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Meisterwerk des "New Queer Cinema"

Ein schwules Paar begeht den (fast) perfekten Mord

Heute vor genau 30 Jahren – am 23. Januar 1992 – erlebte der Film "Swoon" seine Premiere. Er ist die authentischste Verfilmung eines Stoffes, an dem sich auch schon Regisseure wie Alfred Hitchcock versuchten.


Szene aus "Swoon": Die beiden Jurastudenten Nathan Leopold und Richard Loeb versuchten 1924 das "perfekte Verbrechen" zu begehen

Trotz seiner mittlerweile 30 Jahre ist "Swoon" (1992) nicht gealtert und immer noch ein faszinierendes Meisterwerk des "New Queer Cinema". Heute ist der Film leicht verfügbar und man kann ihn für wenig Geld als DVD kaufen (Amazon-Affiliate-Link ), für Sammler*innen gibt es ihn sogar auch als VHS und Laserdisc (digitales Medium im Schallplattenformat). Youtube bietet "Swoon" (1982) in der Originalfassung an. Im Folgenden beziehe ich mich mit meinen Minutenangaben auf diese Youtube-Fassung, auch wenn ich dabei aus den deutschen Untertiteln der im Handel verfügbaren DVD zitiere.

Direktlink | "Swoon" in der englischen Originalfassung auf Youtube
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Der Inhalt des Films

Der Film des Regisseurs Tom Kalin ist eine in Schwarz-Weiß gedrehte Kriminalgeschichte aus dem wilden Chicago der Zwanzigerjahre; mit der Darstellung als "Stadt des Verbrechens" (1:05:05) sind Anleihen an den "Film noir" unverkennbar. Zu Beginn des Films werden die beiden jungen Jurastudenten Nathan Leopold und Richard Loeb als Liebespaar eingeführt. Ich kenne keinen Film, bei dem das Überstreifen von Ringen als Zeichen der Liebe aufwändiger und schöner in Szene gesetzt wurde (3:10 Min., s. dazu auch das kurze Filmzitat in der Doku "The Celluloid Closet", 1995, 1:32:20 Min.).


Nie schöner in Szene gesetzt: das Überstreifen eines Rings

Eine Sexszene zwischen den beiden Männern wird mit den Worten eingeleitet: "Ich nehme an, du willst jetzt ausgezahlt werden" (8:15 Min.). Der Hintergrund dieses Kommentars wird durch die spätere Gerichtsszene deutlich, wo es zu ihrer Vereinbarung heißt: "Nathan wurde an bestimmten Tagen die Ehre zuteil, seinen Penis zwischen die Beine von Dickie (Loeb) einzuführen" (59:45 Min.) – für jedes Verbrechen gibt sich Loeb seinem Freund einmal passiv hin. In der Regel sind es kleinere Straftaten, die die beiden gemeinsam verüben; allerdings auch die gemeinsame Ermordung des 14-jährigen Bobby Franks (17:50-21:35 Min.).


Analverkehr als Belohnung – einmal pro Verbrechen (Bildausschnitt)

Weil einer der beiden Männer seine Brille am Tatort verliert, können sie später überführt und verurteilt werden, wobei vor Gericht nicht nur der Mord, sondern auch die Homosexualität der Täter breit erörtert wird. Es gehört für mich zu den gelungenen filmischen Experimenten des Regisseurs, den Sex im Bett so zu inszenieren, als würde sich das Bett mitten im Gerichtssaal befinden (1:01:15 Min.).


Ein filmisches Experiment: Die Inszenierung des Bettes im Gerichtssaal (Bildausschnitt)

Beide Männer werden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Im Gefängnis wird Richard Loeb 1936 von einem anderen Gefängnisinsassen ermordet. Als sich Nathan Leopold von seinem toten Geliebten verabschiedet, wird noch einmal Loebs Ring beeindruckend in Szene gesetzt (1:16:20 Min.).

