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Debatte ums "Gendern"

Jürgen von der Lippe: "Wenn ich selbst queer wäre..."

Nach Dieter Hallervorden ätzt mit Jürgen von der Lippe ein weiterer deutscher TV-Dinosaurier gegen geschlechtersensible Sprache – und versucht dabei, die LGBTI-Community zu vereinnahmen.


Jürgen von der Lippe moderierte zwischen 1984 und 2011 zahlreiche Sendungen im deutschen Fernsehen (Bild: WDR / André Kowalski)

Jürgen von der Lippe hält geschlechtersensible Sprache für einen aufgesetzten Trend. "Es ist doch ein Skandal, dass Universitäten verlangen, dass Arbeiten von den Studenten gegendert und so in einem falschen Deutsch eingereicht werden", empörte sich der 73-jährige Entertainer in der "Bild am Sonntag" (Bezahlartikel). "Es entsteht der Eindruck, dass es eine breite Bewegung wäre. Aber das Gegenteil ist der Fall. Je nach Umfrage wollen bis zu 91 Prozent der Deutschen nicht gendern." Am meisten regen ihn demnach "die sinnfreien Partizipien" auf. Von der Lippe: "Der Bäcker ist ein Backender, wenn er in der Backstube steht. Wenn er auf dem Klo sitzt, dann nicht mehr."

Seit Jahren wird in Deutschland debattiert, ob und wie männliche Formen in der Sprache durch weiter gefasste Begriffe ersetzt werden – um Frauen, aber auch nichtbinäre und intergeschlechtliche Menschen einzubeziehen. Das Gendersternchen wie bei Lehrer*innen ist eine Möglichkeit. Manche setzen an die Stelle auch einen Doppelpunkt oder einen Unterstrich.

Von der Lippe findet diese Versuche gar nicht gerechter: "Wenn ich selbst queer wäre, also schwul, lesbisch, bi-, trans- oder intersexuell, wäre ich beleidigt, dass ich nur von so einem kleinen Zeichen repräsentiert werden soll." Außerdem frage er sich, was mit all den anderen Menschen sei, die benachteiligt seien. Solle für die auch etwas eingeführt werden? "Ein Emoji vielleicht? Das stimmt doch alles hinten und vorne nicht. Warum bleiben wir nicht einfach beim generischen Maskulinum, da kann sich jeder zu Hause fühlen."

Dreifach diskriminiert als "alter weißer Mann"?

Er bekenne, "ein alter weißer Mann" zu sein, der als Wurzel von Übeln wie Kolonialismus und Klimawandel ausgemacht sei, führte von der Lippe aus – wohl um Kritik vorwegzunehmen. "Nur wenn man es als Dreifach-Diskriminierung nutzt, ist es unzulässig. Denn ich darf wegen meines Alters, meiner Hautfarbe und meines Geschlechts nicht beleidigt werden. Da muss schon gleiches Recht für alle gelten."

Für ihn sei das "Gendern" eine Veränderung der Sprache "von oben", behauptete von der Lippe in dem "BamS"-Interview. Doch Sprache ändere sich "von unten". Ausnahme sei "das Beamtendeutsch. Wer sich so etwas wie 'Personenvereinzelungsanlage' ausdenkt, ist vielleicht auch vom Gendern begeistert."

Was gehässig ist und was nicht, bestimmt er selbst


Mit Genderstern-Bashing macht von der Lippe Werbung für sein neues Buch

Jürgen von der Lippe, der gerade ein neues Buch herausbringt ("Sex ist wie Mehl"), hatte in den 80ern und 90ern seine größte Fernsehzeit ("Donnerlippchen", "Geld oder Liebe"). Aus dieser Zeit bleiben auch zahlreiche Witze in Erinnerung, die auf Kosten queerer Menschen gingen. In seinem Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" erinnerte der Autor Johannes Kram u.a. an einen Witz über die Vergewaltigung eines heterosexuellen Ehemanns durch einen schwulen Einbrecher.

Während von der Lippe bereits 2007 zusammen mit anderen Prominenten einen Aufruf für einen Diskriminierungsschutz für Lesben und Schwule im Grundgesetz unterzeichnete, verteidigt er bis heute seine abwertenden Witze und kann in ihnen keine latente Homosexuellenfeindlichkeit erkennen. "Normalität schafft man nur durch Normalbehandlung", erklärte der Entertainer 2018 gegenüber "Spiegel" (queer.de berichtete). Homosexuelle müssten wie Blinde, Behinderte oder Ausländer in Witzen vorkommen dürfen – "solange diese nicht gehässig sind oder die Person verächtlich machen".

Bereits im vergangenen Sommer hatte sich Dieter Hallervorden über geschlechtergerechte Sprache echauffiert – und erklärt, dabei handle es sich um eine Vergewaltigung der Sprache (queer.de berichtete). Im November veröffentlichte Hallervorden sogar ein eigenes Lied gegen das "Gendern" (queer.de berichtete). "Ich muss wirklich nicht zu Sensibilität erzogen werden", beschwerte er sich erst am Montag gegenüber dem Berliner "Tagesspiegel". Das Thema geschlechtergesrechte Sprache, behauptete er, "bringt mich absolut nicht auf die Palme, ich erlaube mir vielmehr sachlich darüber zu diskutieren". (cw/dpa)



