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Queere Fernsehgeschichte

Über den § 175 und einen fiktiven schwulen Sohn

Vor 50 Jahren – im Januar 1972 – zeigten das ZDF und der WDR mehrere Eigenproduktionen über Homosexualität. Das ZDF legte am 14. Januar 1972 vor, der WDR folgte.


"Und wenn Ihr Sohn so wäre?" – im Film mit leicht abweichender Schreibweise

Es wirkt wie ein journalistischer Wettlauf, der zwischen dem ZDF und dem WDR vor 50 Jahren stattfand. Am 14. Januar 1972 strahlte das ZDF seine Dokumentation "Und wenn Ihr Sohn so wäre?" aus. Der WDR zog nach und sendete am 27. Januar seine Dokumentation "§ 175". Von den jeweiligen Rundfunkanstalten habe ich mir Kopien dieser beiden Sendungen besorgt, die ich nachfolgend miteinander vergleichen werde.

Das Beste kam zum Schluss: Am Ende desselben Monats – am 31. Januar 1972 – zeigte der WDR den von ihm in Auftrag gegebenen Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Der Film war umstritten und seine Erstausstrahlung im Fernsehen wurde ein Skandal, aber er wurde in Verbindung mit der Reform des § 175 StGB zum Auslöser der modernen deutschen Schwulenbewegung. Zur Erstausstrahlung am 31. Januar werde ich noch einen eigenen Beitrag hier auf queer.de schreiben.

"Und wenn Ihr Sohn so wäre?" (14. Januar 1972 im ZDF)

Die Dokumentation "Und wenn Ihr Sohn so wäre? Der Homosexuelle und die Gesellschaft" wurde um 21.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Es ist ein Film von Eva Müthel, die von 1960 bis 1979 auch für das Drehbuch und die Regie zu mehreren anderen Fernsehfilmen und Dokumentationen verantwortlich war.


Eva Müthel im Gespräch mit einem Passanten (Ausschnitt)

Diese Doku über schwule Männer passt gut zu ihren anderen Filmen über andere soziale Gruppen (ältere Menschen, "Zigeuner", "Geisteskranke" und Ausländer*innen). Ihre spätere Dokumentation "Zärtlichkeit und Rebellion. Zur Situation der homosexuellen Frau" (1973) scheint ein lesbisches Pendant zu dieser schwulen Doku von 1972 gewesen zu sein.

Der Inhalt von "Und wenn Ihr Sohn so wäre?"

Die Dokumentation lebt von den Interviews mit Schwulen, die sich zu Themen wie "Ursachen" von Homosexualität, Situation am Arbeitsplatz und gesellschaftliche Akzeptanz äußern. Weitere Interviews mit Passant*innen sind in den Äußerungen zur Akzeptanz nicht nur sehr breit, sondern zum Teil auch unfreiwillig komisch, wenn etwa betont wird, dass man sich die Homosexualität wie das Rauchen auch einfach mal abgewöhnen könne, oder wenn eine Frau äußert, dass sie ihren schwulen Sohn mit einer Frau verkuppeln würde. Auch die schwule Szene mit Sauna, Bar und Stricherkneipe wird gezeigt. Die Redaktion der Schwulenzeitschrift "Him" wird bei politischen Diskussionen und bei einem Akt-Foto-Shooting gezeigt.


Nackt posieren für die Schwulenzeitschrift "Him"

Im Interview berichtet der SPD-Bundestagsabgeordnete Wilderich Freiherr Ostman von der Leye aus dem Sonderausschuss zur Strafrechtsreform von den aktuellen Plänen, dass "Schutzalter" auf 18 Jahre zu senken und die männliche Prostitution zu legalisieren (wurde 1973 umgesetzt). Dabei bedauert er, keine strafrechtliche Gleichstellung für Homo- und Heterosexuelle erreicht zu haben (wurde 1994 erreicht). Das Schlusswort hat die Mutter eines Schwulen ("Da kann man ja nichts dafür"), die zusammen mit ihrem Sohn und dessen Partner beim bürgerlichen Kaffeekränzchen gezeigt wird.

