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Kunst

Küchenmesser gegen die Bierbauchkulturmetropole

Mit Hannah Höch im Bröhan-Museum wird in Berlin seit 2017 bereits die dritte queere Künstlerin des 20. Jahrhunderts gefeiert. Die großartige Schau macht deutlich: Höch war viel mehr als nur Dadaistin.


Selbstbildnis von Hannah Höch aus dem Jahr 1943 (Bild: Museum Reinickendorf und Patricia Schichl © VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Hannah Höch erinnerte ihre Umgebung stets daran, dass es neben der eigenen Sicht auf die Welt noch "Millionen und Abermillionen berechtigter anderer Anschauungen gibt". Sie wollte "der Welt heute demonstrieren, wie sie eine Biene und morgen wie der Mond sie sieht, und dann, wie viele andere Geschöpfe sie sehen".

Wie etwa in ihrem surrealistischen Schlüsselwerk "Eule mit Lupe" von 1945, als die Welt nach Krieg und Chaos in Trümmern lag: Weit oben auf einer Wolke sitzt das Wesen, das wie kein anderes Weisheit symbolisiert. Mit größtmöglicher Distanz betrachtet es den winzigen Erdball aus einer Perspektive, in der die Menschheit – behält man das Entstehungsjahr des Werks im Auge – sicher nicht so gut wegkommen dürfte.

Sehgewohnheiten auf den Kopf stellen

Von Anfang an ist es ein Merkmal in Höchs Schaffen, Sehgewohnheiten auf den Kopf zu stellen, das Leben aus einer Mikro- und dann wiederum aus einer Makroperspektive zu zeigen. Oder gleich aus mehreren Blickwinkeln auf einmal. Was für ein Facettenreichtum! Und eine Herausforderung für das Publikum.


Tanzende gleich- und gesmischgeschlechtliche Paare: Höchs Ölgemälde "Kristalle" aus dem Jahr 1948 (Bild: Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Dabei bricht sich nicht selten auch ein anarchischer Humor Bahn. So rückt sie etwa in einer 1919 entstandenen wilden Collage "mit dem Küchenmesser" der "Bierbauchkulturepoche Deutschlands" zu Leibe, wie es im Titel heißt. Vorzugsweise knöpft sich Höch Biedermänner, Militaristen und all jene vor, die dem technokratischen Fortschrittsglauben frönen. Zudem lässt sie kein gutes Haar an weiblichen Stereotypen und dem bereits während der 1920er-Jahre grassierenden Schönheitswahn.

Ikone der Dadaismus-Bewegung

Bekannt wurde die 1889 in Gotha als Tochter eines Versicherungsdirektors geborene Hannah Höch vor allem als Ikone der Dadaismus-Bewegung: einem Männerclub, in dem sie neben George Grosz, Kurt Schwitters, Max Ernst und John Heartfield als einzige Frau hervorstach. Mit ihren unverwechselbaren Collagen konnte sie sich unter ihnen jedoch locker behaupten, schon als 15-Jährige hatte sie Bilder aus bunten Schnipseln zusammengeklebt.

Dass sich ihr künstlerisches Lebenswerk freilich nicht auf ihre Rolle als Dadaistin reduzieren lässt – darauf macht nun noch bis zum 15. Mai 2022 das Berliner Bröhan-Museum aufmerksam. "Abermillionen Anschauungen" heißt die von Ellen Maurer Zilioli kuratierte Ausstellung, in der Hannah Höchs vielfältige Talente gewürdigt werden: als Feministin, als Surrealistin, als Expressionistin. Für die Nazis galt ihre Kunst als entartet, sie wurde mit einem Ausstellungsverbot belegt. Kein Wunder.

Ihre längste Beziehung hatte sie mit einer Frau


Hannah Höchs Porträt ihrer Lebenspartnerin Til Brugmann aus dem Jahr 1927 (Bild: Kai-Annett Becker / Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

In dem 1948 entstandenen Ölgemälde "Kristalle" spiegeln sich Paarkonstellationen jedweder Art – gleichgeschlechtlich, gemischtgeschlechtlich oder auch nach jeder Richtung offen für Anschluss. Es ist eines ihrer faszinierendsten Werke. Sie selbst hatte zunächst eine Affäre mit dem österreichisch-deutschen Dadaisten Raoul Hausmann, bevor sie sich 1926 in die niederländische Schriftstellerin Til Brugman verliebt. Mit ihr verbringt sie fast zehn leidenschaftliche Jahre, solange wie mit niemandem sonst. Sie ziehen erst nach Den Haag, dann gemeinsam zurück nach Berlin, bringen zusammen das Buch "Scheingehacktes" heraus.

Höchs Porträt ihrer Geliebten von 1927 ist ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung, die einen Bogen spannt von ihren Anfängen im Kunstgewerbe bis zu ihren von der Pop Art inspirierten Bildern der 1960er Jahre.

Nachdem Höch in der NS-Zeit als Kulturbolschewistin beschimpft wurde, hatte ihre Karriere einen Dämpfer erlitten. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen. Höch zieht sich nach Heiligensee in ein Häuschen mit Garten zurück, ganz im Norden von Berlin. Zwar will sie sich dem Regime nicht beugen, macht weiterhin in ihrer Arbeit Anspielungen auf Repressionen und Judenverfolgung. Doch für die Öffentlichkeit sind diese Bilder nicht bestimmt. Sie muss Denunziation fürchten und kann erst nach dem Krieg wieder ausstellen.


Hannah Höch und Til Brugmann, Berlin 1931

Späte Aufwertung ihres Lebenswerks

1946 werden Fotomontagen von ihr in Berlin gezeigt, kurz darauf auch im Museum of Modern Art in New York. Mehr als 35 Jahre vergehen nach ihrem Tod im Jahr 1978, als die Whitechapel Gallery 2014 in London weithin unbekannte Arbeiten von ihr entdeckt. In den USA folgen weitere Revivals, von New York bis Los Angeles. Das Schwule Museum in Berlin nimmt sie 2018 als eine von 33 Künstlerinnen in die Ausstellung "Lesbisches Sehen" auf.

Doch erst jetzt erfolgt die längst fällige Aufwertung ihres Lebenswerks. Nach der Jeanne-Mammen-Retrospektive (2017) und der Lotte-Laserstein-Ausstellung (2019) in der Berlinischen Galerie wird mit der Hannah-Höch-Schau im Bröhan-Museum nun innerhalb von fünf Jahren bereits die dritte queere Künstlerin des 20. Jahrhunderts in Berlin gefeiert, die bis dahin weitgehend unterschätzt wurde.

Es dürfen gerne noch mehr Wiederentdeckungen dieser Art folgen.



#1 _hh_Anonym
  • 13.03.2022, 14:16h
  • Vielen Dank für den schönen Artikel! Hannah Höch ist eine großartige avantgardistische Künstlerin. Wenn ich auf der Homepage des Bröhan-Museums richtig gesehen habe, scheint es zu der Ausstellung leider keinen Katalog zu geben, aber eine Online-Führung mit der Kuratorin auf Youtube. Die will ich mir nachher reinziehen und freue mich darauf.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Hannah HöchAnonym
#3 _hh_Anonym
#4 LothiAnonym
  • 14.03.2022, 08:21h
  • Antwort auf #3 von _hh_
  • Manchmal tust auch einfach ein Blick bei Amazon. Dort gibt es alles von Hannah Höch zu kaufen. Allerdings haben die Bücher von ihr auch so ihren stattlichen Preis. Aber eine sehr interessante Malerin.
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