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Interview

"In Deutschland gibt es so eine Art 'versteckte' Homophobie"

Im Gespräch mit queer.de erklärt Produzentin Christiane Schiek Tajima, warum es "Queer Eye Germany" braucht, wie das Casting der Fab 5 verlief und was sie anders machte als im US-Original.


Die Fab 5 von "Queer Eye Germany" (v.l.n.r.): Jan-Henrik Scheper-Stuke, David Jakobs, Ayan Yuruk, Leni Bolt und Aljosha Muttardi (Bild: Netflix)

Frau Schiek Tajima, warum braucht es "Queer Eye Germany"?

Was diese Frage angeht, haben wir durchaus eine kleine Reise hinter uns. Bis vor nicht allzu langer Zeit hätte ich gesagt, dass wir doch in einem offenen, divers-freundlichen Land leben. Deswegen war ich eher etwas naiv, was die Relevanz eines Projekts wie "Quee Eye" in Deutschland angeht. Doch während des Casting-Prozesses für unsere Fab 5 habe ich viele Gespräche geführt, bei denen ich mehr als einmal wirklich einen Kloß im Hals hatte. Ich war sehr berührt von den Dingen, die mir da berichtet wurden, die hierzulande passiert sind. Von der Unmöglichkeit, auf der Straße Händchen zu halten – in einer Großstadt, wohlgemerkt – bis zu den Schwierigkeiten, sich in der Schule so zu verhalten und auszudrücken, wie es einem selbst entspricht. Und das waren nur die leichten, am wenigsten traurigen Fälle! Für mich war damit jede Frage beantwortet, ob wir eine solche Sendung brauchen. Denn die USA sind weit, wir sind hier.

Das klingt als seien Sie fest davon überzeugt, dass man mit einem solchen Format nicht nur die LGBTI-Community und ihre Verbündeten erreicht...

Ich kann es natürlich nicht garantieren, aber ich hoffe es sehr. Wir haben auf jeden Fall gemerkt, dass es hier in Deutschland so eine Art "versteckte" Homophobie gibt. Nach dem Motto: Das stört mich ja nicht, was die machen, solange es nicht mein eigener Sohn ist oder solange ich es nicht in meiner direkten Nachbarschaft habe. Oder: Die sollen sich ruhig küssen, aber muss es denn auf der Straße sein? Selbst unsere Teilnehmer*innen haben zwar nicht offen Ängste oder Sorgen formuliert, aber eben doch ganz oft gesagt: Ich habe Leute wie euch noch nie kennen gelernt und hätte gar nicht gedacht, dass es so toll ist, Euch bei mir im Haus zu haben. Wenn man diese Momente der Annäherung hinbekommt, selbst wenn es nur ein Einzelfall statt einer großen Bewegung ist, dann ist das schon unglaublich viel. Und tatsächlich hatten wir während der Arbeit an der Sendung so viele schöne Momente, dass ich hoffe, dass da zumindest ein Samen gesät wurde, der das am Ende hoffentlich noch größer macht.


Christiane Schiek Tajima von ITV Studios Germany ist als Executive Producer für "Queer Eye Germany" verantwortlich (Bild: Tilman Schenk / ITV)

Worin liegen denn die größten Unterschiede zur US-Version?

Am Anfang des Projekts habe ich noch gedacht: Wie soll ich hierzulande etwas Vergleichbares wie Texas abbilden? Aber dann habe ich schnell gemerkt, dass ich mein eigenes Land klein mache. Deutschland ist wunderschön, und ich bin sehr glücklich, was die Qualität der Bilder in "Queer Eye Germany" angeht. Das gibt es also keinen Unterschied. Aber spannend war natürlich die Mentalitätsfrage. Wir haben lange überlegt, ob und wie wir diese Leichtigkeit, das Entertainment, das Emotionale hinkriegen. Um uns dafür ein Ziel zu setzen, haben wir uns zunächst gefragt, was "Queer Eye USA" eigentlich ist. Immer lustig, aber nicht albern. Total emotional, aber auf keinen Fall kitschig. Und lehrreich, aber nicht von oben herab belehrend. Und genau diese Dinge können wir, das ist eine Stärke von uns. Aber im Praktischen gab es natürlich auch ein paar Veränderungen, die wir vorgenommen haben.

Nämlich?

