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Serienkritik
"Eldorado KaDeWe"? Ohne Frage einschalten!
Die neue ARD-Produktion "Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit" überzeugt nicht nur mit ihrer freizügigen queeren Liebesgeschichte, sondern auch mit einer doppelbödigen Lässigkeit und einem sehr starken Cast.

Hedi (Valerie Stoll, r.) und Fritzi (Lia von Blarer) verlieben sich ineinander (Bild: ARD Degeto / RBB / Constantin Film / UFA Fiction / Dávid Lukács)
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21. Dezember 2021, 09:31h 4 Min.
Nichts liebt man im deutschen Fernsehen offensichtlich so sehr wie das Berlin der Vergangenheit. Manchmal geht es zurück in die Zeit rund um den Mauerfall (so wie aktuell im ZDF-Dreiteiler "Der Palast"), mal in die Wirtschaftswunderjahre der Fünfziger und Sechziger ("Ku'damm 56" samt Fortsetzungen), mal wird die Geschichte eines Krankenhauses erzählt wie in "Charité", mal die eines Hotels in "Das Adlon. Eine Familiensaga".
Besonders beliebt sind dabei die 1920er: "Babylon Berlin" ist schon seit ein paar Jahren ein echter Welterfolg, in der zweiten Hälfte 2022 folgt die Serie "Torstraße 1" – und aktuell gibt es nun "Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit" zu sehen, am 27. Dezember um 20.15 Uhr alle sechs Folgen hintereinander in der ARD und bereits jetzt in der Mediathek.
Das KaDeWe als Schatten seiner selbst
Um das titelgebende Luxuskaufhaus im Berliner Westen ist es dabei zu Beginn zunächst einmal nicht allzu rosig bestellt. Als Harry Jandorf (Joel Basman), Sohn des Besitzers und Gründers, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, aber traumatisiert aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückkehrt, ist das KaDeWe Anfang der 1920er Jahre nur noch ein Schatten seiner selbst. Dank der Handelsblockade fehlen Pariser Mode und andere Waren, mit der Kaufkraft der Kund*innen ist es auch nicht mehr weit her und die Belegschaft ist erheblich reduziert.

KaDeWe-Juniorchef Harry Jandorf (Joel Basman) und seine Schwester Fritzi (Lia von Blarer) müssen dem konservativen Buchhalter Georg (Damian Thüne, Mitte) vertrauen (Bild: ARD Degeto / RBB / Constantin Film / UFA Fiction / Dávid Lukács)
Harry will dem Laden neuen Schwung verpassen, und während er dabei ein Händchen dafür hat, mit Hilfe des Buchhalters Georg (Damian Thüne) und ordentlich geschönten Zahlen einen dringend nötigen Kredit an Land zu ziehen, ist seine lesbische Schwester Fritzi (Lia von Blarer) die eigentlich Kreative, die den Finger am Puls der Zeit des neuen Berlins hat. Bald verliebt sie sich in die hübsche Verkäuferin Hedi (Valerie Stoll), die aus armen Verhältnissen stammt und kurz vor einer Vernunftehe mit dem ebenfalls fürs KaDeWe arbeitenden Rüdiger (Tonio Schneider) steht. Unterdessen beginnen die ebenso goldenen wie wilden Jahre der Weimarer Republik allmählich aufzublühen, mit der Eröffnung des freizügigen Nachtclubs Eldorado oder der Gründung der lesbischen Zeitschrift "Die Freundin", während etwas weiter hinten am zeitlichen Horizont schon die nächsten dunklen Schatten aufziehen.
Realität mischt sich mit Fiktion
Historische Realität und Drehbuch-Fiktion gehen in "Eldorado KaDeWe" Hand in Hand. Während es Harry und seinen anfangs widerwilligen Kompagnon Georg ebenso gab wie besagte Zeitschrift, sind seine Schwester Fritzi und ihre Angebetete fiktiv. Der Spagat gelingt Regisseurin Julia von Heinz ("Ich bin dann mal weg", "Und morgen die ganze Welt"), die auch bei den Drehbüchern federführend war, sehr überzeugend – und sie geht spannenderweise noch einen Schritt weiter. Der Bogen wird sogar, auf beiläufig-anachronistische Weise, zur heutigen Gegenwart geschlagen: in den Berliner Hinterhöfen ist Graffiti zu sehen und hängen Plakate für Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", durch den Bildhintergrund fährt schon mal ein modernes Polizeiauto und auch die Straßenbahn ist keine zeitgemäße.

Hedi (Valerie Stoll, r.) und Fritzi (Lia von Blarer) genießen den Augenblick (Bild: ARD Degeto / RBB / Constantin Film / UFA Fiction / Dávid Lukács)
Dieser Kunstgriff verleiht der Serie nicht nur eine doppelbödige Lässigkeit, sondern verhindert auch das Aufkommen von allzu viel verstaubt-kulissigem Historienkitsch, wie er sonst oft schwer auf ähnlichen Produktionen lastet. Und auch sonst machen Heinz und ihr Team vieles besser als der Großteil der Konkurrenz. Die Kombination aus den persönlichen, emotional aufgeladenen Geschichten des Protagonist*innen-Quartetts mit den utopischen Hoffnungen und gesellschaftspolitischen Realitäten der 1920er Jahre (und ihrem Nachhall heute) ist stimmungsvoll und selten zu plump. Basman (gerade auch in "Monte Verità" zu sehen), und von Blarer (zuletzt auch in "Mapa" großartig), aber auch der Rest des Ensembles überzeugen auf ganzer Linie – und gut aussehen tut die Sache auch.
Dass dann ja auch noch eine große queere Liebesgeschichte samt nicht unbedingt verschämter Sexszenen im Zentrum steht, was für eine öffentlich-rechtliche Prestigeproduktion dieser Art auch keine Selbstverständlichkeit ist, ist ein weiteres großes Plus. Wer also über die Feiertage ein paar Stunden Zeit hat, sollte ohne Frage einschalten, um noch eine der gelungensten deutschen TV-Produktionen des ausgehenden Jahres mitzunehmen.
Links zum Thema:
» "Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit" in der ARD-Mediathek
» Homepage zur Serie
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