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Geschlechtergerechte Sprache

Freiburg: (a) statt (m/w/d)

Die badische Universitätsstadt geht bei Stellenausschreibungen neue Wege – und setzt auf die weibliche Form und den ersten Buchstaben im Alphabet.


Martin Horn ist seit 2018 Oberbürgermeister von Freiburg im Breisgau (Bild: Facebook / Martin Horn)

Die Stadtverwaltung von Freiburg im Breisgau hat am Donnerstag angekündigt, eine "weitergehende diverse Schreibweise" bei städtischen Stellenanzeigen umzusetzen. Statt dem Gender-Unterstrich soll künftig bei Berufsbezeichungen stets die weibliche Form verwendet werden – und statt dem Anhängsel (m/w/d) für "männlich/weiblich/divers" soll (a) für "alle" stehen.

Damit sucht die 230.000 Einwohner*innen zählende Großstadt in Kürze nicht mehr nach einer oder einem "Vermessungsingenieur_in (m/w/d)", sondern nach einer "Vermessungsingenieurin (a)". Das Ziel dieser Reform: "Alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Alter, Herkunft oder Religion sollen sich direkt angesprochen fühlen."

"Zu einer bunten Stadt gehört auch eine bunte Stadtverwaltung"

"Die unzähligen, individuellen Unterschiede einer vielfältigen Gesellschaft sind eine Bereicherung und sollen nicht nur mitgedacht, sondern künftig offensiv von uns eingeworben werden. Zu einer bunten Stadt gehört auch eine bunte Stadtverwaltung", so begründete Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) den Schritt. Dass alle Stellenanzeigen in weiblicher Form geschrieben werden, sei "ein sichtbares Zeichen für die Selbstverständlichkeit der Gleichheit aller", so Horn, "indem wir bewusst einen sprachlichen Hingucker setzen, um verfestigte Stereotype aufzubrechen." Die neuen Formulierungen sollen bereits ab Ende Januar verwendet werden.

Die geschlechtergerechte Sprache wurde in den letzten Jahren immer mehr zu einem Politikum. Viele wollten sich zum einen nicht mehr mit dem generischen Maskulinum abfinden, in dem Frauen "mitgemeint" seien – laut Studien denken nämlich die meisten Menschen, wenn sie von "Lehrern" oder "Musikern" hören, an Männer. Zum anderen sollten mit Konstrukten wie dem auch seit einigen Jahren von queer.de verwendeten Gendersternchen auch trans oder nichtbinäre Menschen sprachlich berücksichtigt werden.

Zuletzt führte die geschlechtergerechte Sprache zu Verbotsdebatten, um die neuen sprachlichen Formen zu verhindern: Schleswig-Holstein und Sachsen sprachen etwa Gender-Sprachverbote an Schulen aus. Der Bayerische Rundfunk verbot seinen Journalist*innen ebenfalls das Gendern (queer.de berichtete). Mit Dieter Hallervorden, Dieter Nuhr und Jürgen von der Lippe machten auch mehrere (männliche) Komiker ihre Abneigung gegen geschlechtergerechte Sprache zu einem Thema. (dk)



#1 RuntAnonym
  • 21.01.2022, 17:12h
  • Ein Versuch in Richtung generisches Femininum, würde ich meinen. Auch eine Möglichkeit.
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#2 Trans MannAnonym
  • 21.01.2022, 19:10h
  • Bitte nicht. Generisches Femininum grenzt insbesondere trans Männer und nichtbinäre Menschen genauso aus wie generisches Maskulinum Frauen und nichtbinäre Personen. Das ist absolut keine Lösung.
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#3 Gnurfel42Anonym
  • 21.01.2022, 20:40h
  • Das ist jetzt ein Witz, oder? Von allen Formen der gendergerechten Sprache ist das sogenannte generische Femininum wohl die mit Abstand die Schlechteste. Tatächlich ist es in Wahrheit überhaupt nicht gerecht, sondern im Gegenteil ungerecht. Und hier sind die Gründe:

