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Vorlage für "Orlando"

Getarnt als hetero Paar: Die wilde Liebe von Violet und Vita

Vor fünfzig Jahren – am 29. Februar 1972 – starb die Schriftstellerin Violet Trefusis in Florenz. Ihre Beziehung mit Vita Sackville-West legte den Grundstein für die erste moderne Erzählung vom Spiel mit Geschlechterrollen.


Skizze eines queeren Paares: Violett Trefusis (1894-1972, r.) klammert sich an die Anzug und Hut tragende Vita Sackville-West

Die beiden hatten einen Riesenspaß, als sie in Paris durch die Bars zogen, in der Spielbank von Monte-Carlo zockten oder sich gemeinsam durch Venedig gondeln ließen. Violet trug meist ein elegantes Kleid und balancierte auf High Heels, während Vita als Soldat mit einer Kopfbedeckung aus Khaki oder als Gentleman im Anzug mit Zylinder bekleidet war. Und das zu einer Zeit, als von queeren Rollenspielen längst nicht die Rede sein konnte: Das Ende des Krieges nahte zwar, aber am Horizont zeichnete sich längst noch nichts von der Enthemmung und der Ekstase der später folgenden Roaring Twenties ab.

Nein, Violet Keppler und Vita Sackville-West haben das Konzept von Butch und Femme wohl nicht erfunden, entsprechende Beziehungen soll es sporadisch auch schon vorher gegeben haben. Aber mit ihrer wilden Affäre legten sie den Grundstein für die erste große, moderne, leidenschaftliche Erzählung, die vom Spiel mit den Geschlechterrollen handelte. Zudem offenbart sich dabei, dass die kostümierte Performance – so sinnlich, kokett und erotisch sie schien – aus der Not heraus geboren wurde.

Auf der Flucht vor ihren Familien

Eine andere Möglichkeit, sich gemeinsam in ein Hotel einzumieten, gab es für die beiden Frauen nicht. Hätte man sie, die beide aus der britischen Hocharistokratie stammten, als lesbisches Paar wahrgenommen, wäre der Skandal unvermeidlich, irreversibel und selbstzerstörerisch gewesen. Ohnehin befanden sich Violet und Vita auf der Flucht vor ihren Familien. Vita war verheiratet, ihre beiden kleinen Söhne hatte sie in England zurückgelassen. Und auch für Violet war bereits der Bund fürs Leben unverrückbar eingeplant: mit dem Berufssoldaten Denys Trefusis, der ihr verfallen war, obgleich sie aus ihrem Widerwillen gegen die Hochzeit keinen Hehl machte.

Zum Showdown kommt es im Februar 1920, als die beiden Frauen inkognito durch Nordfrankreich reisen. Ihre Gatten machen sie ausfindig und düsen mit einem privat angemieteten Doppeldecker hinterher, um sie nach England zurückzuholen. Es kommt zu nervenaufreibenden Szenen. Die Männer ziehen in ihrer Verzweiflung alle Register. Sie werfen Vita vor, ihre Kinder im Stich zu lassen. Doch als entscheidender Schachzug erweist sich erst die Andeutung, Violet habe sich einmal ihrem Gatten hingegeben – trotz ihrer vorgeblichen Abneigung diesem gegenüber. Was auch immer dran war: Violet stritt das zeit ihres Lebens ab. Doch in ihrer inneren Zerrissenheit nahm die 28-jährige Vita das Gerücht zum Anlass, ihre Beziehung zu der zwei Jahre jüngeren Violet zu beenden und sich für das gesicherte Leben mit ihrer Familie zu entscheiden.

Oder war sie tatsächlich eifersüchtig und störte sich doch eher daran, dass ihr Selbstbild als kühner Eroberer einen empfindlichen Dämpfer erlitten hatte? Als solcher wurde der Titelheld in Virginia Woolfs Roman "Orlando" beschrieben, für den die Beziehung zwischen Vita und Violet als Vorlage diente. Vita lernte die Schriftstellerin im Dezember 1922 kennen. Diese war von Vitas männlicher Ausstrahlung fasziniert. Literarisch machte sie aus Vita den jungen Adligen Orlando. Nach einer dreijährigen Affäre zwischen ihnen schien es erotisch allerdings nicht mehr zu funken. Doch sie blieben beste Freundinnen und inspirierten sich gegenseitig in ihrer Arbeit.

Aus Violet wurde in "Orlando" eine russische Prinzessin


Violet Trefusis auf einem Gemälde aus dem Jahr 1926 (Bild: Jacques-Emile Blanche / wikipedia)

Vita muss mit Virginia häufig und lebhaft über Violet gesprochen haben. Diese kommt als russische Prinzessin Sasha in "Orlando" jedenfalls nicht so gut weg: unwiderstehlich und mit betörender Ausstrahlung zwar, aber auch labil und ein Ausbund an Unzuverlässigkeit, wenn nicht gar Bedrohlichkeit. Tatsächlich entspricht das weniger dem realen Vorbild als der Enttäuschung Vitas über die gescheiterte Beziehung. Wäre es nach Violet gegangen, wären sie zusammen durchgebrannt und nie wieder zurückgekehrt. Vita sah darin keine Zukunft.

