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Lou Reed

Der Typ, der Homosexualität "Poesie und Rock'n'Roll gegeben hat"

Seine Band The Velvet Underground brachte schon Anfang der 60er Jahre queere Themen in die populäre Musik. Heute wäre der Songwriter, Gitarrist und Sänger Lou Reed 80 Jahre alt geworden.


Lou Reed bei einem Konzert im Jahr 2008 (Bild: Instagram / Colton Underwood)

"Don't let them tame it down", war Andy Warhols Ratschlag an ihn. Bloß nicht verwässern lassen, sich nicht den Erwartungen anpassen – und daran hat er sich ein Leben lang gehalten. Im popkulturellen Schmelztiegel der frühen 60er Jahre, im Greenwich Village von New York, fing alles an. Hier verdiente sich ein gewisser Lewis Allan Reed ein bisschen Geld als Songschreiber eines Rocklabels, bevor er dann an den walisischen Musiker John Cale geriet und mit ihm die Band The Primitives gründete. So weit, so unspektakulär.

Erst als die Popart-Ikone Andy Warhol eine Band suchte, die er fördern konnte, änderte sich alles. Von nun an nannten sich die beiden zusammen mit der Schlagzeugerin Moe Tucker und dem Gitarristen Sterling Morrison The Velvet Underground. Dieser Name war angelehnt an die damals gängigen "Untergrundfilme". Also keine Low-, sondern No-Budget-Filme. Doch dagegen, dass der Name auch auf Michael Leighs gleichnamiges Buch bezogen werden konnte, das sich mit den nicht mainstreamigen sexuellen Wünschen der amerikanischen Mittelschicht befasste, hatte von den Bandmitgliedern niemand etwas einzuwenden. Reed und Cale hatten das Buch bei einem Wohnungsumzug im Müll ihres Vormieters gefunden.

Direktlink | Queerer Song "Candy Says" von The Velvet Underground. Der Text stammt von Reed, in dieser Studioversion singt jedoch Doug Yule
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Das erste Album der Band entstand 1967 gemeinsam mit der deutschen Sängerin Nico. Warhol schuf hierzu auch das ikonisch gewordene Plattencover mit der gelben Banane. Drei weitere Alben folgten, doch kommerziell erfolgreich wurde die Band in all ihrer Zeit nie. Die Bandmitglieder scherzten, wenn nach einem Auftritt nur die Hälfte des Publikums vorzeitig ging, sei dies ein guter Tag gewesen. Nach und nach stiegen einzelne Mitglieder wieder aus. Erst John Cale, da Reed und er sich nicht mehr ausstehen konnten, dann Reed selbst. Sie alle wurden ersetzt, bis 1973 dann endgültig Schluss war. Da hatte Reed längst seine Solokarriere gestartet.

Literarische Erzählung auf Rockmusik übertragen

Lou Reed wollte die Form der literarischen Erzählung auf die Rockmusik übertragen. Er hatte in Syracuse anderthalb Semester Literatur bei Delmore Schwartz studiert, mit dem er sich anfreundete. Sonst konnte er dem universitären Leben wenig abgewinnen. Reeds Songtexte waren von einem poetischen Anspruch, aber auch von einer Direktheit und Härte, wie sie in der populären Musik bis dahin kaum bekannt waren.

Die Reaktionen auf ihn fielen daher manchmal auch ebenso schroff aus, wie er es selbst sein konnte. Der Musikjournalist Lester Bangs etwa charakterisierte den Sänger wie folgt: "Lou Reed ist ein komplett verkommener Perverser und ein erbärmlicher Todeszwerg und alles andere, was man möchte, das er sein soll. Lou Reed ist der Typ, der Heroin, Speed, Homosexualität, Sadomasochismus, Mord, Misogynie, trotteliger Passivität und Selbsttötung eine Würde, ihnen Poesie und Rock'n'Roll gegeben hat."

