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Katholische Kirche

Deutsche Katholik*innen wollen queerfreundliche Reformen – aber was sagt der Papst?

Die am Samstag beendete Synodalversammlung stand unter großem Erwartungsdruck: Verändert sich endlich was in der katholischen Kirche? Antwort: Der Wille ist da. Zumindest in Deutschland.


Drei Tage lang tagte die dritte Synodalversammlung des Synodalen Weges in Frankfurt/Main (Bild: Synodaler Weg / Max von Lachner)
  • Von Eva Krafczyk u. Christoph Driessen, dpa
    6. Februar 2022, 12:16h, 22 Kommentare

Schwester Philippa Rath ist eine Nonne, aber eine höchst unangepasste. Seit vielen Jahren kämpft sie gegen die "klerikale Männerkirche". Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, und das hat dazu geführt, dass man jedesmal aufhorcht, wenn sie in der Synodalversammlung der deutschen Katholiken in der Frankfurter Messe das Wort ergreift. Schwester Philippa wird gehört.

Bei den letzten beiden Synodalversammlungen hatte die 66 Jahre alte Benediktinerin vielfach Kritisches zu sagen. Doch am Samstag zeigte sie sich zufrieden. "Die Angst bröckelt jetzt endlich", stellte sie fest. "Wenn wir diese Texte verabschieden, wird die Kultur der Angst hoffentlich weichen und zu einer Kultur der Offenheit und Akzeptanz."

Die katholische Kirche in Deutschland ist reformwillig

Ist die katholische Kirche reformfähig? Die am Samstag beendete dritte Synodalversammlung hat auf jeden Fall gezeigt: Die katholische Kirche in Deutschland ist reformwillig. Frauen als Diakoninnen, verheiratete Priester, Segnungen homosexueller Paare, Mitsprache von Gläubigen bei der Bischofswahl – all das soll nach dem Willen einer überwältigenden Mehrheit der Delegierten Wirklichkeit werden (queer.de berichtete). "Es passiert unglaublich viel", freute sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

Schon seit 2019 läuft bei den deutschen Katholiken der Reformprozess Synodaler Weg, eine Initiative sowohl der Bischöfe als auch der sogenannten Lai*innen, der normalen Gläubigen in den Gemeinden, die im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) organisiert sind. Die Synodalversammlung ist das zentrale Entscheidungsgremium dieses Reformprozesses. Sie tagte von Donnerstag bis Samstag schon zum dritten Mal in Frankfurt.

Die Bischöfe waren bislang die "Black Box"

Bereits bei den vorigen Konferenzen war deutlich geworden, dass der allergrößte Teil der Delegierten dem Reformlager angehört. Reformvorschläge konnten durchweg mit einer 80-Prozent-Mehrheit rechnen. Da die katholische Kirche aber keine Demokratie ist, kann nichts beschlossen werden, wenn es nicht auch von einer deutlichen Mehrheit der Bischöfe mitgetragen wird. Die Bischöfe waren bisher die "Black Box" des ganzen Prozesses – niemand wusste mit Sicherheit zu sagen, wieviele von ihnen eigentlich hinter den Reformen stehen.


Mehrere Delegierte der Synodalversammlung zeigten mit Regenbogenmasken Flagge gegen die Ausgrenzung von LGBTI-Christ*innen (Bild: Synodaler Weg / Max von Lachner)

Hier gab es nun in den vergangenen Tagen einen wirklichen Fortschritt: Erstmals stimmten in einem Sondervotum auch nur die Bischöfe über die vorgelegten Texte ab. Dabei ergab sich immer eine Zwei-Drittel-Mehrheit für Reformen. Etwa ein Dutzend Bischöfe stimmte dagegen. Die Ergebnisse wurden mit einem Stoßseufzer der Erleichterung aufgenommen. Ihr sei "ein Stein vom Herzen gefallen", gestand etwa Beate Gilles, die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz. Hätten sich die Bischöfe quergestellt, hätte dies das Ende des gesamten Reformprozesses bedeuten können. Denn die Laienvertreter waren entschlossen, sich auf keinen Fall für eine reine Show-Veranstaltung zur Verfügung zu stellen.

