Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?41168

LGBT Network und Sphere

Russland will wichtigsten LGBT-Verband auflösen

Das Justizministerium sieht in der Stiftung hinter dem "LGBT Network" eine Bedrohung von Familienwerten und Rechtsstaatlichkeit – vor Gericht scheiterte der Antrag auf Liquidierung zunächst.


Queere Menschenrechtsarbeit wie die des "LGBT Network" wird zunehmend vom Staat bekämpft, erst mit dem Gesetz gegen Homo-"Propaganda" und nun mit dem zu "ausländischen Agenten"

Im Kampf gegen die Zivilgesellschaft geht Russland zunehmend auch gegen queere Verbände vor. Wie in dieser Woche bekannt wurde, klagt das Justizministerium vor einem Gericht in St. Petersburg auf offizielle Auflösung der 2011 gestarteten gemeinnützigen Stiftung "Sphere", die als rechtliche Einheit für das "LGBT Network" fungiert und weitere queere Organisationen unterstützt.

Der Verband, der selbst bereits 2006 gegründet wurde und in mehreren Regionen Russlands aktiv ist, gilt als wichtigste queere Organisation des Landes und bietet unter anderem Unterstützungsangebote und rechtliche Unterstützung für LGBTI, Regenbogenfamilien und Angehörige. Auch setzt er sich für Aufklärung ein und sammelt Beweise für Fälle von Diskriminierung. International bekannt wurde das "LGBT Network" vor allem für seine Fluchthilfe für Menschen aus Tschetschenien.

"Sphere" wurde 2016 von den Behörden als "ausländischer Agent" eingestuft, 2021 auch das "LGBT Network" und unter anderem der Gründer der Organisationen, Igor Koschetkow, persönlich. Damit werden sie verpflichtet, alle ihre Einnahmequellen offenzulegen und ihre Veröffentlichungen mit dem vermeintlichen und stigmatisierenden "Agenten"-Hinweis zu markieren (queer.de berichtete). Ein entsprechendes Vorgehen zielt zunehmend auch auf queere Verbände: An diesem Freitag wurde etwa auch das "Moskauer Community-Zentrum für LGBT+-Initiativen" (MCC) zum "ausländischen Agenten" erklärt.

Vorwurf: Verstoß gegen "traditionelle Werte"

Unter Verweis auf angebliche Verstöße gegen das "Agenten"-Gesetz wurde in Russland kürzlich die bedeutende Menschenrechtsorganisation "Memorial" aufgelöst. Im letzten Oktober kam es zu einer Inspektion bei "Sphere", nach der das Justizministerium der queeren Stiftung Verstöße vorwarf. So habe sie die Absicht, "die Gesetzgebung und die moralischen Grundsätze in der Russischen Föderation zu ändern" und "Zwietracht in die russische Gesellschaft zu bringen und gegen die Verfassung des Landes zu verstoßen".

Laut eigenen Angaben erhielt "Sphere" auf einen Einspruch hin nur eine Eingangsbestätigung und keine Hinweise, wie "Verstöße beseitigt" werden könnten. Stattdessen folgte nun die Klage auf Liquidation. Laut dem Pressedienst der St. Petersburger Gerichte erhält sie unter anderem die Vorwürfe, dass die Stiftung "LGBT-Ansichten" verbreite, mit Minderjährigen arbeite und "die russische föderale Gesetzgebung in Bezug auf die LGBT-Bewegung" ändern wolle. Letztlich stelle die Arbeit einer NGO, wenn sie nicht mit den "grundlegenden Familienwerten, die in der russischen Verfassung verankert sind", vereinbar sei, "eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung und der Rechtsstaatlichkeit" dar.

Direktlink | Trailer zur Doku "Welcome to Chechnya", die im letzten Sommer auch bei arte zu sehen war und einen Teil der Arbeit des "LGBT Network" weltweit bekannt machte: Erst machte der Verband 2017 zusammen mit der Zeitung "Nowaja Gaseta" auf die illegalen Verschleppungen queerer Menschen in der russischen Republik durch Sicherheitskräfte aufmerksam, dann organisierte er eine beispiellose Hilfs- und Rettungsaktion: Über 100 Menschen wurden aus der Region in Notunterkünfte in andere russische Regionen gebracht und dann zum Asyl ins Ausland vermittelt (queer.de berichtete). Vergeblich bemühte sich der Verband bei russischen Behörden um Ermittlungen gegen die Verantwortlichen der Verfolgung
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Ein Bezirksgericht in St. Petersburg wies am Mittwoch die Klage des Justizministeriums als unbegründet zurück, da es sich in der Begründung nicht auf konkrete Gesetzesverstöße bezogen habe. "Sphere" kommentierte, man freue sich über die transparente Gerichtsentscheidung – es sei "offensichtlich, dass das Ministerium keine juristischen, sondern ideologische Vorwürfe" erhoben habe. Man glaube und befürchte allerdings, dass die Sache "noch lange nicht ausgestanden" sei.

