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Unter Beschuss

Wie ein queerer Kriegsreporter ins Kreuzfeuer der Kritik gerät

Terrell Jermaine Starr berichtet seit Kriegsbeginn live aus der Ukraine. Mit seinem Coming-out als queer setzt er ein starkes Zeichen. Dennoch wird er attackiert, auch aus der Community. Die Begründung ist kleingeistig.


Terrell Jermaine Starr bei einem Einsatz in der Ukraine

Nur wenige Minuten, nachdem am 18. März die erste Rakete am Stadtrand von Lemberg einschlägt, steht Terrell Jermaine Starr vor der Kamera. In den MSNBC-News berichtet er live vom Schauplatz, während ihm ein Millionenpublikum zuhört. Wer sich in den USA über das derzeitige Kriegsgeschehen kundig machen möchte, kommt an ihm nicht vorbei. Die US-Tageszeitung "Politico" hat ihn auf einer ganzen Zeitungsseite porträtiert. Für viele ist er der Reporter der Stunde – einer der wenigen Mutigen, die nicht nur vor Ort präsent sind, sondern die Region seit vielen Jahren kennen.

Vieles an Starr, der aus Detroit stammt, ist ungewöhnlich. So ist er etwa weit und breit der einzige Journalist mit schwarzer Hautfarbe. Allein das macht für ihn die Situation nicht leicht. Doch Erfahrungen mit Diskriminierung und Bedrohungen in einer Umgebung, die nahezu ausschließlich von hellhäutigen Menschen geprägt ist, sind für ihn nichts Neues. Vor mehr als zwanzig Jahren kommt er als Student nach St. Petersburg, um an einem Freiwilligenprogramm in einem Waisenhaus teilzunehmen. Dabei gerät er auf der Straße mit Gruppen feindseliger Skinheads in bedrohliche Konflikte.

Dennoch engagiert er sich immer wieder in ehrenamtlichen Projekten in Russland, Georgien und der Ukraine. Schließlich bekommt er ein begehrtes Fulbright-Stipendium, das er dazu nutzt, sich mit Rassismus in Osteuropa auseinanderzusetzen. Zuletzt lebt der knapp über 40 Jahre alte Starr in Kiew, als Russland die Ukraine attackiert. Zum Kriegsreporter wird er durch Zufall.

Regenbogenflagge schwenken beim Raketenangriff

An Starrs journalistischer Arbeit ist bemerkenswert, dass er sich nicht auf die Rolle des Beobachters beschränken lässt, sondern in das Geschehen eingreift und dabei immer wieder ein hohes Risiko eingeht. Er verhilft etwa einer krebskranken Frau zur Flucht, indem er sie im Privatwagen von einem notleidenden Krankenhaus in Kiew nach Lemberg bringt. Während des Interviews mit ihr sendet seine Handykamera am Selfie-Stick Live-Bilder ins MSNBC-Studio. Es ist nicht die einzige Flucht, die er seit Kriegsbeginn organisiert und begleitet. Drei Familien bringt er zur polnischen Grenze.

Mindestens genauso außergewöhnlich ist auch das: Am 23. März – mitten im Kriegsgeschehen – offenbart Starr auf Twitter seinen mehr als 300.000 Follower*innen, queer zu sein. "Ich weiß, ihr wollt hier Analysen und Berichte zum Krieg", heißt es in einem von mehreren Coming-out-Tweets. "Ich spreche viel über meine Identität als Schwarzer. Aber heute soll es mal um meine queeren vibes gehen."

/ terrelljstarr

Seit mehr als vier Monaten sei ihm seine Identität als queerer cis-Mann bewusst. Als heterosexuell könne er sich schon länger nicht mehr identifizieren. Und auch wenn der Zeitpunkt unpassend erscheine, sei er durchaus dazu in der Lage, "die Regenbogenflagge zu schwenken und gleichzeitig Raketenangriffen auszuweichen".

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Tausende Likes, aber auch heftige Kritik

Die Resonanz auf seine Tweets an diesem Abend sind enorm. Sie werden hundertfach geteilt und erhalten Tausende Likes. Doch nicht alle sind von seinem Coming-out begeistert. Neben unverhüllt homophoben Kommentaren gibt es auch von Seiten der LGBTI-Community missbilligende Stimmen.

