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Interview

Die Vielfalt in der Vielfalt zeigen

Jördis Trauer ist genderfluid und war als Mordverdächtiger bei "SOKO Stuttgart" zu sehen. Im Interview interpretiert sie ihre früheren Rollen als langen Weg zum queeren Selbst und fordert: Weniger Stereotype!


Schauspielerin* Jördis Trauer (Bild: Florian Liedel / photoselection)

Am Donnerstag war Jördis Trauer im ZDF-Krimi "SOKO Stuttgart" als trans und nichtbinärer Künstler unter Mordverdacht zu sehen (queer.de berichtete). Statt auf ein etablierteres und eindeutiges Bild von transmännlichen Personen zurückzugreifen, wurde die Rolle durch Trauer vieldeutiger verkörpert.

Im Interview erzählt die Schauspielerin* vom Weg des inneren Coming-outs auch durch Bühnen- und Filmrollen abseits klarer geschlechtlicher Zuordnung, der spontanen Entstehung eines queeren ZDF-Krimis und davon, dass die Darstellung von Vielfalt einer größeren Offenheit bedarf.

Wie bist du dazu gekommen, als transgeschlechtliche Figur in einem ZDF-Krimi gecastet zu werden?

Der Regisseur der Folge, Patrick Winczewski, hatte den Weimarer Tatort "Der feine Geist" gesehen. Auch da spiele ich eine queere Person und ihn hat die Figur berührt. Julian Koch, meine Rolle bei "SOKO Stuttgart", war ursprünglich im Drehbuch als männliche Figur angelegt gewesen. Aber Winczewski hat die Figur anders verstanden und wollte, dass ich diese Rolle übernehme. Er hat eine große Sensibilität, was dieses Thema betrifft.

Es gab also kein klassisches Casting oder so etwas?

Meine Agentur hat eine Anfrage für die Rolle für mich bekommen. Ich habe dann das Drehbuch gelesen und mich entschieden, dass ich Julian spielen möchte.

Mussten sich die Produzent*innen bei der Art der Darstellung und der Dialoge über das Geschlecht von Julian Koch erst noch Beratung holen? Hast du mitgewirkt?

Sie haben mich dabei mit einbezogen und mich dazu gefragt. Zunächst kam die Frage auf, ob man den Vornamen von Julian ändert. Wir haben dann gemeinsam entschieden, aber mir war es auch persönlich sehr wichtig, dass Julian weiterhin Julian heißt. Was mir auch sehr gut am Drehbuch gefallen hat, war, dass mit Julian als trans-nichtbinäre Figur eine queere Thematik im Buch gesetzt wurde, ohne diese umfangreich zu erklären. Dieser Moment, wo zwei Kommissare darüber reden, ob Julian "er " oder "sie" ist, der wurde erst später eingefügt. Für mich ist Julian einfach Julian.

Und wie war bisher dein persönlicher Werdegang als Schauspielerin*?

Ich habe schon immer in unterschiedlichen Chören gesungen und dann ein musikvertieftes Abitur gemacht. Bei uns am Theater in Zwickau wurde dann eine Oper mit Kindern in den Hauptrollen besetzt. Da bin ich hingegangen zum Casting, habe vorgesungen und wurde genommen. Über meine Erfahrungen in der Oper bin dann eigentlich erst zum Schauspiel gekommen. Mit 16 Jahren habe ich dann das erste mal für eine schauspielerische Rolle vorgesprochen.

Welche war das?

[Lacht] Ich habe damals mit der Jeanne d'Arc vorgesprochen. Letzten Endes wurde ich mit 19 Jahren in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater aufgenommen. Mir wurde vorher geraten, erst mein Abitur zu machen, danach bin ich dann weiter vorsprechen gegangen. In Hamburg war meine Vorsprechrolle dann auch wieder die Jeanne d'Arc. Ich habe aber auch den Hase Hase vorgesprochen, das ist ein Außerirdischer, der versucht, die Welt zu retten. Das war ganz klar eine Hosenrolle beziehungsweise eine Person, bei der das Geschlecht offen ist.

Was heißt "Hosenrolle"?

