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USA

Toxischer Stolz: Warum Peter Thiel so gefährlich ist

Der Tech-Milliardär Peter Thiel ist der vermutlich mächtigste Mann der Welt, der sein Schwulsein öffentlich gemacht hat. Dennoch zählen Selbsthass und Selbstverleugnung zu seinen Triebfedern.


Peter Thiel am 9. Februar 2022 bei einem Auftritt in Scottsdale, Arizona (Bild: Gage Skidmore / flickr)

Im Juli 2016 landete der Tech-Milliardär Peter Thiel in einer Rede vor zehntausenden Zuschauer*innen einen Coup mit folgendem Satz: "Ich bin stolz, schwul zu sein. Ich bin stolz, ein Republikaner zu sein. Vor allem aber bin ich stolz, Amerikaner zu sein!"

Im Cleveland Convention Center in Ohio setzte spontan tosender Applaus ein. Die Stimmung kochte über vor Begeisterung. Das hatte es auf einem Parteitag der Republikaner noch nie gegeben. Für manch schwule oder lesbische Trump-Fans klang es revolutionär oder zumindest mutig und nach einem Schritt in Richtung Emanzipation – auch wenn das Coming-out als hohles Stakkato vorgetragen wurde, verknüpft mit dem üblichen US-Patriotismus und der Floskel zur Parteiloyalität.

Bei näherer Betrachtung jedoch und im Kontext seiner Biografie muss man Thiels öffentlich zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein als Farce bewerten. Seine Geschichte ist in Wirklichkeit eine des Selbsthasses und der Selbstverleugnung. Genau das macht ihn so gefährlich – von seinem finanziellen Einfluss, seiner Unberechenbarkeit und seinen politischen Ambitionen einmal abgesehen.

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Der innere Zwiespalt war programmiert

Thiels innerer Konflikt mit seinem sexuellen Begehren offenbarte sich bereits zu Beginn seines Philosophie-Studiums in Stanford, wo er 1987 mit einem Kommilitonen die rechtsgerichtete Zeitung "The Stanford Review" gründete – eine Reaktion auf die "Rainbow Coalition" des afro-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jacksons, für die Thiel Verachtung empfand. Jacksons hatte drei Jahre zuvor, inmitten der Aids-Krise, auf dem Parteitag der Demokraten eine historische Rede gehalten. Die erste, in der Schwule und Lesben überhaupt erwähnt wurden. Dass sich Jackson für ihre Interessen stark machte sowie für Diversität und Multikulti kämpfte, erfuhr auf dem Campus eine lautstarke positive Resonanz, der niemand von den Studierenden entkommen konnte.

Thiel hätte die studentischen Aktionen der "Rainbow Coalition" als Chance betrachten können, um seiner inneren Zerrissenheit nachzuspüren und jenes Wertesystem auf den Prüfstand zu stellen, das ihn bis dahin geprägt hatte. Er wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren, seine Eltern wanderten mit ihm ein Jahr später in die USA aus. Sie zogen ihn in einem streng christlich-evangelikalen Umfeld in Ohio auf, wo zum Teil bis heute die Ansicht vorherrscht, Homosexualität sei eine Todsünde und Aids die Strafe Gottes. Der innere Zwiespalt war programmiert. Doch auch als Student konnte oder wollte sich Thiel nicht von den Fängen seines Herkunftsmilieu loseisen. Bis heute fühlt er sich dem christlich-fundamentalistischen Milieu Amerikas verbunden.

Als Student brüllte er homophobe Tiraden


Die Thiel-Biografie "Wie der Pate des Silicon Valley die Welt beherrscht" ist im Oktober 2021 im FinanzBuch Verlag erschienen

Auffällig an der von Thiel herausgegebenen "Stanford Review" war, wie sehr die Zeitung von Homophobie durchdrungen war. "Bekenntnisse eines sexuellen Abweichlers" hieß eine satirische Kolumne in der ersten Ausgabe. Es ging um einen heterosexuellen jungen Mann an der Elite-Universität, der für sich entschieden hatte, zölibatär zu leben – und dem es auf dem gesamten Campus angeblich nicht gelingen wollte, eine Toilette zu finden, ohne von Schwulen bedrängt zu werden. In einer anderen Kolumne wurde Homosexualität als eine Krankheit von Männern beschrieben, denen es an Selbstbeherrschung mangele. "Thiels Zeitung war auf Sex fixiert", schreibt der Bloomberg-Reporter Max Chafkin in der jüngst auch auf Deutsch erschienenen Thiel-Biografie "Wie der Pate des Silicon Valley die Welt beherrscht" (Amazon-Affiliate-Link ).

