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Jahresrückblick, Teil 6

Diese Nachricht hat uns im Jahr 2021 besonders betroffen gemacht: Der Tod von Ella Nik Bayan

Am 14. September stellte sich Ella Nik Bayan auf dem Berliner Alexanderplatz auf, übergoss sich mit brennbarer Flüssigkeit und entzündete sich selbst. Ihr Tod hat viele Menschen berührt.


Zur ersten Trauermahnwache für Ella Nik Bayan am 19. September kamen Dutzende, legten Blumen und Kerzen nieder (Bild: @Marion_Nur / Twitter)

Wer in Deutschland ein Verfahren nach dem Transsexuellengesetz beginnen möchte, braucht im Regelfall eine begleitende, psychologische Psychotherapie. Wer hier die selbe Gesundheitsversorgung wie andere Kassenpatient*innen genießen möchte, braucht eine Anerkennung als Flüchtling. Wer eine solche Anerkennung, Asyl, haben möchte, muss seine Flucht- und Verfolgungsgründe glaubhaft gegenüber dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge darlegen. Und hoffen, dass das Amt zuhört.

Das TSG-Verfahren der Ella Nik Bayan war noch nicht mit einer Namens- und Personenstandsänderung abgeschlossen, als die aus dem Iran stammende Frau sich am 14. September auf dem Berliner Alexanderplatz mit einer brennbaren Flüssigkeit übergoss und anzündete. Das war sechs Jahre nach Beginn von Bayans Asylverfahrens in Sachsen-Anhalt, im Oktober 2015. Sechs Jahre, die unter anderen Umständen ganz anders verlaufen wären – oder anders hätten verlaufen müssen.

Doch für Bayan, die in transgeschlechtlichen Kreisen jetzt vor allem "Ella" heißt, gibt es nicht ein mal eine zahnärztliche Behandlung. Süßkram habe sie gerne gegessen. Das erzählt mir Georg Matzel, ein Freund und Unterstützer Ellas, als ich ihn Anfang Oktober in Berlin-Schöneberg treffe.

Der Zahnarzt, den Ella wohl wegen ihrer Vorliebe für Süßigkeiten besuchen musste, habe nicht bohren dürfen. Beziehungsweise: Er hätte es von niemandem bezahlt bekommen. Als Alternative habe er Ella angeboten, den Zahn zu ziehen. Umsonst. Matzels Trauer, seine Schockierung über den grausamen Tod, aber auch über die Demütigungen, die Ella über Jahre in Deutschland über sich ergehen lassen musste, sind beinahe mit Händen zu greifen.

Er erzählt, wie Ella auf ihren Asylbescheid habe warten müssen. Wie ihre Transgeschlechtlichkeit in der irgendwann eingeflatterten Ablehnung nicht ein mal erwähnt worden sei. Wie Ella im langen Prozess der Anfechtung des falschen Bescheids auf ihr Leben warten musste. Oder wie zynisch und transphob auf dem Jobcenter mit ihr umgegangen wurde, als sie mit einem Ergänzungsausweis der Deutschen Gesellschaft für Transidentät und Intersexualität nur eine winzige Selbstverständlichkeit wollte. Mit ihrem richtigen Namen, im richtigen Geschlecht angesprochen werden.

Erst Ende 2018 ist Ellas Status als Flüchtling in Deutschland anerkannt worden. Der Behördenkrieg mit den Bestimmungen des Transsexuellengesetzes und mit der Krankenkasse hatte da noch nicht ein mal begonnen. Sein Ende hat sie nicht erlebt.

Aktiv für Magdeburger Geflüchtete

Dabei ist Ella für ihr Umfeld in Magdeburg schon lange Ella. Eine freundliche, umgängliche, lustige und vor allem hilfsbereite Frau, die andere darin unterstützte, Deutsch zu lernen. Die übersetzte. Die schon vier Sprachen beherrschte, selber rasche Fortschritte in der deutschen Sprache machte. Die die Rainbow Connection, einen Treff für queere Geflüchtete in Magdeburg, von Anfang an mit aufgebaut und mit ihrer Wärme geprägt hat. Die für ein Filmprojekt von Student*innen vor die Kamera trat und aus ihrem Leben erzählte: gefühlvoll, leise, auch traurig, aber hoffnungsvoll.

Eine Mitarbeiterin des Sprachcafés, in dem Ella schnell nach ihrer Ankunft aktiv wurde, beschreibt die Begegnung mit ihr im Video. Vor ihrem Coming-out sei Ella ruhig gewesen, introvertiert, habe aber stets gelächelt. Manchmal auch mit Traurigkeit in den Augen. Aber gelächelt.

Doch die Entwicklung schließlich sei großartig, Wahnsinn gewesen. Selbstsicherer sei sie geworden. Und wenn sie dann gelacht habe, dann wirklich: Auch die Augen.

