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Interview

"Ich will, dass das Publikum über sich selbst nachzudenken beginnt, noch während es den Film sieht"

Am Donnerstag startet "Petite Maman" von Queer-Ikone Céline Sciamma im Kino. Wir sprachen mit der französischen Regisseurin über ihren Film für Jung und Alt, in dem ein Mädchen ihre Mutter als Kind trifft.


Szene aus "Petite Maman": Der neue Film von Céline Sciamma feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale 2021 (Bild: Alamode)

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm "Water Lilies", einer Geschichte über das sexuelle Erwachen 15-jähriger Mädchen, empfahl sich Céline Sciamma 2007 als eine der spannendsten und besten Filmemacherinnen Frankreichs. Seither hat sich die lesbische Drehbuchautorin und Regisseurin als Expertin nicht nur für Queerness, sondern auch glaubwürdige Kinder- und Jugendfiguren etabliert.

Nach "Tomboy" und "Mädchenbande – Bande de filles" war sie mit "Porträt einer jungen Frau in Flammen" 2019 im Wettbewerb von Cannes vertreten, gewann die Queer Palm und wurde unter anderem für den Golden Globe, den Europäischen Filmpreis und den César nominiert.

Nun legt die 43-Jährige mit "Petite Maman – Als wir Kinder waren" (ab 17. März 2022 im Kino) ihren fünften Spielfilm als Regisseurin vor. Drei Wochen später startet außerdem "Wo in Paris die Sonne aufgeht" von Jacques Audiard, an dessen Drehbuch sie (wie auch schon bei der schwulen Teenie-Geschichte "Mit Siebzehn" oder dem Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini") mitschrieb.


Regisseurin Céline Sciamma (Bild: Filmfest Hamburg)

Frau Sciamma, "Petite Maman" ist im Grunde ein kleiner, in der Umsetzung vermeintlich einfacher Film. War das Ihr Weg, dem Erwartungsdruck nach dem großen Erfolg von "Porträt einer jungen Frau in Flammen" zu entgehen?

Ehrlich gesagt haben mich "Porträt einer jungen Frau in Flammen" und die Reaktionen, die der Film ausgelöst hat, eher von Druck befreit, als dass sie ihn erhöht hätten. All die Liebe, die meiner Arbeit von Filmliebhaber*­innen auf der ganzen Welt entgegengebracht wurde, hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben.

Aber die Idee für "Petite Maman" ist ohnehin schon älter. Die hatte ich, während ich eigentlich das Drehbuch zu "Porträt einer jungen Frau in Flammen" schrieb. Ich wusste sofort, dass die Sache Potential hat, gerade weil die Prämisse eigentlich so einfach und vor allem so warmherzig ist.

Dass ich "Petite Maman" dann tatsächlich recht bald umgesetzt habe, lag allerdings auch an der Pandemie. Ein Projekt dieser Größe ließ sich trotz aller Einschränkungen recht problemlos umsetzen – und die Themen der Geschichte erschienen mir in Zeiten allgegenwärtigen Verlustes und Einsamkeit so zeitgemäß wie nie, für Jung und Alt.

Ist der Film für Sie einer, der nicht nur zwei Mädchen im Zentrum hat, sondern sich auch an ein Kinderpublikum richtet?

Für mich war immer klar, dass ich diese Geschichte nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder erzähle. Unter anderem deswegen haben wir den Film bewusst kurz gehalten. Eigentlich gibt es das ja in der Filmbranche nicht wirklich, dass man Filme macht, die sich explizit auch an ein junges Publikum richten, ohne dass sie gleich als Kinderfilme angesehen werden. Vermutlich ist Miyazaki der einzige, der unglaublich tolle Filme für alle macht, ohne das Kids-Label verpasst zu bekommen. Dabei ist es so wundervoll zu sehen, wie unterschiedlich verschiedene Altersklassen auf eine und dieselbe Geschichte reagieren.

Bei "Petite Maman" zum Beispiel scheinen die Erwachsenen eher auf die Mutter-Tochter-Beziehung anzuspringen, während Kinder vor allem auf das Verhältnis zur Großmutter und deren Verlust reagieren. Und tatsächlich war genau das mein ursprünglicher Gedanke bei diesem Film: dass ich damit eine Hilfe sein wollte beim Umgang mit Tod und Trauer.


Poster zum Film: "Petite Maman" startet am 17. März 2022 im Kino

Wo Sie gerade Miyazaki erwähnen: Welche Filme haben eigentlich Sie in Ihrer Kindheit geprägt?