Der Regisseur und seine beiden Hauptdarsteller

In einem großen Teil von Tom Kalins Filmen geht es um schwule Männer und Aids, wobei "Swoon" sein Langfilm-Debüt ist. Es folgten viele weitere Filme mit schwuler Thematik wie "I Shot Andy Warhol" (1996), "Wilde Unschuld" (2007) und die TV-Serie "Pride" (2021). Für seine Filme erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen und Nominierungen. Zeitweise war er in der Aids-Aktionsgruppe ACT UP engagiert. Während sich bei Daniel Schlachet (dem Darsteller Loebs) keine weiteren Filme im queeren Kontext finden lassen, hat Craig Chester (der Darsteller Leopolds) in vielen weiteren schwulen Filmen mitgespielt, wie zum Beispiel "Frisk" (1995), "Kiss me, Guido" (1997), "Adam & Steve" (2005) und "Kill your Darlings" (2013).

Was ist das "New Queer Cinema"?

Tom Kalin hat es erreicht, dass sein Film "Swoon" einer der Wegbereiter für das "New Queer Cinema" wurde, wozu vor allem amerikanische Independentfilme der frühen Neunzigerjahre mit queerer Thematik gehören. Neben "Swoon" wird auch den Filmen "Poison" (1991), "The Hours and Times" (1991) und "The Living End" (1992) eine hohe Bedeutung für diese Strömung beigemessen.

Auch schon lange bevor der Begriff "New Queer Cinema" 1992 auftauchte, hatte es queeres Kino von schwulen Filmemachern gegeben, wie zum Beispiel die Filme von Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim oder Jean Genets "Un chant dʼamour" (s. queer.de). Aber die Aids-Krise in den Achtzigerjahren und die konservativ-repressive Politik unter Ronald Reagan (USA) und Margaret Thatcher (Großbritannien) stellte die Bewegung vor ganz neue Herausforderungen. Im Rahmen dieser neuen Bewegung entstanden radikal ehrliche Filme, die sexuell deutlich waren und sich weigerten, einfach nur politisch korrekte "positive" Bilder von Lesben und Schwulen zu transportieren, sondern es wurden auch radikale und unkonventionelle Geschlechterrollen, Lebensweisen und sexuelle Erlebnisse offen, frech und frei dargestellt.

Der Dokumentarfilm "Paris Is Burning" (1991) und Derek Jarman mit seinen Filmen wie "Edward II." (1991) lassen sich ebenfalls dieser Strömung zurechnen. In der Folge wurden schwul-lesbische Themen mehr vom Mainstream angenommen, und es wurde auch einigen unabhängigen Filmproduktionen wie "I Shot Andy Warhol" (1996) und "Boys Don't Cry" (1999) der Weg geebnet. Das "New Queer Cinema" war eine relativ kurzlebige Strömung, die es bis zum Anfang dieses Jahrtausends gab und in rund 20 Jahren zeigte, was für ein kreatives Potenzial in queeren Filmen steckt.

Die Geschichte hinter dem Film

Der Regisseur Tom Kalin hat sich recht genau an das gehalten, was von den beiden Mördern Nathan Leopold und Richard Loeb, besser bekannt als Leopold und Loeb, tatsächlich bekannt ist. Sie stammten beide aus sehr wohlhabenden Familien und waren Studenten der University of Chicago. 1924 ermordeten sie den 14-jährigen Bobby Franks und wurden dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Januar 1936 wurde Loeb im Alter von 30 Jahren von seinem Zellengenossen getötet. Leopold wurde 1958 entlassen, heiratete und lebte bis 1971.


