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Serienkritik

"Eldorado KaDeWe"? Ohne Frage einschalten!

Die neue ARD-Produktion "Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit" überzeugt nicht nur mit ihrer freizügigen queeren Liebesgeschichte, sondern auch mit einer doppelbödigen Lässigkeit und einem sehr starken Cast.


Hedi (Valerie Stoll, r.) und Fritzi (Lia von Blarer) verlieben sich ineinander (Bild: ARD Degeto / RBB / Constantin Film / UFA Fiction / Dávid Lukács)

Nichts liebt man im deutschen Fernsehen offensichtlich so sehr wie das Berlin der Vergangenheit. Manchmal geht es zurück in die Zeit rund um den Mauerfall (so wie aktuell im ZDF-Dreiteiler "Der Palast"), mal in die Wirtschaftswunderjahre der Fünfziger und Sechziger ("Ku'damm 56" samt Fortsetzungen), mal wird die Geschichte eines Krankenhauses erzählt wie in "Charité", mal die eines Hotels in "Das Adlon. Eine Familiensaga".

Besonders beliebt sind dabei die 1920er: "Babylon Berlin" ist schon seit ein paar Jahren ein echter Welterfolg, in der zweiten Hälfte 2022 folgt die Serie "Torstraße 1" – und aktuell gibt es nun "Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit" zu sehen, am 27. Dezember um 20.15 Uhr alle sechs Folgen hintereinander in der ARD und bereits jetzt in der Mediathek.

Das KaDeWe als Schatten seiner selbst

Um das titelgebende Luxuskaufhaus im Berliner Westen ist es dabei zu Beginn zunächst einmal nicht allzu rosig bestellt. Als Harry Jandorf (Joel Basman), Sohn des Besitzers und Gründers, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, aber traumatisiert aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückkehrt, ist das KaDeWe Anfang der 1920er Jahre nur noch ein Schatten seiner selbst. Dank der Handelsblockade fehlen Pariser Mode und andere Waren, mit der Kaufkraft der Kund*innen ist es auch nicht mehr weit her und die Belegschaft ist erheblich reduziert.


KaDeWe-Juniorchef Harry Jandorf (Joel Basman) und seine Schwester Fritzi (Lia von Blarer) müssen dem konservativen Buchhalter Georg (Damian Thüne, Mitte) vertrauen (Bild: ARD Degeto / RBB / Constantin Film / UFA Fiction / Dávid Lukács)

Harry will dem Laden neuen Schwung verpassen, und während er dabei ein Händchen dafür hat, mit Hilfe des Buchhalters Georg (Damian Thüne) und ordentlich geschönten Zahlen einen dringend nötigen Kredit an Land zu ziehen, ist seine lesbische Schwester Fritzi (Lia von Blarer) die eigentlich Kreative, die den Finger am Puls der Zeit des neuen Berlins hat. Bald verliebt sie sich in die hübsche Verkäuferin Hedi (Valerie Stoll), die aus armen Verhältnissen stammt und kurz vor einer Vernunftehe mit dem ebenfalls fürs KaDeWe arbeitenden Rüdiger (Tonio Schneider) steht. Unterdessen beginnen die ebenso goldenen wie wilden Jahre der Weimarer Republik allmählich aufzublühen, mit der Eröffnung des freizügigen Nachtclubs Eldorado oder der Gründung der lesbischen Zeitschrift "Die Freundin", während etwas weiter hinten am zeitlichen Horizont schon die nächsten dunklen Schatten aufziehen.

Realität mischt sich mit Fiktion

Historische Realität und Drehbuch-Fiktion gehen in "Eldorado KaDeWe" Hand in Hand. Während es Harry und seinen anfangs widerwilligen Kompagnon Georg ebenso gab wie besagte Zeitschrift, sind seine Schwester Fritzi und ihre Angebetete fiktiv. Der Spagat gelingt Regisseurin Julia von Heinz ("Ich bin dann mal weg", "Und morgen die ganze Welt"), die auch bei den Drehbüchern federführend war, sehr überzeugend – und sie geht spannenderweise noch einen Schritt weiter. Der Bogen wird sogar, auf beiläufig-anachronistische Weise, zur heutigen Gegenwart geschlagen: in den Berliner Hinterhöfen ist Graffiti zu sehen und hängen Plakate für Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", durch den Bildhintergrund fährt schon mal ein modernes Polizeiauto und auch die Straßenbahn ist keine zeitgemäße.