In dem Buch wird auch eine andere verstörende Episode aus Thiels Umfeld in Stanford beschrieben. Thiels enger Freund und Mitarbeiter der "Stanford Review" – Keith Rabois – steht Ende der 1980er Jahre eines Abends vor der Wohnung eines ihrer Dozenten auf dem Campus und skandiert aus voller Kehle: "Du Schwuchtel! Du wirst an Aids verrecken! Du wirst bekommen, was Du verdienst!"

Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass sowohl Thiel als auch sein Kollege Rabois schwul sind. Vielleicht wollen sie es selbst nicht wahrhaben. Es werden mehr als zwanzig Jahre vergehen, bis die Öffentlichkeit davon erfährt – im Fall von Rabois durch einen Gerichtsprozess, in dem dieser als Manager des Finanzdienstleisters Square von einem seiner Untergebenen der sexuellen Belästigung beschuldigt wird.

Klagen über "Glory Holes auf dem Campusgelände

Doch davon weiß noch niemand, als Thiel 1995 in seinem mit David Sacks herausgegebenen Buch "The Diversity Myth" seinen ehemaligen Kommilitonen Rabois als Märtyrer der freien Meinungsäußerung feiert. Auch diese Publikation strotzt nur so vor homophoben Andeutungen und Klagen über "Glory Holes auf dem Campusgelände". Davon abgesehen lässt einen hellhörig werden, wie sehr die darin beschriebene Drohkulisse von den "Exzessen des Multikulturalismus und der Minderheitenpolitik" den heutigen Warnungen vor einer vermeintlichen Identitätspolitik gleicht – wohlgemerkt: vor mehr als 25 Jahren.

Tiefpunkt in Thiels Buch ist die Einschätzung des Rabois-Vorfalls in Stanford als ein Akt der Zivilcourage: Rabois habe in seiner Demonstration vor der privaten Wohnung des Dozenten nur das von den totalitären und intoleranten Linken erhobene Tabu brechen wollen, auf den Zusammenhang zwischen homo­sexuellem Lebensstil und der Gefahr einer tödlichen Seuche aufmerksam zu machen. Im Grunde sei Rabois Opfer einer Hexenjagd. Auch das greift bereits einem heutigen Phänomen rechtsextremer Narrative voraus: der Täter-Opfer-Umkehr.

Thiels homophober Selbsthass wurzelt tief. Nichts deutet darauf hin, dass er es je aufgearbeitet hat – anders etwa als der ehemalige erzkonservative Journalist David Brock, der sich 2003 in seinem autobiografischen Buch "Blinded by the Right" umfangreich damit auseinandersetzte, größtenteils glaubwürdig und ohne sich selbst zu schonen.

Thiel unterstützt queer­feindliche Kandidat*­innen

Von einem solchen Erkenntnisprozess kann bei Thiel nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil. Noch 2020 unterstützte er bei den US-Vorwahlen in Kansas den queer­feindlichen Kandidaten Kris Kobach mit einer höheren Geldsumme. Für die Midterm-Wahlen im kommenden Herbst soll Thiel laut "New York Times" bereits eine siebenstellige Zahl investiert haben, um republikanische Kandidat*­innen zu fördern, die zum Teil eine viel radikalere Agenda verfolgen als Donald Trump. Um sich künftig voll und ganz der Politik zu widmen, hat er nun den Meta-Konzern (vormals Facebook) verlassen. Einer seiner Mitarbeiter wird der österreichische Ex-Kanzler Sebastian Kurz sein, der von ihm angeheuert wurde und womöglich in einer langfristigen Strategie als Türöffner für Europa fungieren soll.


Peter Thiel bei einer Rede im Jahr 2013 (Bild: Luc Van Braekel / flickr)

Doch was sind die inneren Überzeugungen des Multimilliardärs? Wohin steuert Peter Thiel? Bekannt ist, dass seiner Ansicht nach die Demokratie ausgedient hat und der technologische Fortschritt in Form von Monopolbildungen über allem stehen soll, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Verluste. Er investiert in schwimmende Mikrostaaten, die von Pflichten wie Steuer- und Sozialabgaben oder Mindestlöhnen befreit werden sollen.

