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Autobiografie

Wie lebte es sich 1907 als inter Person in Deutschland?

Mit "Aus eines Mannes Mädchenjahren" ist ein faszinierendes Zeitdokument neu erschienen. Es zeigt: Der Kampf die Anerkennung von Geschlechtervielfalt tobte schon vor über 100 Jahren.


Karl M. Baer veröffentlichte seine Autobiografie "Aus eines Mannes Mädchenjahren" im Jahr 1907 unter dem Pseudonym N. O. Body

In den derzeitigen Debatten um das Selbstbestimmungsgesetz sowie der Einführung der "Dritten Option" 2018 wird von reaktionären Kräften häufig signalisiert, es handele sich um einen modernen Trend, trans und inter Menschen rechtliche Selbstbestimmung ermöglichen zu wollen. Mit "Aus eines Mannes Mädchenjahren" (Amazon-Affiliate-Link ) liegt ein faszinierendes Zeitdokument vor, welches beweist, dass der Kampf um die Anerkennung vielfältiger Geschlechtsidentitäten nicht erst zwanzig Jahre alt ist.

Das kürzlich im Verlag Hentrich & Hentrich erschienene Buch beinhaltet sowohl den Originaltext – erstmals 1907 veröffentlicht, ergänzt durch ein Nachwort des bekannten Arztes und Aktivisten Magnus Hirschfeld – als auch eine moderne Kontextualisierung in Form medizinischer, historischer und rechtlicher Beiträge aus dezidiert jüdischer Perspektive.

Ein Leben in Unwissenheit

"Aus eines Mannes Mädchenjahren" ist eine Autobiografie, veröffentlicht unter dem augenzwinkernden Pseudonym N. O. Body. Dahinter steht, das wissen wir inzwischen, Karl M. Baer, der uns seine Lebensgeschichte erzählt – beginnend mit seiner Geburt. Baer war nicht eindeutig einem der binären Geschlechter zuzuordnen, also entschieden seine Eltern, der Hebamme ein Schweigegeld zu zahlen, das Kind als Mädchen zu erziehen und die ganze Angelegenheit möglichst zu verheimlichen.

Die Erzählung Baers zieht uns in den Sog der Vergangenheit – er berichtet von seiner Kindheit in einer ländlichen Kleinstadt, über der immer "ein dumpfer Druck" lag. Nicht nur das langsam versagende Holzunternehmen des Vaters quälte die mittelständige Familie, auch das "Geheimnis" lastete schwer auf der Eltern-Kind-Beziehung.

Stimmbruch als Schwindsucht interpretiert

Das Kind, das ein Mädchen sein soll, wird von allen Seiten wegen seiner Andersartigkeit abgestoßen; Baer interpretiert seinen Stimmbruch als Zeichen von Schwindsucht, monatelang glaubt er, sterben zu müssen. Niemand weiht ihn ein. "Und doch hätte ein einziges aufklärendes Wort mich erlösen können", schreibt er. Seine Verzweiflung schiebt sich manchmal mehr in den Hintergrund, wenn er von seinen Lehrjahren, seinem Studium und seiner Zeit auf Vortragsreisen berichtet, doch verschwindet niemals ganz.

Sein Ringen mit sich selbst, sein Sehnen nach Erkenntnis findet auch über hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung Resonanz. "Ich hegte die sichere Hoffnung auf irgendein unbestimmtes Glück, das mir das Leben noch schuldig war" – schlussendlich erreicht ihn dieses Glück in Form eines Arztes (eine fiktionalisierte Version von Hirschfeld), der ihn unterstützt, Personenstand und Namen zum männlichen Geschlecht zu ändern.

Ein Mann seiner Zeit


"Aus eines Mannes Mädchenjahren" ist im Dezember 2021 im Hentrich und Hentrich Verlag erschienen

Baers Erzählung ist unverblümt und ehrlich, er lässt sich nicht einschränken von eigener Scham und den Peinlichkeiten seiner Zeit. Er verfolgt weiterhin einen pädagogischen Anspruch in seiner Erzählung, er spricht Eltern und Erzieher*innen direkt an. Manchmal ist er seinen Zeitgenossen voraus, beispielsweise als er für die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen sowie bessere sexuelle Aufklärung plädiert; manchmal fördert er aber auch kuriose Ratschläge zu Tage, wie etwa die Warnung, Kindern keine Steckenpferde zu kaufen, da diese "verfrühte erotische Gefühle" hervorrufen würden.