Hedi (Valerie Stoll, r.) und Fritzi (Lia von Blarer) genießen den Augenblick (Bild: ARD Degeto / RBB / Constantin Film / UFA Fiction / Dávid Lukács)

Dieser Kunstgriff verleiht der Serie nicht nur eine doppelbödige Lässigkeit, sondern verhindert auch das Aufkommen von allzu viel verstaubt-kulissigem Historienkitsch, wie er sonst oft schwer auf ähnlichen Produktionen lastet. Und auch sonst machen Heinz und ihr Team vieles besser als der Großteil der Konkurrenz. Die Kombination aus den persönlichen, emotional aufgeladenen Geschichten des Protagonist*innen-Quartetts mit den utopischen Hoffnungen und gesellschaftspolitischen Realitäten der 1920er Jahre (und ihrem Nachhall heute) ist stimmungsvoll und selten zu plump. Basman (gerade auch in "Monte Verità" zu sehen), und von Blarer (zuletzt auch in "Mapa" großartig), aber auch der Rest des Ensembles überzeugen auf ganzer Linie – und gut aussehen tut die Sache auch.

Dass dann ja auch noch eine große queere Liebesgeschichte samt nicht unbedingt verschämter Sexszenen im Zentrum steht, was für eine öffentlich-rechtliche Prestigeproduktion dieser Art auch keine Selbstverständlichkeit ist, ist ein weiteres großes Plus. Wer also über die Feiertage ein paar Stunden Zeit hat, sollte ohne Frage einschalten, um noch eine der gelungensten deutschen TV-Produktionen des ausgehenden Jahres mitzunehmen.

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15 Kommentare

#1 andreAnonym
  • 22.12.2021, 13:51h
  • Mich wundert es etwas, daß es unter der dem Artikel für diese. mit viel Vorschußlorbeeren angekündigte Serie, überhaupt keine Kommentare stehen. Mir viel das nur auf. Bestätigt mich in meiner Überzeugung und das ist fast schon ein Dogma, daß Schwule mit Lesben und Lesben mit Schwulen, einfach nicht können. Da bin ich wirklich ganz ehrlich, ich schaue mir das nicht an, aus genau diesen Gründen. Diese Welt interessiert mich nicht. Und offenbar bestätigt sich das gerade, bei 0 Kommentaren. Kenne auch niemanden in meinem Bekanntenkreis, der anderer Meinung ist. Es scheint traditionell doch so zu sein, mit fast schon gegenseitiger Abneigung.
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#2 DreddAnonym
  • 22.12.2021, 14:21h
  • Antwort auf #1 von andre
  • Ne, wenn es ein "Dogma" innerhalb der community-grüppchen gibt dann das Desinteresse automatisch als Abneigung ausgelegt wird!

    Ich persönlich finde Liebesdramen, was die Serie laut Eigenwerbung wohl ist, in 99% der Fälle schlichtweg öde und hab daher 0 Interesse an der Serie!
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#3 YomenAnonym
#4 StaffelbergblickAnonym
  • 22.12.2021, 23:12h
  • Allein schon der Titel "Eldorado KaDeWe" reizt mich. Aber kommentieren würde ich erst ... wenn ich was gesehen hätte.
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#5 Ich glotz TVAnonym
  • 22.12.2021, 23:23h
  • Ich hab gerade heute in der ARD Mediathek die Serie Eldorado KaDeWe gesehen. Ein Zufallsfund. Ich hatte vorher nichts davon gehört und sie dann fast am Stück inhaliert. Die Serie spielt, wie beschrieben, im Berlin der 20er. Schnell wurde klar, dass der Titel nicht zufällig an das legendäre Eldorado in Berlin erinnert. Bei den ersten Szenenwechseln von Innenaufnahmen zu Außenaufnahmen war ich noch irritiert über diese auf den ersten Blick unverständlichen Zeitsprünge. So nach und nach wurde mir die Vielschichtigkeit der Serie bewusst. Manchmal ist sie unter den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, nahezu beängstigend.

    Ja, und ich habe mich ganz zu Anfang auch gefragt, ob ich mir solche ausführlichen lesbischen Liebesszenen anschauen möchte. Ich bin froh, über meinen goldenen schwulen Tellerrand geschaut zu haben. Es kann spannend sein, es da zu sehen gibt.
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#6 AbwägenAnonym
  • 23.12.2021, 00:50h
  • Antwort auf #1 von andre
  • SPOILER im Kommentar. Ich bitte um Entschuldigung.

