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Ganz große Fernsehgeschichte

Wie man erfolgreich Schwule triggert

Heute vor genau 50 Jahren – am 31. Januar 1972 – war die erste Fernsehausstrahlung von "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Der Film stand am Beginn der modernen deutschen Schwulenbewegung.


Das Ende des Films ist in seinem schwulenpolitischen Aufforderungscharakter am deutlichsten (Bild: Pro-Fun Media)

Mit diesem Artikel zum Film scheine ich recht spät dran zu sein, denn die eigentliche Premiere von "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" war schon am 4. Juli 1971 auf der Berlinale; sein 50. Jahrestag ist damit schon längst vorbei. Eine erhebliche Verstärkung seiner Breitenwirkung erreichte der Film jedoch mit der ersten Fernsehausstrahlung im dritten Programm des WDR am 31. Januar 1972. Weil der Film mittlerweile auf Youtube auch online verfügbar ist, ist es sehr einfach, sich eine eigene persönliche Meinung über ihn zu bilden. Ergänzend dazu lässt sich jedoch noch einiges über die Hintergründe und die frühere und heutige Bedeutung des Films anmerken.


"Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971)

Der Inhalt des Films

Daniel ist neu in West-Berlin und lernt hier Clemens kennen und lieben. Sie ziehen schnell zusammen, wobei ihr gemeinsames Alltagsleben wie eine Parodie auf eine heterosexuelle Ehe inszeniert ist. Danach lernt Daniel einen älteren Mann kennen, von dessen Kultiviertheit er zunächst fasziniert ist (10:45 Min.). Als dessen Freunde übergriffig werden, verlässt er auch ihn. In Homosexuellen-Lokalen und anderen Treffpunkten findet er gleichaltrige Freundschaften (16:45 Min.). Danach geht er vor allem in Nachtbars, lebt promisk und lernt Lederkerle und "Transvestiten" kennen. In Parks und Toiletten erlebt er anonyme sexuelle Begegnungen (24:15 Min.). Über seinen Freund Paul gelangt er am Ende des Films zu einer Gruppe junger Männer, die mit ihm über alternative Formen des schwulen Lebens und über schwulenpolitische Forderungen diskutieren (53:40 Min.).


Daniel und Clemens im trauten Zuhause (Bild: WDR)

Zwei verschiedene Stimmen aus dem Off kommentieren und provozieren. So seien die schwulen Lederkerle die "in ihrer Männlichkeit am meisten Geschädigten" (37:25 Min.) und ein anderer Teil der schwulen Szene wird als "phantastisches Theater von Zwergen, Krüppeln und ordinären Transvestiten" bezeichnet (51:30 Min.). Die Form, wie die Handlung des Films darauf angelegt ist, dass Daniel die unterschiedlichsten Facetten des schwulen Lebens kennenlernt, ist keine Spielfilmdramaturgie, sondern ein Mix aus Spiel- und Dokumentarfilm bzw. ein semidokumentarischer Spielfilm. Die zwei Parolen am Ende des Films "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen" und "Freiheit für die Schwulen" fassen die Botschaft des Films gut zusammen.


Die Botschaft des Films "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen" entspringt der amerikanischen Redewendung "Out of the closets"

Rosa und Co.

Einige der am Film Beteiligten hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die daraufhin einsetzende Schwulen- und Lesbenbewegung. Damit meine ich vor allem den Regisseur Rosa von Praunheim, der mit bürgerlichem Namen Holger Mischwitzky heißt. Allein schon sein Künstlername ist Ausdruck der Siebzigerjahre: Er setzt sich aus der damaligen schwulenpolitischen Signalfarbe Rosa und Praunheim, dem Frankfurter Stadtteil, in dem er aufwuchs, zusammen. Dieser Film machte ihn berühmt und zu einem der prominentesten Wegbereiter der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung.

Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker beriet ihn und schrieb einige der Texte. Zu dieser Zeit arbeitete Dannecker (zusammen mit Reimut Reiche) bereits an der soziologischen Untersuchung "Der gewöhnliche Homosexuelle", die 1974 erschien. Bis zu seiner Pensionierung 2005 war Dannecker am Institut für Sexualwissenschaft der Universität Frankfurt am Main als Professor mit den Themenschwerpunkten männliche Homosexualität und HIV/Aids tätig. Rosa kämpfte mit seinen Filmen, Dannecker mit den Mitteln der Wissenschaft.

Die Kameraarbeit für "Nicht der Homosexuelle ist pervers …" übernahm Robert van Ackeren, der rund zehn Jahre später in Rainer Werner Fassbinders Film "Querelle" (1982) als Soldat zu sehen war und sich u.a. als Produzent des Films "Die flambierte Frau" (1983) einen Namen machte.

Was ist eigentlich aus dem hübschen Daniel aus dem Film geworden? Er wurde von dem (heterosexuellen) Bernd Feuerhelm verkörpert, der heute recht zurückgezogen in Berlin wohnt. Es gibt zwei geeignete Anlässe, um Feuerhelm hier auf queer.de demnächst mal einen eigenen Artikel zu widmen: In diesem Jahr wird er 75 Jahre alt, und vor kurzem erschien ein Film über ihn: "Weltberühmt in West-Berlin. Leben und Lieben des Bernd Feuerhelm" (2021, hier Trailer online).

Bewertung

Die Schauspieler agieren dilettantisch, und der Film ist schlecht nachsynchronisiert. Manchmal stimmen Bildinhalt und Textinhalt nicht überein. Die Dialoge sind gestelzt, und das Setting ist ziemlich billig in Szene gesetzt. Gemessen an dem, was sich für die Bedeutung des Films als wichtig erweisen sollte, ist das aber alles vollkommen unwichtig.

Diesem Film muss man sich anders nähern: Die gesamte Filmhandlung ist vollkommen klischeeüberladen, und der Film liefert nur Zerrbilder einer schwulen Realität, die er eigentlich zu dokumentieren vorgibt. Der Film beleidigt Schwule und soll sich gleichzeitig für diese einsetzen. Die Zuschauer*innen werden in Wechselbäder der Gefühle geworfen: Einerseits will der Film an der beschissenen Situation von Schwulen etwas verändern, andererseits provoziert er durch Einblicke in die ziemlich hässlichen Lebenswelten. Der Film funktioniert nicht, obwohl er so ist, sondern weil er so ist. Schwule wurden auf diese Weise emotional gepackt.

In der heutigen Wahrnehmung erreicht der Film seine gezielten Provokationen vor allem durch eine der beiden Off-Stimmen, die die Schwulen beleidigt – mal als "Säue", mal als "Krüppel". Die Bilder leisten ihr Übriges, denn es werden weniger die braven monogamen Vorzeigeschwulen beim Kaffeekränzchen mit der Mutti gezeigt, sondern vor allem die Schwulen, die sich in Parks und Toiletten herumtreiben und alles ficken, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.


Zärtlichkeiten und Küsse zwischen Schwulen im Fernsehen wurden früher mehr als heute als Provokation empfunden (Bild: Pro-Fun Media)

Der Film bietet darüber hinaus auch noch Provokationen, die heute kaum noch als solche wahrgenommen werden: So fällt im Film rund 90 Mal das heute so selbstverständlich erscheinende Wort "schwul". Dieses Wort war früher Schimpfwort und Kampfbegriff, aber 1971 noch meilenweit davon entfernt, bereits eine fernsehtaugliche Selbstverständlichkeit zu sein. Der Regisseur wusste, wie man Schwule triggern konnte. Sein Ziel, einen politischen Agitationsfilm zu schaffen, gleichermaßen Pamphlet und Appell, hat er erkennbar erreicht.

Zeitgenössische Wirkung und Rezeption

Die Reaktionen waren so unterschiedlich wie die damaligen Lebensstile der Homosexuellen. Schrankschwule fühlten sich verunglimpft. Junge Männer, die sich nicht mehr verstecken wollten, nutzten den Film als Startschuss für eine politisch linke Bewegung. Nach Angaben Rosa von Praunheims (Podiumsdiskussion von 1973, 1:32:50 Min.) haben sich in Verbindung mit diesem Film von Mitte 1971 (der Uraufführung) bis Anfang 1973 rund 40 Homosexuelleninitiativen gegründet, die endlich etwas verändern wollten. Es war der Beginn der zweiten deutschen Homosexuellenbewegung, die sich im Fahrwasser der Studierendenbewegung entwickelte.

