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Deutsche Rechtsgeschichte

"Moral gehört nicht ins Strafrecht"

Heute vor 300 Jahren – am 6. Januar 1722 – wurde Karl Ferdinand Hommel geboren. Für den Strafrechtsreformer der Aufklärung gehörte Homosexualität nicht ins Strafrecht.


Karl Ferdinand Hommel (Porträt, 1781)
  • Von Erwin In het Panhuis
    6. Januar 2022, 04:59h, 2 Kommentare

Karl Ferdinand Hommel (1722-1781) erhielt nach dem Studium der Rechte ab 1750 eine Professur an der Universität Leipzig. Er setzte sich für die Durchsetzung aufklärerischer Prinzipien im Strafrecht und gegen die Folter ein. 1770 trug er dazu bei, dass im Kurfürstentum Sachsen die Folter gesetzlich abgeschafft wurde. Es ist jedoch auch zu betonen, dass sich Hommel (im Gegensatz zu dem Hinweis im Wikipedia-Artikel) nie deutlich gegen die Todesstrafe positioniert hat (s. seine unten zitierte Beccaria-Übersetzung S. XXII ff.) und eher dafür plädiert zu haben scheint, für besonders schwere Delikte die Todesstrafe beizubehalten.

Für Hommels öffentliches Wirken erwies sich das Hauptwerk des italienischen Rechtsphilosophen und Strafrechtsreformers Cesare Beccaria (1738-1794) "Dei delitti e delle pene" ("Von den Verbrechen und Strafen") als bedeutsam, das erstmals 1764 erschien und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Hommel übersetzte das Werk ins Deutsche und gab es 1778 kommentiert heraus, woraufhin er als "deutscher Beccaria" bezeichnet wurde. Die sogenannte "Hommelische Vorrede" in Beccarias Übersetzung ist für die Geschichte des deutschen Strafrechts von großer Bedeutung. Der zentrale Punkt der Aufklärung wird hier sehr deutlich, dass es nämlich beim Strafrecht nur um verletzte Rechtsgüter, aber nicht um moralische Vorstellungen gehen dürfe.

Homosexualität im Zeitalter der Aufklärung


Stich von Jean-François Borgnet mit dem Titel: "Je ne pus me défendre de quelques confusion en recevant ses caresses". Abgedruckt in: Antoine-François Prévost d'Exiles: "Oeuvres choisis" (1810, S. 118/119)

Mit dem Wort Aufklärung wird eine geistige und soziale Reformbewegung bezeichnet, die etwa um 1700 einsetzte und deren Ziel die Benutzung des eigenen Verstandes, die Überwindung von Aberglauben und Voreingenommenheit und die kritische Auseinandersetzung mit den Normen und Traditionen von Kirche, Staat und Gesellschaft war. Zu diesen Normen gehörte auch die repressive Einstellung zu gleichgeschlechtlicher Sexualität, die von Staat und Kirche massiv verfolgt wurde.

Der Literaturwissenschaftler Joachim Campe beschreibt in seinem Buch "Andere Lieben. Homosexualität in der deutschen Literatur" (1988, S. 99-124), wie erst die Aufklärung dafür sorgte, dass man auch in Deutschland neu über die Bestrafung von Homosexualität öffentlich diskutierte, allerdings nicht, weil man Verständnis hatte, sondern weil man sie erklären und in das neue, von Wissenschaft und Vernunft bestimmte Weltbild einzuordnen versuchte. Die mittelalterlichen Erklärungen von Sünde waren nun unbrauchbar geworden.

Als Beispiele für diese Epoche verweist er nicht nur auf Beccaria und Hommel (dazu später), sondern auch auf den preußischen König Friedrich II. ("Le Palladion", 1747-1749), den Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann (Brief an Reinhold Friedrich von Berg, 1762) sowie die Schriftsteller Christoph Martin Wieland ("Juno und Ganymed", 1765) und Gotthold Ephraim Lessing ("Alcibiades in Persien"). Campe verweist zwar auch auf Johann Georg Krünitz, der in seiner "Oekonomisch-technologischen Encyclopädie" (Band 41, 1787, S. 160-168) einen ausführlichen Artikel zur "Knaben-Schänderey" schrieb, der jedoch mit seinem indirekten Wunsch nach einer Todesstrafe nicht mehr als typisch für das Zeitalter der Aufklärung angesehen werden kann. "Knaben-Schänderey" ist hier als Synonym für "Homosexualität" zu verstehen, mit dem Wort wurde damals auch Sex zwischen erwachsenen Männern bezeichnet. Wie sich die strafrechtliche Situation während der Aufklärung und danach verändert hat – unter Beibehaltung der strafrechtlichen Verfolgung und unter Verzicht auf die Todesstrafe -, habe ich vor drei Jahren hier auf queer.de nachgezeichnet.