Die Bewertung von "Und wenn Ihr Sohn so wäre?"

Es ist eine gut gemeinte Dokumentation, die sich bemüht, Schwule als "eigentlich ganz normal" darzustellen, und sogar versucht, einen lockeren Tonfall zu treffen. Es ist erstaunlich, dass auch Stricher porträtiert werden, was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war und eher provozierte. Moralisierende Töne fehlen weitgehend. In einem Interview wird sogar die erste studierendenbewegte Schwulen- und Lesbengruppe neuen Typs erwähnt. Es ist gut, dass Eva Müthel auch den mehrfachen sexuellen Missbrauch an einem Heimzögling dokumentiert, was für die Zeit noch unüblich war (dies als "Verführung" zu bezeichnen ist typisch für den Zeitgeist und verzeihlich).


Eingeblendete Statistiken deuten einen Umschwung in der öffentlichen Meinung an

Die eingeblendeten Statistiken, dass zum Beispiel 55 Prozent der Bevölkerung sexuelle Beziehungen zwischen Männern immer noch ablehnten, stammt aus einer vom Wickert-Institut erstellten Umfrage. Darauf weist der "Spiegel"-TV-Tipp hin – ebenso wie auf den Umstand, dass die Sendung in "Farbe" ausgestrahlt wurde. Das war noch nicht die Regel, wie man an der zweiten Doku sieht, die fast durchgehend in Schwarz-Weiß gedreht wurde.

"§ 175" (27. Januar 1972 im WDR)

Die Dokumentation "§ 175. Fragen an Homosexuelle und an uns selbst" wurde um 21.45 Uhr im WDR ausgestrahlt. Es ist ein Film von Claus-Ferdinand Siegfried, der von 1965 bis 1974 auch einige andere Filme und Dokumentationen drehte. Für Siegfried war der Auftrag des WDR, diesen Film zu drehen, der Beginn einer journalistischen Beschäftigung mit dem Thema, die auch zu seinem Buch "Gesellschaft und Homosexualität. Beginn einer Auseinandersetzung" (1972) führte, wo er die gleichen Standpunkte vertritt und auch auf seinen Film eingeht (S. 2-3, Bilder aus dem Film auf S. 63, 65). Seine spätere Film-Dokumentation "Und wir nehmen uns unser Recht! Lesbierinnen in Deutschland" (1974) scheint ein lesbisches Pendant zu der schwulen Doku von 1972 gewesen zu sein.


Der Film mit einer Nummer, die ein Symbol der Verfolgung homosexueller Männer war

Der Inhalt von "§ 175"

Am Anfang provoziert der Film: Heteros mit dumpfen Stammtischparolen und kreischende Schwule in einer Fußgängerzone. Danach spricht ein bürgerliches schwules Paar von seinen Versuchen, sich treu zu sein. Den Satz der Stimme aus dem Off "Die Umwelt findet sie sympathisch, weil sie die Ehe imitieren" habe ich bei Praunheim, allerdings nicht hier erwartet. Als üblich kann man die Einbindung von Psychiatern und Psychologen sehen, als eher unüblich die Äußerung des Psychoanalytikers Tobias Brocher vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main, der fast jeden Menschen als bisexuell und die Vorstellung einer "Verführung" zur Homosexualität als "Unfug" bezeichnet. Bei mehreren Filmszenen hatte ich das Gefühl, dass sich der Film vor allem an Schwule richtet, wie beim Interview mit dem Schriftsteller Gerard Reve im Zusammenhang mit seinem schwulen Bekenntnisroman "Näher zu Dir" oder bei den Filmszenen vom ersten CSD 1970 in den USA.


Der offen schwule Gerard Reve und sein schwuler Bekenntnisroman "Näher zu Dir"

Die Bewertung von "§ 175"

Der Film enthält viele neue Akzente, die sich nah an der progressiven Spitze des damals aktuellen Diskussionsstandes befanden. So werden Bezüge zu Geschlechterrollen, zur Frauenemanzipation und zur Sexualerziehung hergestellt, es wird die NS-Verfolgung thematisiert, Klappengänger und selbstbewusste Tunten werden interviewt. Journalistisch subversiv ist eine Stelle, an der sich ein Mann kritisch darüber auslässt, dass sich Schwule (angeblich) gerne mit Schmuck behängen. Dabei richtet sich die Filmkamera auf seine rechte Hand, an der neben dem Ehering noch ein zweiter, steinbesetzter Ring funkelt. Die Szene zeigt, wie leicht sich manchmal Doppelmoral entlarven lässt.