Kritik entzündete sich daran, dass seine queere Identität für Terrell eine Kopfsache zu sein scheint. In einem seiner Tweets hatte er bekannt, eine "Vielzahl von Frauen" zu begehren und sich von Männern sexuell bislang nicht angezogen zu fühlen. "Für mich ist das eher ein intellektueller Weg der Annäherung, so wie das auch in anderen Bereichen meines Lebens war. Die Art und Weise, wie ich über strukturelle Unterdrückung denke, rührt daher, dass ich mich in meinem Denken nicht heteronormativ fühle."

/ terrelljstarr
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Ob Starr diesen eingeschlagenen Weg nun weiter verfolgen wird oder nicht – angesichts der derzeitigen Umstände sind seine Äußerungen geradewegs ein Akt von Zivilcourage (an der es ihm ohnehin nicht mangelt). Gerade jetzt, da der Krieg gegen die Ukraine alte Rollenklischees aufs Neue befeuert und das Bild des unerbittlichen heterosexuellen Kämpfers propagiert, dessen Moral nicht durch Selbstzweifel, Schwäche oder Genderdebatten aufgeweicht werden darf, setzt Starr mit seinem Coming-out ein starkes Zeichen.

Wutanfall eines lesbischen Kollegin

Ungeachtet dessen nimmt die lesbische Musikjournalistin Eve Barlow Starrs Aussagen zum Anlass für einen verbalen Wutanfall. In ihrer Antwort spricht sie ihm das Recht ab, sich als queer zu bezeichnen: "Terrell, bist du jemals mitten in der Nacht schweißüberströmt und mit Schuldgefühlen aufgewacht, weil du einen Sextraum von jemandem in deiner Schule hattest, der das gleiche Geschlecht hatte wie du? Hast du jemals Angst gehabt, dass du auf der Straße attackiert werden könntest, weil du die Hand einer Person hältst, die du liebst? Oder weil dein Körperbild den heterosexuellen Normen nicht entspricht? Hast du dich jemals danach gesehnt, frei zu leben und zu lieben wie heterosexuelle Menschen?"

Es ist erstaunlich, wie wenig Barlow zur Abstraktion fähig ist und zur Empathie, sich in die Situation von Starr zu versetzen. Hätte sie in ihrem dramatischen Text nur einmal gedanklich das Wort "heterosexuell" durch "weiß" ersetzt, hätte sich ihre Empörung vielleicht unmittelbar in Luft aufgelöst. Als Afroamerikaner dürfte Terrell Jermaine Starr nämlich nicht eine von den ausgrenzenden Erfahrungen, die Barlow auflistet, erspart geblieben sein.

Mal ganz davon abgesehen, dass sich Starr nicht nur mit Rassismus, sondern seit mehr als einem Jahrzehnt ebenso mit Homosexualität und heteronormativen Unterdrückungsmechanismen beschäftigt. Das online-Magazin newsone.com, das sich an ein afroamerikanisches Zielpublikum richtet, veröffentlichte im Mai 2012 von ihm einen vielbeachteten Text, in dem er einen bis dahin weit verbreiteten homophoben Mythos aufs Korn nahm, um ihn sogleich als solchen zu dekonstruieren – nämlich jene weitverbreitete Annahme, dass es unvereinbar sei, schwarz und zugleich schwul zu sein.

/ terrelljstarr
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Queeres Coming-out als glamouröser Gratis-Anstrich?

Indes verstummte die Kritik an Starr auch in den Tagen nach seinem Coming-out-Coup auf Twitter nicht. Als Tiefpunkt darf man die Kolumne des schwulen Journalisten und "Dr. Who"-Scriptwriters Gareth Roberts auf dem politisch am rechten Rand orientierten online-Magazin spiked.com bezeichnen. Darin schmäht der Brite die Selbstbezeichnung "queer" als ein Attribut, das neuerdings heterosexuellen Männer zur Kompensation ihrer Minderwertigkeitskomplexe diene. Roberts nennt ausgerechnet Terrell Jermain Starr als Beispiel für einen jener Männer, die sich mit einem schmerzfreien queeren Coming-out ohne schwule Vorgeschichte lediglich einen glamourösen Gratisanstrich verpassen wollten, weil ihr Leben ansonsten nichts zu bieten habe. Über Starrs vielfältiges und langjähriges Engagement, über seinen Einsatz für LGBTI-Rechte oder über seinen Erfolg als Kriegsberichterstatter in den US-Medien verliert Roberts kein Wort. "Queer" ist für Roberts im Unterschied zu "gay" einzig eine Frage von Konsum und Lifestyle.

