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Theater

Was soll unser schwules Erbe sein?

Matthew Lopez' preisgekröntes zweiteiliges Bühnenepos "Das Vermächtnis" am Residenztheater München erzählt nicht nur ein bewegendes Beziehungsdrama, sondern zeichnet auch ein riesiges Gesellschaftsporträt.


Schwules Leben in Manhattan: Vincent zur Linden und Moritz Treuenfels in "Das Vermächtnis" (Bild: Sandra Then)

Aller Anfang ist schwer. Besonders wenn es sich um den ersten Satz einer Geschichte handelt. Die große Bedeutung, die diesen ersten Worten beigemessen wird, setzt Autor*innen zweifellos unter Druck – gerade, wenn sie selbst einmal der Magie des ersten Satzes eines Romans verfallen sind.

Und so sitzen zu Beginn dieses Abends neun junge Männer, in schlichtem Schwarz gekleidet, in einer Art Autorenworkshop zusammen. Ausgestattet mit Laptops und Notizblöcken suchen sie gemeinsam nach jenen ersten Worten für diese Geschichte, die sich nach und nach zu einem gigantischen Gesellschafts- und Beziehungsporträt entfalten wird. Unterstützung und Inspiration erhalten sie dabei von Morgan, Autor des Romans "Howards End", der zu der Gruppe dazustößt.

Nach und nach schlüpfen die namenlosen Männer in die Figuren der Erzählung und es entsteht ein intelligentes Mehrebenenspiel, in dem die Schauspieler zwischen gemeinsamer Autorenschaft und eigenem Spiel hin und her wechseln – erzählt wird hier von Anfang bis Ende stets im Kollektiv.

Inspiriert von Motiven aus "Howards End" von E. M. Forster

Dass der Autor E. M. Forster in Matthew Lopez' Theaterstück "Das Vermächtnis" auftritt, ist indes kein Zufall. Lopez ließ sich von Motiven aus Forsters 1910 erschienenem Gesellschaftsroman "Howards End" inspirieren und überschrieb diese ins New York der 2010er-Jahre. Das vielfach ausgezeichnete Stück erzählt über mehrere Jahre hinweg vom Leben schwuler Männer in New York.

Im Zentrum des üppigen Figurentableaus stehen die beiden Protagonisten Eric Glass und dessen Partner Toby Darling. Die beiden Mittdreißiger leben zusammen in Manhattan und sind Teil einer großen schwulen Freundesgruppe. Sie verloben sich schließlich und blicken einer vielversprechenden gemeinsamen Zukunft entgegen. Als Toby jedoch die Stadt für Proben an der Bühnenadaption seines ersten Romans verlässt, ist Eric dem Alleinsein ausgesetzt.


Szene aus "Das Vermächtnis" (Bild: Sandra Then)

Er freundet sich mit Walter, ein 55-jähriger Bekannter des Paares, an und taucht in gemeinsamen Gesprächen ein in eine Vergangenheit, die er als schwuler Mann seines Alters nicht miterlebt hat: die Zeit der Aids-Epidemie, die vom Beginn der 1980er Jahre an wütete und die Gay-Community nachhaltig erschütterte. Ein generationales Trauma, das wieder zu schmerzen beginnt, als der offen queerfeindliche Donald Trump im Herbst 2016 zum 45. Präsidenten der USA gewählt wird. Denn plötzlich scheinen die Freiheiten und Rechte, die heute als gewiss gelten und von früheren Generationen queerer Aktivist*innen hart erkämpft wurden, nicht mehr selbstverständlich.

Deutschsprachige Erstaufführung in München

"Das Vermächtnis" wurde 2018 in London uraufgeführt, die Broadway-Premiere der US-Version folgte im Herbst 2019. Am Residenztheater München feierte das zweiteilige Bühnenepos nun im Januar 2022 deutschsprachige Erstaufführung, im März und April gibt es weitere Aufführungstermine (siehe Kasten unten). Regie führte Philipp Stölz, der sowohl für die Bühne als auch für die Leinwand regelmäßig inszeniert.

Ein filmischer Charakter ist auch diesem Abend zu attestieren: Durch die Tempowechsel, den Umgang mit Cliffhangern, den Einsatz von Musik, das pointierte Timing der Dialoge, das Ausschmücken dramatischer Szenen und Konversationen sowie die naturalistische Darstellung in Bühnenbild und Requisite entsteht dieser Eindruck zweifelsohne. Der Fokus hingegen liegt aber ohnehin auf den liebevoll und äußerst fein gezeichneten Figuren und ihrer Darsteller – ganz ohne tiefes Hineingreifen in die Klischee-Schublade.


Naturalistisches Bühnenbild, fein gezeichnete Figuren (Bild: Sandra Then)

Das Vermächtnis besteht aus Freiheit, aber auch Schmerz

Besonders zur Geltung kommt der Einsatz dieser Stilmittel durch den geschickten dramaturgischen Aufbau der Inszenierung: Durch seinen Soap- bzw. Seriencharakter, die episodische Struktur, die zahlreichen Szenenwechsel und das kluge Setzen der Pausen vergeht der knapp siebenstündige Abend wie im Flug. Ein (freiwilliges) Aussteigen ist quasi unmöglich. Man ist als Zuschauer*in stets nah dran an den Figuren. Und die Besonderheit des Textes liegt eben da drin, nicht nur ein bewegendes Beziehungsdrama zu erzählen, sondern auch ein riesiges Gesellschaftsporträt zu zeichnen: Was bedeutet Schwulsein heute? Was hieß es noch in den 1980er-Jahren? Ist die Aids-Epidemie wirklich vorbei oder nur für weiße cis Männer des Mittelstands? Brauchen wir richtige Gay-Communitys und queere Safe Spaces auch heute noch? Und wie umgehen mit dem Vermächtnis der älteren Generationen schwuler Männer? Was wollen wir an die nächste Generation weitergeben? Was soll unser Erbe sein?

Das Vermächtnis besteht schließlich nicht nur aus Freiheit, sondern auch aus Schmerz. Und so wie diese Geschichte nur im Kollektiv erzählt werden kann, können die Geister der Vergangenheit auch nur gemeinsam bekämpft werden. Großer Applaus und stehende Ovationen für diesen herausragenden, überbordenden und wahnsinnig berührenden Theaterabend.

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#1 KaiJAnonym
  • 13.03.2022, 17:34h
  • "Das Vermächtnis besteht schliesslich nicht nur aus Freiheit sondern auch aus Schmerz."

    Den Schmerz gilt es aber zu überwinden, damit wir nicht ewig in ihm gefangen bleiben. Erst wenn wir ihn überwunden haben, können wir frei sein. Gegen die Schmerzufügung durch den Holocaust, durch die Zeit davor und danach müssen wir jedoch als Vermächtnis gewappnet sein, damit wir denn auch frei unter Gleichen bleiben können. Doch auch das aktuelle Leid kann erst überwunden sein, bis auch der allerletzte Rest an Ungleichheit beseitigt ist und wir uns eben sowohl geschlechtlich als auch sexuell wirklich frei entfalten können.
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