Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?41062

Kinotipp

Missbraucht und bereit für eine neue Liebe

Das autobiografisch inspirierte Drama "Cicada" ist ein aufrichtiger Umgang mit den Themen Missbrauch, Rassismus und Gewalt. Im Februar läuft der Film von und mit Matthew Fifer in der queerfilmnacht!


Ben (Matthew Fifer, r.) hat endlich wieder Sex mit Männern. Dann trifft er Sam (Sheldon D. Brown) – und verliebt sich zum ersten Mal seit Langem

Ausgerechnet "Die kleine Raupe Nimmersatt" hat sich der attraktive, große Sam aus den vielen Bücherkisten vor dem Laden ausgesucht. Er blättert das Kinderbuch durch. "Nietzsches bestes Werk", sagt Ben nach längerem Zögern. Schüchtern, aber auch ein wenig stolz auf den Anmachspruch. Er schaut kurz auf, ein ganz feines Lächeln, das Sam erwidert.

Nimmersatt, das trifft eher auf Ben zu. Er ist "back on the dick", wie eine Freundin es beschreibt. Ein paar Beziehungen mit Frauen haben nicht geklappt, jetzt lebt der New Yorker sich aus. Schnell geschnitten, eher assoziativ und vor allem wunderbar sexpositiv sehen wir, wie Ben spontanen, schnellen, leidenschaftlichen Sex hat.

Das hat erst einmal ein Ende, als Ben und Sam sich kennenlernen. Hast du Geschwister? Seit wann bist du geoutet? Sowas eben. Sams Familie weiß nicht, dass er auf Männer steht. Er ist der erste Mann, in den Ben sich seit langer Zeit verliebt. Dem geht das zwar etwas zu schnell, aber er lässt es zu.

Hauptdarsteller wurde drei Monate zuvor niedergeschossen


Poster zum Film: "Cicada" läuft ab 4.. Februar 2022 bundesweit in der queerfilmnacht

Nach und nach wird klar, dass beide vorbelastet in die Beziehung gehen. Sie tragen Traumata in sich, über die sie nur schwer reden können. Doch sie unterstützen sich, sind wahnsinnig süß gemeinsam. Sam hat kürzlich Gewalt erlebt. Außerdem wird er das Gefühl nicht los, "der Schwarze" für Ben zu sein, mit dem er sich schmückt. Ben dagegen wurde als Kind missbraucht. Niemand weiß bislang davon.

So dreht sich in "Cicade" zwar viel um die Vergangenheit, spielt aber dennoch in der Gegenwart. Es gibt kein mühsames Zurückschauen und nur kurze Rückblenden. Das Besondere an dem Drama: Regisseur, Autor und Ben-Darsteller Matthew Fifer verarbeitet darin seine eigene Geschichte. "Ich musste eine Geschichte erzählen, die meiner eigenen näherkam", sagt er über seinen ersten Spielfilm. "Ich musste diesen Film machen, um gesund zu werden." Und auch Sheldon Brown, der Sam spielt, bringt seine Erfahrungen in den Film. Drei Monate vor Produktionsbeginn wurde er in Chicago niedergeschossen.

Immer wieder gibt es Rückschläge

So wirkt "Cicade" manchmal fast dokumentarisch, auch durch die echten Radio-Nachrichten über den Missbrauchsskandal an der Penn State University und das dazugehörige Verfahren gegen Jerry Sandusky. Das alles macht den Film nicht nur so ungemein authentisch, sondern verleiht ihm – inhaltlich, aber auch stilistisch und in seinem Aufbau – eine Reife und Ausgewogenheit, die für einen Debütfilm bemerkenswert und selten sind.

Zwar mag der Konflikt rund um Sams Unsicherheit, weil er ungeoutet ist, ein wenig überholt daherkommen. Die Auseinandersetzung mit Bens Missbrauchsvergangenheit geschieht nicht plötzlich, sondern entwickelt sich nur langsam und muss immer wieder Rückschläge hinnehmen. Das bricht mit den üblichen steilen Spannungskurven, bestätigt aber vor allem eins: Dass es "Cicade" um einen aufrichtigen Umgang mit den Themen geht. Der ist schmerzhaft, lässt aber auch die gemeinsame Zukunft sehen.

Infos zum Film

Cicada. Drama. USA 2020. Regie: Matthew Fifer, Kieran Mulcare. Darsteller*innen: Matthew Fifer, Sheldon D. Brown. Sandra Bauleo, Jazmin Grace Grimaldi, Cobie Smulders. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im Februar 2022 in der queerfilmnacht


#1 AtreusProfil
  • 02.02.2022, 08:54hSÜW
  • Ich durfte diesen Film bereits sehen und muss sagen, dass er kleines Wunder für mich darstellt. Das ist die mit Abstand beste Neuerscheinung seit Jahren, die sich wohltuend von Mittelklassefilmen abhebt und keinen Vergleich mit "Beyto" und Konsorten erlaubt. Der autobiografische Stoff geht zu Herzen, das Schauspiel ist im Grunde keines, weil Fifer und Mulcare ihre eigene Vergangenheit zum Leben erwecken und reale Traumata therapieren, während wir durch die voyeuristische Kamera immer im Epizentrum des Geschehens bleiben und Anteil an echtem Leid, Schmerz, Liebe und Hoffnung nehmen. Für mich ist der Film auf einer Stufe mit Almodovars autobiografischem "Leid und Herrlichkeit", wenn mich Cicada nicht doch ein wenig ergriffener zurückgelassen hat. Falls ihr die Gelegenheit habt, ergreift sie bitte.
  • Antworten » | Direktlink »