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Roman

Jung, schwul und an Krebs erkrankt

Stefan Hornbachs Debüt "Den Hund überleben" erzählt wenig tragisch und öfter komisch von Erwachsenwerden, Liebe und Familie vor dem Hintergrund einer schweren Krebserkrankung.


Symbolbild: Chemotherapie mit Vinblastin (Bild: Stephen Dickter / flickr)
  • Von Hannah Schlüter
    20. Februar 2022, 13:09h, noch kein Kommentar

Gerade zurück von einem Besuch in Paris mit unerwartetem One-Night-Stand, gerade, als sich Sebastian mit 24 das erste Mal zu allem bereit fühlt, bereit für die "boys und beaus" und unzähligen Erfahrungen der Welt, wird er von seinem Körper zurück aus seiner Unistadt in sein Kinderzimmer katapultiert. Genauer gesagt wegen eines Non-Hodgkin-Lymphoms, das sich unbemerkt in ihm breitgemacht hat: drei Tumore, die er bald nach der Diagnose tauft und die von nun an mehr Aufmerksamkeit brauchen als das Germanistikstudium in Gießen.

Sebastian muss es auf Eis legen und lernt ab da vor allem eins: Patient sein. Und zieht dafür zurück in das Haus seiner Eltern, den Ort seiner Kindheit und Jugend und in sein Zimmer, in dem sich nichts verändert hat. Wie eh und je kann er dort im Garten Vögel beobachten und mit dem alten, blinden Hund zum Entenweiher im Wald aufbrechen. Und, das ist neu, sich von seiner Mutter ins Krankenhaus fahren lassen.

Er kriegt gut gemeinte Tipps von seiner Kindheitsfreundin. Deren Esoterik hilft nicht. Zum Schamanen geht Sebastian trotzdem. Doch der Krebs ist kein einfaches Symbol, und Sebastian kann ihn weder in den Bergen aussetzen noch ignorieren.

Sebastian verliebt sich in Linus

Die Tumore verhindern nicht, dass sich Sebastian in Linus verliebt, der gerade Abitur macht. Gleichzeitig muss sein Universum sich verkleinern, muss sich anpassen an die Therapiezyklen, die auch seinen Körper schrumpfen lassen, bis er eine Weile gar nichts mehr von der Welt wissen will. Der Krebs bestimmt nicht alles, aber dann doch. Sebastian weiß zwar, was er von Linus will, alle anderen Entscheidung lässt er da aber schon längst vom Zifferblatt seiner Uhr treffen.

Der im Laufe der Therapie immer verletzlichere Körper wird Teil einer Normalität, in der Sebastian am besten "die Füße stillhält" und damit klarkommen muss, völlig verletzlich und abhängig zu werden, in einer Zeit, in der er sich vielleicht gerade lieber aussuchen würde, wann er das ist und wann nicht. Aber den Krebs kann er sich nicht aussuchen, in den wird er hineingeworfen. Der Krebs ist kein Auftrag, keine eindeutige Nachricht des Universums, die Sebastian durch Interpretation entschlüsseln könnte.

Sebastians Leiden ist nicht expressiv, sondern beobachtend und akzeptierend. Er rastet nicht aus, hadert nicht, jammert nicht. Sebastian nimmt an, später auch die Gespräche mit dem Therapeuten. Findet einen Umgang, weil er eben muss. Einen friedlichen, weil ihm das entspricht.

Ein friedliebender Krebspatient


"Den Hund überleben" ist im Hanser Verlag erschienen

Stefan Hornbach stellt an den Anfang seines Romans "Den Hund überleben" (Amazon-Affiliate-Link ) ein Zitat von Susan Sontag, das besagt, dass eine durch militärische Übertreibungen beschriebene Krebserkrankung sich nicht für Friedliebende eigne. Der Protagonist ist so ein Friedliebender, der sich fragt, woher die Energie für den vielbeschworenen Kampf denn kommen sollte.

Eher Stoiker als Kämpfer, ist eine interessante Sache an der Geschichte, wie gänzlich undramatisch sie im Ton ist. Sebastians Leiden liest sich ruhig, zurückhaltend, bestimmt, klar – und lustig. Er hat dabei eine großartige Familie im Rücken, bei der er eine Weile lang wieder klein werden kann, bei der er mit der Krankheit eine Normalität leben kann, die irgendwie in Ordnung ist und manchmal sehr schön anmutet.

Normalität in einer langanhaltenden Krise

Der Roman dürfte für Personen, die in so jungem Alter schwere Krankheiten durchmachen oder Kranke begleiten, besonders spannend sein. Sie und die Angehörigen und Freund*innen, die für sie da sind, erleben einen Verlust der gerade erst erarbeiteten Autonomie und müssen darin alle ihre Rolle neu finden.

Im Buch können aber auch Identifikationsmomente mit dem Kranken aufkommen, die Menschen ohne Tumor- und bloß mit frühvergreisenden Pandemieerfahrungen teilen könnten: Wenn Sebastian in einer Episode feststellt, dass er einfach für immer mit dem Hund in den Wald gehen könnte. Auch in einer langanhaltenden Krise stellt sich eine Normalität ein, in der sich irgendwann nichts mehr krisenhaft anfühlt. Eigentlich sollte sie verstörend sein, ist sie aber nicht.

Wahrscheinlich macht dabei das, was benennbar ist, bei aller Unsicherheit weniger Angst. Und gibt die Möglichkeit, es zu begrüßen und zu verabschieden. Und noch etwas Schönes schafft die existenzielle Krise im Buch bei all der bedrohlichen Flüchtigkeit des Lebens: einen Fokus auf wesentliche Momente, die gemeinsam erlebt werden müssen und nicht wiederkehren, wie Sebastian in einer SMS an Jasna so treffend formuliert: "Komm schnell her, es gibt hier ein neues Tier und evtl. nur kurz!"

Infos zum Buch

Stefan Hornbach: Den Hund überleben. Roman. 288 Seiten. Hanser Verlag. 2021. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-446-27078-7). E-Book: 16,99 €

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