    - Die Umstellung der Sprache würde ein Mammutprojekt sein. Es ist jetzt ein fast universeller Konsens, dass die Endung »-in«/»-innen« eindeutig für Weiblichkeit bzw. Frauen steht und eben NICHT generisch ist. Dieser Konsens muss erstmal aufgebrochen werden. Viel Glück damit, sich gegen gefühlt 99,9% der Sprachgemeinschaft aufzulehnen!
    - Es ist nicht abwärtskompatibel. Bestehende Texte, die die jetzige Bedeutung von der Endung »-in« meinen, könnten in Zukunft komplett falsch gelesen werden. Das wäre ironischerweise also eigentlich eine nachträgliche sprachliche Auslöschung von Frauen, da sie plötzlich in einer generischen Form verschwünden, wo sie vorher explizit gemeint waren
    - Es verletzt das Zipfsche Gesetz, und ist somit eh zum Scheitern verurteilt. Es fügt überflüssige Silben dem Wort hinzu, da sie die Wortbedeutung nicht verändern. Denn im Prinzip ist das einfach nur dasselbe wie das generische Maskulinum, nur halt um 1-2 Silben verlängert
    - Männer allgemein werden sich sicherlich NICHT angesprochen fühlen, wenn man sagt, sie seien jetzt Lehrerinnen, Studentinnen, Händlerinnen. Die Ausrede, man habe es nicht so gemeint, mag ja stimmen. Aber es wird aber in der Praxis so nicht funktionieren, wegen Abwärtskompabilität und so. Das könnte nur dann zumindest theoretisch funktionieren, wenn wir die deutsche Sprache komplett resetten könnten und die gesamte Sprachgeschichte irgendwie aus den Köpfen löschen könnten UND wir gleichzeitig komplett das Zipfsche Gesetz außer Kraft setzen könnten, um danach die Sprache am Reißbrett neu entwerfen könnten. Ähm, ja ...
    - Trans Männer im Speziellen hätten da erst recht ein Hühnchen daran zu rupfen
    - Und hat man eigentlich Nichtbinäre gefragt?
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#4 SakanaAnonym
  • 21.01.2022, 21:07h
  • Antwort auf #3 von Gnurfel42
  • Interessante Punkte...erinnert mich an einen Artikel zu einem Buch des Komikers Jürgen von der Lippe, der sich abfällig über das Gendern in der Sprache geäußert hatte.

    Es ist in der Tat nicht einfach, eine geschlechtsneutrale deutsche Sprache zu schaffen, die "natürlich" klingt und funktioniert und dabei alle Geschlechter und Identitäten gleichermaßen einschließt und repräsentiert.

    Rein grammatisch gesehen ist es immer möglich, mit * und : ein Wort so zu modifizieren, dass es alle einschließt, nur wird es dann mit den Wortkongruenzen schwierig. Oft genug schreibe ich hier im Forum von "des:er Student:in" oder "di:er Student:in", aber das funktioniert nur hier...sobald ich die Konstruktion im Alltag anwende, schauen mich die Leute mit großen Augen an und fragen mich, ob ich denn meine Muttersprache verlernt hätte.

    Eine weitere Lösung war mal, das -in komplett wegzunehmen und das generische Maskulinum durch qualifzierende Adjektive zu ersetzen wie "der weibliche Student", "der nichtbinäre Student" und "die männlichen Studenten". Ginge schon grammatisch besser, aber da gehen die meisten eben wegen des generischen Maskulinums schon auf die Barrikaden, weil es nicht als grammatisch neutrale Form interpretiert wird/werden darf, weil mit dem cishet-Patriarchat verhaftet.

    Ich muss ehrlich gestehen, dass ich bisher noch keine absolut zufriedenstellende Lösung für dieses hochrelevante sprachlich-grammatikalische Problem gefunden habe und ich es auch für schwierig halte, neue Pronomina und co in die Sprache einzuführen, die von über 90% der Sprechenden nicht genutzt und nicht verstanden werden (wollen).

    Hat hier jemand ne probate Lösung?
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#5 KaiJAnonym
  • 21.01.2022, 22:11h
  • Antwort auf #4 von Sakana
  • Na klar, wurde von mir hier schon thematisiert. Immer die feminine Form samt Artikel nehmen. Vor der Endung "in" Sprechpause lassen für's Gendersternchen. Alle Geschlechter werden im Hauptwort bedacht und können sich als Kompromiss auf den davor gesetzten femininen Artikel als die zuvorderst unterdrückte Geschlechtsform einlassen. Die feminine Geschlechtsform samt Artikel ist bekannt, daher flüssig zu sprechen, und die Sprechpause bewusst fast ebenso leicht zu sprechen wie die Pause beim Spiegel_ei.
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#6 AyidaProfil
  • 22.01.2022, 00:48hHessen
  • Antwort auf #4 von Sakana
  • Mein Professor für Politik benutzt tatsächlich das generische Femininum und in der Schriftsprache gendert er normal. Ich gendere in der Schriftsprache ebenfalls, da es in den Gesellschaftswissenschaften gang und gäbe ist. Beim Sprechen außerhalb der Uni sage ich meistens die weibliche und männliche Form (Kolleginnen und Kollegen). Ich werde in Zukunft aber vielleicht auch beim Sprechen gendern.
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#7 MarcoAnonym
  • 22.01.2022, 10:58h
  • Muss nicht ganz so ernst genommen werden.
    Die Badische Zeitung veröffentlichte ein Interview mit dem OB hinter einer Bezahlschranke. (
    www.badische-zeitung.de/freiburgs-ob-horn-erklaert-den-zusat
    z-a-bei-den-stellenanzeigen).

