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NRW

Virtuelle Kerzen für schwule NS-Opfer entzünden

Eine neue WDR-App macht die rund 15.000 Schicksale hinter Stolpersteinen in Nordrhein-Wesrfalen erlebbar. Gezielt können Nutzer*innen etwa nach Stadt oder Opfergruppe suchen.


Seit fast 30 Jahren erinnern Stolpersteine – wie hier in Kreuztal-Kredenbach im Siegerland – an Opfer des Nationalsozialismus. Alfred Freudenberg wurde 1945 nur wenige Monate vor der Befreiung wegen seiner Homosexualität im KZ Dachau ermordet (Bild: Jürgen Wenke / Rosa Strippe e.V.)
  • 22. Januar 2022, 03:32h, noch kein Kommentar

Rund 15.000 Schicksale, eingelassen im Boden: Eine neue App des Westdeutschen Rundfunks (WDR) bereitet die Geschichten hinter den sogenannten Stolpersteinen in Nordrhein-Westfalen auf. Mit dem Smartphone sollen die Lebens- und Leidenswege der Menschen erlebbar werden, an die auf vielen Straßen mit den Messingtafeln erinnert wird. Am Freitag war die App für Apple-Geräte bereits abrufbar, für Android sollte sie bald folgen. Zudem ging die Website stolpersteine.wdr.de online, über die man ebenfalls zu den Steinen recherchieren kann.

Bei den Stolpersteinen handelt es sich um ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Jeder Stein erinnert an einen Menschen, der von der NS-Diktatur verfolgt, ermordet oder in den Suizid getrieben wurde. Dazu werden kleine Messingtafeln in den Boden eingelassen. Zu finden sind sie etwa vor früheren Wohnhäusern oder Geschäften von Juden oder von Homosexuellen. Das WDR-Projekt soll nach Angaben des Senders alle rund 15.000 Stolpersteine in NRW auffindbar machen, die es mittlerweile gibt. Es richtet sich auch stark an jüngeres Publikum.

59 Stolpersteine für schwule NS-Opfer

Mit der App lässt sich direkt zu jedem Stein, vor dem man steht, die dahinter verborgene Geschichte erfahren. Gezielt können die Nutzer*innen u.a. nach der Opfergruppe suchen – so wurden in NRW 59 Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer verlegt.


Mit der App erfahren Smartphone-Nutzer*innen zu jedem Stein, welcher Mensch sich dahinter verbirgt (Bild: Jan-Philipp Behr / WDR)

Gezeigt werden biografische Texte, aber auch Hörspiele und historische Fotos. Illustratorinnen und Illustratoren der Kunsthochschule Kassel verfassten zudem 200 gezeichnete Kurzgeschichten, die sich mit den Geschichten der NS-Opfer auseinandersetzen. An einigen Orten verschmelzen digitale Inhalte auf dem Bildschirm auch mit der realen Umgebung – die Technik nennt sich Augmented Reality. Nutzer*innen können etwa zum Gedenken virtuelle Kerzen an den Steinen entzünden.

WDR-Intendant Buhrow: "Das ist eine ganz andere Intensität"

Es sei berührend, wenn man mehr als nur den Namen und Eckdaten auf einem Stolperstein erfahre, sondern die Person wirklich nahegebracht bekomme, sagte WDR-Intendant Tom Buhrow. "Das ist eine ganz andere Intensität", sagte er. Er selbst habe sich unter anderem einen Stolperstein in seiner Heimatstadt Siegburg genauer angeschaut.

Der WDR hatte Anfang 2020 Städte und Gemeinden kontaktiert, in denen Stolpersteine liegen. Gemeinsam mit Expert*innen, mit Initiativen und Aktionsbündnissen wurden dann Archive durchforstet, historische Dokumente gesichtet, Berichte von Überlebenden ausgewertet und Quellen abgeglichen.

Bereits seit mehreren Jahren existiert die sehr informative private Webseite stolpersteine-homosexuelle.de des Bochumer Aktivisten Jürgen Wenke, die nicht auf NRW begrenzt ist. (cw/dpa)