Als das Video nach Ellas Tod wiederentdeckt, geteilt und weiterverbreitet wird, sehen und hören viele, die von der Selbstverbrennung berührt und geschockt sind, die Tote zum ersten mal. Ihr Eindruck ist geblieben. Auch mir geht es so.

Direktlink | Obwohl der Film Ellas Deadname nennt und problematische Äußerungen über trans Menschen enthält, hat er Vielen den Menschen Ella Nik Bayan näher gebracht
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Am 15. September mussten wir den bereits tags zuvor eingetretenen Tod von Ella Nik Bayan vermelden (queer.de berichtete).

Rest in Power, Ella.

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Freund*innen oder Verwandte könnten gute Ansprechpartner*innen sein.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.
Die Telefonnummern lauten: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.


#1 NaDankeAnonym
  • 31.12.2021, 22:50h
  • genau so einen Artikel habe ich zum Jahresende gebraucht.
    War ja Weihnachten schon so nett alleine. Heute hat der Hund wenigstens noch Panik und versteckt sich unterm Bett weil draußen ein paar Idioten doch Böller werfen müssen.
    Aber hey; ich kann ja fix zur Tanke fahren; bissl Champagner kaufen und dann fröhlich mit der Telefonseelsorge anstoßen.
    Oder die Familie anrufen die sich seit Jahren nicht mehr gemeldet hat.

    Musste das echt heute sein? Ich verstehe ja das Rückblicke nur ein begrenztes Zeitfenster haben aber das ist heftig.
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#2 Hannes23Anonym
  • 31.12.2021, 23:20h
  • Antwort auf #1 von NaDanke
  • Aber nur so, kann man solche Ereignisse in Erinnerung rufen und entsprechend für Druck auf die Politik und das BAMF sorgen, dass mit für den Tod der Frau verantwortlich ist.
    Leider sind fehlerhafte Asylbescheide beim BAMF die Regel und müssen mühsam vor Gericht angefochten werden.

    Wird Zeit, dass die neue Innenministerin da mal Grundlegend die Arbeitsweise im Amt ändert.

    Die neue Familienministerin hat nun glücklicherweise eine schnelle Abschaffung des TSG angekündigt.
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#3 JasperAnonym
  • 01.01.2022, 12:19h
  • Wie traurig.

    Ich wünschte, sie hätte das nicht getan. Wir hätten sie hier gebraucht.
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#4 NaDankeAnonym
  • 01.01.2022, 19:19h
  • Antwort auf #2 von Hannes23
  • Das ist mir alles bewusst.
    Ich habe auch nur in dieser Form kommentiert weil ich den Zeitpunkt nicht gut fand.

    Ich bin eine der Personen die froh sind wenn gewisse Tage vorbei sind. Und da keine zusätzlichen schlechten Nachrichten und Erinnerungen gebrauchen kann. Für mich war der Artikel wie ein letzter Schlag in die Fresse im alten Jahr, um es auf deutsch zu sagen.

    Ich hätte den Artikel auch nicht anklicken sollen.
    Das war ein Fehler von mir. Aber ich wollte mich nur ablenken und habe nicht gleich realisiert worum es eigentlich geht.
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#5 David JacobAnonym
#6 Na DankeAnonym
  • 03.01.2022, 01:59h
  • Ich hocke immer noch flennend auf dem Sofa; die Hündin weicht mir nicht von der Seite; die Nachbarn haben gefragt was los sei.

    Ihr, oder Jeja, habt mich echt fies erwischt. Kritischer Treffer, W20; falls jemand Pen&Paper spielt.
    Hat eventuell auch etwas gutes: ich habe den Nachbarinnen den Link zum Artikel gegeben.
    Mal abwarten.
    Ansonsten halten mich ja eh viele für durchgeknallt.

    Vielleicht sollte ich doch einmal zu einer Therapeutin. Es ist doch keine gute Idee falls man alles mit sich selbst abmacht. So nah beim Wasser war ich früher nicht gebaut.

    Eventuell muss der ganze Mist auch raus. Die Hoffnungen, Ängste, die ganzen Emotionen.
    Aber Angst habe ich nun. Es ging ihr doch "besser"...und dann macht sie trotzdem so etwas.
    Trotz "Lachen mit den Augen" ...

    Hinzu kommt: hab gerade ne ADS-Diagnose bekommen, die dümmste bin ich auch nicht; das hätte aber schon vor über 30 Jahren passieren sollen.
    Bin halt iwie durch die Maschen gerutscht - also alles Scheiße gerade.

    Sorry für das gequatsche; aber ich muss mich iwie artikulieren. Sonst drehe ich durch. Und das Hündchen kann nicht reden...
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