Tatsächlich ist der Streit um den Begriff "queer" nicht ganz neu, und auch in Deutschland wurde bereits eine Debatte darüber angestoßen. In einem Essay für die "taz" im vorletzten Sommer störte sich Jan Feddersen ebenso wie Roberts an dem vermeintlich prätentiösen Beigeschmack: "Queer klingt parfümiert, uneigentlich" – womit er meint: weich, zart und asexuell. Für Feddersen ist die Aussage vor allem auch ein Stilmittel, ein "Versuch, an der Oberfläche subversiv zu sein, wie der Heteromannn, der sich die Fingernägel lackiert: Geht's noch unpolitischer?"

Wer darf sich queer nennen und wer nicht?

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Sich die Fingernägel zu lackieren, kann unter Umständen auch für einen Heteromann eine existentielle Erfahrung sein. Ein solcher veröffentlichte im Berliner "Tagesspiegel" unter dem Pseudonym Rosi Badt einen Erlebnisbericht als feiernde Dragqueen in Berlin: Zunächst erschüttert der Blick in den Spiegel sein Selbstbild als Mann. Doch das allein hätte er gut verkraftet, wäre er mit seiner Begleitung auf der Straße nicht von zwei Jungs als "scheiß Schwule" beschimpft worden. Die Anfeindung wird ihn noch lange beschäftigten. Andererseits erweitert die Lust, an sich selbst durch das Rollenspiel neue Facetten zu entdecken, seinen Horizont.

Wer darf sich queer nennen und wer nicht? Und wie definiert man das überhaupt? Die im Dezember verstorbene Philosophin bell hooks (ein Pseudonym, das sie absichtlich immer in Kleinschreibung nutzte) hatte dafür eine plausible Antwort parat: "Bei 'queer' geht es nicht darum, mit wem du Sex hast – das kann eine Dimension davon sein. Vielmehr geht es bei 'queer' um dein Selbst, das sich im Widerspruch zu seiner Umgebung befindet und für sich eine Sprache erfinden muss, um weiter zu gedeihen und zu leben."

Wöchentliche Umfrage

» Können cis heterosexuelle Menschen queer sein?
    Ergebnis der Umfrage vom 04.04.2022 bis 11.04.2022
-w-

#1 Schon
  • 03.04.2022, 07:07hFürth
  • Lebt Queer nicht von der Inklusion von allen Menschen, die dem Geist von Queer entsprechen und dessen Bedeutung erkannt haben?
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#2 dochschonAnonym
  • 03.04.2022, 08:12h
  • Antwort auf #1 von Schon
  • Denke, dass deine Frage eine mögliche und auch am ehesten zutreffende Umschreibung beinhaltet.

    Queer ist meiner Überzeugung nach nicht ein Begriff, den wer für sich in Anspruch nehmen darf oder soll, wenn eine Liste von definierten Merkmalen erfüllt wird.
    Allein beim Thema Erfahrung oder praktischer Umsetzung persönlicher Sexualität mit einer weiteren Person ist die Sinnlosigkeit des Begriffs queer als eine Art Qualitäts-Label nicht nur anmaßend sondern auch völlig sinnlos.

    Wieso meinen manche Menschen immer wieder anderen erzählen zu können, wer sie sind, was sie dürfen und wie sie zu sein haben, wenn sie wahre und echte Queers, Frauen oder Menschen sein möchten?
    Auf einem Diagramm mit definierten Quantitäten und Qualitäten wird der Wert einer Person hinsichtlich seiner Queerness ermittelt?!
    Für mich einfach eine dümmliche Schatten-Diskussion.
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#3 Elfolf
  • 03.04.2022, 08:18hHamburg
  • Antwort auf #1 von Schon
  • Im Grunde hast du Recht, aber es gibt Leute, wenn sie erst sich selbst als queer akzeptiert haben, sind sie gefühlt viel queerer als andere. Ungefähr so, wie wenn Erwachsene plötzlich von evangelischen zum katholischen Glauben wechseln und dann päpstlicher als der Papst werden. Sie sehen sich nicht mehr als Teil einer Community, sondern wollen ein selbst definiertes Ideal verkörpern.
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