Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?41067

"Copy-and-Paste-Premier"

Plagiatsaffäre um Luxemburgs Regierungschef Bettel

Seine mehr als zwei Jahrzehnte alte Diplomarbeit bereitet dem einzigen offen schwulen EU-Regierungschef Kopfzerbrechen. Statt das Papier zu überarbeiten, verzichtet Xavier Bettel nun auf seinen Hochschulabschluss.


Xavier Bettel ist bereits seit über acht Jahren Regierungschef im zweitkleinsten Mitgliedsland der EU (Bild: Twitter / @gouv_lu)

Der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel hat am Dienstag erklärt, er werde auf einen Diplomabschluss an der französischen Universität Lothringen verzichten. Hintergrund sind Plagiatsvorwürfe, zu der die Hochschule am selben Tag eine Untersuchung abgeschlossen hatte. Der liberale Politiker hatte in Nancy öffentliches Recht und Politikwissenschaften studiert und 1999 ein "Diplôme d'études approfondies" (DEA) erhalten, einen französischen Hochschulabschluss.

Die Plagiatsvorwürfe waren im Oktober letzten Jahres nach Recherchen des luxemburgischen Magazins "Reporter" an die Öffentlichkeit geraten. "Reporter" beschuldigte den Regierungschef, ein "Copy-and-Paste-Premier" zu sein, weil er seine im Alter von 26 Jahren abgeschlossene Diplomarbeit über mögliche Reformen des Wahlsystems für das Europaparlament zu einem beträchtlichen Teil abgeschrieben habe. Auf 54 von 56 Seiten seien fremde Texte ohne Quellenangabe verwendet worden.

Uni nimmt Bettel in Schutz

Die Uni Lothringen nahm den Premierminister in ihrem Untersuchungsbericht (PDF) gegen Plagiatsvorwürfe in Schutz – bei dem Text handle es sich um eine "Originalarbeit", die eine Synthese von Dokumenten sei. Diese Art der Arbeit sei zu dieser Zeit "üblich und akzeptiert" gewesen. Der Premier müsse aber die fehlenden Quellenangaben nachreichen. Die Uni hatte die Arbeit im Kontext der vor mehr als 20 Jahren praktizierten Zitierweise überprüft.

Bettel ließ allerdings nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts verlauten, dass er sich "nach reiflicher Überlegung" dazu durchgerungen habe, "die Universität zu bitten, meinen DEA zurückzuziehen". Damit sollten "Zweifel an den Verdiensten des DEA ausgeräumt und ein Vertrauensverlust in die akademische Arbeit vermieden werden", so der 48-Jährige. Ganz ohne Unidiplom steht Bettel allerdings nicht da: Er hat noch einen weiteren Abschluss der Uni Lothringen in Jura.

Bettel war bereits im selben Jahr, in dem er den Abschluss erworben hatte, für die liberale Partei DP ins luxemburgische Parlament eingezogen. Von 2011 bis 2013 war er Bürgermeister der Stadt Luxemburg, danach wurde er – als Nachfolger von Jean-Claude Juncker – Premierminister seines Heimatlandes (queer.de berichtete).

Bereits 2008 hatte sich Bettel in einer RTL-Sendung als schwul geoutet. Zwei Jahre später ging er eine eingetragene Partnerschaft mit Gauthier Destenay, einem belgischen Architekten, ein. Als Premier öffnete er 2014 die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Kurze Zeit später heiratete er seinen Lebenspartner (queer.de berichtete). Bei den Wahlen 2018 konnte seine aus der liberalen DP, der sozialdemokratischen LSAP und der grünen Partei Déi Gréng bestehende Regierungskoalition ihre Mehrheit verteidigen (queer.de berichtete). (dk)



#1 Sven100Anonym
  • 02.02.2022, 12:19h
  • Bettel ist in Luxemburg außerordentlich beliebt.

