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Großbritannien

Parlamentsfrauen für mehr Selbstbestimmung beim Geschlecht

Großbritannien, das Land der Transfeind*innen? Der konservativ dominierte Parlamentsausschuss für Frauen und Gleichstellung hat eine Gesetzesreform vorgeschlagen. Die sieht mehr Selbstbestimmung vor.


Dem britischen Women and Equalities Committee sitzt die frühere Tory-Abgeordnete Caroline Nokes vor (Bild: Richard Townshend / wikipedia)
  • Von Jeja Klein
    4. Januar 2022, 17:06h, noch kein Kommentar

Transgeschlechtlichen Personen in Großbritannien müssen große Hürden übersteigen, wollen sie ihren Namen und Geschlechtseintrag mit einem sogenannten "Gender Recognition Certificate" ändern lassen. Doch nun gibt es eine neue Initiative zur Reform.

Die sieht vor, den Menschen nicht mehr den obligatorischen, zweijährigen "Alltagstest", psychologische Begutachtungen und Diagnosen zuzumuten, damit sie auch offiziell sie selbst sein dürfen. Zu dieser Auffassung kam niemand geringeres als der Parlamentsausschuss für Frauen und Gleichstellung, das Women and Equalities Committee.

Überraschend ist das, weil in Großbritannien seit Jahren der am verbittertsten ausgetragene Kulturkampf um den Status transgeschlechtlicher Personen, insbesondere um denjenigen von Frauen, ausgetragen wird – wenn man ein mal von den USA absieht.

Der Ausschuss, der sich aus einem Querschnitt der Parlamentsmitglieder zusammensetzt, hat die Aufgabe, die Gleichstellungsbemühungen der britischen Regierung zu überprüfen und äußert sich zu gleichstellungspolitischen Themen. Dabei geht es nicht nur um die Gleichstellung der Geschlechter, sondern etwa auch um Fragen des Alters.

Das Gremium besteht aus elf Mitgliedern, wobei die Konservativen mit sechs Sitzen in der Mehrheit sind. Vier weitere Stühle werden von Labour-Abgeordneten besetzt, einer von einer Abgeordneten der sozialdemokratischen Scottish National Party.

Verhandlungen mit Transfeindinnen

Statt aber nur die Arbeit der Regierung zu überprüfen, hat der Ausschuss in diesem Fall eine eigene Vorstellung davon entwickelt, wie eine Reform des Gender Recognition Act aussehen sollte. Das Gesetz hatte es erst im Jahr 2004 überhaupt ermöglicht, dass transgeschlechtliche Brit*innen in ihrem Geschlecht anerkannt werden.

Zum Vergleich: In Deutschland gilt das Transsexuellengesetz seit 1981. Das britische System solle, so das Ergebnis der Ausschussarbeit, nun näher an ein System der "Selbstdeklaration" heranrücken, was in etwa der in Deutschland verhandelten Idee eines Selbstbestimmungsgesetzes entspräche.

Auch die Zusammenfassung der Ergebnisse der geführten Konsultationen, die das Kommittee am 21. Dezember veröffentlicht hat, benennt gleich den gesellschaftlichen Spannungsbogen, vor dem getagt worden ist.

So hätten die Verhandlungen zwischen zwei Polen stattgefunden: Einerseits die eingeforderte "Modernisierung" und "Vereinfachung" des Gesetzes, andererseits die in der britischen Öffentlichkeit vorgetragenen "Sorgen" um "Implikationen" von Erleichterungen für trans Personen auf der anderen Seite.

Man habe, so der Ausschuss, mündlich mit "Betroffenen" getagt – darunter Gruppen, die für Transrechte einstehen, als auch mit "Frauenrechtsgruppen" ("womens rights groups"). Man sei sich bewusst, dass um diesen Themenbereich im Land eine extrem toxische Debatte herrsche.

Dennoch hat der Ausschuss zwischen den gegensätzlichen Gruppen auch Übereinstimmungen erzielen können. Als Beispiel wird die Zustimmung der "Frauenrechtsgruppen" zu einem Ende des zweijährigen Alltagstests ("to live in an acquired gender for two years") genannt. Dieser führe nur zur Verstärkung überkommener Geschlechterstereotype – wie dies von trans Menschen seit Langem kritisiert wird.

