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Interview

"Angst ist Teil der Realität queerer Menschen in der Kirche"

Kurz nach der Aktion #OutInChurch erscheint heute das Buch "Gewollt. Geliebt. Gesegnet. Queer-Sein in der katholischen Kirche". Herausgeber ist der schwule Priester Wolfgang Rothe.


Wolfgang Rothe ist katholischer Priester sowie Doktor der Theologie und des Kirchenrechts. Außerdem gilt er als Experte für schottischen Whisky und wurde als "Whisky-Vikar" bekannt. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch "Missbrauchte Kirche" über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche (Bild: Droemer)
  • Von Britta Schultejans, dpa
    31. Januar 2022, 04:23h, 22 Kommentare

Die Aktion erregte Aufsehen: 122 Priester und andere Beschäftigte der katholischen Kirche outeten sich in der vergangenen Woche unter dem Motto "#OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst" als queer und forderten u.a. eine Reform des Arbeitsrechts (queer.de berichtete). Denn auch im Jahr 2022 kann es Beschäftigte dort den Job kosten, wenn sie ihren gleichgeschlechtlichen Partner heiraten wollen. Der Münchner Priester Wolfgang Rothe hat sich schon vor Jahren als schwul geoutet und bringt nun ein Buch heraus mit dem Titel "Gewollt. Geliebt. Gesegnet. Queer-Sein in der katholischen Kirche" (Amazon-Affiliate-Link ). An diesem Montag kommt es auf den Markt.

Darin schreibt beispielsweise der Priesteramtsanwärter Henry Frömmichen, wie er nach einem Selfie mit dem Star der schwulen Datingshow "Prince Charming" aus dem Priesterseminar flog. Und der Schlagersänger und Katholik Patrick Lindner schreibt über sein Coming-out und erzählt, warum es ihm so wichtig war, die Ehe mit seinem Mann in einer katholischen Kirche segnen zu lassen. Am Dienstag um 19.30 Uhr gibt es eine digitale Buchvorstellung.

Im Interview spricht Herausgeber Rothe über Hoffnungen, dass sich in seiner Kirche etwas ändert – und die Angst, dass alles so bleibt.


"Gewollt. Geliebt. Gesegnet. Queer-Sein in der katholischen Kirche" erscheint im Verlag Herder

Ihr Buch kommt eine Woche, nachdem mehr als 100 Mitarbeiter der katholischen Kirche sich im Rahmen von "Out in Church" als queer geoutet haben, auf den Markt. Wie wichtig war diese Aktion?

Diese Aktion ist ein echter Meilenstein. Ich war zwar nicht daran beteiligt, da ich ja schon länger kein Geheimnis mehr um meine sexuelle Identität mache und mich auch schon länger gegen die Diskriminierung queerer Menschen engagiere. Wo wir aber bislang Einzelkämpfer waren, gibt es nun eine breite Bewegung. Das macht mich sehr hoffnungsvoll.

Sie haben als Herausgeber des Buches zahlreiche Geschichten von Menschen gesammelt, denen die katholische Kirche das Leben schwer macht. Welche hat Sie am meisten beeindruckt?

Es gibt kaum einen Beitrag, der mich nicht zutiefst beeindruckt und erschüttert hätte. Beim Lesen vieler Beiträge bin ich erst einmal in Tränen ausgebrochen. Ich hoffe, dass es den Leserinnen und Lesern des Buchs ebenso geht, dass sie das Leid der Betroffenen spüren und sich dafür einsetzen, sie von ihrem Leid, ihrem Druck und ihrer Angst zu erlösen.

Was bedeutet es, dass 17 der Autoren ihren Namen nicht veröffentlichen wollten?

Ich wollte in meinem Buch die Realität queerer Menschen in der katholischen Kirche abbilden. Und zu dieser Realität gehört nach wie vor die Angst vor Herabsetzung, Diskriminierung und Ausgrenzung, die Angst vor gesellschaftlichen und beruflichen Konsequenzen. Dass ein Teil der Autorinnen und Autoren Angst hatte, mit Namen aufzutreten, ist Teil dieser Realität.

Sie engagieren sich schon seit Jahren für die Rechte queerer Menschen in der katholischen Kirche – haben im vergangenen Jahr gegen den erklärten Willen des Vatikans schwule und lesbische Paare gesegnet. Welche Konsequenzen hat dieses Engagement für Sie in Ihrem Job?

Auf der einen Seite spüre ich viel Unterstützung, auf der anderen Seite aber auch Misstrauen, Ablehnung und mitunter sogar Hass. Ich bin froh, meinen Job nach wie vor unbehelligt ausüben zu können. Aber egal, welche beruflichen Konsequenzen mein Engagement auch haben sollte: Schweigen werde ich nicht mehr.

Erst kürzlich forderte der konservative Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer eine Debatte darüber, ob der Synodale Weg in seinen Veröffentlichungen eine gendergerechte Sprache verwenden dürfe, da diese doch gegen die Bibel verstoße. Wo sehen Sie da Hoffnung auf Besserung oder überhaupt einen Ansatz zur Diskussion?

