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Netflix-Serie

Warum die zweite Staffel von "Cheer" enttäuscht

Kein queeres Comfort Food mehr: Während die erste Staffel der Dokuserie "Cheer" über ein US-Cheerleading-Team noch durch ihre Leichtigkeit und Offenheit begeisterte, liegt die zweite Staffel eher schwer im Magen.


Sieht queerer aus als es ist: Szenenfoto mit Jeron Hazelwood vom Trinity Valley Community College aus der zweiten Staffel von "Cheer" (Bild: Netflix)

Wer kennt sie nicht: Die Tage, an denen man sich gemütlich auf der Couch oder im Bett verkrümelt und einen Film, der einen seit Dekaden gut unterhält, einschaltet bzw. eine neue oder altbewährte Serie in einer Tour wegsuchtet. Dieses Genre könnte man auch Comfort Food nennen. Es kreiert ein ähnlich wohliges Gefühl wie Omas selbstgebackener Apfelstreuselkuchen.

Vor zwei Jahren hat Netflix eine Comfort-Food-Serie veröffentlicht, die sich zu einem popkulturellen Phänomen entwickelte und weitaus mehr als nur Fans des 2000er-Klassikers "Girls United" begeisterte: "Cheer", in Deutschland unter dem Namen "Cheerleading" im Netflix-Angebot. Die erste Staffel der Dokuserie war ein globaler Überraschungserfolg und machte seine Protagonist*innen über Nacht zu Stars.

Im Januar 2022 erschien nun die zweite Staffel von "Cheer" auf Netflix, und das angenehme Comfort-Food-Gefühl schlug sich in Unwohlsein um. Es ist, als hätte Oma das Rezept des Apfelstreuselkuchens vergessen. Er fällt auf der Gabel auseinander, die Zutaten stimmen nicht mehr und man hat nach dem Essen eine unangenehm belegte Zunge.

Auf den Geschmack gekommen

Das Urban Dictionary definiert Comfort Food als eine Speise, die emotionalen Komfort bietet, wie ein Lieblingsessen aus der Kindheit.

2000 erschien ein Film in den Kinos, der das Leinwand-Äquivalent zur Süßspeise der Großmutter ist: "Girls United". Dieser bietet alles, was ein schwuler Kult-Klassiker braucht: blonde zickige Cheerleaderinnen mit flotten Sprüchen auf den Lippen und klassisch gutaussehende junge Männer in enganliegenden Outfits. Es gab sogar einen offen schwulen Cheerleader, der mit einem Konkurrenten flirtende Blicke austauscht. In 2022: nichts Besonderes, in 2000: bahnbrechend.


Vorläufer von "Cheer": Kirsten Dunst und ihr Team in "Girls United" (Bild: Universal Pictures)

Ein neues Rezept, das ebenfalls schmeckt

Im Januar 2020 bediente sich Netflix mit "Cheer" unter anderem am Erfolgsrezept von "Girls United" und fügte einige neue Zutaten hinzu.

Die Dokuserie von Greg Whiteley ("Last Chance U") begleitet Monica Aldama, die extrem erfolgreiche Cheerleading-Coachin des Navarro College in Texas, und ihr Team, das sie auf die wichtigste Meisterschaft des kompetitiven College Cheerleadings in den USA vorbereitet. Unter Aldama heimsten die Navarro Cheers 14 Titel bei diesem Wettkampf ein und gehen auch im Zuge der ersten Staffel als klarer Favorit an den Start. Whiteley rückt in den sechs Episoden neben Aldama ausgewählte Mitglieder der Mannschaft in den Vordergrund, die vor ihrem "Cheer"-Ruhm eher unscheinbar auftreten. Viele von ihnen kommen aus einfachen oder gar zerrütteten Verhältnissen. Cheerleading ist für einen Großteil von ihnen der Weg raus aus ihrem tristen Umfeld. Die Geschichte des Underdogs, der sich nach oben kämpft, ist in US-amerikanischen Produktionen besonders beliebt.

Jerry Harris, der offen schwul ist, schloss man aufgrund seiner Persönlichkeit und berührenden Geschichte umgehend ins Herz. Er wird für seine flamboyante und offene Art sehr geschätzt. Die Sympathie ihm und dem Navarro-Team gegenüber ist so groß, dass man beim finalen Wettkampf in der letzten Episode laut mitfiebert.