Natürlich waren auch die Medien voll mit Berichten. Wenn ich hier nur auf einen "Spiegel"-Artikel (23. Januar 1972, also kurz vor der TV-Ausstrahlung) eingehe, ist dies nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit und der Bedeutung des "Spiegel", sondern hat auch mit dem Autor Günter Rohrbach zu tun, dessen Funktion hier als "Leiter der Abteilung 'Spiel und Unterhaltung' im WDR" bezeichnet wird, der aber wohl eher als Produzent des Films bezeichnet werden kann. Später war er übrigens auch für Filme wie "Die Konsequenz" (1977) und "Aimée & Jaguar" (1999) in unterschiedlichen Funktionen verantwortlich. Natürlich ist klar, dass er "seinen" Film verteidigt, aber seine Wortwahl verrät auch eine erstaunliche Nähe zur Praunheim'schen Streitlust. Er hält es für möglich, dass der Film "Spießer erschrecken" werde und dass ein "angepaßter" und "um Toleranz werbender Film" den meisten Homo- und Heterosexuellen bestimmt "lieber" gewesen wäre. Dieser Film gehe die Sache aber anders an. Für Rohrbach sind angepasste Schwule nur so etwas wie weiß geschminkte Schwarze.

Die Publikumsdiskussion von 1973

Rund ein Jahr nach der TV-Erstausstrahlung von "Nicht der Homosexuelle ist pervers …" wurde der Film am 15. Januar 1973 erstmals im Ersten Programm der ARD (ohne Bayern) gezeigt. Im WDR folgte dieser Filmausstrahlung eine aufgezeichnete Publikumsdiskussion, die heute in voller Länge auf Youtube verfügbar ist . Einige Aspekte möchte ich erwähnen, weil sie helfen, den Film im historischen Kontext zu verstehen. Die Diskussion wurde von dem Fernsehjournalisten Reinhard Münchenhagen moderiert, der übrigens sieben Jahre später auch die homosexuelle Veranstaltung zur Bundestagswahl am 2. Juli 1980 in der Bonner Beethovenhalle moderierte (s. queer.de). Neben Rosa von Praunheim und Martin Dannecker, die ihren Film präsentierten, gab es noch das Studiopublikum und mehrere Fachleute, von denen der Filmproduzent Günter Rohrbach (22:00 Min.) und die SPD-Politikerin Anke Brunn (49:00 Min., MdL NRW, später SPD-Parteivorstand 1986-1999) besonders zu erwähnen sind.

"Der Sinn des Filmes ist" – so Praunheim – "Konfrontation zu schaffen" (10:55 Min.). Er spricht von dem Recht, eine "schwule Sau" zu sein (47:10 Min.). Sein Partner Martin Dannecker kritisiert den Kapitalismus und weist auf seine Studie mit Reimut Reiche hin (13:35 Min.), die zwei Jahre später erschien. Das Publikum wurde mehr als üblich eingebunden und brachte sich kontrovers ein: vom Lob "Der Film ist für uns gemacht" (18:30 Min.) bis zum Statement, dass der Film nur eine "pubertäre Schocktherapie" sei (51:40 Min.). Ein Mann beschwert sich zu Recht über die künstliche Polarisierung im Saal und schlägt vor, mehrgleisig – im Strafrechtsausschuss und in den homosexuellen Aktionsgruppen – zu arbeiten, denn "in der Zielsetzung sind wir uns doch im Grunde einig" (1:38:25 Min.).


Ein Sitzplatz als Statement: Reinhard Münchenhagen (l. verlässt seine Position als Unparteiischer und setzt sich aus Solidarität zu Rosa von Praunheim (r.)