Ich weiß nicht, welche Bibel Bischof Voderholzer liest, aber in meiner Bibel steht nichts über gendergerechte Sprache. Wer in der Bibel Antworten auf Fragen sucht, die zu biblischer Zeit niemand gestellt hat, will vermutlich nur seine Vorurteile bestätigt wissen. In meinen Augen ist das nichts anderes als ein Missbrauch der Bibel.

Kardinal Reinhard Marx hat am Donnerstag in seiner Stellungnahme nach dem verheerenden Missbrauchsgutachten dem Grunde nach gesagt, es sei egal, ob ein Priester homo- oder heterosexuell sei – so lange er enthaltsam lebe. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Das ist nett, aber nicht neu. Homosexualität an sich gilt nach dem Katechismus auch bislang nicht als sündhaft und auch nicht nach dem Kirchenrecht als strafbar. Neu und notwendig wäre es, dass sich die Kirche künftig komplett aus den Schlafzimmern ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heraushielte – zumal jetzt, wo sie nach den immer neuen Missbrauchs- und Vertuschungsskandalen ohnehin jede moralische Autorität verspielt hat.

Sie haben nicht nur dieses neue Buch herausgebracht, sondern auch eins geschrieben, dass "Missbrauchte Kirche" heißt und sich mit dem nicht enden wollenden Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche befasst. Hat das Gutachten Sie noch erschüttert?

Ich habe in dem Gutachten viele Haltungen und Handlungsweisen kirchlicher Verantwortungsträger wiedergefunden, die ich auch selbst erlebt habe. Nachdem ich meine eigenen Missbrauchserfahrungen in dem von Ihnen genannten Buch öffentlich gemacht habe, hat sich noch keiner der Verantwortlichen bei mir gemeldet und um Entschuldigung gebeten. Und das, obwohl der Bischof, den ich darin des Missbrauchs beschuldige, gegen mein Buch geklagt hat und mittlerweile in zweiter Instanz gescheitert ist.

Viele sagen, die katholische Kirche habe nur dann eine Chance, gesellschaftlich relevant zu bleiben, wenn sie sich von Grund auf erneuert. Wie stehen die Chancen, dass das zu unseren Lebzeiten noch passiert?

Diese Frage stelle ich mir tagtäglich selbst – ohne sie beantworten zu können. Aber gesellschaftliche Relevanz ist ohnehin nicht das, worum es der Kirche gehen sollte. Die Kirche hat vielmehr die Aufgabe, den Menschen die Kernbotschaft Jesu zu vermitteln. Und die lautet: "Fürchtet euch nicht!" Eine Kirche, die Angst verbreitet, braucht hingegen niemand.

Infos zum Buch

Wolfgang F. Rothe (Hrsg.): Gewollt. Geliebt. Gesegnet. Queer-Sein in der katholischen Kirche. 160 Seiten. Verlag Herder. Freiburg 2022. Gebundene Ausgabe: 18 € (ISBN 978-3-451-38398-4). E-Book: 13,99 €

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#1 DamianAnonym
  • 31.01.2022, 09:49h
  • es scheint also etwas zu geben, dass für die betroffenen noch mehr leid, noch mehr druck, noch mehr angst als ihr leben als queerer mensch in der katholischen kirche bedeuten würde: ein leben als queerer mensch in einer anderen offeneren christlichen kirche, oh schreck.
    das beenden des leids, des drucks, der angst könnte so einfach sein...
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#2 SebiAnonym
  • 31.01.2022, 15:31h
  • Da gibt es eine ganz einfache Lösung:
    Wenn man freiwillig Mitglied eines Vereins ist, wo man Angst hat, tritt man eben aus diesem Verein aus und hat nichts mehr mit denen zu tun.

    Da man da ja nicht zwangsweise Mitglied sein muss, kann man diese Angst ganz einfach selbst beenden.

    Und gläubig sein, kann man ja auch privat. Da braucht man keinen Verein, wo es eh nicht um Glaube geht, sondern um ganz andere Ziele.
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#3 RuntAnonym
  • 31.01.2022, 16:40h
  • Antwort auf #2 von Sebi
  • Du übersiehst dabei, dass Kirche und Gemeinde einigen Gläubigen erklärtermaßen so etwa wie "Heimat" bedeutet. Natürlich ist es manchmal besser oder nötig, die Heimat (und die dort verbleibenden Leute) zu verlassen und sich ein neues zu Hause neue soziale Netzwerke zu suchen. Das ist aber mehr vergleichbar einem Gang ins Exil.