Der Song "Candy Says" etwa, immerhin bereits von 1969, ist aus der Perspektive einer trans Frau gesungen und beschreibt, wie unwohl sie sich in ihrem Körper fühlt. "Sister Ray" ist ein halbironisches 17-minütiges Improvisationsstück, das von einer Dragqueen-Drogen-Orgie erzählt. "The Kids" beschreibt, wie einer Frau ihre Kinder weggenommen wurden, weil sie in den Augen der Behörden "not a good mother" ist. Kindeswohl, freie Lebensentfaltung der Mutter und gesellschaftliche Erwartungen stehen in dem Song nebeneinander, finden aber keine Auflösung. Wie so oft in seinen Songs sollte keine kitschige Harmonie entstehen, sondern es sollten Realitäten abgebildet werden.

Der Song "Venus in Furs" galt als besonders verrucht und wurde erst recht nicht von den Radiosendern gespielt. Er bezieht sich auf die gleichnamige Geschichte "Venus im Pelz" von Leopold von Sacher-Masoch, auf den der Begriff Masochismus zurückgeht. Er zeigt den Zusammenhang von freiwilligem Schmerz und Liebe.

Dass es bei Reed nicht nur um vertonte Texte geht, sondern Lyrics und Musik gleichbedeutend sind, macht etwa "Caroline Says II" deutlich. Hier besingt er das Leben einer Frau, die Gewalt, Vernachlässigung und der Verachtung ihrer Freunde ausgesetzt ist – das alles in einer harmonischen musikalischen Begleitung. Dieses irritierende Moment macht einen fast taub-entrückten Schmerz spürbar.

Direktlink | Einer seiner bekanntesten Songs: "Walk on the Wild Side"
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"Heroin" ist einer seiner ersten Songs. Er besteht nur aus zwei Akkorden, zwischen denen der Sänger wahnhaft hin- und herpendelt. Nur das Tempo wechselt zwischen schnell und langsam, wie zwischen Ratlosigkeit und innerer Aufregung, und entwickelt so etwas Rauschhaftes, während im Refrain immer wieder die Zeile "And I guess I just don't know" durch den Raum flirrt.

Das eher entspannt-fröhlich klingende, zur Hymne gewordene "Walk on the Wild Side", mit den Zeilen "Holly shaved her legs and then he was a she" gilt als popmusikalischer Meilenstein der Queerness. Es stammt von dem Album mit dem vielsagenden Titel "Transformer". Dieses wurde übrigens, so überraschend das wegen der doch stark unterschiedlichen Stile der beiden Künstler wirkt, gemeinsam mit David Bowie produziert. Überhaupt hat Bowie später erklärt, dass die von Reed geschriebenen Songs von The Velvet Underground für viele folgende Bands viel prägender gewesen seien als diejenigen der Beatles.

Als Jugendlicher mit Elektroschocks behandelt


Lou Reed im Jahr 1977 (Bild: Arista Records / Mick Rock / wikipedia)

Nicht nur, dass Reed aus dem Milieu der Künstler*innen und der sozial Ausgegrenzten, in dem er lebte, seine Themen für seine Songs aufsaugte. Auch seine Jugend, die alles andere als harmonisch verlief, bot Stoff für seine Musik. Reed wurde als Kind, weil er rebellisch war, Drogen nahm, und nicht zuletzt, weil seine Eltern bei ihm "homosexuelle Tendenzen" vermuteten, mit Elektroschocks "behandelt". Später schrieb er über die Folgen dieser Erlebnisse: "Du bist nicht in der Lage ein Buch zu lesen, denn wenn du auf Seite 17 ankommst, musst du wieder auf der ersten Seite anfangen." Sein Song "Kill your Sons" handelt von diesen Erfahrungen.