Am meisten hat mich der ruhige, sachliche und rhetorisch stets gewandte Moderator Reinhard Münchenhagen beeindruckt. Am Ende der Diskussion setzte sich der eigentlich unparteiische Moderator mit den Worten "Ich gehe rüber und ich weiß, warum ich das tue" aus Solidarität zu Praunheim und den anderen Schwulen und Lesben im Publikum (1:39:10 Min.). Er gab Praunheim das Schlusswort, der betonte, dass er mit seinem Film nicht die Heterosexuellen, sondern die Schwulen aufklären wolle.

Homosexualität im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens


Das WDR-Logo aus dem Abspann von "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) – changierend zwischen Flieder, Rosa und Pink

Der Film wurde nicht nur im WDR gezeigt, sondern auch vom WDR in Auftrag gegeben. Insofern bietet es sich an, die Rolle des WDR etwas genauer zu betrachten. Den Zusammenhang mit zwei anderen Dokumentationen über Homosexualität vom Januar 1972 habe ich schon vor zwei Wochen aufgezeigt (s. queer.de). Praunheims Film sollte am 31. Januar 1972 eigentlich im Ersten Programm der ARD laufen, wurde aber aufgrund von Einwänden des Bayerischen Rundfunks (BR) zunächst "nur" im WDR gezeigt.

Im schon oben zitierten "Spiegel"-Artikel (23. Januar 1972) findet der WDR-Verantwortliche Günter Rohrbach nicht nur kritische Worte gegenüber dem Medium Film ("das sich gemeinhin gegenüber Homosexuellen so verhält, als gäbe es sie nicht"), sondern indirekt auch gegenüber dem BR ("Unter dem Vorwand, gerade die Homosexuellen selbst vor Schaden bewahren zu wollen, wird der engagierteste, mutigste und konsequenteste Film, der bisher für ihre Befreiung gedreht wurde, einer großen Öffentlichkeit vorenthalten"). Am 15. Januar 1973 wurde der Film erstmals im Ersten Programm gezeigt, wobei sich der BR aber aus dem gemeinsamen Programm ausklinkte. Die Aufgeschlossenheit des WDR und die Ablehnung des BR können als repräsentativ für die damalige Medienlandschaft angesehen werden, in der der WDR als politisch eher links und der BR als eher CSU-nah wahrnehmbar war. Es sind Tendenzen, die sich heute kaum noch feststellen lassen.

Der WDR strahlte den Film (1971) und die Diskussion (1973) zum 50. Jahrestag der Berlinale-Premiere am 4./5. Juli 2021 (23:20 bzw. 00:35 Uhr) erneut aus. Hier sollte die "Warntafel" nicht unerwähnt bleiben, die der WDR vorab zeigte und in der er sich von "Passagen, in denen herabwürdigende Haltungen und ethnische Vorurteile zum Ausdruck gebracht werden", distanziert und damit wohl Begriffe wie "Zwerg", "Krüppel" und das N-Wort meint. Der WDR zeige dem Film jedoch "aufgrund seiner Bedeutung für die Schwulenbewegung". Dass der WDR stolz wie Oskar auf diesen Film ist, merkt man eher an einer anderen Stelle, wenn er in einer Pressemitteilung auf seine "lange Vielfaltstradition" mit Integrationsbeauftragte*n, Charta der Vielfalt und seinem Diversity-Beirat verweist.


Die Warntafel des WDR als Ausdruck der politischen Brisanz, die der Film bis heute hat

Heutige Beurteilung

Heute gilt die Ausstrahlung des Films als Geburtsstunde der modernen Schwulenbewegung in Deutschland. Manchmal wird er als eine Art Gründungsmanifest der Schwulenbewegung in Deutschland bezeichnet. Das hört sich nach ganz großem Kino an und ist noch nicht einmal übertrieben. Die Bedeutung des Films für die danach einsetzende Schwulenbewegung in Deutschland kann man gar nicht überschätzen.

