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Neu im Querverlag

Solidarische Protestkultur – nur ein Märchen?

Cornelia Flecks Buch "Queerfulness" entführt an einen Ort, an dem sich Menschen trotz unterschiedlicher Diskriminierungserfahrungen gemeinsam finden und wo intersektionale Utopien geträumt werden.


Passen doch gut zusammen: Trans- und Regenbogenflagge mit Lesbensymbol bei einer Kundgebung in Berlin (Bild: Sabrina_Groeschke / pixabay)

Gemischte Gefühle. Es gibt Kaffee mit Vanillesirup und in der Stunde, die ich brauche, dieses Büchlein zu lesen, eine wilde Mischung aus Hoffnung, Sehnsucht, Einsamkeit und Trauer.

Ich lese über Queerfulness, ich lese über einen Sommer, der mehr Sehnsuchtsort ist als Realität. Das Thema des Buches "Queerfulness" von Cornelia Fleck, neu erschienen im Querverlag, macht Hoffnung. Es entführt an einen Ort, wo solidarisch miteinander gearbeitet wird, wo Menschen sich trotz unterschiedlicher Diskriminierungserfahrungen gemeinsam finden, wo intersektionale Utopien geträumt werden.

Es gibt keine Anleitung, wie die Utopie umgesetzt wird und die Fantasie löst die Erzählung der gemeinsamen Aktionen ab, erweitert sie, spinnt ihre Fäden. Ich fühle mich entführt in einen Feminismus, der schon lange nicht mehr meiner ist und gesehen im aktivistischen Burnout – aufgefangen, aber nicht mitgenommen.

Schwesterliche Solidarität trifft schwule Subkultur


"Queerfullness" ist in der Reihe "in*sight/out*write" des Querverlags erschienen, die "Visionen entwerfen und Utopien wagen" will

Das generische Femininum wechselt sich mit dem Asterisk ab, geht es um Leser*innen, wird entgendert, geht es um im allgemeinen Sprachgebrauch männlich konnotierte Worte, wird die feminine Version verwendet. Schwesterliche Solidarität trifft Feminist*innen trifft schwule Subkultur. Wo Tunten einander zur Seite stehen und die "Ordnerinnen" mit Inhalt füllen, stöckelt Pan auf Widderstöckeln vorbei; es wird sich aufgefummelt und mit Geschlecht gespielt. Den roten Faden lässt das Buch vermissen, wir bewegen uns eher auf den Gedankensprüngen der Autorin einher, was gleichzeitig ein genuss- oder tragikvolles Weiterdenken der nicht-gesagten Kapitel zulässt.

Ich habe viele Herzen an die Seite gemalt, mich verstanden gefühlt. Gleichzeitig blieb ich außen vor, als behinderte Person war ich von "dumm" und "blöd" immer wieder ge- und betroffen. Hoffnung trifft Realität, schlussendlich auch Sprachpolitik. Ist es Nachsicht, die gewählten Abwertungen zu verzeihen? Dem Buch hätte ihre Nicht-Existenz jedenfalls keinen Abbruch getan, sie waren nachvollziehbares, aber überflüssiges Beiwerk.

Mit Sprache spielen, sich in fantastischen Utopien verliere – die erste Hälfte des Buches war übersät mit Herzchen, ein genussvoller Unsinn und gleichzeitig immer noch eine zu erahnende, zweite und dritte Ebene, die den politischen Ernst hinter der Lust an der Fabulierung bot.

Wieviel Kritik erlaubt eine zuckersüße Utopie?

Ob Gandhi zu zitieren nun wertvoll ist, sei dahingestellt, immerhin machte er sich (neben seinem Einsatz für indische Unabhängigkeit) vor allem als anti-schwarzer Rassist und Frauenfeind einen Namen. Gleichzeitig ist es schwierig, ein Werk zu kritisieren, das so positiv, so hoffnungsvoll und so utopisch daherkommt. Als würde Kritik diese Positivität beschmutzen, als wäre es eine Zerstörung der "eigentlich guten Sache". Ich merke, mir fällt es schwer, diese zuckersüße Utopie, diese Queerfulness kritisch zu betrachten.

