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Auf Flucht

Lesbische Aktivistin im Iran inhaftiert

Für die persischsprachige BBC soll die im Nordirak lebende Sareh ein Interview zur Situation von LGBTI in der Region gegeben haben. Offenbar zu viel für die lokale, irakische Polizei – und das iranische Regime.


Die Organisation 6Rang veröffentlichte das vor der Festnahme von Sareh aufgenommene Video auf Twitter (Bild: 6Rang / Twitter)
  • Von Jeja Klein
    20. Dezember 2021, 18:24h, noch kein Kommentar

Dass Schwule im Iran auf blutige Weise verfolgt und ermordet werden, ist weithin bekannt. Weniger Wissen besteht über die spezifische Verfolgung lesbischer Frauen in der islamistischen Diktatur. Jetzt haben die iranischen Revolutionsgarden, eine politische Armee neben den regulären Truppen, eine 28-jährige lesbische Aktivistin festgenommen.

Der Frau, die von regionalen Aktivist*innen Sareh genannt wird, soll nun die Todesstrafe drohen. Begründet wurde das jedoch nicht mit ihrer Homosexualität, sondern mit vermeintlich aufständischen Aktivitäten, als die der queere Aktivismus vom Staat aufgefasst wird.

Flucht als "Menschenhandel"

Die Vorwürfe an Sareh sind vielfältig: "Unterstützung" von Homosexualität, die Gründung einer Organisation zum Schmuggeln beziehungsweise "Handeln" von Mädchen sowie die Kommunikation mit Homosexuellengruppen, die angeblich von internationalen Geheimdiensten gestützt seien.

Ein explizit sexualstrafrechtlicher Vorwurf scheint bisher nicht erhoben worden zu sein. Laut Artikel 238 des Strafrechts im Iran wird "mosahegeh", das Aneinanderreiben von weiblichen Genitalien, mit 100 Peitschenhieben bestraft. Die Strafe kann sich bei mehrfachem Verstoß bis zur Ermordung durch das Regime steigern.

Die Inhaftierte lebt eigentlich in der kurdischen Autonomieregion des Irak. Dort soll sie für die persischsprachige Abteilung der BBC ein Interview zur Unterdrückung der LGBT-Gemeinde in der Region gegeben haben. Deswegen sei sie von lokalen Polizeikräften für 21 Tage inhaftiert worden. Das berichtet das Iranische Lesben- und Transgender-Netzwerk 6Rang.

Die an diese Inhaftierung anschließende Flucht in Richtung Türkei, die Sareh durch das Gebiet des Iran geführt hat, scheint die Aktivistin in die Fänge des iranischen Regimes getrieben zu haben. Am 27. Oktober sollen sie Kräfte der Revolutionsgarde in der Region West-Aserbaidschan beim versuchten Grenzübertritt festgenommen haben. Es ist bekannt, dass der Iran in der gesamten Region seinen Einfluss durch Milizen, Agenten und Stellvertreterorganisationen sichert.

Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim berichtete am 6. November von der Festnahme mehrere Menschen in der selben Region, denen die Bildung einer Organisation zum "Menschenhandel" von Frauen vorgeworfen werde.

6Rang, deren Name für die sechs Streifen der Regenbogenflagge steht, veröffentlichte ein Video, in dem die Inhaftierte zu sehen ist. Das soll bereits vor der Festnahme erstellt worden sein mit dem Zweck, es im Falle einer solchen veröffentlichen zu können. Auch eine englische Übersetzung wurde verbreitet.

Twitter / 6rangiran | 6Rang veröffentlichte auch eine englisch untertitelte Version von Sarehs Video
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Demnach sage die Frau im Video, dass sie an jenem Tag im Iran angekommen sei. Das Regime habe Informationen über sie, wobei unklar ist, was damit genau gemeint ist. Die "Jerusalem Post" übersetzte die Stelle anders und sprach davon, dass das Regime über Freund*innen der Frau an Informationen über sie gelangt sei. Sareh könne jeden Moment inhaftiert werden, wie sie weiter im Video sagt: "Mein Leben ist in Gefahr." Sie versuche, wieder aus dem Land heraus zu kommen, wisse jedoch nicht, ob sie dies schaffe.

Sareh werde, wie 6Rang weiterhin berichtete, keine Möglichkeit einer anwaltlichen Unterstützung zugebilligt. Auch werde es ihr und ihren Kindern verwehrt, einander zu sehen.

Verfolgung und traditionelle Geschlechterordnung

Wie auch in anderen Teilen der Welt und zu früheren Zeiten funktioniert die Unterdrückung weiblicher Homosexualität nicht allein durch strafrechtliche oder außergesetzliche Verfolgung von Lesben und bisexuellen Frauen. Auch die iranische Gesellschaft und der iranische Staat setzen vorwiegend auf die geschlechterpolitische Frauenunterdrückung, die Frauen zuverlässig in eine gegengeschlechtliche Ehe zwingt. Im Iran gilt darüber hinaus der Zwang zum Tragen eines Kopftuchs, der jedoch von vielen Frauen im Alltag subtil unterlaufen wird.

Über das Ineinandergreifen von Frauenunterdrückung und Lesbenverfolgung berichtete im Jahr 2018 auch der Berliner Tagesspiegel. Eine damals 25-jährige Teheraner Lesbe berichtete dort, dass abseits der Organisationsverbote eine geheime Kultur existiere, mit der sich Lesben etwa in sozialen Medien gegenseitig erkennen könnten. Genutzt würden Symbole wie Regenbögen, aber auch Einhörner. Verabredungen seien in der im Iran unter Verfolgung leidenden, illegalen Partykultur möglich.

Die kurzen Haare, weiten Kleider und Piercings, die iranische Lesben trügen, seien zwar ebenfalls queerer Code, jedoch auch ein Ausdruck des Widerstands gegen die strikte patriarchale Ordnung und die Sondergesetze für Frauen, so die Teheranerin gegenüber der deutschen Zeitung.

Im April setzte die kurdisch-irakische Polizei in Slemani in der Autonomen Region Kurdistan acht schwule Männer fest und kündigte öffentlich Analuntersuchungen zur vermeintlichen Feststellung ihrer Homosexualität an. Die Festsetzung begründete die Polizei damit, die Männer stellten eine "Bedrohung für die Sicherheit" dar (queer.de berichtete).