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Sachbuch

Mehr Zusammenhalt statt Streit in der queeren Szene – aber wie?

Das neue Buch "Konsenskultur – Gemeinsam größer denken" aus dem Querverlag beschäftigt sich mit einem wichtigen Thema, bietet jedoch statt konkreten Lösungen fast nur oberflächliche Kalendersprüche.


Symbolbild: In der queeren Community geht es nicht immer besonders herzlich zu (Bild: martabranco / pexels)
  • Von Celine Giese
    20. März 2022, 14:21h 15 4 Min.

Russland überfällt die Ukraine, die Rufe der Rechten werden immer lauter, die Klimakrise nimmt an Fahrt auf und Covid spaltet unsere Gesellschaft. Noch nie erschien es mir wichtiger zu versuchen, uns wieder zur Konsensfindung zusammenzuschließen, um gemeinsam gegen die Krisen unserer Zeit anzukämpfen.

Von der Gesellschaft diskriminiert, hoffen viele queere Menschen, in der Szene Anschluss und Sicherheit zu finden – doch auch diese ist nicht frei von Vorurteilen. Lesben werden nicht für voll genommen, solange sie keine kurzen Haare haben oder zumindest ein Flanellhemd tragen; Bisexuelle stehen zwischen Homo- und Heterosexualität, gehören aber nirgends so richtig dazu, und Asexuelle passen überhaupt nicht ins Konzept, da sie Sex verabscheuen und das, wo die queere Community doch seit Jahrzenten um sexuelle Freiheit kämpft. Dies sind nur einige der Vorurteile, die auch in der Szene leider immer noch Anklang finden.

Doch die LGBTI-Community steht auch für gegenseitige Unterstützung und für einen gemeinsamen Kampf gegen eben diese Vorurteile. Das neue Buch "Konsenskultur: Gemeinsam größer denken" (Amazon-Affiliate-Link ) aus dem Querverlag machte mich deshalb neugierig. Der Titel des Essays von Joris Kern ließ mich auf ein Wachrütteln der queeren Community hoffen; er wirkte wie ein Aufruf zum Zusammenschluss, über all unsere Unterschiede hinweg.

Konflikte statt Konsens

Doch statt Konsens erwartet uns in dem 64-seitigen Band aus der Reihe "in*sight/out*write" zunächst eine ausführlichen Erläuterung der Konflikte um Safe(r) Spaces in queeren Räumen; die Frage wer in ihnen Platz hat und wer nicht und wie diese Spaces gestaltet werden sollten. Kern beschreibt das Tauziehen der Community um die eigenen Räume, bedauert den Mangel an Teamarbeit – und das war es dann auch schon mit der queeren Szene. Nachdem wir nun schon fast bei der Mitte des Buches angelangt sind, fällt zum ersten Mal das Wort Konsens.

Von nun an geht es um nichts anderes mehr. Die zentrale Frage "Wie schaffen wir miteinander eine Atmosphäre, in der Konsensentscheidungen funktionieren und in der misslungener Konsens und negative Erfahrungen aufgearbeitet werden können?" verdeutlicht die Relevanz von Safer Spaces für Konsensentscheidungen. Anschließend versinken die vorherigen Kapitel jedoch in klangloser Stille. Von der queeren Community bleibt nichts übrig außer einer ausufernden Einleitung.

Die Wirklichkeit der Utopie


"Konsenskultur" ist in der Reihe "in*sight/out*write" des Querverlags erschienen, die "Visionen entwerfen und Utopien wagen" will

Im Hauptteil entfaltet Kern nun seine*ihre Utopie der Konsenskultur; einer Kultur des Miteinander, die das Gelingen von Konsens durch Achtsamkeit und gegenseitige Unterstützung möglich macht und dadurch Vielfalt, Dialog, Respekt und Wertschätzung schafft. Das klingt schön, doch weitaus tiefgründiger wird es dann auch nicht mehr.

Wimmelte es zuvor noch von Beispielen und persönlichen Anekdoten, spart Kern ausgerechnet jetzt, wo es in den komplexeren theoretischen Teil übergeht, an ebendiesen. Das Verständnis komplexer Begriffe wie "Patriarchat" oder "Kapitalismus" wird wie selbstverständlich vorausgesetzt; einige Sätze später wird dann jedoch der Ausschluss bestimmter sozialer Gruppen durch die Sprache kritisiert.