Die echten Mörder Nathan Leopold und Richard Loeb

Kalin fokussiert in seinem Film die Liebesbeziehung der beiden Männer und setzt mit seiner Filmhandlung einige Monate vor der Ermordung von Bobby Franks an. Dass sie den Mord begingen, weil sie sich im Sinne Friedrich Nietzsches für Übermenschen hielten und das perfekte Verbrechen begehen wollten, wird im Film nur gestreift. Auch der Umstand, dass beide Täter jüdisch waren, war in der Gerichtsverhandlung und der öffentlichen Diskussion wohl von größerer Bedeutung als es Kalin in seinem Film darstellte (s. u.a. 10:55 Min.). Das Gleiche gilt für die Diskussion um die Todesstrafe, die der Prozess befeuerte.

Die Kommentare in der IMDB

Aussagekräftiger als die vielen auch online verfügbaren lobenden Rezensionen zum Film finde ich die Kommentare in der IMDB (Internet Movie Database), die sich so zusammenfassen lassen: Die Fotografie und der Schnitt werden durchgehend gelobt. Der schwule Blickwinkel fällt vor allem bei einem Vergleich mit den anderen Verfilmungen des Stoffes auf, wobei "Swoon" als direkter und überzeugender angesehen wird (User*in Lechuguilla). Tom Kalins Film sei echtes Arthouse-Kino (Ulicknormanowen), das eher wie ein avantgardistisches Bühnenstück wirke (endymion82). Nicht alle filmischen Experimente kommen an: Ein*e User*in störte sich an den Anachronismen wie den modernen Telefonen und fragte sich, welche Funktion in einigen Szenen die schwarze Dragqueen hatte (Pkdetroit).


Eine schwule Liebesgeschichte mit Blick für Details

Ein*e User*in macht auf zwei Probleme aufmerksam: "Die Verschwörung, einen Jungen zu entführen und zu ermorden, scheint aus derselben Langeweile entstanden zu sein, die Leopolds und Loebs erotische Begierden aufkommen ließ." Diesen Vorwurf kann man noch leicht begegnen: Es ist richtig, dass der Film nicht die Geschichte ihrer Beziehung erzählt und etwas schade, dass er auf die Ursache ihrer Mordlust zu wenig eingeht. Der zweite Vorwurf wiegt etwas schwerer: Der Film konzentriere sich auf die beiden Mörder und feiere sie fast, während das unschuldige junge Opfer fast anonym bleibe (Dglink). Mit dieser Einschätzung steht er bzw. sie nicht alleine da, denn auch an anderer Stelle heißt es, dass hier der Versuch gemacht werde, die Verantwortung für das Verbrechen auf eine intolerante Gesellschaft abzuwälzen (wes-connors). Leopold und Loeb würden – so ein*e weitere*r User*in – als Opfer einer homophoben Gesellschaft dargestellt, die dieses schreckliche Verbrechen verursacht habe. Dies wird als unfair sowohl gegenüber den Homosexuellen als auch gegenüber dem Mordopfer bewertet (Malvernp).

Gegen eine subjektive Wirkung lässt sich schlecht argumentieren, aber ich habe zumindest nicht den Eindruck, dass der Film die Verantwortung für den Mord auf die homophobe Gesellschaft abzuschieben versucht, und vermutlich würde dies auch der Regisseur deutlich abstreiten.

Weitere Adaptionen

Der reale Kriminalfall um ein schwules Freundespaar führte in den Bereichen Literatur, Film und Theater zu unzähligen Adaptionen (s. Wikipedia). An dieser Stelle möchte ich nur zwei andere Filme aufgreifen. Das ist zum einen der Thriller "Cocktail für eine Leiche" (1948) von Alfred Hitchcock, den ich vor einigen Jahren hier ausführlich auf queer.de vorgestellt habe. Hitchcock hat hier sehr deutlich den Dominanz-Aspekt zwischen den beiden Mördern betont.


