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Sachbuch

Mobilmachung zum Kulturkampf

Vernebelnde Worthülsen, ideologische Verblendung und eine Neigung zur Nabelschau: Jan Feddersen und Philipp Gessler verpassen mit ihrem Buch "Kampf der Identitäten" die Chance auf einen konstruktiven Beitrag in einer wichtigen Debatte.


Jan Feddersen im vergangenen Jahr bei einem "taz"-Talk zum eigenen Buch auf der Frankfurter Buchmesse

Nicht lange nach Erscheinen seines Buches verkündete Jan Feddersen auf seinem öffentlichen Facebook-Profil, die soeben erscheinende zweite Auflage sei nun "von wenigen Fehlerchen" bereinigt.

Das scheinbar nebensächliche Eingeständnis ist an sich schon bemerkenswert. Beachtung verdient vor allem der ins Diminutiv gesetzte Fehler. Man muss sich dazu wohl ein breites Grinsen der Verlegenheit und Schweißperlen auf der Stirn vorstellen.

Wow … die von wenigen Fehlerchen bereinigte neue Auflagel: Wir, Freund und Mitautor Philipp Gessler und ich werden...

Posted by Jan Feddersen on Thursday, November 25, 2021
Facebook / Jan
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Unabhängig davon, ob die Schludereien in der Recherche nun relevant sind oder nicht: Das Werk wurde offenbar in aller Hast veröffentlicht. Auch die nachträglichen Korrekturen machen es nicht besser. Dabei hätte das Thema unbedingt höchste Sorgfalt verdient. Denn es geht um nicht weniger als um einen grundsätzlichen Streit innerhalb des linksliberalen Milieus.

Klassische Homobewegung vs. queeren Aktivismus

Es betrifft Verletzungen und Verletzlichkeit im Zusammenhang mit Rassismus, Misogynie, Trans- und Homophobie. Feddersen und Gessler nutzen dafür den Begriff der "Identitätspolitik". Nicht die offensichtlichen Fälle von Hate-Speech, körperlicher Gewalt oder juristisch unstrittige Diskriminierungen stehen dabei im Vordergrund, sondern subtile, nicht gleich erkennbare Mechanismen der Ausgrenzung in Kultur, Gesellschaft und Politik, die sich vor allem in der Sprache äußern. Dabei verschieben sich auf beunruhigende Weise die gesellschaftlichen Fronten: Unter anderem steht die klassische Lesben- und Schwulenbewegung dem queeren Aktivismus einer jüngeren Generation gegenüber.

Darüber aufzuklären, Missverständnisse auszuräumen und die Debatte nach vorne zu bringen, bedarf einer besonderen Sensibilität. Doch um Abwägung und Differenzierung oder etwa ums Ringen nach neuen Positionen geht es hier nicht. Feddersen und sein Co-Autor Philipp Gessler haben sich längst auf die Seite derjenigen geschlagen, die sich als "normale" Mehrheit empfinden und von den Forderungen von trans Menschen und People of Colour genervt sind. Das thematische Minenfeld dient ihnen lediglich als Anlass, publizistisch aufzuwiegeln. Ihre Warnung lautet: Eine Minderheit innerhalb des rot-grünen Spektrums kapriziere sich nur noch auf persönliche Befindlichkeiten von Splittergruppen, verliere dabei das Gemeinwohl der Gesellschaft aus dem Blick und stifte letztlich unabwendbares Chaos.

Steht das Abendland mal wieder vor dem Untergang?


"Kampf der Identitäten" ist Ende 2021 im Ch. Links Verlag erschienen

Genau sechs Monate früher war ein Buch aus dem dtv-Verlag erschienen, das rasch zum Bestseller auf der Sachbuchliste des "Spiegel" wurde. Es behandelt nicht nur ein im weiteren Sinne verwandtes Thema, sondern trägt auch noch einen beinah identischen Buchtitel: "Schlacht der Identitäten" von Hamed Abdel-Samad.