"Papier ist unendlich geduldig"

Was von den Reformen letztlich umgesetzt wird, ist dennoch unklar. "Papier ist unendlich geduldig", sagte zum Abschluss die ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp und überreichte Bischof Bätzing Traubenzucker als Energieschub zum Handeln.

Ein besonders bewegender Augenblick war ein Appell von Mara Klein, einem diversen Mitglied der Synodalversammlung. Klein hat sich entschieden, nach dem Abschluss ihres Religionsstudiums das Referendariat nicht anzutreten: "Ich könnte die Willkür und Abhängigkeit nicht aushalten." Mit brechender Stimme rief Klein die Bischöfe dazu auf, das kirchliche Arbeitsrecht zu ändern, das immer noch so viele Menschen diskriminiert: "Liebe Bischöfe, Sie können den Schmerz einstellen, der für mich verbunden ist mit diesem Arbeitsrecht!"

Nur Mahnungen und Warnungen vom Apostolischen Nuntius


Beobachter des Vatikans: Nuntius Erzbischof Dr. Nikola Eterovič auf der Synodalversammlung (Bild: Synodaler Weg / Max von Lachner)

Das Arbeitsrecht könnten die deutschen Bischöfe eigenständig reformieren, aber für vieles andere wäre die Zustimmung des Papstes nötig. Wo der steht, machte sein Botschafter in Deutschland, Nikola Eterovic, deutlich. Der Apostolische Nuntius hatte kein einziges Wort der Ermutigung für die Delegierten mitgebracht, nur Mahnungen und Warnungen.

Die Kirche umfasse 1,3 Milliarden Menschen, und nur 22,6 Millionen davon lebten in Deutschland, rief er in Erinnerung. Und dann zitierte er den antiken Kirchenlehrer Irenäus von Lyon, der gesagt habe: "Die in Germanien gegründeten Kirchen glauben und überliefern nicht anders als die in Spanien oder bei den Kelten, die im Orient oder in Ägypten, die in Libyen oder in der Mitte der Welt." Das sind Begriffe, die man hierzulande wohl eher mit Asterix verbindet, aber nicht unbedingt als Maßstab für heutiges Handeln akzeptieren dürfte.

Während der Nuntius seine von frömmelnden Formulierungen durchsetzte Rede hielt, blickte er im Saal in die Gesichter der Delegierten, die teilweise Masken in den Regenbogenfarben trugen. Es waren zwei Welten, die hier aufeinandertrafen.



#1 Sven100Anonym
  • 06.02.2022, 13:31h
  • "...aber was sagt der Papst?"

    Er MUSS etwas dagegen sagen. Wenn er nichts sagt, hat er 80 % aller Katholiken weltweit gegen sich. Und das würde eine Kirchenspaltung bedeuten.

    Andererseits muss Rom natürlich bedenken, dass die deutsche Kirche weltweit das größte Steueraufkommen hat und damit die reichste Kirche der Welt ist.
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#2 RRuntEhemaliges Profil
  • 06.02.2022, 13:54h
  • Praktisch wird die Versammlung des synodalen Wegs wohl nur beim Arbeitsrecht konkret etwas bewirken (weil da auch der Staat mitspielt).

    Die Wirkung ist eher eine psychologische. Es kommt mir wie ein großes Outing vor - nicht nur der queeren Menschen, sondern auch von ihrer sich solidarisierenden Community.
    Insofern wird es die queeren Menschen in der Kirche stärken, sie werden vermutlich aber auch noch viel offener darüber nachdenken, wie lange sie es vertreten können in der Kirche zu verbleiben.

