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Neu im Querverlag
Die Mutter eines trans Kindes erzählt von ihren Kämpfen
Dass auch im 21. Jahrhundert in Deutschland der angemessene Umgang mit transgeschlechtlichen Kindern keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt Maria Vöcklers und Sara Schurmanns Buch "Blau mit ganz viel Glitzer".

Symboldbild: Kind mit Augen-Make-up in den Farben der Transflagge (Bild: kylewilliamurban / unsplash)
- Von Johann_a Lohfink
2. April 2022, 07:29h 4 Min.
Der Titel "Blau mit ganz viel Glitzer" (Amazon-Affiliate-Link ) verheißt vor allem Positives: Ausprobieren, kindliche Freude, Leichtigkeit. Tatsächlich sind diese Themen an vielen Stellen der Autobiografie der Mutter von Luisa, eines trans Mädchens im Kindergartenalter, greifbar. Zum Beispiel, wenn Luisa sich über eine Geburtstagsparty im "Frozen"-Stil freut oder mit ihrer Familie Muscheln am Meer sammelt. In vielen anderen Teilen liest sich das Buch vin Maria Vöckler und Sara Schurmann aber eher wie ein Alptraum. Luisas Weg zum Leben als die, die sie ist, ist trotz der Unterstützung ihrer Eltern von fast allen Hürden gezeichnet, die sich in dieser Situation denken lassen.
Das beginnt mit der immer wieder – auch von einer Psychologin – misstrauisch gestellten Frage an die Mutter, ob sie sich vor der Geburt ein Mädchen gewünscht habe, und setzt sich fort mit der Patentante, die die Transidentität von Luisa anzweifelt, was schließlich zum Kontaktabbruch führt. Den schlimmsten Schock erleben die Eltern, als der Kindergarten, der sich zunächst unterstützend zeigt, beim Jugendamt aufgrund von Luisas Transidentität einen Verdacht der Kindeswohlgefährdung anzeigt. Luisas Eltern informieren sich, suchen Unterstützung, kämpfen. Der große Stress, den die Untersuchung des Jugendamtes auslöst, ist in der Beschreibung greifbar: "Was passiert hier gerade? Ist das der Anfang vom Ende? Wird mir das Jugendamt mein Kind wegnehmen?"
Luisa entwickelt Selbstvertrauen

"Blau mit ganz viel Glitzer" ist Ende März 2022 im Berliner Querverlag erschienen
Am Ende kommt es nicht dazu. Luisa findet einen Platz in einem Kindergarten, der sie unterstützt, und schließlich auch eine Schule, in der sie Zeugnisse bekommt, die ihren tatsächlichen Namen enthalten. Neben mancher Ablehnung im engeren Umfeld gibt es auch viel Unterstützung und Menschen, die ihre Haltung mit der Zeit ändern. Nicht zuletzt deshalb, weil Luisa Selbstvertrauen entwickelt. "Opa, du brauchst mich gar nicht so anschauen, ich bin nun mal so", sagt sie zu ihrem Großvater, als der sie eindringlich und skeptisch mustert. Daraufhin spricht er sie zum ersten Mal mit "Luisa" an.
Dass Luisa mit ihrer Identität so umgehen kann, hat sie unter anderem ihren kämpferischen Eltern zu verdanken. Nichtsdestotrotz gibt es manche Wermutstropfen in der Beschreibung, die die Perspektive der Mutter ins Zentrum rückt. An mehreren Stellen thematisiert sie ihre Traurigkeit darüber, dass ihr Kind trans ist: "Es ist fast so, als ob Luis gestorben wäre. Ich weiß natürlich, dass das nicht stimmt. […] Aber ich trauere natürlich auch meinem Sohn Luis nach, der durch meine Tochter Luisa ersetzt wurde."
Das ist auf der einen Seite aufrichtig. Andererseits stimmt es traurig und nachdenklich, dass die fälschlich angenommene Geschlechtsidentität eines noch sehr jungen Kindes bereits eine so große Rolle für die Eltern spielen kann. Hier wäre etwas mehr Beschreibung der Reflexion der Mutter darüber, warum sie diesen Verlust spürt und wie sie ihn verarbeitet, wünschenswert gewesen.
