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Ursula Strauss
"Wieso sollte man Kinder vor queeren Lebensentwürfen beschützen?"
Die ehemalige Kindergärtnerin Ursula Strauss ist seit Jahren eine der erfolgreichsten Schauspieler*innen Österreichs – und eine erbitterte Gegnerin der neuen "Homo-Propaganda"-Bewegung von Viktor Orbán und Co.

Ursula Strauss gehört zu den beliebtesten Schauspielerinnen Österreichs (Bild: Manfred Werner / wikipedia)
- 17. März 2022, 14:46h 4 Min.
Schauspielerin Ursula Strauss stellt in einem Interview mit dem "Stern" klar, dass sie die aggressiven Reaktion auf das gerade auf Deutsch erschienene diverse Kinderbuch "Märchenland für Alle" nicht verstehen könne. Das Buch sei "ein großartiges Projekt!", attestierte die 47-Jährige. Hintergrund ist, dass der Verlag nach dem Erscheinen in Ungarn gezwungen wurde, vor LGBTI-Inhalten zu warnen. Die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán startete so eine regelrechte Kampagne gegen queere Menschen, die in ein für Anfang April angesetztes queerfeindliches Referendum mündete (queer.de berichtete).
"Wieso sollte man Kinder vor queeren Lebensentwürfen beschützen, man verschweigt ihnen ja auch nicht die Existenz von heterosexuellen nicht?", fragte Strauss. "Und was ist denn, wenn die Kinder queer sind? Will man ihnen als Eltern nicht die bestmögliche Vorbereitung auf ihr Leben geben? Ein Nein ist immer eine Tür, die sich schließt."
"Sobald man geboren wird, ist man ein sexuelles Wesen"
Die klassischen Einwände von konservativer Seite, Kinder sollten nicht zu früh mit Sexualität konfrontiert werden, könne sie nicht nachvollziehen. "Das lässt sich nicht vermeiden, Sexualität ist eine der wichtigsten menschlichen Triebfedern. Sexualität beginnt nicht erst in der Pubertät. Sobald man geboren wird, ist man ein sexuelles Wesen", erklärte die Schauspielerin. "Frühkindliche Sexualität ist ein Tabu, unter anderem deshalb sind wir als Gesellschaft eher verklemmt." Man könne gar nicht früh genug anfangen, "über Sexualität und ihre Ausrichtung zu sprechen, weil es immer ein ganz natürlicher Bestandteil dieser Welt ist und sein wird".
Ihr sei es als Kind nie schwergefallen, Märchenfiguren zu abstrahieren. "Mich haben keine Fabelwesen oder sprechenden Tiere paralysiert, wieso also schwule Prinzen? Ich glaube bis heute daran, dass, wenn ich eines Tages nach Island reise, mir dort ganz sicher Feen begegnen werden." Alle Menschen bräuchten "etwas Mystik, ein Geheimnis". Sie sei zwar keine Esoterikerin, "aber ich habe auch Lust auf Dinge, die mir nicht sofort erklärbar sind. Ich mag auch die alten Märchen – trotz der Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Menschen darin."
In der Idee einer "Normalität", die Kindern vermittelt wird, sieht die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin die "Wurzel vielen Übels". Strauss: "Der Begriff der Normalität macht so viel kaputt. Das einzige, was als normal bezeichnet werden sollte, sind der gegenseitige Respekt, und ein größeres Verständnis füreinander. Der Versuch, sich in andere hineinzudenken, hilft oftmals auch andere Zugänge Sichtweisen oder Probleme zu verstehen und über den eigenen Tellerrand zu schauen."
Gegen tradierte Geschlechterrollen
Dass tradierte Geschlechterrollen auch in den heutigen Kinder- und Jugendgenerationen weiterhin präsent sind, sieht Strauss kritisch. "Es wäre schön, wenn diese Mädchen und Frauen sich aus eigenen Stücken entschieden hätten, so sein zu wollen. Aber viele erfüllen bloß Erwartungen, Klischees, Marketingkonzepte," erklärte sie. "Generell finde ich: Frauen sollten sich nicht mehr erklären müssen, für das, was sie sind. Hat man Kinder, hat man keine, ist man Karrierefrau, kümmert man sich um die Familie. Alle Lebensentwürfe haben ihre Berechtigung, und keiner hat das infrage zu stellen. Ich hatte zum Beispiel lange Zeit meine Schwierigkeiten damit, keine Kinder bekommen zu können." Wichtig sei für sie gewesen, "dass ich mir irgendwann selber glauben konnte, dass ich dadurch als Frau und als Mensch nicht weniger wertvoll bin. Aber es hört nicht auf, ich werde so oft danach gefragt, wieso ich keine Kinder habe. Einem kinderlosen Mann wird diese Frage nie gestellt."
Strauss bedauerte in dem "Stern"-Interview auch, dass Kinder "leider oft wie kleine Trottel" behandelt werden würden und nicht wie vollwertige Menschen.
Die 1974 in Oberösterreich geborene Schauspielerin war Kindergärtnerin, bevor sie in das Schauspielfach wechselte. Sie spielte in den letzten beiden Jahrzehnten in unzähligen Filmen und Fernsehserien mit. Für ihre Darstellung in Elisabeth Scharangs Spielfilm "Vielleicht in einem anderen Leben" gewann sie 2012 den Österreichischen Filmpreis, außerdem wurde sie sechs Mal mit dem Romy ausgezeichnet.
In Kürze ist sie im sechsteiligen Thrillerserie "Euer Ehren" zu sehen. Die Reihe ist eine Adaption der israelischen Serie "Kvodo", die auch in den USA unter dem Titel "Your Honor" mit Bryan Cranston verfilmt wurde. Online-Premiere der deutschen Adaption ist am 2. April in der ARD-Mediathek. Ab 9. April wird Das Erste die Serie ausstrahlen. Neben Strauss sind Sebastian Koch, Tobias Moretti, Paula Beer, Sascha Geršak, Taddeo Kufus und Lena Kalisch in den Hauptrollen zu sehen. (pm/cw)
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