Ich bin natürlich aufgewachsen in der großen Ära von Amblin Entertainment. "E.T." und Co. waren die Filme meiner Kindheit. Und natürlich "Kevin – Allein zu Haus". Das Besondere damals war ja, dass wir als Kinder andere Kinder auf der Leinwand sahen. Heute sehen die Mädchen und Jungs vor allem animierte Figuren, was natürlich auch Empathie wecken kann. Aber in meiner Erinnerung war es wirklich etwas ganz Besonderes, im Kino zu sitzen und Kinder wie mich als Held*­innen zu sehen. Das hat die Art und Weise, wie ich heute Kinder in meinen Filmen zeige, sehr geprägt.

Ist die Amblin- und Spielberg-Prägung auch dafür verantwortlich, dass Sie nun mit "Petite Maman" in gewisser Weise eine Zeitreise-Geschichte erzählen?

Haha, nicht wirklich, denn das war eigentlich gar nicht meine Absicht. Ich war schon halb mit dem Drehbuch fertig, als mir auffiel: Oh Mist, das wird ja ein Zeitreise-Film. Muss ich mich jetzt an irgendwelche bestimmten Regeln halten? Womöglich mein eigenes Manifesto schreiben? All das hätte mich sehr gelangweilt. Ich habe mich dann lieber auf meine kleine Geschichte konzentriert und mir keine Gedanken darüber gemacht, ob das Publikum angesichts des Konzepts "Mädchen begegnet ihrer eigenen Mutter als Kind" irgendwelche Genre-Elemente erwartet. Meine Herausforderung als Autorin lag in diesem Fall jedenfalls anderswo, nämlich darin, eine Geschichte zu schreiben, die ohne großen Konflikt auskommt und trotzdem innere Spannung hat.

War die schon erwähnte Länge des Films von gerade einmal 72 Minuten auch eine Herausforderung oder hat sich das im Schnitt ergeben?

Nein, das war ganz bewusst so geplant. Über so etwas denke ich schon nach, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Ich mag kurze Filme, denn die bringen in der Regel die Sache auf den Punkt und hinterlassen einen starken Eindruck. Außerdem verstehe ich meine Arbeit immer als eine direkte Zusammenarbeit mit den Menschen, die sie sehen. Ich will, dass das Publikum über sich selbst nachzudenken beginnt, noch während es den Film sieht, und das kann anstrengend sein. Überstrapazieren darf man die Zuschauer*­innen also auch nicht. Davon abgesehen finde ich heutzutage, wo mit gutem Grund eine Vielfalt der Stimmen im Kino gefeiert wird, kurze Filme auch aus einem anderen Grund gut. Denn je mehr Filme von zweieinhalb bis drei Stunden in den Kinos laufen, desto weniger Platz ist da für andere Filme. Kann man auch mal so sehen, finde ich.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zu "Petite Maman"
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Immer mal wieder schreiben Sie auch für oder mit anderen Regisseuren, im April etwa startet Jacques Audiards "Wo in Paris die Sonne aufgeht". Was reizt Sie an solchen Jobs?

Es ist einfach spannend, mit anderen Filmemacher*­innen zusammenzuarbeiten, wozu man ja sonst in diesem Beruf gar nicht unbedingt die Gelegenheit hat. Ich finde es hochinteressant, an anderer Leute Visionen mitwirken zu dürfen und an Geschichten und Szenen schreiben zu können, die mir selbst so vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen wären. Es ist aber auch eine sehr anstrengende, herausfordernde Arbeit, bei der man enorm viel Einfühlungsvermögen braucht.

Jacques' Film, den Sie ansprechen, ist der vorerst letzte, an dem ich mitgeschrieben habe – und das ist tatsächlich über fünf Jahre her. An seinem Skript arbeitete ich noch vor "Porträt einer jungen Frau in Flammen". Und ich denke, es wird vielleicht auch das letzte Mal gewesen sein, dass ich so etwas gemacht habe. Ich bin inzwischen an einem anderen Punkt auf meinem eigenen Weg als Filmemacherin und möchte eher meinen eigenen Leidenschaften nachgehen als denen anderer Leute. So viel Spaß mir das auch oft gemacht hat.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zu "Wo in Paris die Sonne aufgeht"
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Infos zum Film

Petite Maman – Als wir Kinder waren. Drama. Frankreich 2021. Regie: Céline Sciamma. Darsteller*­innen: Gabrielle Sanz, Joséphine Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal. Laufzeit: 72 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 6. Verleih: Alamode. Kinostart: 17. März 2022
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