Übersetzer, Herausgeber und Kommentator des Werks von Cesare Beccaria


Cesare Beccaria (Gemälde, nach 1864)

Karl Ferdinand Hommel war Übersetzer, Herausgeber und Kommentator einer viel beachteten deutschen Ausgabe von Cesare Beccarias Werk, die er unter dem nicht gerade bescheidenen Titel "Des Herren Marquis von Beccaria unsterbliches Werk von Verbrechen und Strafen" (1778) herausgab. Man kann davon ausgehen, dass sich Hommel mit allen Äußerungen Beccarias über die "Knabenliebe" identifizieren konnte, ein Begriff, der sich auch hier nicht auf ein bestimmtes Alter bezieht und in späteren Ausgaben mit "attische Liebe" übersetzt wurde. Diese "Knabenliebe" wird von Beccaria in eine Reihe mit weiteren Verbrechen gestellt, bei denen sich die Gerichte (leider) auf Mutmaßungen verließen und zu deren Ermittlung auch Folter angewendet werden konnte (S. 159-160).

Die Ursachen der "Knabenliebe" sieht Beccaria in falscher Erziehung und in dem, was später auch als "Nothomosexualität" bezeichnet wurde, aber nicht in sexueller Übersättigung. Hommel positioniert sich in einer Fußnote unmissverständlicher: "Sodomiterey ist Sünde, auser dem auch Unflath, Schmuz, Unanständigkeit, die Schande bringet, aber kein Verbrechen, weil sie niemanden das Seinige entziehet, und nicht aus betrügerischen boshaften Herzen entspringet, noch die bürgerliche Gesellschaft zerrüttet. Aber unser geistliches Recht hält solche, ja so gar eine Heyrath in verbothenen Grade, oder sonst ein fleischliches Verbrechen, (ich kan die Ursache gar nicht begreifen,) weit abscheulicher als Betrügerey und Diebstahl" (S. 165-167). Der zentrale Punkt der aufklärerischen Strafrechtsdiskussion war die Forderung, dass das Strafrecht nicht mehr der Durchsetzung christlicher Moralvorstellungen, sondern nur dem Schutz von Rechtsgütern dienen solle.

Vielleicht hat Hommel hier bewusst gegen das Unmoralische gewettert, weil er nicht als ein Freund der Homosexuellen missverstanden werden wollte, aber diese Textstelle bringt eines gut auf den Punkt: Auch als Aufklärer konnte man gleichgeschlechtlichen Sex als unmoralisch verurteilen und trotzdem der Meinung sein, dass er nicht ins Strafrecht gehöre. Das war das entscheidend Neue in der Reformdiskussion.

Frühe Rezeption

Ich möchte zwei interessante Beispiele für eine zeitgenössische posthume Rezeption dieser Textpassagen aufgreifen. In seiner anonym erschienenen Schrift "Briefe über die Galanterien von Berlin" (1782, S. 155-169) schildert der österreichische Schriftsteller Johann Friedel in erotischen Histörchen das angebliche zeitgenössische Leben in Berlin. Im Rahmen seiner Schilderungen über angebliches schwules Leben in Berlin geht der Autor auf rund 15 Seiten ausführlich auf Beccarias und Hommels Schrift ein und behandelt die Äußerungen beider Autoren gemeinsam, wobei er Hommel als Übersetzer sogar noch größere Aufmerksamkeit widmet.

