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Queere Filmgeschichte

Dieser trans Film war seiner Zeit voraus!

Heute vor 50 Jahren – am 25. Februar 1972 – wurde der Spielfilm "I Want What I Want" mit Anne Heywood uraufgeführt. Der britische Regisseur John Dexter erzählt die Geschichte einer Transition überraschend einfühlsam, respektvoll und authentisch.


Cis Schauspielerin Anne Heywood spielt in "I Want What I Want" die trans Frau Wendy

Schon der Titel lässt erahnen, um was oder wen es geht: um eine Person, die genau weiß, was sie möchte. Genau so klar und zielstrebig spielt Anne Heywood die trans Frau Wendy im britischen Spielfilm "I Want What I Want", der am 25. Februar 1972 uraufgeführt wurde. Bereits vor 50 Jahren beschäftigte sich der Filmemacher John Dexter mit dem Thema Transgeschlechtlichkeit und skizzierte sehr einfühlsam und mit (für die damalige Zeit) außergewöhnlicher Genauigkeit die Probleme, die eine trans weibliche Person durchleben muss. Das Drama gibt es in Restauflagen auf DVD (Amazon-Affiliate-Link ) sowie kostenlos auf Youtube.

Transgeschlechtlichkeit war damals kaum bekannt. Wikipedia und Co. gab es nicht, um sich in irgendeiner Form zu informieren. Umso bemerkenswerter erscheint es, wie exakt der Regisseur eine Transition darstellt und welche Hindernisse auf diesem Weg auftauchen können. Dabei unterscheiden sich die gesellschaftlichen Schwierigkeiten von damals kaum von denjenigen, wie sie heute noch oft anzutreffen sind. Auch im Jahr 2022 sehen sich insbesondere trans Frauen oft damit konfrontiert, dass man ihnen das Frausein absprechen möchte. Und erst 32 Jahre nach der Veröffentlichung des Films wurde 2004 im Vereinigten Königreich der "Gender Recognition Act" (GRA) eingeführt, der trans Personen die rechtliche Anerkennung im korrekten Geschlecht ermöglichte.

Der Vater hält seine trans Tochter für krank

Für die trans Frau Wendy bestand diese Möglichkeit im Film jedoch noch nicht. Sie führt seit geraumer Zeit ein Doppelleben und fühlt sich in weiblicher Gesellschaft wohler als bei den Zigarre rauchenden Herren. Als sie eines Tages von ihrem Vater – ein angesehener Militäroffizier – "en femme" erwischt wird, muss sie das Gelächter der Begleitung über sich ergehen lassen. Der Vater fordert seine Begleitung auf, sie dürfe mit niemandem darüber sprechen. Anschließend widmet er Wendy einen wütenden und hasserfüllten Vortrag, beleidigt und schlägt sie und macht schließlich Vergleiche zur "gas chamber" in der Nazizeit.

Der Vater fordert Wendy auf, sie müsse sich heilen lassen. Er würde auch keine Kosten scheuen, um solch eine "Konversionstherapie" zu finanzieren. Wichtiger sei ihm ein "richtiger Mann" als Sohn. Wendy stellt klar, dass dies für sie keine Option sei. Sie sei noch nie ein Mann gewesen: Ihr Vater, mit der Situation sichtlich überfordert, erklärt seine Tochter für geistig verrückt. Als Wendy schließlich spurlos verschwindet, scheut er sich sogar, eine Vermisstenanzeige zu stellen – aus Angst er könne zum Gespött seines Umfelds werden.

Passing-Probleme in einer neuen Stadt


Die DVD-Ausgaben von "I Want What I Want" sind nahezu vergriffen

Die untergetauchte Wendy nutzt ihre Möglichkeiten, um sich nun voll zu entfalten. Sie legt sich eine neue Identität zu. Sie gibt sich als Wendy Ross aus, lässt sich die Haare wachsen und zieht in eine andere Stadt. Dabei stößt sie auf alltägliche Schwierigkeiten wie ein möglichst gutes Passing hinzukriegen, sowohl in Bewegung, Gestik und Stimme, was ihr aber relativ gut gelingt. Auch das Problem mit der "richtigen" Toilette meistert sie bravourös. In ihrem neuen Leben angekommen, findet sie eine neue Wohnung und neue Freundschaften, wo sie ihre Vergangenheit zu verbergen versucht.