    Ich wollte mir die Serie zuerst ansehen bevor ich kommentiere.
    Ich habe mir schon schlechteres angeschaut - als Fazit.

    Am nervigsten fand ich den Abspann der letzten Folge. Das fiktionale glückliche Ende für fiktionale Charaktere während im Vorspann prominent auf den fiktionalen Charakter derselben hingewiesen wird.

    Und; Mücke; das ist übel. Da wäre mir ein Hinweis auf die Opfer dieser unsäglichen Zeit sinnvoller erschienen.
    Diese Bastarde haben so viele Menschen ermordet. Prominent in Erinnerung sind leider bei vielen nur die Juden; andere gehen leicht unter in der Erinnerung.
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#7 Lars3110
  • 23.12.2021, 02:02h
  • Ihr nennt es Kunstgriff.
    Ich empfinde es als Geld sparen bei historischen Kulissen.
    Ich bin nicht begeistert von einer fiktiven Geschichte aus den Zwanzigern, in denen das P&C zu sehen ist und natürlich die Gedächtniskirche.
    Man kann alles schönreden. Für mich ist das ungenießbar.
    Beabsichtigte Filmfehler empfinde ich nicht als Kunst.
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#8 RuntAnonym
  • 23.12.2021, 10:39h
  • Antwort auf #1 von andre
  • "Diese Welt interessiert mich nicht."

    Na ja, das kann ja schon sein. Es ist ja auch legitim, wenn sich Heteros und Transsexuelle nicht für lesbische und schwule Liebesgeschichten und Lesben und Schwule sich nicht für bisexuelle Liebesgeschichten interessieren, bzw. sich da nicht einfühlen können.

    Wenn trotzdem eine Empfehlung ausgesprochen wird, dann geht es wohl um Repräsentanz. Man kann ja schlecht verlangen, dass nur die eigene Identität angemessen repräsentiert wird (und dazu sollte sie menschlich und künstlerisch interessant dargestellt werden und nicht nur vorkommen), andere Identitäten bzw. Erfahrungen nicht.

    Vielleicht ist es aber auch ein anderer Blick nötig? Ich meine, queere Menschen sind es schon gewohnt, damit umzugehen, dass die meisten Liebesgeschichten Hetero-Geschichten sind. Es wäre schon ein trauriges Leben, wenn 90 % der Bücher, Filme, Geschichten gar nichts für einen sein könnten, weil die Figuren das falsche Geschlecht haben und man nur die Geschichten genießen kann, in denen man selbst vorkommt.

    Und Repräsentanz ist natürlich sehr wichtig, wichtig ist aber auch, dass queere Geschichten so erzählt werden, dass sie menschlich berührend, packend, interessant sind.
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#9 Ich glotz TVAnonym
  • 23.12.2021, 20:37h
  • Antwort auf #7 von Lars3110
  • Lars, sowas in der Richtung: Och nee, jetzt versaut den sonst gut gemachten und ausgestatteten Film doch nicht durch stümperhafte Aussenschnitte. Da hab ich schon besseres gesehen - und sei es die Montage vom echten Aufnahmen aus der Zeit! hab ich auch erst gedacht. Aber das ist so gewollt und gut gemacht. Höhepunkt des Ganzen ist dann eine Szene, mit einem Ausspruch mit dem die Figur in ihrer Zeit, auf etwas reagiert, das eindeutig im Hier und Jetzt zu sehen ist. Diese Szene musste ich mir vor Freude über den Kniff gleich mehrfach anschauen.
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#10 StaffelbergblickAnonym
  • 27.12.2021, 11:59h
  • Ich habe soeben den Beitrag im Spiegel zu diesem Film gelesen und fand folgende Passage "Große Teile wurden in Budapest gedreht, zum einen, weil dort günstiger produziert werden kann, zum anderen, weil man dort die Art-déco-Architektur findet, die auch die Innenräume des historischen KaDeWe prägten. Die Dreharbeiten fanden im Sommer 2021 statt, als die Regierung von Viktor Orbán ihr Anti-LGBTQ-Gesetz durchbringen wollte. Im deutsch-ungarischen Team gab es große Kontroversen zu dem Thema, ein Teil der Crew nahm zum Zeichen der Solidarität an der Gay Pride Parade in Budapest teil.". So können aus meiner Sichtweise Filme auch eine weitere Beurteilung erfahren, die ansonsten untergehen würden.
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