Es macht den Film auch nicht kleiner, wenn man darauf verweist, dass er seine Wirkung nur deshalb entfalten konnte, weil kurz zuvor der § 175 StGB bedeutend reformiert wurde und seit September 1969 homosexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr unter Strafe standen. Weil Gesetze gesellschaftliche Einstellungen prägen, führte die Reform nicht nur zu größerer Offenheit und einem Redebedarf von Journalist*innen zu Lebensweisen homosexueller Männer. Dabei war es bestimmt nicht selbstverständlich, dass man bei einigen Sendeanstalten auf offene Ohren und offene Arme traf. Rosa mit seinem Film war offenbar der richtige Mann beim richtigen Sender.

Selbst diese Superlative mit Bezug auf die Bedeutung für die Schwulenbewegung lassen sich übrigens noch steigern: Der Film wird heute auch als ein herausragendes Beispiel dafür genommen, welche gesellschaftspolitische Wirkung von einem Film im Allgemeinen ausgehen kann. In dieser Hinsicht lässt sich "Nicht der Homosexuelle ist pervers …" sogar als eines der gesellschaftlich wirkungsvollsten Werke der deutschen Filmgeschichte bezeichnen.

Eine Brücke in die Gegenwart

Die im Film geschilderte schwule Lebensrealität scheint nur wenig Gemeinsamkeiten mit der Gegenwart zu haben. Eine Filmszene bietet jedoch zwischen beiden Zeiten eine schöne Brücke. An einer Stelle sagt die Off-Stimme: "Schwule versuchen, die bürgerliche Ehe zu kopieren", und es "wäre […] ihr größtes Glück, eine von Kirche und Staat erlaubte lebenslange Zweierbeziehung einzugehen" (8:35 Min.).

Heute gibt es diese vom Staat institutionalisierte Zweierbeziehung. Als sie im Oktober 2017 eingeführt wurde, befürchteten viele Schwule eine Spaltung, weil die Gesellschaft dann vielleicht unterscheiden würde zwischen den akzeptierten, bürgerlichen, verheirateten Paaren und den – na ja – halt anderen. Es gibt viele Schwule, die mit Ehering, eigenem Haus und einem kleinen Hund am Ziel ihrer Wünsche angelangt sind, und viele andere Schwule, die gerne promisk sind und für sich die Ehe ablehnen. Es ist mir eigentlich ziemlich egal, ob Schwule heiraten, treu oder promisk sind. Ich würde mich jedoch freuen, wenn Schwule diese öffentlichen Diskussionen nutzen, um darüber zu reflektieren, welcher Weg der für sie beste ist.

Ein Film, der viel bewegt hat

Was bleibt. ist ein Film, der viel bewegt hat, aber auch Fragen aufwirft, wie zum Beispiel die nach dem kreativen Potenzial von Provokationen. Mit diesem Film hat Praunheim schnell gemerkt, wie sich gezielte und reflektierte Provokationen auszahlen können. Und er hat es danach immer wieder und wieder getan: Auf dem Höhepunkt der Aids-Krise schrieb er 1990 im "Spiegel": "Vielleicht wäre es besser, wir hätten mehr Gauweiler und weniger Süssmuth gehabt" ("Bumsen unterm Safer-Sex-Plakat", in: "Der Spiegel", 13. Mai 1990). Ein Jahr später outete er Hape Kerkeling und Alfred Biolek und setzte damit ihre Karrieren aufs Spiel (auch wenn es bei beiden zum Glück keinen Karriereknick gab).

Die große Aneinanderreihung von Provokationen in "Nicht der Homosexuelle ist pervers …" war sehr konstruktiv. Das ist das, was zählt. Das, was nicht zählt, ist, den Film von seiner technischen Seite her zu beurteilen.

Nicht der Film ist etwas Besonderes, sondern die Situation, die er erschuf.

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#1 SymposionAnonym
  • 31.01.2022, 10:09h
  • Bezugnehmend auf die letzten Sätze des Abschnitts eine Brücke in die Gegenwart:

    Was interessiert mich bitte die implizierte und offenbar nicht gerade inklusive Meinung des Autoren zu queeren Lebensformen? Hier geht es doch um etwas ganz anderes. Entweder ist es mangelhafter Stil oder schlechte Provokation. So oder so hätte man sich diese Sätze sehr gut sparen können!
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#2 RuntAnonym
  • 31.01.2022, 10:37h
  • Antwort auf #1 von Symposion
  • "Was interessiert mich bitte die implizierte und offenbar nicht gerade inklusive Meinung des Autoren zu queeren Lebensformen?"