Als Wendy eines Tages zu ihrer Schwester zurückkehrt, hat diese zunächst Schwierigkeiten, sie zu akzeptieren, verwendet ihren Deadname und fragt, ob sie alle "Heilungsversuche" unternommen habe. Wendy klärt sie auf und findet zunehmend Akzeptanz. Eine große Chance sieht Wendy schließlich in dem Kind ihrer Schwester. Es soll das glauben, was es sieht: Wendy, die Frau. Darin spiegelt sich die große Sehnsucht wider, die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Sie war nämlich nie ein Mann, sondern schon immer eine Frau.

Wendys "Point of no return"

Schließlich sucht Wendy einen Arzt auf, der ihr die Lösung präsentiert, doch vorher muss sie sich vor ihm entblößen und begutachten lassen. Er macht ihr klar, dass sie vor dem Gesetz immer ein Mann bleiben wird, da der GRA seinerzeit noch nicht existierte. Er weist sie auch darauf hin, dass es in Beziehungen zu Schwierigkeiten kommen werde. Ein "normaler" Mann würde sie nie als "normale" Frau akzeptieren, warnt der Arzt. Sie stehe vor einem "Point of no return". Man sieht, wie Wendy sich selbst sehr intensiv reflektiert und ihre Entscheidung für geschlechtsangleichende Operationen sehr bewusst trifft.

Nach der Warnung des Mediziners bekommt Wendy tatsächlich eine Abfuhr von ihrem Freund Frank. Sie gesteht ihm die Liebe, aber irgendwas hindert sie, das merkt auch Frank, und er zwingt sie zu einem Kuss. Als er feststellt, dass ihr Körper anders ist als erwartet, stößt er sie weg und rennt davon.

Verzweifelt greift Wendy zu den herumliegenden Glassplittern eines zerbrochenen Spiegels und verletzt sich selbst. In der Klinik aufgewacht, teilt der Arzt ihr mit, dass die Operation erfolgreich gewesen sei, und man sieht, wie Wendy einen Pass mit ihrem Namen "Miss Wendy Ross" aus ihrer Tasche zieht. War der Film damit vielleicht auch ein Wegbereiter für den GRA?

Eine Frau mit unvorstellbarer Willenskraft


Szene aus "I Want What I Want"

Auch wenn "I Want What I Want" an dieser Stelle fiktiv bleibt, stellt der Film die Situation einer trans Frau erstaunlich authentisch und sehr berührend dar. Der Regisseur erzählt in nur knapp 90 Minuten die gesamte Geschichte einer Transition mit all ihren Schwierigkeiten. Der tatsächliche Leidensdruck lässt sich erahnen. Deutlich wird in jedem Fall, dass Wendy eine Frau mit einer unvorstellbaren Willenskraft ist, die sich auf eine Entdeckungsreise begibt.

Die Schwierigkeiten, gesellschaftliche Akzeptanz ebenso zu finden wie die große Liebe, ist für einige trans Frauen auch heute noch so aktuell wie damals. Zumindest, wenn sie eine maskulinisierende Pubertät durchlaufen mussten. Dann lässt sich die Vergangenheit nur schwer verbergen. Wendy kämpft sich durch all diese Schwierigkeiten hindurch und nimmt die Zuschauer*innen mit auf ihre Reise.

Einziger Wehrmutstropfen ist, dass Wendy von der cis Frau Anne Heywood gespielt wird. Diese spielt ihre Rolle zwar gut, doch wäre ein trans Charakter hier wünschenswerter gewesen. Auch das übertriebene Make-up soll womöglich den Wunsch nach besonders viel Weiblichkeit darstellen.

Respektvolle Geschichte einer Transition

Insgesamt ist der Film jedoch eine überraschend sanfte und respektvolle Geschichte einer Transition. Für Menschen, die sich für die historische Situation der frühen 70er Jahre interessieren, ist der Film ein Muss! "I Want What I Want" gibt uns auch Hinweise darauf, wie Medien verantwortungsvoll Themen transportieren können und müssen.

Wenn ich mir teilweise die heutige Berichterstattung über trans Personen anschaue, dann würde ich mir wünschen, dass wir wieder dahin zurückkommen, wo John Dexter bereits vor 50 Jahren war.

Direktlink | Der komplette Spielfilm "I Want What I Want" auf Youtube
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