In Deutschland gilt die selbe Regelung, allerdings für ein Jahr. Meist ist auch die Indikation für eine Hormontherapie daran geknüpft, dass Menschen ohne jede medizinische Maßnahme 12 Monate lang öffentlich ihr Geschlecht beanspruchen sollen, was in der Praxis oft massive Diskriminierungserfahrungen und Angriffe nach sich zieht.

Auch Rückschläge enthalten

Doch die Vorschläge des Ausschusses stellen nicht nur einen Grund zur Freude dar. So sieht die von dem Kommittee erdachte Lösung eine Annulierungsoption für Ehegat*innen vor.

Demnach könnten verheiratete Partner*innen von transitionierenden Personen die mit ihnen geschlossene Ehe einfach für null und nichtig erklären lassen. Das dürfte in nicht wenigen Fällen erhebliche Konsequenzen für die finanzielle und rechtliche Absicherung von transitionierenden Ehepartner*innen und deren Kinder haben.

Außerdem würde es die Idee in Gesetzesform gießen, dass transgeschlechtliche Menschen durch das Eingehen von Beziehungen betrügerisch agieren würden. Bislang müssen die Ehepartner*innen der Transition jeweils zustimmen.

Darüber hinaus sollen Personen, die ihren Geschlechtseintrag ändern wollen, weiterhin eine Versicherung an Eides statt abgeben, die die eigene Geschlechtszugehörigkeit belegt. Die Idee dahinter ist, ein irgendwie missbräuchliches Benutzen des Gender Recognition Act im Zweifelsfall bestrafen zu können. Fraglich ist allerdings, wie sich ein Missbrauch überhaupt nachweisen ließe. Auch der Bericht des Ausschusses enthält, neben der Forderung nach Konsequenzen, keinerlei Überlegungen dazu.

Darüber hinaus soll es nur volljährigen Brit*innen erlaubt sein, den Prozess zu durchlaufen. Das setzt minderjährige transgeschlechtliche Menschen, die zumeist eine ungewollte Pubertätsentwicklung verhindern wollen, unter Druck: Sie wären bis zu ihrem 18ten Lebensjahr außerstande, Dokumente zu erhalten, die sie nicht sofort fremdouten.

In der Schule wären sie der Offenlegung ihrer Transgeschlechtlichkeit, möglicherweise der andauernden Ansprache mit ihrem abgelegten Namen und weiterer, durch die Regelung verschärfter Diskriminierung ausgesetzt. Anders gesagt: Teenager, die trans sind, sollen auch in Zukunft in Großbritannien nicht das Recht erhalten, dass dies ihre Privatangelegenheit oder gar ihr Geheimnis ist. Ein klarer Verstoß gegen Kinderrechte, wie sie etwa in der Kinderrechtskonvention dargelegt sind.

Und: Die Erfordernis, die eigene Transgeschlechtlichkeit diagnostizieren zu lassen, soll laut Vorschlag des Ausschusses erst im Jahr 2023 fallen. Dabei sieht das international mit dem Jahreswechsel in Kraft getretene Diagnosemanual ICD-11 bereits gar keine Diagnose "Transsexualismus" mehr vor. Es gibt schlicht seit Langem keinen wissenschaftlichen Konsens für eine solche Pathologisierung mehr (queer.de berichtete). Psychotherapeut*innen kämen also mindestens in berufsethische Konflikte.

2018 hatte die damalige Ministerpräsidentin Theresa May das Kommittee damit beauftragt, einen "stromlinienförmigeren" und "demedikalisierten" Prozess auszuarbeiten, mit dem das Geschlecht von transgeschlechtlichen Personen in Großbritannien anerkannt wird.

Damals begründete May dies damit, dass "trans zu sein niemals wie eine Krankheit behandelt werden sollte". Entsprechend steht im Bericht jetzt auch, dass transgeschlechtliche Brit*innen im juristischen Prozess keine medizinische Überprüfung bräuchten, sondern starke juristische Schutzmaßnahmen.

Doch ob die vorgeschlagenen Reglungen so in ein Gesetz gegossen werden und ob sich aus ihnen wirklich ein starker juristischer Schutz ergibt, bliebe abzuwarten. Eines ist durch den Ausschussbericht jedoch deutlich geworden: Die sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien oft so wahrgenommene, diskursive Dominanz transfeindlicher Hassgruppen auf den Inseln könnte in Wahrheit deutlich kleiner sein.