Friedel positioniert sich deutlich gegen die Todesstrafe, aber auch gegen Hommels (angeblichen) Wunsch nach Legalisierung der "Sodomiterey", wobei er gegen Hommel vor allem bevölkerungspolitisch argumentiert, weil durch die Homosexualität die "Kräfte" der Gesellschaft "verschwendet" würden. Sein Fazit: Wenn der Staat aufgrund der meistens recht schwierigen Beweislage nicht zu einer Verurteilung wegen Homosexualität kommen könne, solle er wenigstens versuchen, über die Religion das Verhalten der betreffenden Menschen zu beeinflussen.

Auch der Jurist Carl Friedrich Gerstlacher erklärt in seinem "Handbuch der teutschen Reichsgeseze" (1794, S. 2632-2637, hier S. 2634), dass er mit Hommels Ausführungen "nicht ganz einverstanden" sei, weil sich homosexuelle Handlungen schließlich gegen die Ehe richten und eine "Entvölkerung" zur Folge haben würden. Mit Verurteilungen müsse man jedoch aufgrund der meist schwierigen Beweislage sehr vorsichtig sein. Wesentlich knapper gefasst, deutet sich hier die gleiche Argumentationslinie wie in den "Briefen über die Galanterien von Berlin" an.

Karl Heinrich Ulrichs

Der Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) war die erste Person des öffentlichen Lebens, die sich öffentlich und selbstbewusst zu ihrer Homosexualität bekannte. Ab 1864 publizierte er eine zwölfteilige Schriftenreihe "Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe". In dieser Schriftenreihe – von der ein Teil online verfügbar ist – bezieht er sich an einigen Stellen auf die italienische Originalausgabe von Beccarias "Dei delitti e delle pene"; Hommels kommentierte Übersetzung erwähnt er nicht.

Zunächst macht sich Ulrichs noch über Beccaria lustig, der als Ursache von Homosexualität den Mangel an heterosexueller Gelegenheit ansah (II. Band, S. 25). In späteren Schriften zitiert Ulrichs Beccaria zustimmend, etwa im Zusammenhang mit der Einforderung von Gerechtigkeit (III. Band, S. 1; X. Band, S. 11-12), und betont die Parallele, dass auch Beccarias Schrift (wie Ulrichs' eigene Veröffentlichungen) beschlagnahmt wurde (III. Band, S. 19). Ulrichs wurde vorgeworfen, sich mit seinen Forderungen nach Straffreiheit für homosexuelle Handlungen im Widerspruch mit den bestehenden Gesetzen zu befinden. Auch hierzu verweist Ulrichs auf Beccaria, der sich mit seiner Forderung nach Abschaffung der Folter in der gleichen Situation befunden habe (VI. Band, S. 8).

Moderne Rezeption

In seinem Buch "Andere Lieben" (1988, S. 107-109) betont Joachim Campe, dass Beccaria (und damit auch Hommel) den "entscheidenden Anstoß für eine neue juristische Bewertung" von Homosexualität in Deutschland gegeben habe und dass die Juristen deren Ausführungen zur Ablehnung der Todesstrafe für dieses Delikt gefolgt seien. Campe verweist jedoch zu Recht auch auf die Inkonsequenz Beccarias und Hommels hin, deren Schlussfolgerungen eigentlich zu einer Forderung nach Straffreiheit für Homosexualität hätten führen müssen.

Beccaria betonte zwar, dass Homosexualität nicht mit schweren Verbrechen gleichzusetzen sei, forderte jedoch nicht ausdrücklich Straffreiheit, sondern merkte nur vorsichtig an, dass es "nicht zu fassen" sei, dass auf sexuelle Handlungen zwischen Männern immer noch die Todesstrafe stehe. Auch Hommel lässt Deutlichkeit vermissen, weil er seine indirekte Forderung nach Straffreiheit durch den Hinweis abschwächte, dass Homosexualität – so Campe – weiterhin als "Polizeivergehen" geahndet werden solle. Leider gibt Campe an dieser Stelle keine Quelle an, und es ist möglich, dass Campe damit sogenannte "Delicta privata" meint, die eher als Ordnungswidrigkeiten statt als "Polizeivergehen" bezeichnet werden können.