Zugeständnisse an cis Leser*innen
Auch die Entscheidung, Luisa in den ersten Kapiteln mit ihrem – für das Buch geänderten – männlichen Geburtsvornamen zu bezeichnen, lässt Zweifel aufkommen. Zwar wirkt die chronologische Erzählung so für die Leser*in nachvollziehbar. Andererseits verstärkt es den Eindruck: Hier hat sich die Identität von jemandem in kurzer Zeit verändert. Angesichts dessen, wie sicher Luisa von Anfang an im Ausdruck ihrer Identität wirkt, wäre es wohl näher an der Wahrheit, davon zu sprechen, dass ihre Geschlechtsidentität schon immer weiblich war und diesem Umstand auch sprachlich mehr gerecht zu werden.
Luisa von Anfang an als Luisa zu bezeichnen, hätte einen Großteil der cis Leser*innenschaft irritiert. Dass Luisas Mutter die Wirkung ihres Buches auf das Publikum am Herzen liegt, macht die Psychologin, die das Nachwort zum Buch schreibt, deutlich: "Sie möchte Mut machen, dabei niemandem auf den Schlips treten, falls sie mal nicht die genderkorrekten Begrifflichkeiten verwendet hat, und noch einmal mehr aller Welt sagen, wie sehr sie ihre Tochter liebt!"
An der Liebe von Luisas Mutter gibt es keinen Zweifel. Auch nicht an ihrer Tapferkeit im Umgang mit den behördlichen und anderen alltäglichen Hindernissen, die eine immer noch in vielen Teilen transfeindliche Gesellschaft Luisa in den Weg stellt. Dieser Feindlichkeit auch mit mehr Mut zum Irritieren in den Formulierungen ihres Buches gegenüberzutreten, hätte der Beschreibung gutgetan. Auf den Schlips getreten wäre Luisas Mutter dann wirklich manchen ihrer cis Leser*innen. Genau diese Störungen hätten der persönlichen Schilderung aber die wichtige kritische Wendung gegeben, die das Thema Transgeschlechtlichkeit aktuell braucht.
Maria Vöckler, Sara Schurmann: Blau mit ganz viel Glitzer. Das Leben mit meinem trans* Kind. 192 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 15 € (ISBN 978-3-89656-314-9). E-Book: 9,99 €
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Tatsache ist aber halt, dass das Thema Transgender noch für Irritationen bei vielen diesbezüglich unwissenden bzw. ungebildeten Menschen sorgt. Warum aber sollte man diesen Menschen diese Irritation ersparen? Es ist nun einmal nötig, dass in den Köpfen etwas passiert - ein Lernprozess, der eben durchaus auch irritierend sein kann, weil er bisherige Überzeugungen erschüttert. Wenn ich das jemandem "ersparen" will, verhindere ich letztlich diesen Lernprozess.
Dass die Mutter durch das Deadnaming niemandem auf den Schlips tritt, möchte ich außerdem schwer anzweifeln. Wäre ich Luisa, wäre ich nicht sehr erfreut, wenn in einem Buch über mich immer wieder dieser Deadname stehen würde. Außerdem nährt ein solches Wording die Mär, dass jemand "ursprünglich ein Junge war", was keineswegs zur Aufklärung dient, sondern eher zur Zementierung der Mythen von "Geschlechtsumwandlung", "Wunsch, als Mädchen zu leben", "als Junge geboren, aber nun zur Frau umoperiert" und all diesen toxischen Narrativen.
Wie auch dieser Artikel im Fazit, so bin ich der Ansicht, dass dem Thema (und auch der Person Luisa und allen anderen Trans Personen) mehr gedient gewesen wäre, wenn über Luisa so gesprochen worden wäre, wie sie sich von Anfang an gefühlt hat, wie sie von Anfang an WAR und ist.
Da ich das Fazit sehr wichtig finde, möchte ich noch einmal die Passage hervorheben, die ich für besonders entscheidend halte:
"Dieser Feindlichkeit auch mit mehr Mut zum Irritieren [...] gegenüberzutreten, hätte der Beschreibung gutgetan. Auf den Schlips getreten wäre Luisas Mutter dann wirklich manchen ihrer cis Leser*innen. Genau diese Störungen hätten der persönlichen Schilderung aber die wichtige kritische Wendung gegeben, die das Thema Transgeschlechtlichkeit aktuell braucht."
Daher vielen Dank für diese klare Positionierung!