Generell erfolgt des Öfteren die Erinnerung, dass Baer ein Mann seiner Zeit ist, der sich bestätigt fühlt, wenn er Machtpositionen gegenüber Frauen einnimmt, der harte Linien zwischen den binären Geschlechtern zieht (und dabei Frauen und Mädchen oft abwertet) und der empfiehlt, dass Jungen Romane über deutsche Helden lesen sollen und keine "Indianerbücher". Hier unterscheidet sich "Aus eines Mannes Mädchenjahren" nicht von anderen Romanen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

Spannende moderne Einordnungen

Gerade weil es sich um einen historischen Text handelt, sind die beigefügten Texte von Christina von Braun, Hermann Simon, Marion Hulverscheidt und Konstanze Plett so wertvoll. Hulverscheidt nährt sich Baers Biografie aus medizinhistorischer, Plett aus rechtlicher Perspektive. Simon berichtet von jahrzehntelanger Detektivarbeit, mithilfe derer es ihm schließlich gelang, N. O. Body eindeutig als Karl M. Baer zu identifizieren.

Außerdem ergänzt er Baers Autobiografie um einen signifikanten Aspekt: Baers Jüdischsein. Der Autor selbst hat dies verschleiert, oder, um Simons Vokabular zu nutzen, jede wichtige jüdische Erfahrung in eine christliche Erfahrung "übersetzt". Simon lässt auch nicht aus, dass Baer nach langer Diskriminierung durch die Gestapo 1938 nach Palästina floh, wo er schließlich 1956 verstarb. Die Herausarbeitung Baers jüdischer Identität ist wichtig, die Hinzufügung einer solchen intersektionalen Perspektive zu dem Werk mehr als dankenswert.

Unsensible Bildersuche

Was sich mir hingegen nicht ganz erschließt, ist Simons Obsession mit dem Auffinden eines Fotos von Baer, als er sich noch als Frau präsentierte. Die Existenz und Verbreitung eines solchen Fotos – sollte es existieren – kann nicht in Baers Interesse gelegen haben. Auch das Beifügen einer Illustration, die spekuliert, wie Baer ausgesehen haben könnte, erscheint mir unsensibel, gerade weil Simon eine Seite später unterstreicht, wie wichtig Baer das Verschleiern seiner früheren Identität war. Das Buch hat er nicht ohne Grund unter Pseudonym geschrieben.

Am Ende handelt es sich bei Baer schließlich um einen Menschen, nicht nur um ein Objekt historischer Forschung.

Nach wie vor gibt es zum Thema Inter-Sein nicht genug öffentliche Aufklärung. "Aus eines Mannes Mädchenjahren" liefert einen fundierten Einblick in die Geschichte von inter Menschen in Deutschland und trägt hoffentlich dazu bei, aktuelle Kämpfe um Selbstbestimmung historisch zu untermauern.

Infos zum Buch

N. O. Body: Aus eines Mannes Mädchenjahren. Herausgegeben und mit einem historisch-biografischen Nachwort von Hermann Simon. 220 Seiten, 5 Abbildungen. ‎Hentrich und Hentrich Verlag. Berlin 2021. Taschenbuch: 19,90 € (ISBN: 978-3-95565-477-1I)

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#1 EineBirkeAnonym
  • 19.02.2022, 20:04h
  • Interessanter Beitrag mit einem guten Einblick ins Buch und hilfreichen Einordnungen des Autos.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 EvaKAnonym
  • 19.02.2022, 21:11h
  • Es ist erfreulich, daß dieses Buch eine Neuauflage erlebt. Vor vielen Jahren bin ich durch einen Auszug darauf gestoßen, aber es war nirgends zu finden. Erst später erschien es in einer Neuauflage, und ich habe es mit einigen Nebentexten, u.a. von Hermann Simon, dazu benutzt, Baers Biografie bei Wikipedia zu schreiben.

    de.wikipedia.org/wiki/Karl_M._Baer

    Ob es allerdings als Obsession Simons angesehen werden kann, ein Foto Baers in der ursprünglich weiblichen Aufmachung ausfindig zu machen, bezweifle ich. Erstens war Baer zu der Zeit schon lange verstorben und hätte keinen Schaden davon gehabt; zweitens ist es ein Teil seiner persönlichen Historie, denn er hat unter dem ursprünglichen Namen Martha Baer publiziert; drittens hat Baer seinen ursprünglichen Vornamen als persönliche Erinnerung an seine Vergangenheit bewußt als Mittelinitial geführt.

    Über 60 Jahre nach Baers Tod und über 110 Jahre nach den Ereignissen des Buches ist es spekulativ, über Baers Intentionen aus heutiger Sicht zu mutmaßen. Seine damaligen Gründe, seine Vergangenheit zu verschleiern und sich nur unter einem Pseusonym von der Seele zu schreiben, liegen im weiten Unverständnis seiner Zeit solchen Phänomenen gegenüber. Das hat sich erstens geändert, und zweitens ist Baer als Mensch in seiner Vielschichtigkeit ein Subjekt (!) historischer Forschung.
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#3 HexeAnonym
#4 AyidaProfil