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Von Oscar Wilde bis Édouard Louis

Ein queerer Blick auf die Theaterspielpläne

Die Theater starten in die zweite Hälfte der Spielzeit 2021/22 – mit einigen vielversprechenden queeren Theaterstoffen im Angebot. Zu den Highlights gehört das "Das Vermächtnis" am Residenztheater München.


Queer-Epos am Residenztheater München: Thiemo Strutzenberge (l.) und Moritz von Treuenfels in "Das Vermächtnis" (Bild: Sandra Then)

Wer queere Stoffe auf deutschen Theaterbühnen sucht, muss schon etwas genauer hinschauen und sich vor allem auch ein wenig auskennen. Denn queere Klassiker haben sich innerhalb des Dramenkanons bislang noch nicht nachhaltig durchsetzen können.

Häufiger zu finden sind hingegen queere Romanadaptionen. Zu diesen zählt auch Virginia Woolfs "Orlando", der Fragen nach Identität und Geschlechterrollen, Macht und Status aufwirft. Was bedeutet es eine Frau, was ein Mann zu sein? Und was, wenn man sich nicht einem Geschlecht zuordnen lassen will? Das Schauspiel Duisburg präsentiert seine Bühnenfassung am 22. Januar, das Düsseldorfer Schauspielhaus am 19. Februar.

In Düsseldorf ist im Frühsommer mit "Dorian" außerdem ein weiterer Abend mit queerem Charakter zu erleben, der sich um drei Geschichten dreht: die des Romans "Das Bildnis des Dorian Gray", die der englischen Malerikone Francis Bacon und die des Autors Oscar Wilde. Der US-amerikanische Autor Darryl Pinckney vereint die Narrative zu einem assoziativen Erzählfluss, der Starregisseur Robert Wilson liefert das zugehörige Visual Book. Premiere ist am 9. Juni.


Mit "Dorian", einer Uraufführung von Darryl Pinckney, kehrt Regisseur Robert Wilson im Juni 2022 nach Düsseldorf zurück (Bild: Lucie Jansch)

Meisterwerk "Das Vermächtnis" feiert deutschsprachige Erstaufführung

Neu auf den deutschsprachigen Theaterbühnen ist der Queer-Epos "Das Vermächtnis des amerikanischen Dramatikers Matthew Lopez. Erstmals in Deutschland ist der Abend am 30. Januar am Residenztheater München zu sehen, ab dem 22. April dann auch am Schauspiel Hannover.

Das Theaterstück wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt als gewaltiger Bühnenepos, der Beziehungs- wie Gesellschaftsdrama ist. Temporeich erzählt Lopez in zwei Teilen die berührende Geschichte einer Wahlfamilie und schwulen Community im New York der 2010er-Jahre und verneigt sich darin vor den Schicksalen der Vergangenheit und entwirft ein utopisches Bild gemeinsamer Verantwortung und gegenseitigen Respekts.

Damit steht es in der Tradition von Tony Kushners Drama "Engel in Amerika", das den Ausbruch der Aids-Pandemie in New York ins Zentrum der Handlung rückt. Kushners Theaterepos, das 1993 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, feierte in einer Inszenierung des australischen Regisseurs Simon Stone 2015 Premiere am Theater Basel und ist ab Juni nun regelmäßig am Residenztheater München zu sehen.

"Einfach das Ende der Welt" kommt von Zürich nach Bochum

Ebenfalls ein Schweiz-Deutschland-Import ist die vielfach ausgezeichnete Inszenierung "Einfach das Ende der Welt" in der Regie von Christopher Rüping. Der Abend ist eine Produktion des Schauspielhaus Zürich und ab dem 3. Februar sechsmal am Schauspielhaus Bochum zu sehen. Es geht um einen jungen Mann, der nach zwölf Jahren zu seinem Elternhaus zurückkehrt und eine schreckliche Wahrheit im Gepäck hat. Warum er mit 22 Jahren seine Familie verließ, wird nicht erzählt. Offen bleibt, ob der Hauptcharakter schwul bzw. HIV-positiv ist.

Gender, Geschlechterkampf und das erste sexuelle Begehren

Außerdem auf dem Programm: die beiden Klassiker "Was ihr wollt" von William Shakespeare, der die Geschlechterstereotype ordentlich durcheinanderwirbelt und Fragen nach Genderzugehörigkeiten und Rollenklischees neu stellt (ab 21. Januar am Staatstheater Nürnberg) und "Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind, eine Coming-of-Age-Geschichte samt Sex, Masturbation und homosexuellem Begehren, mit der er einst ein ganzes Kaiserreich polarisierte (ab 26. Februar am Schauspiel Leipzig).


Mit Shakespeares meisterhafter Komödie "Was ihr wollt" ist ab dem 21. Januar erstmals eine Inszenierung von Rafael Sanchez im Nürnberger Schauspiel zu sehen (Bild: Konrad Fersterer)

Um Emanzipation, patriarchale wie matriarchale Gesellschaftsentwürfe und den "Kampf der Geschlechter" dreht sich Sybille Bergs Komödie "In den Gärten oder Lysistrata Teil 2". Zu sehen ab dem 26. Februar am Staatstheater Karlsruhe genauso wie die Neuentdeckung "Gabriel" von George Sand – ein Stück, das die Autorin im 19. Jahrhundert geschrieben hat und bis heute nicht auf einer deutschen Bühne gespielt wurde. Im Zentrum der Handlung steht Gabriel, ein edler junger Mann im Italien der Renaissance, der von seinem Großvater erfährt, dass er eigentlich gar kein junger Mann, sondern eine junge Frau ist. Premiere ist am 14. April.

Über Frauen und Männer

Am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg inszeniert derweil der offen schwule Autor und Regisseur Falk Richter die Uraufführung von Édouard Louis neuestem Roman "Die Freiheit einer Frau", der Louis' Mutter Monique Bellegueule eine Stimme gibt und ihre Lebensgeschichte bis in die Gegenwart nachzeichnet. Zu sehen ab dem 5. März.

In "Frauen der Unterwelt" am Staatstheater Augsburg erhalten ebenfalls Frauen eine Stimme, die lange nicht gehört wurden: sieben starke, unangepasste Frauen, die Opfer der sogenannten NS-Krankenmorde wurden. Eine von ihnen ist die lesbische Journalistin Ann Esser. Der Text von Tina Rahel Völckers basiert auf einer intensiven Recherche und dokumentarischen Auseinandersetzung und wird erstmals am 8. April gezeigt.

In Mannheim dreht sich am Nationaltheater im April in "Sex – Die halbe Wahrheit" dagegen alles um die Männer: Was ist ein Mann eigentlich? Wie lebt, fühlt und liebt der Mann in einer post-patriarchalen Welt? Was hat es mit dem Begriff der "toxischen Männlichkeit" eigentlich auf sich? Ein "Männerabend" der neuen Art von Autor, Performer und Regisseur Daniel Cremer.

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#1 GayofCultureAnonym
  • 21.01.2022, 22:27h
  • Alles schön und gut, aber wie so oft- Mainstream. Amis, Franzosen, Briten und eigene Produktionen. Aber kein Blick über den Tellerrand. Queeres Theater gibt es weltweit, zumindest in westlichen Demokratien, doch nur ein Bruchteil davon ist hier bekannt. Wer kennt z.B. den wunderbaren schwulen Dramatiker Bernardo Santareno aus Portugal, mit wunderbar queeren Stücken? Es sollte auch die Aufgabe von Queer.de sein, auf Jahrestage solcher Autoren zu achten oder kleine und freie Bühnen in den Blick zu nehmen.
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