Dennoch, wie bereits die Autorin sagt "der Zugang zu Honigtöpfen ist leider allzu oft von unsichtbaren Grenzen versperrt, die meist nur die ausgesperrte Seite bemerkt". Und dort sehe ich mich. Zu behindert für einen Aktivismus vor Ort, in einer Komfortzone sitzend, die schlussendlich gleichzeitig ein Gefängnis ist und auf einen Netzaktivismus beschränkt, der vor allem die negativen Seiten und wenig Hoffnung zu bieten hat.

Ich trauere um Möglichkeiten, die als selbstverständlich dargestellt werden und es für mich nicht sind. Ich trauere um eine Gemeinschaft gegen die Einsamkeit, die in den letzten zwei Jahren (aufgrund der Existenz als sogenannte Risikogruppe) immer weiter zerbracht, weil "Freedom Day" gleichbedeutend mit Hausarrest ist. Ich bin Kritik im Netz gewöhnt und glaube nicht an solidarische, wohlmeinende Kritik. Es gibt kein "richtig" und kein "falsch" mehr, gleichzeitig sind die Fronten im feministischen Kurs verhärtet und mein persönliches "Richtig" gerät immer wieder mit dem "Richtig" anderer Aktivist*innen aneinander.

Kein Platz für Wut, Angst, Trauer und Trauma


Transparent beim CSD Stuttgart 2021 (Bild: christianlue / unsplash)

Diese Perspektiven fehlen, es wird vom Glück einer solidarischen Protestkultur gesprochen, und ich fühle mich wie in einem Märchen. Aber Märchen haben den Nachteil, nicht real zu sein, während die Erfahrungen der Autorin durchaus der Realität entsprechen. Es braucht gewisse Privilegien, sich nur die positiven Aspekte des Aktivismus herauszusuchen und die negativen ignorieren zu können.

Wut, Angst, Trauer und Trauma haben im Buch wenig Platz, und ich vermisse sie schmerzlich, kommen sie doch auch in einer solidarischen Protestkultur zwangsläufig vor. Selbst potentiell gefährliche Situationen werden in ein "Happy End" umgewandelt und gehen "gut" aus.
Stattdessen wird vom "Verlassen der Komfortzone" und dem "Überwinden der Angst" gesprochen, als wäre dies leicht für alle umsetzbar und müsse nur getan werden.

Erst auf den letzten Seiten wird anerkannt, dass nicht alle Aktivist*innen die gleiche Erfahrung machen. Die Lösung jedoch sei, die eigenen Aktionen mit Hoffnung statt Hoffnungslosigkeit zu betrachten und sich an kleinen Erfolgen zu wärmen, statt die große Änderung der Weltgeschichte (und ihre Unmöglichkeit) zu betrauern.

Hoffnung, gemischt mit Trauer

Ich lege das Buch zur Seite. Der Kaffee ist leer, ich schmecke Vanille auf der Zunge. Ich weiß nicht genau, wie ich mich fühle. Ich möchte Hoffnung empfinden, aber sie ist gemischt mit Trauer. Gleichzeitig sehe ich, wir müssen noch viel zusammen lernen – und ich bin bereit, das zu tun.

Ich würde das Buch jenen empfehlen, die sich aufrichten wollen und gleichzeitig aus einem ähnlichen Blickwinkel wie die Autorin kommen, für die sich die Optionen und Möglichkeiten der Autorin ebenfalls vorhanden zeigen.

Für jene von uns, die aufgrund ihrer Queerness eine Community suchen, aber aus anderen Gründen (in meinem Fall Behinderung) diese Optionen nicht haben, empfehle ich es es nur eingeschränkt. Es ist schwierig, weiter Hoffnung zu haben, wenn die Lösungen unerreichbar scheinen.

Infos zum Buch

Cornelia Flech: Queerfulness. Vom Glück einer solidarischen Protestkultur. Band 6 der Reihe in*sight/out*write. 64 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 8 € (ISBN 978-3-89656-315-6)

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