Zuckerschock und neue herbere Zutaten


Poster zur Dokuserie: Die zweite Staffel von "Cheer" läuft seit 12. Januar 2022 auf Netflix

Jerry und Co. zeigen sich in der zweiten Staffel von Beginn an als medienerprobte Profis. Verloren ist zum Teil die erfrischende Unschuld und Authentizität, die in der ersten Staffel begeistert hat. Eine der einst schüchternen jungen Frauen nimmt nun knapp 100 Euro für monoton eingesprochene Geburtstagsgrüße via Cameo und erzählt nebenbei von ihren Plänen, Youtube zu erobern, weil dort das große Geld zu holen sei. Zu abgeklärt wirken die einst bescheidenen Underdogs, die in der Zwischenzeit bei Ellen auf der Couch saßen oder Joe Biden interviewten.

Die zweite Staffel "Cheer" scheint mit einem zusätzlichen Fokus auf das Trinity Valley College eine neue Underdog-Geschichte erzählen zu wollen. Das Team steht unter der Leitung von Vontae Johnson. Er ist ein sehr maskuliner Typ, der sich von den quirligeren Elementen des Cheer-Sports distanziert.

Eine Person sagt in der zweiten Staffel, dass das Navarro College die Gays hat, die auf der Matte für Stimmung sorgen, das Trinity Valley College hingegen eher mit starken Turneinlagen überzeugen möchte. Insbesondere drei Neuzugänge in Johnsons Team wollen ganz und gar nicht mit der vermeintlichen Queerness des Cheerleadings assoziiert werden. Sie möchten nur ihre Überschläge und Salti absolvieren, dabei so cool wie möglich sein – also nicht so aussehen, als hätten sie Spaß – und bloß nicht ihrer Männlichkeit beraubt werden. Die Underdogs hat Johnson, es fehlt allerdings an Sympathieträger*innen.

Verschimmelter Apfel im Kuchen

Auch bei den Navarro Cheer steht es schlecht um (ehemalige) positive Identifikationsfiguren. Die gesamte fünfte Episode widmet sich Anschuldigungen, die gegen Jerry erhoben wurden. Er soll 2019, im Alter von 19 Jahren, von einem Zwillingspaar, das zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt war, Nacktbilder eingefordert haben und sich somit der Kinderpornografie schuldig gemacht haben. Einen der beiden soll er zudem zum Oralverkehr genötigt haben. Jerry gestand in der Zwischenzeit dem FBI gegenüber seine Schuld. Derzeit erwartet er inhaftiert sein Urteil, das sich auf bis zu 30 Jahre Gefängnis belaufen kann.


Tiefer Fall eines einstigen Sympathieträgers: Jerry Harris bei Proben der Navarra Cheers (Bild: Netflix)

Whiteley interviewt das Zwillingspaar in dieser Episode. Ihre Schilderung des Jerrys, der sich hinter der quirligen Fassade, die man in der ersten Staffel noch so sympathisch fand, zeichnet eine manipulative und bedrohliche Person, die ihren Ruhm dafür ausnutzt, junge Männer sexuell zu missbrauchen. Plötzlich verliert der Komfort, den die erste Staffel bot, an Wohlgefühl, als hätte Oma erst später bemerkt, dass sie einen verschimmelten Apfel in den Kuchen geschnitten hat, den man gerade noch genüsslich gegessen hat.

Neben Jerry wurden zwei weitere Cheerleader des Teams, die ebenfalls in der ersten Staffel zu sehen waren, einem übergriffigen Verhalten gegenüber Minderjährigen beschuldigt. Die Episode, die sich auf die Anschuldigen gegen Jerry fokussiert, wagt einen generellen Blick auf Missbrauchsfälle in der Cheerleading-Welt, und man fühlt sich zwangsläufig an den Fall Larry Nasser erinnert, der in den letzten Jahren die Turnwelt erschütterte.

Wer letztlich im Staffelfinale gewinnt, lässt einen eher kalt, da man als Zuschauer*in zu sehr damit beschäftigt ist, den üblen Geschmack des Zerfalls des Navarro-Teams mit viel Wasser runterzuspülen.

Zurück zu altbewährten Rezepten und Neugier auf neue Kreationen

Damit soll jedoch nicht gesagt werden, dass man nicht ab und an neue Rezepte ausprobieren kann. So hat Netflix mit "Dare Me" eine Cheerleading-Thriller-Serie im Programm, die großes Binge-Potential hat, und ein Slasher, der sich in das "Girls United"-Franchise einreiht, ist ebenfalls in Produktion.

Manche*r wird sich vielleicht erst einmal auf Altbewährtes berufen und darauf warten, dass der Appetit auf neue Kreationen angeregt wird. Wie auch bei Corona dauert es manchmal ein wenig, bis der Geschmack wieder da ist. Dafür ist der Genuss danach aber umso größer.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur zweiten Staffel
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