Feddersen, Gessler und ihr Verlag konnten offenbar der Versuchung nicht widerstehen, auf einen Anschlusserfolg mit einem nur unwesentlich abweichenden Titel zu setzen: "Kampf der Identitäten". Der martialische Unterton ist Mittel zum Zweck. Auch die Gestaltung des Buchcovers suggeriert Unheil. Vertikale und horizontale Verlängerungen von Buchstabenelementen in "Kampf" und "Identitäten" bilden ein auf den Kopf gestelltes Kreuz. Steht das Abendland mal wieder vor dem Untergang? Diese Suggestivbotschaft lässt sich kaum von der Hand weisen. In dieser Art könnte auch das graphische Intro eines apokalyptischen Science-Fiction-Films gestaltet sein.

Der Untertitel, auf dem Cover in die untere linke Ecke gesetzt, dient den Schreibern wiederum als Legitimation ihrer Mission – und als Alibi, um nicht mit Rechtspopulisten in einen Topf geworfen zu werden: "Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale". Wer nun eine objektive, ernst gemeinte Auseinandersetzung erwartet, wird enttäuscht. Eine solche kann schon allein deshalb nicht stattfinden, weil sich Feddersen und Gessler durch das Buch hindurch eines Vokabulars bedienen, für dessen Bedeutung es keine gesellschaftliche Übereinkunft gibt. Schlagworte wie "woke", "cancel culture", "politische Korrektheit", "Sprechverbot" oder "Identitätspolitik" tendieren längst zum Phrasenhaften oder sind gar zu Kampfbegriffen mutiert, die inhaltlich nichts zur Debatte beitragen.

Der sympathische Normalo von nebenan

Abwegig mutet zunächst die Idee der beiden Autoren an, in Form einer biografischen Selbstbeschreibung vorab Zeugnis über ihren jeweiligen Privilegiertenstatus abzulegen und damit einer hypothetischen Forderung der "Identitätspolitik" nachzukommen. Der Perspektive Feddersens und Gesslers zufolge dürfte das eigentlich keinen Sinn ergeben. Dass sie diesem Anliegen dennoch folgen und ihm sogar ein gesondertes Kapitel widmen, könnte man als Versuch werten, ihrem Publikum Sand in die Augen zu streuen: Selektive Transparenz und Offenheit sollen suggerieren, was sich zumindest im Fall von Jan Feddersen als Ablenkungsmanöver erweist. In seinem Lebenslauf verknüpft dieser das Klischee einer Kindheit und Jugend im rauen Hamburger Hafenmilieu mit seiner eher unspektakulären Diskriminierungsgeschichte als schwulem Mann, gekrönt von einem emanzipatorischen Happy-end.

Auffällig ist die Selbststilisierung zum sympathischen Normalo von nebenan, der sich zwar gegen Ausgrenzung wehrt, aber keineswegs auffallen oder aus der Reihe tanzen möchte und im Grunde doch so tickt wie alle anderen auch – ein Bild, das Pose bleibt. Aufrichtig wäre gewesen, auf seine Jahrzehnte währende Machtposition als Ressortleiter und Redakteur einer überregionalen Tageszeitung – der "taz" – hinzuweisen, auf sein sorgfältig aufgebautes Netzwerk im etablierten Medienbetrieb von der "FAZ" bis zum Deutschlandfunk, bei der schon mal eine Hand die andere wäscht. Das sind die Privilegien, über die man gerne informiert wäre.