Zur Frage, wie diese Utopie der Konsenskultur Wirklichkeit werden kann, zählt Kern am Ende rezeptartig einige Eigenschaften auf, die jede*r Einzelne ausbauen müsse; konkretere Vorschläge vermisst man bis zum Schluss.

Konsenskultur als Kriterium der Metaebene

Mit der Aussage, Konsenskultur nicht als Forderung, sondern als "Kriterium, das auf der Metaebene mitläuft", zu verstehen, verliert der Essay schließlich endgültig an Aussagekraft. Denn auch wenn wir nach Vorschlag des*der Autor*in so handeln, als würden wir bereits in einer Konsenskultur leben, so sollten wir doch nie aufhören, Achtsamkeit von unseren Mitmenschen einzufordern. Gerade die Äußerung unserer Wünsche und Bedürfnisse ist die Voraussetzung, um Konsens schaffen zu können. Wir müssen diese einfordern, wir müssen eine Kultur, in der es möglich ist, dass Konsens gelingen kann, einfordern.

Letztlich bleibt von dem Willen, eine Kultur des Konsens zu erschaffen, nicht mehr übrig als ein Kalenderspruchbuch: Es klingt gut und wichtig, lässt eine*n jedoch ratlos zurück. Es bleibt ein Ansatz ohne tiefergehende Fortführung, eine unnötig lange schriftliche Verfassung von dem, was alle sowieso schon wissen: "Mehr miteinander statt gegeneinander".

Infos zum Buch

Joris Kern: Konsenskultur: Gemeinsam größer denken. Band 9 der Reihe in*sight/out*write. 64 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 8 € (ISBN 978-3-89656-318-7

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-w-

#1 Lucas3898Anonym
  • 20.03.2022, 15:36h
  • Da würde man wohl in einem BDSM-Ratgeber deutlich mehr zu Konsens finden.
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#2 PeerAnonym
  • 20.03.2022, 15:48h
  • Das fordere ich ja bereits seit langem.

    Es hat mich immer schon massiv gestört, wie alleine schon in schwulen Kneipen, Clubs, etc. Leute, die einem aus irgendeinem Grund nicht passen, regelrecht ausgeschlossen werden und man die das auch merken lässt. Oder dass sie sogar richtig gemobbt werden.

    Sei es, dass man zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung ist; dass man zu feminin rüberkommt; dass man die falschen Klamotten oder den falschen Job hat; etc. etc. etc.

    Es ist vollkommen okay, dass man nicht jeden Typen scharf findet. Aber man muss doch nicht mit jedem ins Bett wollen, um vernünftig und wie Menschen miteinander umzugehen. Oder vielleicht sogar befreundet zu sein.

    Im Gegenteil: ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Freundschaften zwischen Schwulen, die nicht aufeinander stehen, oft die besten sind: weil man zwar einerseits ganz offen über schwule Themen sprechen kann, ohne dass man Angst haben muss, damit Hetero-Kumpel zu vergraulen. Aber andererseits stehen einem keine Gefühle im Weg.

    Aber selbst wenn man nicht befreundet ist, kann man zumindest die Grundregeln menschlichen Miteinanders befolgen und muss andere LGBTI nicht vergraulen, nur weil man nicht auf sie steht.

    Da haben manche von uns mehr Mobbing drauf als so manche Heteros.

    Gemeinsam könnten wir so viel mehr erreichen, als wenn wir unsere Kraft bei community-internen Streitigkeiten, Mobbing, etc. vergeuden. Aber so brauchen sich die Homo- und Transhasser nur entspannt zurückzulehnen und zuzusehen, wie wir uns vieles selbst kaputt machen.
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#3 Carsten ACAnonym
  • 20.03.2022, 18:22h
  • Antwort auf #2 von Peer
  • Volle Zustimmung.

    Wir könnten längst so viel weiter sein, wenn wir alle an einem Strang ziehen würden.

    Ich habe noch nie gehört, dass Schwarze, Frauen oder andere unterdrückte Gruppen sich mehr mit dem Aussehen anderer Mitglieder ihrer Gruppe beschäftigen, als mit dem Kampf gegen Rassisten, Sexisten, etc.

    Nur bei uns ist das leider allzu oft so.
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