Ein ideologisches Fundament von Thiels Denkens ist die kulturpessimistische Idee des mimetischen Begehrens – eine Theorie, die ihn seit seinem Studium nicht mehr loslässt. Der Stanford-Professor René Girard, den Thiel einst in einem Seminar persönlich kennenlernte, hat sie aufgestellt. Sie besagt: Alles Begehren ist lediglich Nachahmung des Begehrens eines anderen. Eine universelle Kraft verleitet uns notgedrungen zu Wettbewerb und Neid. Am Ende steht eine Spirale der Gewalt, die nur durch Opferung eines Sündenbocks aufgelöst werden kann.

Kann man Thiel überhaupt schwul nennen?

Was sagt eine solche Leugnung des ursprünglichen Begehrens über Thiel aus – darüber, wie er etwa über seine Partnerwahl denkt? Kann der inneren Logik des "mimetischen Begehrens" zufolge seine homo­sexuelle Orientierung überhaupt Teil einer eigenständigen Identität sein? So gesehen wundert es jedenfalls nicht, dass Thiel nach wie vor damit zu fremdeln scheint. Schließlich war Thiels Coming-out auf dem Parteitag der Republikaner ohnehin ein unfreiwilliges Outing durch das Medienunternehmen Gawker vorausgegangen – sein darauf folgendes Bekenntnis also nicht mehr als ein erzwungener Akt, den er wohl nie wirklich als Befreiung empfand. Darüber kann die Heirat mit seinem langjährigen Partner, dem US-Finanzexperten Matt Danzeisen, auch nicht hinwegtäuschen.

Der Historiker Jim Downs hat die Frage aufgeworfen, ob man Peter Thiel überhaupt guten Gewissens als schwul bezeichnen darf. Er ist der Ansicht, dass die Bezeichnungen schwul oder lesbisch ein Mindestmaß an Bezug zur LGBTI-Geschichte erfordert – zumindest einen Hauch von Ahnung, dass queere Rechte von einer gemeinsamen Bewegung hart erkämpft wurden. Und weiterhin verteidigt werden müssen. So heterogen und unterschiedlich die Community stets gewesen sein mag: diese Identität ist es, die sie bislang einte. Darum, so schrieb Downs 2016 in einem Beitrag der Zeitschrift "Advocate", sei Thiel nicht schwul, sondern nur ein Mann, der lediglich mit anderen Männern Sex habe.

Zumindest eines lehrt der Fall Thiel: Kollektive Identitäten waren und bleiben als politische Kategorie von Bedeutung.

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#1 DominikAnonym
  • 26.02.2022, 11:15h
  • Ein interessantes Psychogramm. An der These, dass Selbstverleugnung auch Projektionshass und Abscheu hervorruft gegenüber dem anderen, der das verkörpert, was man an sich selbst am meisten hasst, scheint was dran zu sein. Ob es wirklich immer ein ausreichender Grund dafür ist, warum sich bei einem Menschen eine bestimmte restriktive Weltsicht so und nicht anders entwickelt und dann auch durchsetzt, bezweifle ich allerdings. Seine neo-liberalen, xenophoben und nationalistischen Überzeugungen haben vermutlich kaum (oder zumindest nicht unmittelbar) was mit seiner Selbstwahrnehmung bzgl. der eigenen Sexualität zu tun, sondern eher mit anderen Erfahrungen und eher intellektuellen Prägungen.
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#2 DestroyaAnonym
  • 26.02.2022, 12:14h
  • Ich finde die Idee , die hier in den Raum geworfen wurde ziemlich DIskussionswürdig. Man ist also etwas nur, wenn ein geistiger Bezug dazu da ist?
    Warum wird dann z.B. von einigen radikalen AktivistInnen verlangt, Personen des öffentlichen Lebens zu outen? Wenn diese sowieso dann laut dieser hier aufgestellten Behauptung weder Schwul, Lesbisch, Bi, Trans oder was auch immer sind, weil sie nicht Teil der LGBT-Kultur sind, warum sie dann outen?
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#3 swimniAnonym
  • 26.02.2022, 12:18h
  • ich weiss, warum ich schon sehr sehr lange paypal boykottiere. aber diese zahlform wird selbst von erbitterten gegnern dieses schrecklichen menschen genutzt. warum nur?
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