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Schwules Urin-Orakel wegen Mordes vor Gericht

Unzählige Menschen vertrauen darauf, dass Jan Mikolášek ihre Krankheiten erkennt. Das historische Drama "Charlatan" reichert die wahre Geschichte des tschechischen Wunderheilers um eine schwule Liebesgeschichte an. Das funktioniert.


Wunderheiler Jan Mikolášek (Ivan Trojan) und sein Assistent František Palko (Juraj Loj) sind ein Paar (Bild: Cinemien)

Lange Schlangen bilden sich vor Jan Mikolášeks Haus. Die Leute haben kleine Glasfläschchen in der Hand, darin ihr Urin. Denn der Heiler muss das Glas nur schütteln, gegen das Licht halten und einen geschulten Blick darauf werfen, und findet eine Diagnose. Zu wenig Vitamin D, Leberentzündung, Nierensteine. Dann verschreibt er seinen Patient*innen verschiedene Heilpflanzen.

Viele schwören auf seine Behandlung, andere verachten ihn. Jan Mikolášek (Ivan Trojan) polarisiert. "Ich bin kein Arzt!", betont Mikolášek unerlässlich. Wem er nicht helfen kann, den schickt er ins Krankenhaus. Auch damit macht er sich Feinde.

Sein Assistent František Palko (Juraj Loj) hackt die Befunde des Heilers in die Schreibmaschine. Er ist stets an seiner Seite, nicht nur bei der Arbeit: Tagsüber teilen sie sich das Behandlungszimmer, abends das Schlafzimmer. Meist jedoch führen sie ein unschuldiges Liebesleben. Es gibt nur eine Sexszene, die eher wirkt, als hätte sie noch pro forma dabei sein müssen, um zu beweisen, dass die zwei Männer wirklich eine Beziehung führen.

Der Assistent ahnt von Anfang an, dass sein Chef schwul ist


Poster zum Film: "Charlatan" startet am 20. Januar 2022 im Kino

Die totalitäre Tschechoslowakei der 50er-Jahre wird dem Heiler zunehmend gefährlich, weil er früher auch Nazis behandelt hat. Der Staat hat etwas gegen ihn, Mikolášek helfen weder Argumente noch seine ehemaligen berühmten Patient*innen. Er und sein Assistent werden verhaftet. Der Vorwurf: Mord an zwei Parteimitgliedern.

Das ist die eigentliche Geschichte, die "Charlatan" erzählt. Das historische Drama der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland springt jedoch immer wieder zurück in die Vergangenheit. So wird von Mikolášeks Zeit bei der Armee erzählt, von seiner Gabe, die er früh erkannt hat, seiner Ausbildung bei einer alten Heilerin.

Und natürlich davon, wie sein Assistent zu ihm kam: Der junge Mann brauchte unbedingt einen Job. Anscheinend ahnt er etwas von der Orientierung des Heilers, denn fast dreist bietet er ihm "vollste Loyalität" an.

Manchmal ziehen sich diese Rückblenden sehr. Vor allem aber nehmen sie so viel Zeit ein, dass sie länger dauern als die eigene Geschichte der Gegenwart. Dieses Ungleichgewicht beherrscht "Charlatan" vollständig, und es trübt die eigentlich vielschichtige Geschichte.

Verliebt fahren sie mit dem Cabrio durch den Sommer


Jan und Palko reisen mit einem Cabrio durchs Land (Bild: Cinemien)

Denn das Drama hat viel zu bieten. Es geht um den Umgang mit einer Diktatur, in der sich Mikolášek eigentlich für unpolitisch hält. Und natürlich wird die Beziehung der zwei Männer problematisiert. Es gibt Gerüchte, teilt Mikolášeks Anwalt ihm mit. Homosexualität war zu der Zeit noch verboten. Das Urin-Orakel jedoch zuckt nur mit der Schulter, so etwas habe nie stattgefunden.

Interessanter jedoch ist die Beziehung selbst: Mal fahren sie im Sommer mit dem Cabrio durchs Land, machen irgendwo Halt, legen sich verliebt ins Gras, der eine kitzelt den anderen mit einem Grashalm. Zuvor warnte Palko seinen Freund noch vor den Gefahren der Staatssicherheit. Seine blauen Augen ganz wach und sorgend, rät er ihm zur Flucht.

Dann wieder wird das krasse Machtverhältnis der beiden deutlich: Der Assistent ist von seinem Arbeitgeber abhängig. Wenn er nicht tut, was sein Boss verlangt, ist er arbeitslos. Das stellt ihr Verhältnis nicht nur einmal auf die Probe. Eine komplexe Beziehung, und die Regisseurin Agnieszka Holland wird ihr – obwohl den historischen Fakten nur auf Gerüchtebasis hinzugedichtet – gerecht.

Vor allem zum Ende hin packt "Charlatan" noch deutlich zu. Da beantwortet das Drama viele Fragen zwar nicht – die der Liebe aber schon.

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Infos zum Film

Charlatan. Drama. Tschechien, Irland, Slowakei, Polen 2020. Regie: Agnieszka Holland. Darsteller*innen: Ivan Trojan, Joachim Paul Assböck, Josef Trojan, Jana Kvantiková, Juraj Loj, Claudia Vaseková. Laufzeit: 119 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Cinemien. Kinostart: 20. Januar 2022