Befürwortung schwuler Emanzipation mit journalistisch subversiven Mitteln

Auch in dieser Doku kommen homophobe Passanten zu Wort, wie einer, der sich wieder Konzentrationslager für Schwule wünscht. Aber diese Äußerungen diskreditieren nicht den Film, sondern nur den Passanten und können von niemandem mit Verstand als legitime Meinungsäußerungen oder als Versuch der politischen "Ausgeglichenheit" angesehen werden. Aussagekräftiger für den Film ist eher die Frage des Reporters an einen homophoben Geistlichen: Können Sie sich vorstellen, welche "Qualen ein Mann erleiden muss", wenn er sexuell nicht verkehren darf? Das ist keine Frage. Das ist ein Statement.

Ein Vergleich zwischen der ZDF- und der WDR-Doku

Beide sind klassische Dokumentationen und haben als Zielgruppe vor allem Heteros, wobei sich die WDR-Doku deutlicher auch an Schwule richtet. Dies wird durch die eingeblendeten politischen Botschaften deutlich, in denen "Auswege" aus der Situation aufgezeigt werden, die fast zeitlos wirken: "Sich zur Homosexualität bekennen" und "Die Gesellschaft verändern".

In beiden Dokumentationen wird in Siebzigerjahre-Manier nach der "Ursache" von Homosexualität, aber auch schon – modern anmutend – nach der Ursache von Homophobie gefragt. Neben Passanten und Schwulen kommen auch Wissenschaftler und Geistliche zu Wort. Dass in beiden Filmen auch Küsse und Nacktheit gezeigt werden, erscheint für 1972 zunächst frei und außergewöhnlich. Schließlich hat man in Erinnerung, dass die schwulen Küsse in der ARD-Serie "Lindenstraße" von 1987 und vor allem 1990 auf heftigen Protest stießen. Allerdings ist eine Dokumentation spätabends etwas anderes als eine Familien-Fernsehserie am frühen Abend, wo vor allem die Einschaltquote und die Uhrzeit ausschlaggebend für die Aufregung waren. In beiden Filmen wird lesbische Liebe nur gestreift, wobei eine ausführliche Behandlung auch nicht der Anspruch der beiden Filme war.

Bei genauerer Betrachtung schneidet die WDR-Doku etwas besser als die ZDF-Doku ab. Die ZDF-Doku wirkt in ihren inhaltlichen Aussagen etwas biederer. Nur in der WDR-Doku findet sich auch trockener Humor. So wird eine Szene in einer Schwulenbar mit der Musik aus "Spiel mir das Lied vom Tod" hinterlegt, während die Kamera Cowboystiefel und Gürtel als Männlichkeits-Attribute fokussiert. In der WDR-Doku ist das Blickfeld breiter gestreut: Man sieht Westberlin als Schwulenmetropole, die süddeutsche Provinz als Ort reaktionärer Stammtisch-Homophobie und einen Kölner Büttenredner – lange bevor Köln eine Schwulenhochburg wurde.


"Spiel mir das Lied vom Tod" vor dem Hintergrund schwuler Männlichkeits-Inszenierung

Der Wettlauf von ZDF und WDR

Aus einem unbekannten Grund wurde der ZDF-Beitrag vom 10. Dezember 1971 auf den 14. Januar 1972 verschoben. Dass dann im selben Monat drei Filme über Homosexualität im bundesdeutschen Fernsehen liefen, halte ich – bei der Anzahl von schwulen Dokumentationen jener Zeit – nicht für einen Zufall, denn schließlich "inspirierten" sich die Sender gegenseitig und wollten bei neuen Themen immer die Ersten sein. Vermutlich sollte der ZDF-Film einen Gegenpol zum WDR-Film und der "§ 175"-Film einen Gegenpol zum Praunheim-Film darstellen, was auch der Ausstellungskatalog "Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung" (1997, S. 280) andeutet: "Das ZDF sendete die einfühlsame Dokumentation 'Und wenn Ihr Sohn so wäre' von Eva Müthel. Der WDR setzte das Fernsehfeature '§ 175' […] ins Programm, das als nächtliches und 'sachliches' Gegenstück zu Rosas Schwulenagitation produziert wurde."