    Auf welche Sätze beziehst du dich denn da genau? Ich kann eine solche Meinungsäußerung des Autors nicht finden.
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#3 Pic_Anonym
  • 31.01.2022, 10:45h
  • Antwort auf #1 von Symposion
  • Ich fand, dass der Absatz eine gelungene Zusammenfassung einer sehr kontroversen Debatte mit vielen weitreichenden Implikationen ist und sehe darin keine Parteinahme für oder gegen bestimmte Lebensstile. Auch nicht in den letzten Sätzen.

    Kannst du dein Problem mit dem Absatz erläutern?
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#4 SymposionAnonym
  • 31.01.2022, 10:52h
  • Antwort auf #2 von Runt
  • 1) unterscheiden würde zwischen den [] verheirateten Paaren und den na ja halt anderen. Das ist wirklich keine gute oder positive Versprachlichung, wenn doch die Dichotomie verheiratete und unverheiratete angesprochen wird (und so ausgedrückt auch viel weniger wertend ist).
    2 Ich würde mich jedoch freuen, wenn Schwule [] darüber [] reflektieren, welcher Weg der für sie beste ist. In diesem Text geht es allgemein um die Schwulenbewegung und Schwule werden als Gruppe verstanden (das legt schon die Unterscheidung aus 1) nahe). Damit wird hier eine mögliche allgemeine Bewertung über einen besseren oder schlechteren Weg angedeutet.
    Entweder ist der Text anders zu verstehen und der Autor hätte sich besser ausdrücken müssen oder es ist eine schlechte Provokation, die diesen Text wirklich nicht sonderlich aufwertet.
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#5 AyidaProfil
  • 31.01.2022, 11:01hHessen
  • Antwort auf #2 von Runt
  • Der Autor des Artikels spricht in diesem Abschnitt sinngemäß über monogame "bürgerliche Schwule" und alternativ Lebende, z.b. welche in offenen Beziehungen oder wechselnden Partnern. Er sagt, dass auch in Praunheims Film manche Schwule Angst hatten, in die kirchliche monogame 2er Beziehung hineingezwungen zu werden und nur diese Lebensform akzeptiert würde. Herr Panhuis plädiert dafür, dass Schwule trotz Ehe für alle tolerant gegenüber alternativen Life Styles sein sollten und die Entscheidung treffen sollen, die für sie am besten ist und nicht einfach nach gesellschaftlichen Konventionen leben. Ich bin weder schwul noch ein Mann, aber ich stimme ihm zu, egal welches Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Alter; wer so lebt, dass er glücklich ist und anderen nicht schadet, hat alles erreicht. Was die kommentierende Person #1 störte weiß ich nicht.
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#6 RuntAnonym
  • 31.01.2022, 11:16h
  • Ich habe, angeregt von dem wie immer lesenswerten Artikel und dem ersten Kommentar noch mal in den Film hineingeschaut.

    Es fällt mir auf, dass der Film in seiner provokativen Überspitzung ausschließlich toxische Beziehungsmuster zeigt, bzw. alle vorhandenen Beziehungen als solche überzeichnet.

    (Alle diese Beziehungsmuster und Formen der schwulen Subkultur haben sich übrigens als sehr haltbar erwiesen, nur das verstecktes promiskes Leben von der Straße ins Internet-Dating agewandert ist. Sie werden auch nicht als Unterdrückungsmuster gesehen, sondern häufig positiv als Teil der queeren Kultur gesehen. Insofern ist der Film mit seinem kritischen Blick sehr aktuell. )

    Politisch kommt der Film zum Schluss zu einer positiven Utopie, die Ideen, wie sich Beziehungen zwischen Schwulen anders (besser?) gestalten ließen, bleiben aber vage bis naiv. So gibt es am Ende die Idee, so etwas wie drei-Jahresbeziehungen oder Lebensabschnittspartnerschaften einzugehen, statt suchthaft immer neuen Sex zu suchen. Drei Jahre ist aber die Zeit, in der viele verliebte Menschen (nicht nur Schwule) sich auch hormonell noch oft im Zustand der Verliebtheit befinden. Längere Beziehungen haben oft eine andere Mechanik, die aber deshalb nicht spießig sein muss.

