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Neues Album von Placebo

Für eine knappe Stunde ist die Welt wieder halbwegs in Ordnung

Placebo wirkt, und der Beweis heißt "Never Let Me Go": Nach fast zehn Jahren kehrt die Band um Brian Molko mit einem neuen Longplayer und einer queeren Hymne zurück.


Brian Molko und Stefan Olsdal alias Placebo sind wieder aufgetaucht (Bild: Promo)

Es gab eine Zeit, da war es für Männer alles andere als opportun, im Dresscode eines androgynen Aliens Songs über schwulen Sex oder die eigene männliche Fragilität zu singen. Angesagt waren in jener Zeit – wir sprechen über die 1990er Jahre – eher Holzfällerhemd-tragende Rocker wie Eddie Vedder oder die unsäglichen Gallagher-Nervensägen, die mit heterosexuell-prüder Vorstadt-Normalität und Macho-Attitüde den größten Hype des Jahrzehnts hervorzurufen vermochten. Als hätte es von-Männern-für-Männer-gemachte Rockmusik nicht auch damals schon wie Sand am Meer gegeben.

Doch zum Glück gab es auch in jener Zeit schon Bands wie Placebo, denen all das und am meisten fragile Konstrukte wie Männlichkeit herzlich egal waren. Mehr als die Frage, wer den größten Bizeps oder den längsten Schwanz hat, interessierten sich Brian Molko und sein treuer Wegbegleiter Stefan Olsdal nämlich dafür, in welcher Farbe ihre Fingernägel am nächsten Abend wieder würden glänzen dürfen – in aller Regel natürlich in schwarz.

Strahlend schön und tiefschwarz


Das Album "Never Let Me Go" ist seit 25. März 2022 im Handel erhältlich

Und genauso klingt auch ihre Musik, seit mittlerweile über 25 Jahren: Strahlend schön und immer tiefschwarz. Daran hat sich auch auf "Never Let Me Go" (Amazon-Affiliate-Link ) wenig verändert. Was nicht bedeutet, dass sich überhaupt nichts verändert hätte am Gesamtsound der Band. Im Vergleich zum Frühwerk der Band gibt es mittlerweile etwa deutlich mehr Synthesizer-Einsprengsel, und die meisten Songs pendeln sich eher ein paar BPM unterhalb der recht Up-Tempo-lastigen Stücke der frühen Jahre ein.

Doch fernab solcher Feinjustierungen klingen Placebo auf jedem Album immer noch so sehr und unverkennbar nach Placebo, dass sich die Feuilletonist*­innen dieser Welt mittlerweile tatsächlich Gedanken darüber machen sollten, den Begriff "Placebo Rock" einzuführen. Nicht etwa deshalb, weil es nicht schon genug obskure Begrifflichkeiten zum Zwecke der Genre-Einordnungen gäbe, sondern schlicht deshalb, weil niemand nach Placebo klingt. Außer eben Placebo selbst.

Queere Hymne "Beautiful James"

Mit 13 Songs und einer Spielzeit von fast 60 Minuten ist der neue Longplayer für Placebo-Verhältnisse ungewöhnlich lang geworden. Vier dieser Songs waren innerhalb der letzten Wochen und Monate bereits ausgekoppelt worden, darunter das wunderschöne "Beautiful James", eine queere Hymne, die all die Stärken der Band vereint, für die man sie seit jeher so liebt: Eine eingängige Hookline, ein hymnischer Refrain, eine rhythmische Geradlinigkeit und über allem die von Molko vorgetragenen Lyrics – mit einer Stimme, die rein technisch betrachtet seltsam nasal und manchmal fast schon dünn klingt und in ihrer unnachahmlichen Eindringlichkeit dennoch emotionale Eiswelten aufzubrechen vermag.

Direktlink | Queere Hymne "Beautiful James"
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Außerdem hervorzuheben sind "The Prodigal", das mit einem opulenten Orchesterriff versehen ist, das ebenfalls schon ausgekoppelte und im Mid-Tempo angesiedelte "Surrounded by Spies", in dem die allgegenwärtige Paranoia im Zeitalter des Digitalen Kapitalismus verhandelt wird sowie das schnelle und gleichermaßen melodische "Twin Demons", das man sich ähnlich wie auch "Beautiful James" als zukünftige Hymne auf den Indie-Dacefloors vorstellen kann.

Direktlink | Weiteres Highlight des Albums: "The Prodigal"
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Rockmusik ist tot, lang lebe Placebo

Placebo sind auch in einer Zeit, in der Rockmusik eigentlich schon tot ist, immer noch ein mediales Phänomen, und "Never Let Me Go" unterstreicht, warum dieses Maß an Beachtung tatsächlich einmal seine Berechtigung hat. Alles, was sie anfassen, wird zu – nein, nicht Gold – strahlendem Mattschwarz. Und ihre Songs bieten Geborgenheit für all jene, die nie zuvor Geborgenheit erfahren haben.

Und um abschließend noch eine letzte Unsicherheit auszuräumen: Wer auch nach 25 Jahren noch solche Alben zu produzieren imstande ist, der muss keine Angst haben, dass man ihn gehen lassen würde. Niemals!

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-w-

#1 DreddAnonym
  • 28.03.2022, 19:39h
  • Hach, "Surrounded by spies" ist zwar definitiv einer ihrer besseren Songs und auch "Battle for the sun" hatte noch seine Momente, aber das letzte richtig geile Album war leider "Meds"

    Dennoch eine der geilsten Bands, Live immer ein Erlebnis ( Wobei ich die Preise für die aktuelle Tour assig finde ) und selbst in den schwächeren Momenten besser als der Rest ( fanboy seit den 90ern ;) )
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#2 Tante KätheAnonym
  • 30.03.2022, 07:37h
  • Ich habe selten einen so guten, fachlichen und doch leidenschaftlichen Bericht gelesen!
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