Zum Beispiel haben wir die Expertenbereiche anders belegt. Aus "Culture", was sich in der Bedeutungsbreite eher schwer ins Deutsche übertragen lässt, haben wir durch den etwas griffigeren Begriff "Life" ersetzt, und aus "Food & Wine" haben wir – etwas größer gefasst – "Health" gemacht. Außerdem gibt es bei uns, und da kommen wir noch einmal auf die Mentalität zurück, nicht diese klassische Begrüßungsszene, bei der die Fabs geradezu in ein Haus stürmen und sofort überbordende Freude und Begeisterung herrschen. Das ist bei uns ein bisschen anders, einfach weil die Deutschen sich in solchen Situationen doch oft etwas anders verhalten. Mir machen das nun typisch deutsch und fragen in diesen Momenten immer. Ist es okay, wenn wir in diesen nächsten Raum gehen? Ist es für dich fein, dass wir jetzt mit dir die Treppe hoch gehen? Bist du damit einverstanden, dass wir diese Tür öffnen? So arbeiten wir auch schon in unseren anderen Factual-Programmen, damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Dadurch fühlt sich niemand überrannt oder überwältigt, sondern hat immer das Gefühl, die Situation noch selbst steuern zu können. Diese vorsichtigere Herangehensweise war wichtig, auch weil unsere Teilnehmer ja kein deutsches Vorbild hatten, bei dem sie sehen konnten, wie es läuft, sondern uns ganz vertrauen mussten, wenn sie uns die Tür aufmachten.

War es denn schwer, genug kamerataugliche Menschen zu finden, die Ihnen die Tür aufmachen wollten?

Das ist nie einfach, bei allen Sendungen, in denen Menschen andere in ihr Zuhause lassen. Das ist ein großer Schritt, der viel Überwindung kostet. Überhaupt auch erst einmal ehrlich dazu zu stehen, dass man Hilfe gebrauchen kann. Auch das erfordert erst einmal Mut. Was wir aber nicht gemacht haben, war nach den typischen Fernsehkriterien zu suchen. Ob jemand unterhaltsam und schlagfertig ist, war nicht wichtig, sondern es ging um authentische, echte Geschichten, die nachvollziehbar sind.

Warum sind es am Ende "nur" fünf Folgen geworden, nicht zum Beispiel acht oder zehn wie in den USA?

Weil ich glaube, dass es ein wenig Zeit und auch Erfahrung braucht, sich diesem Format mit dem gebührenden Respekt anzunähern. Ich bin sehr froh, dass wir erst einmal mit einer kleinen Staffel beginnen statt gleich mit zehn Folgen der fantastischen Vorlage aus den USA gerecht werden zu müssen.

Gab es eigentlich einen direkten Austausch mit den US-Produzent*innen?

Ja, eine amerikanische Kollegin, die dem Projekt verbunden ist, gehörte zu unseren festen Ansprechpartner*innen. Das war sehr hilfreich. Und auch sehr lustig zu sehen, mit wie viel Souveränität und Erfahrung die nach sechs Staffeln auftrat, während wir gerade erst anfingen. Aber ich glaube wirklich, dass wir viele Fehler vermeiden konnten, die man sonst üblicherweise zum Start eines neuen Projektes macht.

Noch kurz zur Auswahl der Fab 5: Von welchen Kriterien ließen Sie sich dabei leiten?

Zunächst einmal haben wir überlegt, was wir sowohl dem Format als auch der queeren Community schuldig sind. Da war schnell klar, dass es nicht darum gehen darf, die lustigen Paradiesvögel zu finden, die sich aber ansonsten dieser Gemeinschaft nicht wirklich verpflichtet fühlen. Und außerdem war natürlich wichtig, dass die Chemie zwischen den Fünf stimmt und echt ist, denn das kann man nicht künstlich herstellen. Um sicherzugehen, dass sie wirklich miteinander klarkommen und die gleiche Wellenlänge haben, haben wir sie während des Casting-Prozesses auch in unterschiedlichen Kombinationen frei miteinander sprechen und interagieren lassen. Worauf wir nicht von Anfang an geachtet haben, aber was uns dann während der Suche wichtig wurde, war dass jeder von den Fünf eine Geschichte zu erzählen hat, die einen langen Weg abbildet. Das haben unsere Fab 5 jetzt, sehr unterschiedliche, spannende und teilweise sehr emotionale Weise.



#1 QuerelleAnonym
  • 13.03.2022, 10:02h
  • Ich habe die ersten beiden Folgen gesehen und bin hin und hergerissen. Auf der einen Seite hat mich vieles berührt und auch die Fab 5 sind wirklich sympathisch.
    Andererseits wirkt unglaublich vieles inszeniert und gescriptet. Wie authentisch z.B. ist ein erstes Date, wenn die Kamera die ganze Zeit dabei ist?
    Auch finde ich es albern, dass bloße Queerness reicht, um zum psychologischen Lebensberater:in zu werden. Ein paar nette Gespräche gefüllt mit Binsenweisheiten ( "Sage, dass Du Dich schön findest!", "Sag, dass Du ein toller Vater bist!") und schon wird aus einem selbstunsicheren Menschen der selbstbewusste Star des Abends.
    So wirken viele Szenen eben auch flach und z.T sogar lächerlich unauthentisch.
    Ebenso finde ich die Queerness der Fabs extrem stereotyp und wenig divers, da gefallen mir die amerikanischen Fabs deutlich besser.
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