Im Theater nennt man es eine "Hosenrolle", wenn eine Frau eine Männerrolle spielt. Dazu ist vielleicht wichtig, damals hatte ich noch lange blonde Haare. In der Zeit war ich mir dessen, wer ich bin, noch nicht so bewusst. Trotzdem habe ich aber oft Figuren gespielt, die irgendwo in einer anderen Welt beziehungsweise "dazwischen" sind. Oder auch gezielt Männerrollen, aber "als Frau", oder Figuren, die gar kein Geschlecht haben. Das kam tatsächlich häufiger vor.

Haben diese schauspielerischen Erfahrungen mit Geschlecht eine Rolle bei deinem inneren Coming-out gespielt?

Als es mir so richtig bewusst geworden ist, ist mir dann auch klar geworden, wie lange, wie früh das eigentlich schon da war. Ich hatte auch eine Zeit, da war ich 11, wo ich wirklich nur Jungsklamotten angezogen habe. Wo ich einfach so war. Das hat sich dann irgendwie noch mal verändert, aber mir ist dann im Rückblick durch die ganzen Rollen aufgefallen, wie frei ich mich in denen gefühlt habe. Es hat sich daher nicht wie "oh, plötzlich bin ich queer" angefühlt, sondern nach einem langen Weg dahin, auf dem ich glaube ich auch viel verdrängt habe, wo es mir einfach nicht bewusst war.

Du warst Teil der Coming-out-Kampagne "ActOut". Wie kriegt man unter Schauspieler*innen im Vorfeld davon mit? War es klar, dass du dabei sein würdest, oder gab es auch Zweifel?

Ich bin Teil der Queer Media Society. Das ist ein Netzwerk von queeren Medienschaffenden und die haben diese ActOut-Kampagne sehr stark unterstützt. Darüber habe ich dann die Einladung bekommen, mich zu beteiligen. Dann habe ich die Leute kennengelernt und viele Schauspieler*innen, die auch dran teilnehmen. Die Grundidee entstand ja in einem Gespräch zwischen Karin Hanczewski und Godehard Giese. Bei ihnen habe ich gespürt, wie dieses Projekt angegangen wird, auch wie umsichtig und auch, wie unterschiedliche Perspektiven dort unbedingt gewünscht wurden. Es sollte nicht um ein Stereotyp gehen: Das ist der homosexuelle und das hier ist der trans Schauspieler. Eigentlich hat mein Bauchgefühl dann sofort gesagt: Ja, ich möchte mit dabei sein.

Das Leben von drei queeren Personen rund um einen "alten weißen Mann" gerät im Film aus den Fugen. Ist es ein Krimi, der Einblicke in queere Lebensrealitäten zeigt, oder ein Krimi über die Macht der alten, weißen Männer?

Erst mal ist es so, dass den queeren Figuren schon von der Sendezeit her einiges an Raum gegeben wurde. Daher würde ich sagen, dass sich der Film um diese Menschen dreht. Für mich geht es stark darum: Was passiert, wenn queere Personen anfangen, sich gegen die weißen, männlichen Machtstrukturen zu wehren? Sowohl die beiden Frauen haben angefangen, sich dagegen zu wehren und aus ihrer Ohnmacht heraus zu kommen, als auch Julian. Der wurde zwar als Student von Professor Schilling sehr geliebt und gefördert, aber eben auch benutzt. Was aber passiert, wenn die Figuren anfangen, sich zu wehren und Grenzen setzen? Und das war auch einer der Gründe, warum mir die Geschichte gefallen hat.

In einer Szene trägt Julian, man sieht es kurz und kontrastreich im Profil, Stiefel mit Absätzen. Im Dialog der Polizeibeamten erfahren wir jedoch, dass er "als Mann gesehen werden will". Das ZDF-Publikum wird mit dem Widerspruch alleingelassen – ist es überhaupt ein Widerspruch?