Erinnert sei an einen ähnlichen Wettlauf von Sendeanstalten im September 1999, als die schwulen Fernsehmagazine "andersrum" (WDR, 1999), "anders Trend" (RTL, 1999-2007) und "GayWatch" (Vox) zur gleichen Zeit um Aufmerksamkeit von Zuschauern buhlten. Nur durch eine kurzfristige Programmänderung erreichte es der WDR, dass seine erste Folge von "andersrum" einige Stunden vor der ersten Folge von "anders Trend" (RTL) und damit als erstes Magazin ausgestrahlt wurde (s. "taz", 15. September 1999).

Homosexualität im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens


Das WDR-Logo aus dem Abspann von "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) – changierend zwischen Flieder, Rosa und Pink

Am 31. Januar werde ich hier noch Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" besprechen. Auch dieser Film wurde – wie die beiden hier behandelten Beiträge – von einem öffentlich-rechtlichen Sender in Auftrag gegeben. Praunheims Film sollte eigentlich in der ARD laufen, wurde aber aufgrund von Einwänden des Bayerischen Rundfunks (BR) am 31. Januar 1972 "nur" im WDR gezeigt.

Das ablehnende Verhalten des BR, die offene, wenn auch etwas biedere ZDF-Doku und die aufgeschlossene und recht mutige WDR-Doku können als repräsentativ für die damalige Medienlandschaft angesehen werden. Das ZDF hatte damals ein eher konservatives Profil, während bestimmte ARD-Sender wie der WDR oder der NDR in CDU-Kreisen als "Rotfunk" verrufen waren. Der Gegenpol innerhalb der ARD war der BR, der damals von der politischen Richtung her mit der CSU gleichgesetzt werden konnte. Es lässt sich jedoch konstatieren, dass diese unterschiedlichen politischen Positionierungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – in beide Richtungen – heute kaum noch zu spüren sind.

Was bleibt

Beide Dokumentationen sind seltene und spannende Zeitdokumente, die das schwierige schwule Leben vor einem halben Jahrhundert vermitteln. Sie zeigen den Beginn der Schwulenbewegung, die sich im Fahrwasser der Studierendenbewegung entwickeln konnte.

Wer diese Dokumentationen heute sieht, fragt sich bestimmt schnell, wo denn eigentlich die Lesben (und sonstigen queeren Menschen) bleiben. Es ist recht typisch für die Siebziger- bis in die Neunzigerjahre, dass männliche Homosexualität als "interessanter" und gesellschaftlich relevanter angesehen wurde. In den schwulen Folgen der Talkshows "Alles klar?!" (1981) und "Doppelpunkt" (1988) wurde darauf verwiesen, dass an männlicher Homosexualität mehr Interesse bestehe und später lesbische Beiträge folgen sollten (s. queer.de). Im Gegensatz zu diesen beiden Formaten haben die Verantwortlichen der beiden Dokus von 1972, Eva Müthel und Claus-Ferdinand Siegfried, später tatsächlich auch eigene Dokus über Lesben gedreht. Zu einem späteren Zeitpunkt möchte ich diese hier ebenfalls besprechen.

Es fällt auf, dass die beiden Filme von 1972 einen aufgeschlossenen Standpunkt vertreten, der die mehrheitlich ablehnende Gesellschaft (in angenehmer Weise) nicht repräsentiert. Liegt dies daran, dass Journalist*innen per se politisch weiter links als der Durchschnitt der Bevölkerung stehen? Neue Untersuchungen, die in diese Richtung gehen, geben nicht unbedingt die Situation von 1972 wieder und können nicht ausschließen, dass hier eher das Alter und weniger der Beruf ein ausschlaggebender Faktor war. Am schlüssigsten finde ich die Erklärung, dass sich an Diskussionen, durch die neue Themen angestoßen werden, eher Menschen beteiligen, die etwas verändern möchten, als die, die den Status quo beibehalten wollen.