Die bekannteste Adaption des Stoffes: Alfred Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" (1948)

Zum anderen soll hier der Film "Der Zwang zum Bösen" (USA 1959) erwähnt werden, in dem Orson Welles als Schauspieler agiert, der als einer der künstlerisch einflussreichsten Kinoregisseure gilt. Ähnlich wie in Hitchcocks Film gibt es auch hier keinen deutlichen Hinweis auf Homosexualität. Wer jedoch weiß, dass der Film von schwulen Mördern handelt, kann in dem Gespräch zwischen den Angeklagten und ihrem Verteidiger (Orson Welles) über etwas "Unrechtes" oder "Negatives" in deren Freundschaft einen dezenten Hinweis auf ihre Homosexualität erkennen (1:18:30-1:18:45 Min.).

Am Anfang des Films ist zudem die Rede von einem "Abkommen" zwischen den beiden Männern (1:40-1:55 Min.). Nach dem zugrunde liegenden Roman "Zwang" von Meyer Levin besteht dieses "Abkommen" darin, dass Joshua Steiner (Leopold) seinem dominanten Freund Artie Strauss (Loeb) bei gemeinsamen Verbrechen gehorchen muss. Im Gegenzug gibt er sich Joshua sexuell passiv hin. In "Swoon" wurde dieser Aspekt mit aller Deutlichkeit aufgegriffen. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass in den Jahren 1948 und 1959 in den USA der Hays Code die offene Darstellung von Homosexualität verbot.

Authentisches Bild zweier Homosexueller


Nicht gealtert: "Swoon"

Was bleibt, ist der filmisch überzeugende und faszinierend experimentelle Film "Swoon". Die Kameraarbeit, in Schwarz-Weiß, grobkörnig und geschickt mit Licht und Schatten spielend, wird durchgehend gelobt, und viele Originalszenen aus der Zeit tragen zur Authentizität bei. Tom Kalins "Swoon" ist zwar nur eine, aber die deutlichste, ehrlichste und authentischste Adaption des Stoffes des schwulen Mörderpaars Leopold und Loeb.

Es gab Irritationen darüber, ob die Homosexualität der beiden Männer als ausschlaggebend für den Mord dargestellt wird, und über den bei Manchen entstandenen Eindruck, als wolle der Film die Verantwortung für die Tat auf die homophobe Gesellschaft abwälzen. Auch auf dem Backcover meiner Kauf-DVD habe ich das nicht durchdachte Zitat gefunden, dass die Homosexualität der beiden Männer den "Auslösemoment für die Tat" darstellt. Damit ist aber offenbar nur gemeint, dass sich Leopold im Rahmen seiner psychischen Abhängigkeit und nur aus Angst vor "Liebesentzug" an dem gemeinsamen Mord beteiligt. Diesen Zusammenhang auch im Film aufzuzeigen, kann ich nicht kritisieren.

Den Filmemacher Kalin hat es zum Glück nicht interessiert, ob es gerade politisch korrekt war, auch zwei Juden bzw. zwei Schwule als Mörder zu porträtieren. Kalin wollte kein glattes, sondern ein authentisches Bild zweier Homosexueller bieten. Das ist ihm gelungen. Von dieser inneren Unabhängigkeit bin ich positiv beeindruckt. Mit "Swoon" ist Kalin nicht nur ein wahrhaftiger, sondern auch ein Film mit nachhaltiger Wirkung gelungen.

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#1 StaffelbergblickAnonym
  • 23.01.2022, 13:18h
  • "Swoon" ist eine Kinofilm. Und damit werden mehr künstlerische Freiheiten umgesetzt.
    2017 gab es in ZDF-Info den Film "Der Mord an Bobby Franks". Mittlerweile auch bei youtube
    www.youtube.com/watch?v=2G3bGvQVQ_U

    Hier wurde ein 14jähriger von gesellschaftlich exponierten jungen Männern getötet und post mortem zusätzlich grausam misshandelt, entwürdigt. Im Prozess dann die Diskussion zu mentalen Beweggründen aufgrund des literarischen Hintergrundes, gesellschaftliche Stellung. Wenn bei den Tätern die Straftaten mit Analverkehr verbunden waren ... dann hätte das eine zusätzliche forensische Komponente
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