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Interview

"Selbstverständlich positiv" – ein Podcast gegen Selbststigmatisierung

Mit einem intimen Talkformat will die Deutsche Aidshilfe Menschen mit HIV dazu ermutigen, ihre Infektion nicht zu verstecken und selbstverständlich mit dem Virus zu leben.


Visual der Kampagne "Selbstverständlich positiv" (Bild: Deutsche Aidshilfe)
  • 10. Januar 2022, 14:37h, noch kein Kommentar

Podcasts erfreuen sich nicht erst seit der Pandemie steigender Beliebtheit. Das hat auch die Deutsche Aidshilfe erkannt und bereits im April 2021 ihre erste Podcast-Reihe veröffentlicht. "Selbstverständlich positiv – der Podcast" ist das zentrale Element der gleichnamigen Kampagne, die sich vor allem an Menschen richtet, die mit HIV leben, so heißt es. Die Kampagne soll Mut machen und Menschen zu einem selbstverständlichen Umgang mit ihrer HIV-Diagnose verhelfen.

Gemeinsam mit ihrem Co-Moderator Dominik Djialeu moderiert Projektleiterin Heike Gronski das zweiwöchentlich erscheinende Talkformat. Im Interview verrät sie uns mehr zu den Hintergründen der Kampagne rund um den Podcast und erläutert, warum ein solches Projekt auch heute noch mehr als wichtig ist.

Was hat es mit der Kampagne "Selbstverständlich positiv" auf sich?

Leben mit HIV ist dank medizinischer Fortschritte seit Jahren ohne besondere Einschränkungen gut möglich. Die meisten Menschen mit HIV leben wie alle anderen auch. Die Lebensqualität von Menschen mit HIV wird heute vor allem durch Vorurteile und Diskriminierung eingeschränkt, nicht durch die HIV-Infektion selbst. Das zeigen auch die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage von Menschen mit HIV in Deutschland deutlich. 56 Prozent der Befragten haben in den zwölf Monaten vor der Befragung diskriminierende Erfahrungen im Gesundheitswesen gemacht. 55 Prozent haben sexuelle Zurückweisung erlebt.

Aber nicht nur Diskriminierung schränkt die Lebensqualität von Menschen mit HIV ein. Mehr als ein Viertel der Befragten schämen oder fühlen sich schuldig HIV-positiv zu sein. 70 Prozent fällt es schwer, über ihre Infektion zu reden, 79 Prozent empfinden es als riskant. Mehr als die Hälfte versteckt ihren HIV-Status vor anderen.

Ziel der Kampagne ist es, sich gegenseitig zu unterstützen, offen und ohne Angst mit HIV zu leben. Zu lernen, wie man im Kleinen wie im Großen, privat wie öffentlich, selbstverständlicher mit der eigenen Infektion umgehen kann. Sich verstecken kostet viel Energie, schränkt die Lebensqualität ein und kann auf Dauer krankmachen. Die Macher*innen der Kampagne, alles selbst Menschen mit HIV, wollen dem etwas entgegensetzen.

Warum haben Sie gerade das Medium Podcast als zentrales Element gewählt?

Dafür gibt es viele Gründe. Es ist ein sehr intimes Medium. Meist treffen wir unsere Interviewpartner*innen in ihrem Wohnzimmer. Hier fühlen sie sich sicher und entspannt. Nach kurzer Zeit vergessen sie das Mikro und erzählen sehr offen über ihre Gefühle und Erlebnisse. Den Gästen bietet diese Form auch ein gewisses Maß an Anonymität, wenn sie das wünschen. Auch für die Hörenden ist ein Podcast intim. Die meisten hören die Folgen über Kopfhörer und fühlen sich so den Gästen sehr nah. Auch sind Podcast eher wenig aufwendig in der Produktion. Es braucht keine Beleuchtung, Maske, großes Equipment wie beim Film.

Wonach wählen Sie Ihre Gäste aus?

Wir versuchen Menschen zu finden, die verschiedene Lebensrealitäten haben und damit auch unterschiedliche Perspektiven des Lebens mit HIV einbringen können. All unsere Gäste haben sich auf den Weg gemacht, selbstverständlich mit HIV zu leben. Aber alle befinden sich an unterschiedlichen Stellen auf dem Weg.

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Wie ist das Feedback aus der Community zum Podcast?

Wir bekommen sehr viel positives Feedback. Viele Menschen erkennen sich selbst wieder und werden mutiger. Insbesondere Menschen, die noch nicht so lange von ihrer HIV-Infektion wissen, sind dankbar, so unmittelbar aus dem Leben anderer HIV-Positiver zu hören. Es macht ihnen Mut und motiviert, auch weiter Kontakt zu anderen Menschen mit HIV zu suchen. Wir bekommen auch positives Feedback von den Aidshilfen und HIV-Schwerpunktärzt*innen. Sie empfehlen den Podcast ihren Patient*innen und Ratsuchenden.

Es gibt auch viele positive Rückmeldungen von Menschen, die nicht HIV-positiv sind. Auch sie gewinnen Einblicke in das Leben mit HIV und können so dazu beitragen das auch die Gesellschaft selbstverständlich mit Menschen mit HIV leben. Und das ist ja das eigentliche Ziel, dass wir alle einen selbstverständlichen Umgang mit HIV finden. Daher freuen wir uns sehr, dass der Podcast auch bei nicht Positiven gut ankommt.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie für sich durch den Podcast gewonnen?

Zuallererst einmal, dass es mir Spaß macht, einen Podcast zu moderieren, insbesondere mit meinem Ko-Moderator Dominik Djialeu, der ja der erfahrenere Podcaster von uns ist. Aber vor allem, wie befreiend es für Menschen mit HIV ist, wenn sie sich selbst von dem Stigma befreien, sich nicht mehr verstecken, schämen und sich selbstbewusst gegen Diskriminierung wehren.

Haben Sie eine bisher eine Lieblingsfolge?

Nicht direkt. Es gibt einige Folgen, in denen es für die Protagonist*innen eine große Herausforderung war, öffentlich über sich und ihre Infektion zu sprechen, und für die es dann im Nachhinein eine große Befreiung war, es getan zu haben. Sie waren sehr glücklich und fühlten sich stärker. Das hat mich bewegt.

Was wird uns zukünftig noch für Themen erwarten?

Wir möchten im neuen Jahr stärker auch Menschen interviewen, die im Umfeld von Menschen mit HIV leben und arbeiten. Also Angehörige, Aidshilfe-Mitarbeitende, Schwerpunktärzt*innen oder Partner*innen. Es ist wichtig, dass auch das Umfeld von Menschen mit HIV selbstverständlich mit HIV umgeht, damit sie selbst das können. Aber es ist auch wichtig, die Menschen im Umfeld auch zu Allys werden und sie unterstützen, ihnen den Rücken stärken, insbesondere wenn es um Diskriminierung und Ablehnung geht. Natürlich werden wir aber auch immer wieder Menschen mit HIV interviewen.

Wo kann man den Podcast hören?

Hören kann man uns entweder über unsere Webseite selbstverständlichpositiv.de oder über die bekannten Portale wie Spotify oder Google-Podcast. Leider ging es bei uns scheinbar zu viel um sex and drugs, um auch bei Itunes auffindbar zu sein...