    Anstatt allzu wohlfeile Ratschläge zu geben, denke ich, muss man mehr Angebote machen, die solche Menschen "auffangen", auch emotional.
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#4 SakanaAnonym
  • 31.01.2022, 16:45h
  • Antwort auf #2 von Sebi
  • ....weil die, die bleiben wollen, etwas in der Kirche, ihrer Lehre und den Strukturen nachhaltig verändern wollen und wissen, dass sie da gegen erzkonservative einflussreiche Kirchenobere und auch gegen das Kirchenvolk teilweise bestehen müssen und auch wollen. Das Verhalten an sich ist nicht rational erklärbar (vor allem nicht im Zusammenhang mit dem moralischen Schiffbruch der RKK seit vielen Jahrzehnten), aber die queeren Menschen in den Kirchen wollen sie eben reformieren...

    Wie hat Frau Florin (Deutschlandfunk) es gestern bei "Anne Will" ausgedrückt? "Ich laufe bleibend davon" - sie hatte schon einen fixen Austrittstermin vereinbart und entschied sich dann doch als Prozessbeobachterin zu einem Prozess gegen einen pädophilen Priester zu gehen.

    Aber die Diskussion gestern bei "Anne Will" war sehr aufschlussreich und Bischof Bätzing saß manchmal schon sehr kleinlaut da und Ingrid Matthäus-Maier hat ihre Punkte auch sehr deutlich gemacht. Ich sehe da noch Hoffnung (auch wenn ich das Geschehen als Atheist und Nicht-Mitglied gerne von der Seitenlinie aus kommentiere).
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#5 DamianAnonym
  • 31.01.2022, 17:37h
  • Antwort auf #3 von Runt
  • "Das ist aber mehr vergleichbar einem Gang ins Exil. "

    Ein vereinswechsel ist vergleichbar mit einem "Gang ins Exil"???

    warum nicht gleich der gang aufs schafott?

    selbst auf dem plattesten land, wo es im dorf nur einen einzigen fussballclub gibt, in dem fast alle drin sind, wird niemand einem raten, in diesem club zu bleiben, wenn man dort fortwährend gedemütigt wird.
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#6 RuntAnonym
  • 31.01.2022, 17:47h
  • Antwort auf #5 von Damian
  • Ja, klar, aber wenn das der Verein im Dorf ist, in dem viele Freunde, Kumpels, Verwandten alle drin sind, ihre Feste feiern etc., dann wird man wohl auf kurz oder lang das Dorf verlassen.

    Es geht hier um einen Vergleich und Vergleiche hinken. Ich habe den Vergleich gewählt, weil die Betroffenen bei Kirche oft von "Heimat" oder "Prägung" sprechen und ich versuche, das nachzuvollziehen.
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#7 MaßlosAnonym
  • 31.01.2022, 18:50h
  • "Angst ist Teil der Realität queerer Menschen in der Kirche"

    Langsam ist es jetzt aber auch mal genug mit der Überrepräsentanz dieser "gläubigen" Minderheit.

    Wenn ihr Klub denen so viel Angst einflößt, ist es ein Leichtes, und wie ich finde das einzig Richtige, ihm den Rücken zu kehren. Wer trotz seiner Angst Klubmitglied bleibt, hat ganz offensichtlich ein tiefer liegendes Problem.

    www.kirchenaustritt.de
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#8 Genau gesagtAnonym
  • 31.01.2022, 19:03h
  • "Angst ist Teil der Realität queerer Menschen in der Kirche"

    Angst ist Teil der Realität queerer Menschen in ganz Deutschland aufgrund der übermäßig geförderten Einflussnahme der "Kirchen" auf weltliche Belange, die sie jedoch nichts angehen!
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#9 DamianAnonym
  • 31.01.2022, 20:07h
  • Antwort auf #6 von Runt
  • " dann wird man wohl auf kurz oder lang das Dorf verlassen. "

    ja natürlich! denn es sind dort im dorf keine richtigen freunde und keine richtigen kumpels, wenn man immer wieder gedemütigt wird. der umzug in die großstadt steht an. herzlich willkommen in der realität!
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#10 NosoliAnonym
  • 31.01.2022, 21:07h
  • Antwort auf #3 von Runt
  • "Anstatt allzu wohlfeile Ratschläge zu geben..."

    Alle Deine "Ratschläge" und Überlegungen sind darauf ausgerichtete, die rechten Täterorganisationen zu unterstützen, von Schuld freizusprechen und deren Macht und Einfluss zu erhalten. Du suchst Entschuldigungen für seit Jahrhunderten unausgesetzte Verfolgung und Entrechtung, Machtmissbrauch und Hass, mit fragwürdigsten Argumenten, Unwahrheiten, Geschichtsverdrehungen und sogar unter Aufrufung von antisemitischen Pseudo-Wissenschaftlern wie M.Blume.
    Aus dieser Position heraus verspottest Du nun die Opfer und diejenigen, die diesen Verständnis und Hilfe entgegenbringen? Solch extremes Verhalten ist mir nur aus einer Randecke der politischen Landschaft bekannt. Gequälten Opfern zu raten in ihrem Opferstatus zu verharren, ist leider nicht "wohlfeil", sondern lediglich unmenschlich.
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