Für mich ist das überhaupt kein Widerspruch. Ein Beispiel für einen anderen Film, wo eine männliche Jungsfigur auftaucht, die überhaupt nicht diese queere Thematik hat, aber den ich sehr mag, ist Nordsee ist Mordsee von 1976, wo es auch um Diversität geht und wo auch Rassismus ein großes Thema ist. Und da trägt ein "normaler" Junge Stiefel mit hohen Absätzen. Er ist wirklich ein totaler Raufbold. Das ist auch normal und wird nicht infrage gestellt. Mir ist es wichtig, dass die Vielfalt, so wie ich sie auf der Straße erlebe, im Film einfach repräsentiert wird.

Und wie ist es zu dieser speziellen Aufnahme gekommen?

Wir haben Kostümproben. Tatsächlich sind das Schuhe mit einem sehr starken Profil und es ging darum, Julian als jemanden zu erzählen und zu zeigen, der einfach handwerklich arbeitet. Ursprünglich war die Rolle ganz als Bildhauer geplant und nicht als bildender Künstler, also in mehreren Disziplinen. Ich habe vor den Dreharbeiten eine Bildhauerin getroffen, um mich vorzubereiten. Es ist üblich, dass man in der Werkstatt Sicherheitsschuhe trägt, die sowohl Eisenkappen vorne als auch hinten haben, zum Schutz davor, wenn etwas runter fällt.

Wie geht's denn bei dir schauspielerisch weiter, hast du schon nächste Projekte in Aussicht?

Bei mir wird am Theater wegen Corona leider viel abgesagt. Ich bin aber über die Pandemie auch dazu gekommen, mich sehr viel mit Drehbüchern und mit dem Drehbuchschreiben zu beschäftigen. Ich finde das sehr interessant und habe das Gefühl, dass letzten Endes mehr queere Geschichten von queeren Autor*innen geschrieben werden sollten. Ich habe große Lust darauf, Geschichten zu entwickeln und diese dann filmisch umzusetzen.

Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind, was die Sensibilität dahingehend angeht, aber wir müssen den Weg auch noch weiter gehen. Ich wünsche mir, dass die deutsche Fernsehlandschaft nicht nur diverser wird, sondern, dass wir uns in dieser Vielfalt auch weiterentwickeln und dass wir anfangen, die Vielfalt in der Vielfalt zu zeigen.



#1 TuckDavisProfil
  • 05.03.2022, 17:02hBad Kreuznach
  • Schön zu sehen, dass sich endlich auch bei uns im TV was bewegt und transMänner nicht mehr von Frauen gespielt werden bzw transFrauen von Männern.

    Ich bin wirklich kein Verfechter von nur Bombenbauer dürfen Bombenbauer spielen, aber das passende Geschlecht dürfen die Schauspieler*innen mMn. schon haben beim Casting.
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#2 MinuschAnonym
  • 05.03.2022, 21:27h
  • Antwort auf #1 von TuckDavis
  • "aber das passende Geschlecht dürfen die Schauspieler*innen mMn. schon haben beim Casting."

    Schön gesagt und auf den Punkt gebracht!

    Darum ist das Argument "Das ist Schauspiel, es geht bei dieser Kunst doch gerade darum, jemanden anderes darzustellen" beim Casting von trans* Figuren auch unpassend: Beim Casting von Filmrollen wird IMMER das Geschlecht der Schauspier*innen und der Rolle berücksichtigt. Warum auch nicht? Natürlich kann eine Schauspielerin eine Frauenrolle überzeugender darstellen als z.B. ein mönnlicher Schauspieler es könnte. Alleine, wei sie sich nicht auch noch den "Frau"-Teil der Rolle spielen muss und daher ihr Talent ganz den anderen Eigenschaften der Figur widmen kann.

    Die einzige Ausnahme von dieser Regel: Trans* Rollen. Denn die werden leider nach wie vor gerne mit Schauspieler*innen eines anderen Geschlechts besetzt.
    Fast so, als würden die Filmschaffenden / Casting-Agenturen nicht glauben, dass trans* Frauen wirklich Frauen, trans* Männer wirklich Männer und nicht-binäre Personen wirklich nicht-binär sind...und darum ein cis Mann eine trans* Frau spielen sollte.

    Umso schöner, dass "SOKO" hier einen Schritt in die richtige Richtung macht! :)
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