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Kinotipp

Sextourist trifft monogamen Spießer

Harry und Johannes knutschen in einem Berliner Club rum. Doch zum Kennenlernen bleibt wenig Zeit: Harrys Flug nach London geht bald. "Boy Meets Boy", im Januar in der queerfilmnacht, ist eine unkomplizierte, tolle queere Indie-Perle.


Harry (Matthew James Morrison, l.) und Johannes (Alexis Koutsoulis) haben nur 15 Stunden miteinander (Bild: Salzgeber)

Mit Fotos auf Grindr ist es wie mit Erdbeeren: Je frischer, desto besser. Deshalb macht der Londoner Tourist Harry in seinem Airbnb erst einmal ein paar Holefies. Wer gerade ein neues Wort lernt: Der Dating-App-Slang hat ein eigenes Wort für ein Selfie vom Arsch etabliert. Seine Fotos hatten wohl Erfolg, ein Typ war zu Besuch und zieht sich kurze Zeit später wieder an. Hatte Harry genug? Er ist währenddessen schon wieder auf Grindr. Ein klassischer Berliner Sextourist.

Deshalb feiert er auch seit fast zwei Tagen in einem dieser Clubs, in dem Gäste ihre Smartphone-Kamera abkleben müssen. Oberkörperfrei natürlich, aber das kann er sich auch leisten. Dann tanzt Johannes ihn an, sie knutschen rum, unterhalten sich draußen. Harry merkt, dass er eigentlich gar nichts von der Stadt gesehen hat, aber heute Abend zurückfliegt. Johannes merkt, dass sein Geldbeutel geklaut wurde. Weil sie noch zu drauf für die Polizei sind, zeigt Johannes dem Touristen die Stadt.

Eine Aktualisierung des Klassikers "Weekend"


Poster zum Film: "Boy Meets Boy" läuft im Januar 2022 in der queerfilmnacht

Die zwei lassen sich auf dem Rad durch Berlin treiben. Hanna Biørnstads Kamera fängt die sommerliche, unbeschwerte Stimmung, das Prickeln des anfänglichen Kennenlernens, ganz wunderbar ein. Schon davor überzeugte ihre Kameraarbeit: anfangs einfache, lange Einstellungen, kein Schnickschnack, später hübsche Einfälle und viele Spiegelungen.

Harry und Johannes, Ende 20 höchstens, haben knapp 15 Stunden gemeinsam. Sie quatschen anfangs noch belanglos, später werden die Gespräche ernster: Kinder, offene Beziehungen, die Gesellschaft und ihre Vorstellung von schwulen Männern.

In seiner Anordnung erinnert "Boy Meets Boy" des Regisseurs Daniel Sánchez López an "Weekend". Vor zehn Jahren berührte der Film durch seine authentische Darstellung und die Ehrlichkeit, mit der sich Russell und Glen begegnen – für ein Wochenende. Seitdem hat sich viel getan, und "Boy Meets Boy" wirkt wie eine Aktualisierung.

Harry kann denselben Typen nicht zweimal ficken

Denn die Konflikte sind andere geworden. Johannes (Alexis Koutsoulis) scheint sich noch nicht ganz gefunden zu haben. Er wirkt in seiner betonten Spießigkeit prätentiös, hält die bürgerliche monogame Beziehung fürs höchste Glück – oder will er das nur wollen? Gleichzeitig plündert er möchtegern-rebellisch mit seiner neuen Bekanntschaft ein Hotel-Buffet und macht sich über Missionare der Zeugen Jehovas lustig.

Harry (Matthew James Morrison) dagegen hat sich gefunden, ist mit sich selbst im Reinen. Der Notarzt hätte nie Sex ohne Grindr, gibt er zu, und könne denselben Typen auch nicht zweimal ficken. Was ist auch dabei, sagt er gleichzeitig sich selbst und seinem Gegenüber. Er ist ehrlich zu sich selbst – und zufrieden. Das kann man von Johannes nicht behaupten: Zumindest verschweigt er ein nicht ganz unwichtiges Detail. Eine etwas konstruierte Wendung führt jedoch zu einem umso klareren Ende.

"Boy Meets Boy" ist vielleicht der unkreativste Filmtitel des Jahres, und doch hat die romantische Komödie es in sich. Die Indie-Produktion beweist, dass ein guter Film gar nicht viel braucht. Manchmal reicht es, wenn zwei Männer sich treffen. So doof ist der Titel dann doch nicht.

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Infos zum Film

Boy Meets Boy. Spielfilm. Deutschland 2020. Regie: Daniel Sánchez López. Darsteller: Matthew James Morrison, Alexis Koutsoulis. Laufzeit: 75 Minuten. Sprache: englisch-deutsche Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Im Januar 2022 in der queerfilmnacht.


#1 FilmfanAnonym
  • 01.01.2022, 11:23h
  • Ein sehr schöner Film, der mich nicht nur an "Weekend" erinnert, sondern auch an "Before Sunrise" und "Before Sunset" mit Ethan Hawke und Julie Delpy.

    Nur schade, dass er so kurz ist. Ich hätte es schön gefunden, wenn er zumindest die üblichen 90 Minuten gehabt hätte. Damit hätte er nicht nur für Fernsehausstrahlungen besser ins Programmschema gepasst, sondern ich hätte diese Geschichte gerne noch 15 Minuten mehr gesehen und noch mehr schöne Momente des Films erlebt.
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#2 AtreusProfil
  • 03.01.2022, 07:59hSÜW
  • Verstehe nicht so richtig, wie man die beiden Filme, also Weekend und Boy Meets Boy, ernsthaft miteinander vergleichen kann, nachdem man sie gesehen und verstanden hat?!

    In ersterem entwickelt sich aus einem Reste-Mitleidsfick eine bittersüße Romanze, ein nicht voneinander lassen können. Zeit wird geschaffen und so reihen sich Tage sinnlicher Zweisamkeit aneinander, die in Verbunden- und Verliebtheit münden, sodass man am Bahnhof zwar in einem Anflug dümmlich ausgelegter Männlichkeit versucht, seine Gefühle zu unterdrücken und die Innerlichkeiten mit einem Schwall aus "fuck" und "shit" - Rufen verfremdet, die Tränen letzen Endes aber doch die Wahrheit aus dem Körper spülen: nämlich, dass einzig die unumgängliche Abreise einer beginnenden Beziehung im Wege steht.

    Im aktuellen Werk wird unser als "Spießer" verunglimpfter Protagonist von Anfang bis Ende als Fleshlight auf Beinen betrachtet, das zufällig noch zu gehen und sprechen befähigt ist. Und so wird er auch zurückgelassen: als Gebrauchtware, ohne ein Wort des Abschieds, ohne einen Blick zurück, ohne einen Gedanken an die Vergangenheit oder Mögliches zu verschwenden.
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