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Literaturtipp

Nordkoreanische Agentin liebt deutsche Journalistin

Andreas Stichmann imaginiert in seinem Roman "Eine Liebe in Pjöngjang" eine unwahrscheinliche Leidenschaft zwischen zwei Frauen, die über das Verbindende und das Trennende reflektieren.


Symbolbild: Straßenbahn in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang (Bild: Clay Gilliland / flickr)

Es gibt wohl keinen Fleck auf dieser Erde, an dem man sich lesbische Liebe weniger vorzustellen vermag als in Nordkorea. Auch wenn sich das Kim-Regime gerne mit der Homogenität seiner Bevölkerung brüstet und jede öffentlich wahrnehmbare Abweichung von ihr martialisch bestraft, gibt es sie natürlich auch im restriktivsten politischen System unserer Gegenwart. Denn wo es Menschen gibt, sind bekanntlich auch gleichgeschlechtlich Begehrende unter ihnen.

Andreas Stichmann imaginiert in seinem neuen Roman, wie eine so unwahrscheinliche Liebe aussehen könnte. Dafür schöpft er aus seiner eigenen Reise nach Nordkorea im Jahr 2017, und diese persönlichen Erfahrungen tragen erkennbar dazu bei, dass sich die Erzählung glaubhaft, sogar fassbar anfühlt. Das allein ist schon eine gewichtige Leistung, bedenkt man die Wesensverschiedenheit zwischen Handlungs- und Erscheinungsort des Buches.

Hineinversetzen in Verschiedenheiten

"Eine Liebe in Pjöngjang" (Amazon-Affiliate-Link ) geht nicht nur in der Schilderung des Landes weit über die Eindrücke hinaus, die Dokumentarfilme, Sachbücher und Zeitungsreportagen in einem sich ständig wiederholenden Gleichklang abspulen. Der ungleich größere Wurf, der dem Autor auf nur wenig mehr als 150 Seiten gelingt, ist das Herausarbeiten des allumfassend Menschlichen, das über alle kulturellen Gräben hinweg besteht, ohne jene Differenzen und ihre letztlich spaltende Kraft zu verkennen.

Stichmann lässt seine beiden Protagonistinnen im Gespräch selbst über das das Verbindende und das Trennende reflektieren: "Kein universeller Geist durchdringe die Welt", schlägt Sunmi an einer Stelle vor, die als Mitarbeiterin der Tourismusbehörde und Agentin der DVRK regelmäßig Ausländer*innen im Sinne des Regimes durch die Hauptstadt navigiert und dabei überwacht, "es sei mehr die Vorstellungskraft, Menschen, die sich in andere hineinversetzen".

Später spricht Claudia Aebischer – an der Spitze einer Delegation Kulturschaffender reist die Journalistin selbst zum wiederholten Male nach Pjöngjang, um bei der feierlichen Eröffnung der Deutschen Bibliothek dabei zu sein – davon, "im Anderen das Fremde gelten zu lassen, das Unverständliche". Beides, das Hineinversetzen in Verschiedenheiten und das Hinnehmen von nicht zu Entschlüsselndem, glückt Stichmann hervorragend.

Auf der Suche nach Wahrhaftigkeit


"Eine Liebe in Pjöngjang" erscheint am 8. März 2022 im Rowohlt Buchverlag

Meist aus Sicht der älteren Deutschen werden die skurrilen Darbietungen geschildert, die der totalitäre Staat unternimmt, um den Besuch aus dem Westen von der eigenen Systemüberlegenheit, der Treue der Bevölkerung und vor allem ihrem Wohlbefinden zu überzeugen. Dabei verfällt "Eine Liebe in Pjöngjang" bei aller Kritik an der permanenten Drohkulisse und der tatsächlichen Brutalität des Regimes aber niemals in einen selbstgefälligen Überlegenheitsgestus.

Vielmehr nutzt Stichmann die Kluft zwischen den Lebensrealitäten, um auch über Haltungen und Gesten zu reflektieren, die in Deutschland und anderen wohlhabenden Industriestaaten zur Selbstverständlichkeit geworden sind. So heißt es im Briefing für Sunmi, dass sich mit der Frage nach dem "werten Befinden" jedes Gespräch mit einem Menschen aus dem Westen beginnen, wenn nicht sogar gänzlich bestreiten lasse, denn im Grunde beschäftige er sich "zeit seines Lebens mit nichts anderem".

Das passt zur Sinnkrise, in der sich Claudia Aebischer befindet. Als Journalistin zwar erfolgreich, schleppt sie seit Jahrzehnten doch das Ziel mit sicher umher, in ihrem Leben noch etwas von tieferer Bedeutung – einen Roman, der da schon lange in ihr reift und zu gären droht – zu schreiben. Die Selbstzufriedenheit ihrer Kolleg*innen, die Platittüden und Floskeln, mit denen sie sich in ihren Artikeln ausweisen, öden sie an.

Ungleiche Frauen, die so ungleich gar nicht sind

Wahrscheinlich ist es auch dieses Verzehren nach Wahrhaftigkeit und Neugier, die die eruptive Faszination für Sunmi entfacht. Gleich bei der vermeintlich zufälligen ersten Begegnung auf der Zugreise von China nach Nordkorea werden die beiden ungleichen Frauen, die so ungleich gar nicht sind, aufeinander aufmerksam.

Wie Claudia sucht auch Sunmi ihr Heil in der Sprache, hat unter anderem Germanistik studiert und über die deutsche Romantik promoviert, weshalb ihre Ausdrucksweise für die deutschen Besucher*innen bisweilen befremdlich veraltet klingt, was Stichmann aber gleichsam die Möglichkeit eröffnet, sein Buch mit einem reizvoll-poetischen Duktus zu belegen, ohne dabei preziös zu wirken.

Der Traum von der Flucht

Für Sunmi bestand der Sinn bis zu ihrer Tätigkeit im Auftrag des Regimes lange darin, "ihrem Volk" zu dienen, in der Gemeinschaft aufzugehen, wie wiederum in Kapiteln aus ihrer Perspektive beschrieben wird. Erst die so erlangten Einblicke in das skrupellose Agieren, den wahren Charakter der Diktatur, hat in ihr den Traum geweckt, Nordkorea zu entkommen.

Die Chance diesen umzusetzen, sieht sie nun in Claudia gekommen, äußert ihn in einem scheinbar unbeobachteten Augenblick, nachdem sich die Frauen in vorsichtig privaten Gesprächen über ihre gegenseitige Anziehung, den geteilten ernsten Idealismus, klar geworden sind. So ist "Eine Liebe in Pjöngjang" auch ein tastend-sinnliches Buch, ohne dass es jemals zu offener Erotik käme. Denn auch hier macht sich Stichmann, wie erwähnt, keine Illusionen: Bei allem Verbindenden, dem großen Glück des momentanen Ineinander-Erkennens, bleibt das Trennende bestehen.

Infos zum Buch

Andreas Stichmann: Eine Liebe in Pjöngjang. Roman. 160 Seiten. Rowohlt Buchverlag. Hamburg 2022. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN: 978-3-498-00293-0). E-Book: 19,99 €

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