Einen harten Schnitt zwischen Violet und Vita gab es indes nie. Das Ende der Beziehung vollzog sich schleppend und in Etappen – die Leidenschaft der beiden wurzelte tief. Als sie knapp fünfzig ist, schreibt Vita an Violet: "Ich habe Dich geliebt, und ich werde Dich immer lieben, aber ich kann die ganze Verwirrung nicht ertragen. Ich will mich nicht wieder von vorn in Dich verlieben. Du bist die nicht explodierte Bombe in meinem Leben. Ich will nicht, dass du explodierst.".

Zwischendurch waren immer wieder neue Hoffnungen aufgekeimt, kam es immer wieder zu gemeinsamen Fluchtversuchen, die damit endeten, dass beide Frauen mehr oder weniger reumütig zu ihren Ehemännern zurückkehrten. Vita fiel das leichter als Violet, denn ihre Beziehung zu ihrem sechs Jahre älteren Gatten Harold Nicolson, den sie als heiter, liebenswürdig und intelligent beschrieb, war durchaus auch von einer gewissen körperlichen Anziehung geprägt, die immerhin die Geburt von zwei Söhnen zur Folge hatte. Zudem stellte sich fünf Jahre nach der Eheschließung heraus, dass der im diplomatischen Dienst stehende Harold auch sexuelle Kontakte zu Männern pflegte. Sein Bekenntnis gegenüber Vita erfolgte im Frühjahr 1918, nachdem er sich mit Syphilis angesteckt hatte.

Vita blieb in der Beziehung die nüchterne Realistin

Für Vita war dies nicht nur ein Schock. Vielmehr sah sie es als Chance, sich mit ihrem Gatten zu arrangieren und ihre eigenen gleichgeschlechtlichen Interessen zu verfolgen, ohne dabei einen gesellschaftlichen Ausschluss zu riskieren. Nur kurz darauf erfolgte der Dammbruch – und die stürmische Affäre mit Violet begann, nachdem sich die beiden schon seit Kindertagen gekannt und so viele gemeinsame Interessen geteilt hatten. Beide schrieben so exzessiv, als wären sie auf Koks: Briefe, Gedichte, Romane, Reiseberichte. Doch um wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen, reichte es nicht. Vita blieb in dieser Beziehung die nüchterne Realistin.

Violet hingegen hatte von Anfang an das Nachsehen. Für sie gab es zu ihrer brennenden Sehnsucht keine Alternative, und darum hörte sie nicht auf, vergeblich um Vita zu werben. Eine andere große Liebe gab es in ihrem Leben nicht mehr, auch wenn sie noch eine stattliche Anzahl von männlichen wie weiblichen Geliebten gehabt haben soll. Ihre Ehe mit Denys zerbrach zwangsläufig, er starb früh im Jahr 1929.

Von Bedeutung war noch ihre Freundschaft zu Winiretta Fürstin Polignac, amerikanische Erbin des Singer-Nähmaschinen-Millionärs. Sie war dreißig Jahre älter als Violet und förderte Künstler und Musiker. Vermutlich hatten die beiden auch eine Affäre, jedenfalls lernte Violet über sie Jean Cocteau, Marcel Proust und andere Persönlichkeiten der kulturellen Gesellschaft kennen, die sie zu ihren Salons in St. Loup de Naud bei Paris einlud. Dadurch vermochte sie es, ihre Einsamkeit ein Stück weit zu kompensieren. Diese halb öffentlichen, halb privaten Veranstaltungen fanden in späteren Jahren in ihrer Villa Ombrellino in Florenz statt, die sie von ihren Eltern geerbt hatte – und wo sie schließlich am 29. Februar 1972 verstarb, fast zehn Jahre nach Vita.

Lesetipps

Violets und Vitas Liebesgeschichte wurde mehrfach literarisch verarbeitet, u.a.
● in Virginia Woolfs Roman "Orlando"
● in den Briefen von Violet Trefusis an Vita Sackville-West, Veröffentlicht als Buch mit dem deutschen Titel "Trunken von Deiner Schönheit"
● in dem Buch "Portrait Of A Marriage" von Nigel Nicolson, Sohn von Vita Sackville-West und Harold Nicolson


#1 GeistAnonym
  • 28.02.2022, 18:46h
  • Als teenager und Lesbe habe ich die Bücher von Vita Sackville-West, Radclyff Hall und Virginia Woolf geliebt. Das Buch "The Edwardians" V. Sackville-West steht immer noch in meinem Bücherregal. Die Virago Press hat meinen Horizont erweitert in prä-Internet Zeiten.
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