Der Stiftungsgründer Koschetkow sprach vor der Verhandlung von einem Musterbeispiel politischer Verfolgung. "Sphere" habe in elf Jahren nie gegen ein Gesetz verstoßen. "Der Versuch, die Stiftung zu liquidieren, und die vorsätzliche Behinderung der Arbeit von Initiativen und Personen, die mit ihr verbunden sind, sind eine logische Fortsetzung der Verfolgung durch die Behörden der gesamten Menschenrechts-Community in Russland", meinte "Sphere"-Sprecherin Dilja Gafurowa ebenfalls vor der ersten Gerichtsentscheidung.

"Aus Sicht der Machtstrukturen widerspricht unsere Aktivität der staatlichen Ideologie traditioneller Werte – aber unabhängig von den Launen des politischen Klimas: LGBT+-Menschen hören nicht auf zu existieren", so Gafurowa. Ihnen zu helfen, widerspreche nicht dem Gedanken der Wohltätigkeit. "Diejenigen, die LGBT+ sind, sind wie jede andere soziale Gruppe Bürger dieses Landes und verdienen gleiche Rechte und Freiheiten. Und jetzt scheint jeglicher LGBT-Aktivismus grundsätzlich tabuisiert zu sein. In diesem Sinne scheint der Fall der Liquidation von 'Sphere' der wichtigste LGBT+-Prozess in Russland zu werden."

-w-

#1 AtreusEhemaliges Profil
  • 12.02.2022, 10:49h
  • Ich habe kein Gramm Zweifel, dass das LGTB Network geschlossen wird. Der Wille des Justizministeriums ist an den Willen Putins gebunden und letztinstanzlich immer Gesetz, so wie man sich vor kurzer Zeit ja schon Memorial entledigt hat. Menschenrechte und Russland stören sich, Organisationen, die Verbrechen aufdecken und dokumentieren sind logischerweise ein Dorn im Autokratenauge. Ich hoffe einzig, dass die Mitarbeiter nicht analog zu Journalisten von der Straße geschossen werden, wie die Ärzte Nawalnys aus dem Fenster fallen oder in einem Autounfall sterben oder als Mitarbeiter "ausländischer Spionageorganisation" abgeurteilt werden und im Gulag zugrunde gehen.
  • Direktlink »
#2 FinalmSposatoEhemaliges Profil
  • 12.02.2022, 15:47h
  • Es ist einfach tieftraurig. Der kalte Krieg ist sowas von zurück. Auch wenn das gerade Deutschland nicht, oder noch nicht wahr haben will. Putin ist eine Schande für Russland. Hatten nicht alle Anfang der 90er noch inständig gehofft Russland könnte irgendwann ein ganz normales, friedliches europäisches und demokratisches Land werden? Aus der Traum! Putin hat alles zerstört. Demokratie und Menschenrechte.

    Wenn der jetzt tatsächlich in der Ukraine einmarschieren sollte, droht im Westen auch bei der neuen Generationen eine immerwährende unüberbrückbare Abneigung und Hass auf die Russen. Eine Katastrophe! Die Hauptleidtragenden werden am Ende die Russen selbst sein!
  • Direktlink »
#3 Gemeiner_Hai
  • 12.02.2022, 19:31h
  • Antwort auf #2 von FinalmSposato
  • Wobei man dazu fairerweise auch sagen muss, dass dieses Russland Anfang der 90er durch Jelzins "Schocktherapie" in Friedenszeiten einmalige wirtschaftliche und soziale Verwerfungen ertragen musste und es durchaus vorkam, dass die neue superreiche Elite mit ihren Rolls-Royce protzte, während nur ein paar Straßen weiter Obdachlose um etwas Brot bettelten. Infolgedessen konnte sich Jelzin bereits 1996 nur durch massive (man höre und staune) US-Wahleinmischung gegen den kommunistischen Kandidaten Gennadi Sjuganov im zweiten Wahlgang an der Macht halten. Rosige Zeiten waren das also nicht, jedenfalls nicht für die Russen.

    Dass dieser Prozess unter Putin aufgehalten und etwas eingeebnet wurde - freilich, ohne die Oligarchen anzutasten, es sei denn, sie wurden politisch ungemütlich -, erklärt zu einem großen Teil dessen Popularität. Das bedeutet freilich nicht, dass ich Putin gut fände: Seine Denkweise ist die eines konservativen Nationalisten, was in Russland beinahe zwingend gewisse zaristisch-autokratische Züge annehmen muss. Nur ist es eben auch nicht so, dass man das fein säuberlich trennen könnte in einen "guten, demokratischen" Jelzin hier und einen bösen, autokratischen Putin dort. Letzterer wurde übrigens gerade von Jelzin gefördert und als Nachfolger vorgeschlagen.
  • Direktlink »