    Diese Plagiatsaffäre wird ihm nicht schaden.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 DominikAnonym
  • 02.02.2022, 20:12h
  • Antwort auf #1 von Sven100
  • Trotzdem ist so was nicht in Ordnung. Uni-Abschlüsse und Doktorarbeiten ebnen den Weg für eine Karriere, und dann auf 54 von 56 Seiten abgeschrieben zu haben, das ist schlicht Betrug.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Taemin
  • 03.02.2022, 09:38h
  • Ich wundere mich immer wieder, wie leicht in Deutschland Leute davon kommen, die akademische Arbeiten abschreiben oder ihren Lebenslauf fälschen. Die werden sogar danach, wenn es schon bekannt ist, Bürgermeisterin oder Ministerin. In Luxemburg ist das wohl auch nicht Grund für einen Rücktritt. Sind denn Ehrlichkeit und akademische Arbeit hier so wenig wert? Ich habe doch auch selbst gearbeitet für meinen M.A. Hätte ich da betrogen und das würde gemerkt, mein Boss würde mich feuern. Meine ganze Familie würde das als große Schande sehen und nicht mehr auf die Straße wagen aus Scham. In Korea ist gerade Wahlkampf für das Amt des Präsidenten. Kandidat Yoon Suk Yeol hat ein Problem, weil seine Frau vor 15 Jahren oder so eine falsche Angabe gemacht hat bei einer Bewerbung über ihrer akademischen Karriere. Das kostet vielleicht den Wahlsieg. Und das war er nicht selbst, sondern nur seine Frau. Die heult jetzt im Fernsehen, wie bitter sie bereut. Kann zu spät sein für Einsicht.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 NevermindAnonym
  • 03.02.2022, 11:32h
  • Bei den allermeisten Doktorarbeiten wird ja das Rad nicht neu erfunden oder werden bahnbrechende neue Erkenntnisse gewonnen. Bei Xavier Bettel gehts ja sogar nur um eine Diplomarbeit. Fast alles, was da geschrieben wird, hat schon jemand anders vorher geschrieben, mit dem man einer Meinung ist. Es ist sehr mühsam, das alles dann so umzuformulieren, dass der Sinn erhalten bleibt, aber kein Plagiatsverdacht entsteht. Die Fehler, die da gemacht wurden, sind in meinen Augen kein Betrug, sondern Fehler, die vielleicht eine Herunterstufung der Note rechtfertigen würden. Leider wird es extrem und genüsslich ausgeschlachtet.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 SakanaAnonym
  • 03.02.2022, 11:55h
  • Antwort auf #4 von Nevermind
  • Stimme da deiner Einschätzung größtenteils zu. Bettels ehemaliger Professor an der DEA hat selbst gesagt, dass die Zitationsregeln damals (1999) noch gänzlich andere als heute waren und eine ihn eingeschlossene Zwei-Personen-Jury die Arbeit mit einem Gut (10 Punkten) bewertet hatte deswegen. Er verwies aber auch drauf, dass sich die Zitationsregeln in den 20 Jahren danach massiv geändert hätten. Das System war damals noch anders und der Sinn und Zweck der mémoire war eine "persönliche Reflektion" zu einem Thema, während die Mittelmäßigen dann häufig eine "compilation" erstellten. [1]

    Zusammengefasst wäre die Arbeit, die 1999 noch allen gängigen wissenschaftlichen Standards entsprach und den Zitationsregeln folgte, heute nicht mal mehr im Ansatz akzeptabel und deshalb halte ich Bettels Rückzug da auch etwas übereilt. Nach der Logik müssten auch alle Magisterarbeiten und Doktorarbeiten der letzten Jahrhunderte ihren akademischen Wert verlieren. Und ich sage das als Vollakademiker.

    ---
    [1]: «Il avait pioché des informations à droite à gauche», admet le professeur. Qui relativise: «Il ne faut pas juger quelque chose qui a été fait il y a plus de 20 ans». Le but du mémoire était bien d«apporter une réflexion personnelle. Mais un certain nombre délèves avaient tendance à faire de la compilation, ceux qui navaient pas les meilleures notes. Ce nest pas ce quon préférait en tant que professeurs, mais cétait fréquent».
    paperjam.lu/article/plagiat-ex-professeur-xavier-b
  • Antworten » | Direktlink »
#6 StaffelbergblickAnonym
  • 03.02.2022, 13:08h
  • Ich finde diese Diskussionen um zurückliegende Dissertationsarbeiten schon sehr diskutabel. Das hat ja erst vor wenigen Jahren angefangen, als die Tochter von Stoiber damit aufflog. Bekannt ist deshalb die Einrichtung "Vronileak". Dann sicher der Herr von und zu Guttenberg. Die ganze Einleitung mit copy and paste, und den Rest von seinem Ghostwriter. Wer sich bei den prominenten Fällen (gibt es eigentlich auch nicht-prominente Fälle??? ... und warum kümmert sich dort niemand um die "Rechtmässigkeit"???). Und mich stört an diesen Diskussion auch immer wieder die Frage, warum taucht das erst heute auf, wo bleiben die verantwortlichen Prüfer, die diese Arbeiten "abgesegnet" haben.
    Ich hatte mal die Möglichkeit zu einem Thema zu arbeiten und es dann abgebrochen. Beim Einlesen stellte ich fest, dass die relevanten Fragen schon seit Jahren beantwortet sind, ferner erfuhr ich bei einem Bewerbungsgespräch, dass weitere Untersuchungen aus ethischen Gründen gar nicht gehen. Und das mir zur Verfügung gestellte Zahlenmaterial war katastrophal unbrauchbar. Natürlich war der Prof dann sauer auf mich. Heute frage ich mich, wie kommt ein international hoch angesehener Universitätsprofessor dazu, solche Promotionsarbeiten zu vergeben. Das Problem liegt auch darin, dass wir in unserer Gesellschaft eine Auffassung haben, wonach ein "Dr." was "Besseres" ist. Häufig ist es nichts anderes als eine "Fleißarbeit" für einen höheren Verdienst.
    Andererseits sehe ich so Beispiele, wie mein Patenkind ... der sich mit der Arbeitsweise deutscher Autoren beschäftigt hat. Bisher noch nie geschehen. Mit "summa cum laude" bestanden, als Meisterwerk begutachtet ... und nun im Prinzip arbeitslos ist.
  • Antworten » | Direktlink »