Über die private Person Lou Reed ist bekannt, dass er zuerst mit einer trans Frau zusammenlebte und danach noch mit zwei cis Frauen verheiratet war. Die öffentliche Person war insbesondere in den späteren Jahren in Interviews gefürchtet, da er gegenüber unvorbereiteten Interviewenden schnell beleidigend werden konnte.

Eine der Ausnahmen bildet etwa das noch auf Youtube zu sehende Interview mit Roger Willemsen. Dies war wohl dem Umstand geschuldet, dass der Interviewer den Schriftsteller Raymond Chandler kannte, der ein großes Vorbild für Reed war. Umso größer wirkt vor diesem Hintergrund der Kontrast zu Reeds zärtlichen Songs, etwa "Pale Blues Eyes", "I'll be Your Mirror" oder "Satellite of Love", in denen es auf sehr verletzliche Weise um die romantische Liebe geht. Diese Songs, so beschreibt es der Gitarrist Lenny Kaye, waren, anders als die meisten anderen seiner Songs, nicht auf Konfrontation aus, sondern wollten heilen.

Reed passte nicht immer in die Erwartungen seiner Zeit

In den folgenden Jahrzehnten schwankte Reeds Erfolg in der Öffentlichkeit sehr stark. Dies lag daran, dass sich rührselige Songs mit gegen die Erwartungen der Fans gerichteten Alben und wiederum mit solchen der feingliedrigen Analyse seiner Umwelt abwechselten. Erst 1997 erreichte er einen ersten Nummer-eins-Hit in den britischen Charts. Dies gelang ihm mit seinem Song "Perfect Day", den er bereits 1972 veröffentlicht hatte. Im Jahr 2007 erschien der viel beachtete Konzertfilm von Julian Schnabel mit Songs aus dem 1973 veröffentlichten Album "Berlin", das damals bei der Kritik und auch bei seinen Fans durchfiel. Reed spielte das gesamte Album zum ersten Mal seit über 30 Jahren live vor Publikum.

Direktlink | Lou Reed bei einer Live-Performance von "Perfect Day"
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Lou Reed passte nicht immer in die Erwartungen seiner Zeit, fühlte sich unverstanden, spürte die Irritation seines Umfelds und provozierte diese teilweise auch bewusst. So schilderte der Musikkritiker Robert Christgau: "Niemand dachte bei einem Rock-Poeten jemals an Lou Reed. Rückblickend hatte er eine der authentischsten Stimmen von allen, die in den 60ern Songs geschrieben haben." Die Songtexte seien zwar "in einem sehr plauderhaften Ton, sehr trocken" gehalten, so Christgau. "Aber in Wahrheit war er in der Lage zu wirklichen Ausflügen ins Poetische." Und so machte das Gegenüberstellen von sich widersprechenden Sichtweisen und die bewusst gewählten Außenseiterperspektiven erst die Personen, deren Blickwinkel und die Würde dieser Menschen – selbst in würdelosen Situationen – sichtbar, über die Lou Reed Songtexte schrieb.

Am Ende seines Lebens bewahrheitete sich, was er am Schluss seines Songs "Perfect Day" in mehrfacher Wiederholung fast jenseitig klingend singt: "You're going to reap just what you sow". Und es erfüllte sich gleich im doppelten Sinne: Am 27. Oktober 2013 forderte sein exzessiver Lebensstil seinen Tribut. Gleichzeitig aber versammelten sich an diesem Tag viele Menschen auf öffentlichen Plätzen in New York, um seiner zu gedenken und seine Musik zu spielen. Heute – am 2. März 2022 – wäre Lou Reed 80 Jahre alt geworden.

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#1 la_passanteAnonym
#2 LothiAnonym
  • 06.03.2022, 13:56h
  • Lou Red war ein Junkie der mit Erfolg clean wurde. Die Ehe mit der wunderbaren Künstlerin und Sängerin Laurie Anderson zählte mit Sicherheit zu seinen Höhepunkten im Leben. Er war ein trauriger aber auch zorniger Mann.
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