    Der Nuntius hat durch seine Reaktion klar gemacht, was er (stellvertretend für den Papst und die Kirchenführung) von einem Outing hält. Er sieht es als Bedrohung für die "Familie" an, zeigt weder Empathie noch Zugewandtheit, was ja das Minimum ist, was man erwarten könnte. Ein Armutszeugnis, was auch sehr große Fragen aufwirft, inwieweit manche schönen Worte und Gesten des Papstes nicht nur Lippenbekenntnisse sind.
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#3 jairoAnonym
  • 06.02.2022, 18:34h
  • Rom wird wenig Verstaendnis fuer die Forderungen der deutschen Katholiken zeigen und stur weitermachen wie bisher. Leichte Aenderungen im Arbeitsbereich sind evtl. drin, den Rest, forget it.OLW37
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#4 stephan
#5 PeerAnonym
  • 07.02.2022, 10:01h
  • "Der Wille ist da. Zumindest in Deutschland."

    Naja, der Wille zu weiterer Diskriminierung. Denn eine "Segnung" ist keine Ehe, wie sie Heteros offen steht. Und alles was nicht 100% Gleichstellung ist, ist per definition Diskriminierung.

    Im übrigen ist es leicht, Dinge zu versprechen, von denen man weiß, dass sie eh nicht kommen, weil der Vatikan das niemals erlauben wird. Es wird sich also de facto gar nichts ändern, nur dass die angesichts immer weiter steigender Kirchenaustritte ein wenig Marketing betreiben, um ihr Image aufzupolieren und nicht noch mehr Einnahmen zu verlieren.

    Würden die es ernst meinen, würden sie auf ihr Gewissen als Christen hören und gleichgeschlechtliche Paare verheiraten, egal was der Vatikan sagt. Wenn die wirklich an Gott glauben, sind sie auch nur ihm Rechenschaft schuldig, aber nicht dem Vatikan. Aber das wollen die ja gar nicht, dieses ganze Marketing sind alles nur Nebelkerzen.
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#6 PeerAnonym
  • 07.02.2022, 10:07h
  • Antwort auf #4 von stephan
  • Vielen Dank für den Link. Ich kann mich dem Beitrag im Deutschlandfunk nur anschließen: das ist nichts als ein Placebo, das angesichts immer neuer Skandale Fortschrittlichkeit vorgaukeln soll, obwohl sich eigentlich gar nichts ändert und auch niemand von denen wirklich eine Änderung will.
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#7 Sven100Anonym
#8 tchantchesProfil
  • 07.02.2022, 11:21hSonstwo
  • Das wird alles ausgehen wie der Prager Frühling.

    Eines nicht mehr fernen Morgens rollen die vatikanischen Panzer, Marx und Bätzing dürfen sich den Rest ihrer Tage um die Bibliothek oder den Kräutergarten eines abgelegenen Klosters kümmern, irgendein Hardliner wird Vorsitzender der Bischofskonferenz und schon kehrt für die nächsten 100 Jahre Ruhe ein.

    Ändern wird sich erst dann etwas, wenn analog zur UdSSR irgendwann der Vatikan implodiert.
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#9 RRuntEhemaliges Profil
  • 07.02.2022, 11:24h
  • Antwort auf #6 von Peer
  • "und auch niemand von denen wirklich eine Änderung will."

    Niemand?

    Das ist nun wirklich das einzige, was die Versammlung und vor allem die Debatten drumherum gezeigt haben: Dass es in der Kirche queere Menschen gibt, die eine Änderung wollen und viele Menschen, die sie prinzipiell da unterstützen.

    Es wird aber auch deutlich, dass diese zwar in Deutschland auch eine Mehrheit bilden, aber keine Macht besitzen, sich durchzusetzen.
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#10 TimonAnonym
  • 07.02.2022, 11:31h
  • Antwort auf #7 von Sven100
  • Es IST so einfach.

    Denn wie bereits gesagt wurde ist das die Definition des Wortes. Es gibt nicht ein bisschen Gleichstellung. Sondern alles was nicht vollständig gleichstellt ist Diskriminierung. So ist das Wort definiert, auch wenn die Kirche immer wieder versucht, Wörter umzudefinieren.
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