#1 KaiJAnonym
#2 AlexAnonym
  • 09.01.2022, 08:09h
  • Antwort auf #1 von KaiJ
  • Wenn Prominente mit großer Reichweite fake news verbreiten, dann ist es keine Lösung, einfach ihre Prominenz zu leugnen. Unsere Gegner*innen verschwinden nicht, wenn wir uns die Augen zuhalten.
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#3 KaiJAnonym
  • 09.01.2022, 08:56h
  • Antwort auf #2 von Alex
  • Wenn er mit seiner Feindschaft noch Prominenz erlangt, dann stimme ich Dir zu. Ansonsten verbinde ich mit dem Namen nur Zynismus, Geistlosigkeit und Belanglosigkeit. Allerdings würde ich Dir bezüglich der Frauenfeindlichkeit doch wieder Recht geben.
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#4 TuggerAnonym
  • 09.01.2022, 09:11h
  • "Homosexuelle müssten wie Blinde, Behinderte oder Ausländer in Witzen vorkommen dürfen "
    Vielleicht liege ich völlig daneben aber als ausländischer Schwuppe mit eine behinderte Schwester finde ich dass er nicht Unrecht hat.

    Humor ist nun nicht des Deutschen größter Stärke (Ihr habt andere Qualitäten) und solltet das Ein oder Andere vielleicht nicht ganz so verkniffen sehen?
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#5 KaiJAnonym
#6 LothiAnonym
  • 09.01.2022, 10:43h
  • Antwort auf #5 von KaiJ
  • Aber genau das zeichnet doch gerade Jürgen von der Lippe aus. Auch seine ständigen Angriffe auf die Kath. Kirche u.seine Würdenträger. Seine unter der Gürtellinie gestellten Witze. Selbst ich komme nicht umhin darüber sehr häufig zu schmunzeln. Und das er jetzt im Alter mit dieser neuen Sprachregelung nicht klar kommt, damit steht er besonders bei der älteren Generation beileibe nicht alleine da. Ihn nun deshalb hier als Persona non grata zu erklären, ist in meinen Augen sehr einfachgestrickt. Im Gegenteil. Im Gegensatz zu D. Hallervorden stelle ich mir durchaus vor, dass Jürgen von der Lippe sich eher einer vernünftigen Diskussion zum Thema stellt, als erstgenannter.
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#7 Taemin
  • 09.01.2022, 10:44h
  • Wenn er selbst queer wäre... Er ist nicht selbst queer und das ist sein Problem. Wenn ich etwas nicht bin und verstehen will, wie ist anders sein, dann darf ich nicht überlegen, wie kann es sein, sondern ich muss Menschen fragen, die so sind. Sonst bleibt immer das selbe: Ach mir würde das nichts ausmachen, sagen Leute wie der von der Lippe. Ach ich verstehe nicht, wie man so empfindlich sein kann, sagen sie. 2019 flog ich mit meinem Lover nach Korea. Zuerst war lustig für ihn. Er war der Exot, lachte und sagte: Die sehen hier ja alle aus wie du. Aber schon nach ein paar Stunden war er ganz ernst und gab zu: Jetzt verstehe ich dich. So ein Erlebnis braucht der von der Lippe.
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#8 RuntAnonym
  • 09.01.2022, 10:58h
  • Ich würde von der Lippes sehr differenzierte germanistische Argumentation (er ist ein durchaus sprachsensibler Sprachkünstler) nicht mit dem ziemlich plumpen Lied von Hallervordern gleichsetzen.

    Für mich ist eine solide respektvolle Argumentation gegen ein Thema kein "Bashing".

    Mir fehlt in dem Artikel auch derHinweis, dass sich von der Lippe auch in sehr respektvoller Weise mit Maren Kroymann zu dem Thema Gendern ausgetauscht hat. (Ich finde leider gerade den Link zu dem Youtubevideo nicht, aber das gespräch hat stattgefunden) Klar in den unterschiedlichen Positionen, aber freundlich und menschlich und tolerant im Umgang. Die beiden haben da versucht, einen Standard für eine respektvolle Diskussion zu setzen, zumal beide auch Erfahrungen mit Shitstorms gemacht haben.

    www.youtube.com/watch?v=Bm1R3rOBAXA

    ab ca. Minute 30)

    Ich halte es für kein Problem, wenn verschiedene mögliche Ausdrucksformen nebeneinander existieren. In der jüngeren Generation beobachte ich, dass sich das Gendern in Teilbereichen durchsetzt - also vor allem da, wo das Genus von Personen in einem Text tatsächlich thematisiert wird oder in persönlichen Dokumenten, wo etwas grundsätzlich klar gestellt werden soll.

    Bei akademischen Texten hat sich oft auch als Kompromiss ein Disclaimer durchgesetzt, in der zu Anfang klar gestellt wird, welche Form des Gendern verwandt wird (generisches Maskulinum oder ganz bzw teilweise durchgegenderte Sprache).

    Ich würde weder Heteros und gerechterweise auch nicht Queere heute nach den Witzen oder dem bewerten, die sie in den 90er Jahren gemacht haben.
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#9 DreddAnonym
#10 Alexander_FAnonym
  • 09.01.2022, 11:08h
  • Antwort auf #1 von KaiJ
  • Des Pudels Kern liegt darin, dass er mal berühmt WAR und nicht mehr ist. Statt aber weise genug zu sein, um sich einfach auf den Lorbeeren von Hubert Lippenblüter auszuruhen und einzusehen, dass die 80er vorbei sind, muss er sich wie so viele Gewesene über die neue Zeit echauffieren. Eine peinliche Figur.
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