Der Germanist Paul Derks betont in seinem Werk "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990) zu Hommels Beccaria-Übersetzung: "Dieser Ton […] war unerhört und blieb nicht folgenlos." Derks ist der Meinung, dass nun eine "neue Literaturgattung" entstand, und zwar "rechtspolitische Schriften", die ein modernes Strafgesetz zum Ziel hatten, dass auch aufklärerischen Ansprüchen genügen sollte. Damit meinte Derks vermutlich nicht, dass diese Schrift eine neue Literaturgattung initiierte (was falsch wäre), sondern nur Teil dieser Literaturgattung war, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstand. An späterer Stelle verweist Derks auf Hommels (posthum veröffentlichte) Schrift "Philosophische Gedanken über das Criminalrecht" (1784, S. 139-142), worin dieser im Kapitel "Von fleischlichen Fehltritten" betont, dass diese "nur Sünden", aber keine "Verbrechen" seien, weil sie niemandem schadeten.

Und die Moral von der Geschichte: Moral gehört nicht ins Strafgesetz

Vor rund 250 Jahren war Karl Ferdinand Hommel einer der entscheidenden Juristen, die sich mit ihren Publikationen für eine von der Aufklärung beeinflusste Einstellung zur Homosexualität einsetzten. Sie trugen damit zu einer Liberalisierung des Strafrechts in diesem Punkt bei. Hommel hatte den Mut, ein Strafrecht zu fordern, dass sich nicht mehr an der Moral, sondern an verletzten Rechtsgütern orientieren sollte. Aufgrund der Argumentation wäre die Forderung nach einem vollständigen Verzicht auf Strafverfolgung schlüssig gewesen, die jedoch weder von Beccaria noch von Hommel explizit geäußert wurde. Realpolitisch betrachtet stellt das damals Erreichte trotzdem einen Schritt in Richtung Emanzipation dar, wobei es strittig bleibt, als wie groß dieser Schritt eingeschätzt wird.

Der zentrale Punkt der Aufklärung, dass es beim Strafrecht nur um verletzte Rechtsgüter, aber nicht um moralische Vorstellungen gehen dürfe, ist bis heute aktuell. Vor rund 50 Jahren hatte es die sexuelle Revolution in Deutschland erreicht, dass zum Beispiel Pornografie, Homosexualität unter erwachsenen Männern und mann-männliche Prostitution legalisiert wurden, deren pauschale Kriminalisierung auf Moral fußte, sich aber nicht mit verletzten Rechtsgütern begründen ließ. (In diesen Themenbereich gehören auch der reformierte Kuppelei-Paragraf, das frühere "Kranzgeld" nach dem BGB und das teilweise Inzest-Verbot).

Die Forderung, dass moralische Vorstellungen nicht mit den Rechtsmitteln des Staates umgesetzt werden dürfen, muss bestehen bleiben – allein schon deshalb, weil die Todesstrafe für Homosexualität in einigen Ländern bis heute immer noch angewendet wird. Es sind religiös geprägte Länder, die Homosexualität vor allem aus moralischen Gründen verurteilen.

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#1 gifiAnonym
  • 06.01.2022, 10:32h
  • Wieder mal ein toller Text. Die EIHP-Artikel sind für mich einer der Hauptgründe, wenn nicht der Hauptgrund, queer.de zu besuchen. Für mich ein - so pathetisch es klingen mag - fester Bestandteil des queeren Lebens in Deutschland, denn so öffentlichkeitswirksam findet queere Geschichtsvermittlung, die über Magnus Hirschfeld und die Basics zum 175er hinausgeht, nirgendwo statt.
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#2 RuntAnonym
  • 06.01.2022, 11:56h
  • Dem Kommentar #1 kann ich mich nur anschließen. Die Artikel sind materialreich, aber klar strukturiert und wissenschaftlich-historisch mustergültig aufbereitet und bringen in bester aufklärerischer Tradition "Licht ins Dunkle".
    Allein schon wegen der oft dürftigen Materiallage, der zahlreichen gesellschaftlichen Tabus ist es eine tolle Leistung, in diesem Bereich überhaupt Informationen zu bekommen und sich nicht in Spekulationen, Missvertändnissen zu verheddern.
    Umso größer der Verdienst, wenn die Jahrhunderte alten Wissenslücken zu diesem Thema wenigstens ein wenig gefüllt werden können.
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