    Merkwürdig ist auch, dass in der letzten Szene nackte junge Männer gezeigt werden, die den Neuling in ihrer Mitte eher belehren und beurteilen, als miteinander zu sprechen. Das Zusammenrücken am Ende ist solidarisch, aber nicht sehr herzlich. Alte Menschen sind in dieser Runde nicht zu sehen.

    Es gibt nur eine Figur in dem Film, die ich als entspannt und glücklich empfunden habe und die Rosa mit Liebe bzw Herzlichkeit darstellt. Das ist die alte für sich allein tanzende Tunte in Frauenkleidern.
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#7 RuntAnonym
  • 31.01.2022, 11:27h
  • Antwort auf #4 von Symposion
  • "zwischen den [] verheirateten Paaren und den na ja halt anderen."

    Ich habe das so verstanden, dass der Autor hier sprachlich die Spannungen wiedergibt, die in der gesellschaftlichen Diskussion vorherrschen. Mit dem "na ja" drückt er ironisch aus, dass er die Diskussion etwas milder wiedergibt, als in Wirklichkeit.

    "Ich würde mich jedoch freuen, wenn Schwule [] darüber [] reflektieren, welcher Weg der für sie beste ist."

    Wenn ein Weg für mich (!) der beste ist, sagt es ja nichts darüber aus, ob er für andere auch geeignet oder gut ist. Wichtig war dem Autor m.E. die Aufforderung zur Reflexion von Beziehungen, zu der der Film selber auch anregen wollte.

    Reflexion über Beziehungen, Beziehungsfähigkeit unter (nicht nur schwulen) Männern halte ich für das, was an dem Film am meisten aktuell ist.
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#8 tchantchesProfil
  • 31.01.2022, 11:30hSonstwo
  • Mich hat der Film bei meinem Coming-Out damals um weitere drei Jahre zurückgeworfen. Wenn das Schwule sein sollten, konnte ich wohl keiner sein.
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#9 AyidaProfil
  • 31.01.2022, 11:54hHessen
  • Antwort auf #6 von Runt
  • Man muss bedenken, dass der Film aus dem Jahr 1972 ist, die dargestellten Männer sind wahrscheinlich Söhne von Eltern aus der NS-Zeit und sie waren extrem geprägt von der konservativen Adenauer Ära. Schwule und bisexuelle Männer sind letztlich genau wie alle anderen Menschen, Produkt der Gesellschaft in der sie leben. Die gesunde monogame Beziehung (offene Beziehung nicht mitgerechnet) existierte auch bei heterosexuellen Paaren oft nicht- viele zerrüttete Ehen, wo nur wegen der Kinder oder aus Furcht vor finanzieller Sorge der Frau keine Trennung statt fand oder aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung. Männer, die zu dieser Zeit lebten, haben ganz andere Werte mitbekommen als heutzutage. Es war normal, dass Kinder oder sogar die Ehefrau geschlagen wurden, Männer wurden oft dazu erzogen, keine Gefühle zuzulassen und stark zu sein. Dazu kommt noch, dass die heterosexuelle Ehe als einzig gesellschaftlich anerkannt galt (die 68er Bewegung war in der bürgerlichen Mitte noch nicht so vorgedrungen), man hatte als Schwuler gar kein positives Vorbild.
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#10 RuntAnonym
  • 31.01.2022, 12:14h
  • Antwort auf #9 von Ayida
  • Ich bin etwa so alt wie der Film, er ist mir quasi in die Wiege gelegt worden.

    Damals war eine Zeit des Aufbruchs.

    Die offen schwule Welt, die ich 30 Jahre später kennen lernte, war aber in großen Teilen immer noch so, wie sie der Film beschreibt. Da haben sich Traumata festgeschrieben, anstatt dass sie überwunden wurden, scheint mir. Was ist da schief gelaufen?
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