Ein schwules Paar aus der "§ 175"-Doku bleibt sich selber treu und tritt offen schwul auf. Innerhalb ihrer Beziehung versuchen beide, sich sexuell treu zu sein

In der "§ 175"-Dokumentation bezeichnet es ein Mann als gefährlich, wenn man im Fernsehen über Homosexuelle spricht, weil man sie damit aufwerte. Dieses Zitat bleibt hängen und wurde auch schon von anderen Dokumentationen übernommen. Diese Äußerung lässt sich – auch hinsichtlich der heutigen Situation von Homosexuellen in anderen Ländern – politisch gut umdrehen: Homosexuelle werden abgewertet, wenn man nicht über sie spricht.

Hinweis in eigener Sache und ein "Danke"

Beide hier behandelten Dokumentationen sind weder als DVD noch anderweitig verfügbar. Es war daher notwendig, Kopien kostenpflichtig bei den Sendeanstalten zu bestellen. Für die angefallenen Kosten habe ich mich – wie auch schon für den Beitrag über eine WDR-Sendung von 1981 (s. queer.de) – von einem Freund sponsern lassen, der anonym bleiben möchte. Er hat damit diesen Artikel erst ermöglicht. Zum einen möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei ihm bedanken. Zum anderen möchte ich dies zum Anlass nehmen, darauf hinzuweisen, dass guter Journalismus nicht selbstverständlich ist. Alleine die Materialkosten für diesen Beitrag waren in diesem Fall höher als mein Honorar. Dieser Umstand wird häufig vergessen, wenn auch Qualitätsjournalismus kostenlos im Netz verfügbar ist.

Ein Wort in eigener Sache
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#1 LedErich
  • 14.01.2022, 07:00h
  • Ich kann mich noch an eine tolle Folge der Jugendsendung "Alles Klar" Ender der 70er, wo schwule Paare im Alltag gezeigt wurden und anschließend im Studio mit Jugendlichen darüber diskutiert wurde. Direkt nach dieser Sendung habe ich einen ersten zaghaften Comung-Out-Versuch bei meiner Mama versucht, der aber nicht als solcher erkannt wurde.
    In den 70een gab es wirklich tolle Sendungen zwischen dem ganzen Spießermuff.
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#2 Lucas3898Anonym
  • 14.01.2022, 09:46h
  • Antwort auf #1 von LedErich
  • Wobei die Sender ja auch selbst zum Jubiläum die Filme hätten nochmal zeigen und auch in die Mediathek einstellen könnten.