Selbstinszenierung und Selbstmitleid

Über mangelnde Gelegenheit zur Meinungsäußerung kann sich Feddersen jedenfalls nicht beklagen. Häufig verknüpft er seine Polit-Agenda mit dem Charme des Persönlichen. Erst im letzten Sommer berichtete eine seit Jahrzehnten mit ihm befreundete Journalistin ausführlich in der "Zeit" von einem Spaziergang mit ihm durch seinen Heimatbezirk Neukölln. Nachhaltig im Gedächtnis blieb auch sein "taz"-Essay "Ich, der Feind", bebildert mit einem künstlerisch anmutenden Porträt, das von der renommierten Fotografin Anja Weber aufgenommen wurde. Ein beispielloser Akt journalistischer Selbstinszenierung – und des Selbstmitleids. In dem Text beklagt er, in queeren Debatten nicht mehr mitreden zu dürfen. Wie kommt Jan Feddersen angesichts seiner so ausgeprägten Medienpräsenz auf diese Idee?

Umso unverständlicher, dass Feddersen und sein Co-Autor in "Kampf der Identitäten" die Chance ungenutzt verstreichen lassen, einen konstruktiven Beitrag zur aktuellen Debatte beizusteuern. Dabei zeigt sich zwischen den Zeilen immer wieder, dass beide durchaus etwas zu sagen hätten. Jenseits von vernebelnden Worthülsen , ideologischer Verblendung und einer Neigung zur Nabelschau hätten sie sich damit auch Gehör bei einem kritischen Publikum verschaffen können.

Infos zum Buch

Jan Feddersen, Philipp Gessler: Kampf der Identitäten. Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale. 256 Seiten. Ch. Links Verlag. Berlin 2020. Taschenbuch: 18 € (ISBN: 978-3-96289-124-4). E-Book: 9,99 €

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#1 RuntAnonym
  • 29.01.2022, 10:54h
  • Was fehlt, sind Bücher, die Erkenntnisse über Identitätenkampf in der Gesellschaft soziologisch-nüchtern aufarbeiten, wie die von Aladin Mafaalani. In seinem Buch "Das Integrationsparadox" hat er sehr gut beschrieben, warum gerade gelungene Integration und Inklusion nicht zu weniger, sondern zu mehr Streit in der Gesellschaft führt und warum das anstrengend ist, aber keine Katastrophe sein muss.

    Während Mafaalani vor allem die Themen Migranten, Muslime und people of colour behandelt, würde mir ein solches Buch wünschen, dass die queere(n) Perspektive(n) in den Fokus rückt.
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#2 KulturkriegAnonym
  • 29.01.2022, 11:22h
  • Antwort auf #1 von Runt
  • Jemand, der in den den 80er für Schwulenrechte gekämpft hat, öffnet sich heute für neurechte Theorien und verbreitet diese munter für die Masse weiter. Da fällt mir auch jetzt z.B. Renaud Camus als gutes Beispiel ein:

    de.wikipedia.org/wiki/Renaud_Camus

    Ich frage mich dann immer: warum?

    In einem Vierten Reich hätten Schwule und Lesben nichts zu lachen, warum lassen die sich also mit Identitären, Neurechten, Rechstextremen usw . ein?
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#3 Alexander_FAnonym
  • 29.01.2022, 12:03h
  • Langsam nervt es nur noch. Es mag ja sein, dass vor ein paar Jahren "Identitätspolitik" das Stichwort nötiger Kurskorrekturen in der Linken war. Wie man sieht, haben aber nur wenige Linke wie Christian Baron die nötige Distanz, um zu sehen, dass bei diesen Kurskorrekturen nicht die Belange von Minderheiten gegen Rückbesinnung auf die soziale Frage ausgespielt werden dürfen.
    Dass auch die queere Bewegung teils nicht das Gelbe vom Ei ist und insbesondere Antisemitismus und eine naive Sichtweise auf den Islam ein Problem sind, stimmt leider ebenso.

    Stattdessen aber wird "Identitätspolitik" nur noch als ein verallgemeinerndes Schlagwort von verbitterten privilegierten Altlinken aufgegriffen, die meinen, die farbigen Transmenschen würden ihnen ans Leder und ihnen ihre Heimat nehmen wollen. Und die dabei nur noch den Rechten das Wort reden.
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