    Es handelt sich wohl auch um einen PR-Gag:
    "BZ: Wie kommt die Stadtverwaltung auf diese Schreibweise?
    Horn: Es gibt Beispiele in der Schweiz, wo das so gemacht wird. Das fanden wir interessant. Letztlich geht es nicht um eine Neuerung im Sprachgebrauch, sondern um den Titel einer Stellenausschreibungen. Das ist kein Aufruf zur Veränderung der deutschen Sprache. Bislang schrieben wir in Annoncen den Gender-Gap, davor (m/w/d). Mit (a) signalisieren wir, dass wir uns als vielfältige und gleichberechtigte Stadtverwaltung verstehen." (...)
    Und weiter:
    "BZ: Welche Motivation steckt dahinter?
    Horn: Als Stadtverwaltung befinden wir uns im Wettbewerb mit Stellen auf dem freien Markt und in anderen Kommunen. Auch wir spüren den Fachkräftemangel. In den nächsten zehn Jahren geht außerdem ein Drittel der Beschäftigten des Rathauses in Ruhestand. Wir wollen Interesse und Lust auf eine Bewerbung bei der Stadt Freiburg wecken."
    Dass das notwendig ist? Freiburg ist doch schon längst eine der hippsten Städte in D.
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#8 HugogeraldAnonym
  • 22.01.2022, 11:18h
  • Antwort auf #3 von Gnurfel42
  • Nach Beginn dieser Massnahme werden ernsthafte Diskussionen stattfinden. Und es wird innerhalb eines halben Jahres beim Thema geschlechtergerechte Sprache weit mehr erreicht werden als in den letzten 20 Jahren.
    Hier zielt eine der Akteurinnen auf die normative Kraft des Faktischen ab.
    Ich finde es als die beste Maßnahme der letzten Jahre damit am Ende aufgerissene Gräben zugeschüttet sind und eine Normalität der Gesellschaft stattfindet.
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#9 KaiJAnonym
#10 RuntAnonym
  • 22.01.2022, 12:35h
  • Sprache ist ein lebendiger Organismus, wie eine Pflanze, sie lässt sich schon ein wenig in Form bringen und trimmen, aber auch nur bis zu einem bestimmten Grad. D.h., es ist wichtig zu berücksichtigen, dass ein Vorschlag, den man in die Welt setzt, sich vermutlich nur teilweise durchsetzen wird, sich abschleift und auch unterschiedlich interpretiert werden kann.

    Ich vermute, es ist am besten, verschiedene Varianten auszuprobieren, wobei auch zu berücksichtigen ist, dass es unterschiedliche Sprechakte gibt, in denen verschiedene Formen, über Geschlecht und Gender zu sprechen (oder es auch bewusst offen zu lassen), passend sind. Manchmal ist es eben wichtig, das Geschlecht einer Person zu definieren, manchmal ist es aber auch nicht nötig oder sogar übergriffig.

    In einer Stellenanzeige ist es nicht problematisch, wenn die Sprache etwas bürokratischer daher kommt (wobei der Freiburger Vorschlag in puncto Lesbarkeit und Kürze eine gewisse Eleganz ausstrahlt).

    Ich kann mir vorstellen, dass sich in der gesprochenen amtlichen und offiziellen Sprache bei Berufsbezeichnungen der Glottisschlag bewähren wird, weil man sowohl die männliche als auch weibliche Form des Ursprungswortes "durchhören" kann. Inwieweit die Bedeutung des Glottisschlags als Repräsentanz für Nicht-Binäre im Bewusstsein der Menschen bleibt, würde ich mal bezweifeln.

    Im Alltag kann ich mir eine bunte Mischung aus generischem Maskulinum, Femimininum, Gendersternchen mit Glottisschlag, traditionellen Formeln und aus geschlechtsneutralen Gerundien (Lesende statt Leser:innen) vorstellen und käme gut damit klar.
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