    Zumindest der Praunheim-Film war letztens in der Mediathek zu finden.
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#3 TasanossiAnonym
#4 StaffelbergblickAnonym
  • 14.01.2022, 10:39h
  • Vielen Dank für diesen Beitrag. An die Diskussion mit Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist ...." kann ich mich noch gut erinnern. Ich hatte damals mein erstes eigenes Apartement in einem AWO-Bau in der Gropiusstadt bezogen. Hatte sogar schon einen Fernseher .. und meinen ersten "Freund". War es nicht so, dass über WDR im gesamten deutschen Sendegebiet der Film ausgestrahlt wurde, aber im Empfangsbereich Bayern aufgrund des BR nicht sichtbar war (soweit aufgrund der angrenzenden Sendeanlagen nicht doch der Emfang aus Hessen gegeben war, oder Baden-Württemberg). Und mir ist noch gut in Erinnerung, dass wir danach unterschiedlicher Auffassung waren ... ich konnte mich gut der "Praunheim-Linie" anfreunden und hatte mich nach zwei Jahren in meinem damaligen Arbeitsumfeld geoutet .. war ja auch nicht der einzige.
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#5 StaffelbergblickAnonym
  • 14.01.2022, 10:46h
  • Ich denke, bei den Sendeanstalten dürften noch so etliche "Schätze" rumliegen. Wir müssen aber immer daran denken, dass damals mit 16 mm Film gearbeitet wurde. Das bedeutet den Film nach dem Abtasten/Scannen neu zu bearbeiten. Und damit ist natürlich ein erheblicher Arbeitsaufwand verbunden. Das kenne ich allein aus dem Digitalisieren meiner Fotos/Dias. Und an meine S8-Filme warten noch im Schrank ...
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#6 56James35Anonym
  • 14.01.2022, 11:16h
  • 1972 war ich zum ersten Mal in Deutschland. Ich war damals 16. Ich wohnte bei einem Austauschschüler ("Brieffreund") in Cloppenburg, dessen Familie sehr konservativ und streng katholisch war. Ich war ein schöner blonder Jüngling , der nur an Sex dachte. Schwule Zeitschriften wie "Him" oder "Du und Ich" hatte ich in einem Kiosk gesehen. Konnte sie aber nicht kaufen.
    Wie gern würde ich diesen Dokumentarfilm sehen !
    Vielen Dank für diesen Artikel !
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#7 HajoWoAnonym
  • 14.01.2022, 11:53h
  • Bei Praunheims Film bin ich mir nicht sicher, ob sich damals der BR ausgeklinkt hat aus dem Abendprogramm. Bei dem Spielfilm "Die Konsequenz" dagegen ganz sicher. Das wurde auch damals als Skandal und Zensur der CSU angesehen.

    Die wenigen Zeitgenossen aus meinem Umfeld, die im Fernsehen arbeiteten, besonders der schwule Regisseur Peter Lilienthal, der ein entfernter Verwandter von mir ist, hat es auf den Punkt gebracht. In einer Geburtstagssendung schilderte er, was für ein bunter Haufen damals im Medium Fernsehen anzutreffen war. Das kann ich nur zu gut bestätigen. Doch eine alleinige linke Ausrichtung, die wurde nur von der CDU/CSU herbeigeredet. Sie wollte ein Staatsfernsehen mit straffer Zensur. Darin ist sie sich bis heute treu geblieben. Kein Wunder, wenn man die Vergangenheit des Vaters von der Uschi vom Leiden sich anschaut. Ernst Albrecht von Herrenhausen und Limmer frönte nicht nur der Großwildjägerei, sondern begrüßte Folter als Vernehmungsmethode und genehmigte sich Staatsterrorismus, siehe "Celler Loch". Darum verjagte er auch den NDR aus Hannover, was diesen Ort noch mehr geistig verzwergte.

    Das Interesse bestand zu dieser Zeit einfach darin, dass wir es leid waren bereits als Kinder kriminalisiert zu werden, sich ständig Hassreden über uns selbst anhören zu müssen und nichts dagegen tun konnten, ja uns von den Eltern isolierten und sie als feindlich gesinnt betrachteten. So wurden eben diese Filme wie "If", "Jagdszenen aus Niederbayern", "Die Konsequenz" Signale für eine bessere Welt. Außerdem bitte nicht vergessen, dass damals trotz dieser Homophobie die Sexualität freier gestaltet werden konnte, weil sie weder durch eine Alice Schwartzer mit ihrem pathologischen Männerhass zu "Sex als Unterdrückung der Frau" stilisiert wurde, noch an jeder Straßenecke mit Gebüsch dahinter ein Kinderschänder vermutet wurde. Das immerhin, obwohl man Schwule damals mit Kinderschändern gleichsetzte.

    Die SPD mag noch so viele Krokodilstränen vergießen. Ihre Häppchenstrategie bis 1994 den §175 StGB durchzufüttern darf man ihr nie verzeihen. Da helfen auch keine flauen Entschuldigungen später geborener Saarländer, sondern sind Hohn in den Ohren des aufgeklärten Bürgers. Denn bisher ist die Geschichte der SPD nach 1976 eine Aneinanderreihung fauler Kompromisse, so dass es in dieser Partei stinkt wie in den Augiasställen der anderen "Volksparteien".
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#8 Lucas3898Anonym
#9 RuntAnonym
  • 14.01.2022, 12:49h
  • Wieder einmal ein interessanter Artikel. Es wäre sehr gut, diese Dokumentationen zugänglich zu machen, um der älteren Generation noch mal sichtbar zu machen, in welche Zeit sie hineingeboren wurden und den jüngeren, aus welchem gesellschaftlichen Klima heraus offen queere Bewegung entstand.

