeinungen irgendwie eine Entschuldigung für Religiösität aufgrund von Dummheit sein? Ich frage mich, wieviele durchtrieben geschäftstüchtige "Gläubige", die mit Religion einen gewaltigen Reibach machen, solchen Ideen zustimmen würden.
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#8 LegatProfil
#9 KaiJAnonym
#10 DestroyaAnonym
  • 19.12.2021, 13:26h
  • Antwort auf #7 von Legat
  • Das ist nicht speudowissenschaftlich, keine Nieschenmeinung, sondern ganz normale Schlussfolgerungen, aufgrund von Beobachtungsstudien und genetischer Untersuchungen.

    Kein Mensch kann zudem etwas dafür, wie intelligent er ist.

    Das ist doch diskriminierend, jemand aufgrund von intellektueller Unzugänglichkeit so abzuwerten.

    Ich verstehe z.B. auch nicht Wissenschaftler, die religiös wurde, weil sie sich z.B. mit Anatomie oder Genetik beschäftigt haben. Sie argumentieren dann, dass alles so perfekt funktionieren würde, dass es nur von einem Schöpfer kommen könne.

    Ich sehe das Umgekehrt, es funktioniert so chaotisch, schlecht und ist so dermaßen Störungsanfällig, dass das keine intelligente Person jemals gebaut haben kann. Wer sich so etwas ausdenkt, muss verrückt sein oder extrem unpraktisch veranlagt.
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