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Literaturneuerscheinung

Für die eine ist das Private politisch, für die andere das Politische privat

Mit "Die Tochter" erscheint erstmals ein Buch der südkoreanischen Autorin Kim Hye-jin auf Deutsch. Darin hadert eine Mutter mit der Homosexualität ihres Kindes. Am Ende eint sie mehr als sie trennt – anerkennen will das aber keine von ihnen.


Kim Hye-jin, geboren 1983 in Daegu, wurde für ihre Romane vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2020 mit dem Daesan Literaturpreis, dem wichtigsten seiner Art in Südkorea (Bild: Ozak)

Mit knapp über dreißig ist Green als Lehrbeauftragte an der Universität tätig. Die Beschäftigung ist unsicher, dennoch protestiert sie gegen das ungerechte Auftreten der Verwaltung gegenüber ihren Kolleg*innen. Verheiratet ist sie nicht, dafür aber seit etwa sieben Jahren mit einer Frau zusammen. Ihre Mutter hingegen ist verwitwet, widmete ihre ganze Kraft dem Hegen der eigenen Familie und hat nach dem Tod ihres Mannes ein kleines, marodes Haus geerbt. Die Miete allein reicht nicht zum Überleben, erst mit dem Einkommen als Pflegerin kommt sie halbwegs über die Runden.

Es wäre zu einfach zu behaupten, dass besagte Tochter und ihre namenlose Mutter, aus deren Sicht der Roman "Die Tochter" (Amazon-Affiliate-Link ) geschrieben ist, nicht unterschiedlicher sein könnten. Obendrein wäre eine solche Behauptung schlicht falsch. Kim Hye-jin hat es von Anfang an auf Überschneidungen im Leben der beiden Frauen abgesehen. Scheinen die zu Beginn noch unvorstellbar, zeichnen sie sich im Laufe der geballten Erzählung immer stärker ab.

Dass weder die Tochter noch die Mutter selbst, deren Gedankenfluss sich im Stakkato auf rund 170 Seiten ergießt, diese Gemeinsamkeiten nicht zu erkennen im Stande sind, ist das tragische Element der Geschichte. Dass Kim Hye-jin sie prägnant herausarbeitet und feinsinnig in den Roman einfließen lässt, wiederum der größte Beweis ihres literarischen Könnens. Ihrer Sensibilität für zwischenmenschliche Dynamiken einerseits – und dem Einfluss gesellschaftlicher Härten auf sie andererseits.

Homosexualität als Urteil


"Die Tochter" ist im Januar 2022 bei Hanser Berlin erschienen

Ob ihrer divergenten Lebensentwürfe hat sich eine Distanz zwischen Mutter und Tochter aufgebaut. Man trifft sich regelmäßig auf ein gemeinsames Essen, doch die Gesprächsthemen sind dürftig. Erst die gemeinsamen finanziellen Nöte zwingen sie dazu, sich wieder anzunähern. Zumindest räumlich. Weil sich Green die Miete nicht mehr leisten kann und ihre Mutter gleichsam dringend zusätzliches Geld benötigt, um überfällige Renovierungsarbeiten nachzuholen, quartiert sie sich gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin bei ihr ein.

Im gemeinsamen Alltag tritt die Homophobie der Mutter – die Endung "-phobie" ist in diesem Falle tatsächlich einmal angebracht – offen zu Tage. In pointierten Sätzen gelingt es der Autorin, die ablehnende Haltung der Mutter gegenüber dem Lesbischsein ihrer Tochter radikal und schonungslos darzustellen: "Homosexuell? Das Wort dringt ungefragt und ungebeten durch meine Ohren direkt in den Kopf vor. Ein Wort, das mir Gewalt antut und tief ins Herz schneidet", heißt es an einer Stelle.

Das tut Kim Hye-jin allerdings ohne die Protagonistin dabei zum Ungeheuer verkommen zu lassen. Denn nach und nach stellt sich heraus, dass die Lebensweise ihres Kindes nicht etwa aus religiösen oder ideologisch verbrämten Überzeugungen heraus ablehnt. Der Terminus "Homosexualität" ist für sie weniger wertfreie Umschreibung einer sexuellen oder romantischen Neigung. Viel mehr kommt er einer Verurteilung zu einem sinnfreien Leben gleich. Die Sorge, dass Green durch ihren Lebensstil auf tatsächliche Erfüllung wird verzichten müssen, wird ebenso glaubhaft vermittelt, wie die mütterliche Angst, dass die Tochter von der Gesellschaft immer als eine Außenseiterin behandelt werden wird.

In gegenseitigem Unverständnis

Im Alltag zeigt sich außerdem, dass beide zwar gänzlich unterschiedliche Auffassungen davon hegen, was soziale Verantwortung bedeutet und wie ihr nachzukommen ist, dass sie für beide aber eine große Rolle spielt: Während die Mutter sich immer wieder fragt, weshalb sich ihre Tochter für vermeintliche Fremde aufreibt, sich nur für das große Ganze engagiert anstatt ihr Glück im Kleinen, wie der Gründung einer Familie, zu suchen, kann Green nicht verstehen, weshalb sich ihre Mutter ausschließlich für ihr unmittelbares Umfeld interessiert und vor gesellschaftlichen Missständen jenseits davon ihre Augen zu verschließen scheint.

Von den Ungerechtigkeiten der südkoreanischen Gesellschaft – erstaunlich oft vergleichbar mit der Lebensrealität westlicher Staaten – sind sie gleichermaßen betroffen: "Meine Sorgen drehen sich ständig ums Überleben, nicht um den Tod", führt die Mutter zu ihrer eigenen Situation an, und ergänzt wenig später: "Meine Tochter ist nicht fest angestellt. Sie arbeitet, hat aber kein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis."

Prekäre Beschäftigung als verbindenes Element

Mutter und Tochter teilen die Folgen prekärer Beschäftigung. Eines das, wie zuletzt auch der Netflix-Erfolg "Squid Game" vor Augen führte, zu einem zentralen Problem in Südkorea erwachsen ist. Beide bemerken die sozialen Baustellen um sie herum, finden sie allerdings an unterschiedlichen Orten und reagieren mit verschieden geartetem Protest auf sie. Für die eine ist das Politische privat, für die andere das Private politisch.

Green etwa geht öffentlichkeitswirksam auf die Straße, um ihrem Ärger über die Entlassung homosexueller Dozent*innen Luft zu machen. Die Mutter hingegen legt sich mit der Leitung der Pflegeeinrichtung an, in der sie tätig ist, als aufgrund des auferlegten Spardiktats eine menschenwürdige Versorgung ihrer Patientin nicht mehr möglich ist.

Auch wenn die Annäherung den Figuren des Romans bis zum Schluss nicht recht gelingen mag, man im gegenseitigen Unverständnis miteinander lebt: Durch die ungewöhnlich gewählte Perspektive schafft es "Die Tochter" gegenüber den Leser*innen, die Verwandtschaft zunächst unvereinbar erscheinender Standpunkte klarzumachen. Und wirft ganz nebenbei die Frage auf, wie nah man vielleicht ausgerechnet jenen ist, die unglaublich weit weg scheinen.

Infos zum Buch

Kim Hye-jin: Die Tochter. Roman. Übersetzt von Ki-Hyang Lee. 176 Seiten. Hanser Berlin. Berlin 2022. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-446-27232-3). E-Book: 15,99 €

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