    Spannend wäre natürlich auch eine ARD/ZDF Retrospektive aus heutiger Sicht. Viele der Beteiligten vor und hinter der Kamera sind heute vermutlich 55-90 Jahre alt.

    Bei den Dokumentationen der 70er Jahre friert es mich oft wegen des kühlen soziologischen Blickes. Es wäre für mich interessant, den Film wirklich als Film zu erleben, um zu sehen, ob und wie emphatisch und emotional er ist (z.B. durch Verwendung von Musik etc.)

    Bei dem Foto des Paare, dass "versucht", treu zu leben, beschleicht mich z.B. ein ungutes Gefühl. Würde man ein Heteropaar auch so betiteln? Und geht es den beiden vielleicht weniger um Anpassung oder eher um eine stabile, langfristige Beziehung? Muss ein emotionales Bedürfnis sofort soziologisch eingeordnet werden?

    Ich vermute, dass die Homosexuellen für Heteros damals auch gern als Projektion für eine von sozialen Zwängen freie Gesellschaft dienten. Es gibt da so eine Außenseiterromantik ...

    Sexuelle Treue oder Untreue hat m.E. jedenfalls nichts mit Homosexualität an sich zu tun, sondern hat eher mit Organisation von sozialenund emotionalen Beziehungen zu tun. Der damals - bei Männern! - beliebte Spruch: "Wer zweimal mit derselben pennt gehört schon zum Establishment" ist ja z.B. Heteronormativ oder sogar männlich-chauvinistisch.
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#10 SakanaAnonym
  • 14.01.2022, 13:15h
  • Ich finde den Artikel sehr gut recherchiert und auch die Thematik sehr interessant, weil ich bisher von der Existenz der beiden Dokumentationen noch nichts wusste. Hoffentlich werden sie bei Gelegenheit in die entsprechenden Mediatheken eingestellt.

    Zudem finde ich, dass sie die Thematik im damaligen Zeitkontext recht progressiv bearbeiten und verschiedene Aspekte schwuler Identitäten in der alten Bundesrepublik, die noch viel mehr von einem homophoben Undercurrent geprägt war als heute, darstellen. Diese Dichotomie zwischen den "Schlampen" und den "Bürgerlichen" zieht sich ja bis heute noch in viele zeitgenössische Debatten schwulen Lebens rein und der amerikanische schwule Comedian Michael Henry hat dazu unlängst ein sehr treffendes Video gemacht [1].

    Was die Debatten zur Abschaffung des §175 angeht während der Zeiten der Kabinette Schmidt II und III, da hat sich Helmut Schmidt 2010 ausführlich in einem WELT-Interview dazu geäußert [2]. Auch die Einführung des TSG in den 1970er-Jahren war weniger einfach, als man heute gemeinhin annimmt [3]. Deshalb bewerte ich die damalige Gesetzgebung im damaligen Zeitkontext und auch im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Haltungen und moralischen Einstellungen und bin froh, dass wir als Gesellschaft heute so weit gekommen sind, dass ein Selbstbestimmungsgesetz in greifbare Nähe rückt und auch ein schwuler Mann Generalsekretär der SPD sein kann. Über unsere Zeit werden sich auch die Historiker:innen und Soziolog:innen ihr Urteil bilden, keine Frage.

    ---
    [1]:
    www.youtube.com/watch?v=xdkapsO_x7Y
    "I'M ENGAGED! Just like you!"
    [2]:
    www.welt.de/politik/deutschland/article7534132/Homosexuelle-
    Kanzler-Kein-Problem.html


    [3]:
    www.txkoeln.de/infothek/lexikon/tsg-entstehung.htm
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