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Neu im Querverlag

Ein junger Schwuler findet seine Stimme

Markus Jägers neuer Roman "Theo wird lauter" ist eine liebevolle, empathische und authentische Skizzierung der inneren Unruhe und Verunsicherung, die queere Jugendliche überall auf der Welt durchlaufen.


Symbolbild: Ein junges schwules Paar umarmt sich (Bild: polina-tankilevitch / pexels)

Theo heißt mit Nachnamen Lauter. Theo Lauter. Die Witze seiner Mitmenschen – seien es Schüler*innen, Lehrer*innen oder Familienmitglieder – in Bezug auf die Tatsache, dass er alles andere als laut ist, schreiben sich förmlich von selbst.

Theo ist 17 Jahre alt, als Markus Jägers neuer Roman "Theo wird lauter" (Amazon-Affiliate-Link ) im Jahr 1993 seinen Anfang findet. Schon auf der ersten Seite beschreibt er sich als den "leisesten Jugendlichen, den es gibt". Er ist ein guter Schüler, ein wohlerzogener Sohn und ein braver Enkel. Er und seine Familie leben im österreichischen Innsbruck, für Besuche bei den Großeltern geht es regelmäßig in das idyllische Mieders. Beide Orte werden von Theo trotz ihres Unterschiedes an Einwohnerzahlen als konservativ, bedrückend und einengend geschildert. Für einen jungen Mann, der sich anders als die anderen fühlt, gibt es in keiner der beiden Städte die Perspektive der Entfaltung.

"Das ist halt so"

Die Ausflüge nach Mieders haben zuletzt an Regelmäßigkeit zugenommen, da Theos Oma Krebs hat. In diesem Zusammenhang werden Leser*innen zum ersten Mal in das Familienmotto eingeweiht: "Das ist halt so." Der Krebs der Oma ist eben da. Darüber reden lohnt nicht. Davon geht schließlich der Krebs nicht weg.

"Das ist halt so" ist natürlich das gelungene Totschlagargument. Wenn sich über etwas beschwert wird oder man die eigene Trauer über den bevorstehenden Tod der geliebten Oma kundtut und mit einem: "Das ist halt so" abgebürstet wird, lernt man schnell, dass es wenig lohnt, die eigenen Gedanken zu teilen. Genau dies ist die Stimmung im Hause Lauter.

Auch außerhalb seiner Familie fühlt sich Theo nicht gesehen und gehört. In einem Vergleich mit einem Gemälde beschreibt sich Theo als einen "Farbtupfer. Irgendwo am Rand. Ein übersehbarer Punkt". Einzig seine beste Freundin Susii – das zweite i fügte sie selbst hinzu, da sie alles andere als gewöhnlich ist – ist lebendig und schafft es ab und an, dem leisen Theo das Mikrofon hinzuhalten.

Toxische Männlichkeit


"Theo wird lauter" ist Ende März 2022 im Berliner Querverlag erschienen

Das Motto von Theos Familie hat seinen Ursprung im guten maskulinen Pragmatismus. Die Eltern von Theo wurden in den 1950er Jahren geboren. Seine Großeltern gehören somit der Generation Zweiter Weltkrieg an. Die Traumata, ausgelöst durch Gesehenes und Erlebtes, sitzen tief.

Viele dieser Familien wurden von einem Patriarchen mit einem Unverständnis für Zuneigung geführt. Die Frau des Familienoberhaupts hat fromm die Anweisungen des Gatten angenommen. So nahm der Mann der an Krebs erkrankten Oma so viel Raum in der Ehe ein, dass sie eigene gesundheitliche Probleme ignorierte und der Krebs bereits zu weit fortgeschritten war, um noch Hoffnung auf Heilung zu haben. Aber das ist eben so.

Theos Eltern sind Leidtragende der liebesarmen Erziehung durch die Väter bzw. die vorgelebten Rollenbilder des Mannes, der Geld nach Hause bringt, und der Frau, die sich um Kinder und Haushalt kümmert. Darüber hinaus haben Theos Eltern nicht gelernt, zu kommunizieren. Am Esstisch werden maximal Floskeln ausgetauscht. Sie sind dabei gewiss keine schlechten Eltern, die ihre Kinder – Theo hat eine ältere Schwester, Klaudia – nicht lieben. Sie wissen schlichtweg nicht, wie Zuneigung gezeigt wird, da sie es nie erfahren und somit nicht gelernt haben.

Die Männer in Theos Familie würde ich fast als Karikaturen von toxischer Männlichkeit bezeichnen, wenn ich nicht selbst wüsste, dass es sie in Realität wirklich gibt. Als der gute Schüler, der Bier wenig abgewinnen kann und eher schüchtern auftritt, ist Theo den Stereotyp-Männern ein Dorn im Auge. Oft muss er sich Schikanen anhören, selbst zu guten Schulleistungen, die ihn im Kreise der Familie zum Streber machen. In einigen seiner Mitschüler sind bereits die toxisch maskulinen Männer der Zukunft zu sehen, die ähnlich gerne wie Theos Verwandte das Wort "schwul" als Abwertung benutzen.

Theo findet den inneren und äußeren Lautstärkeregler

Unser Protagonist hat durch seine Erziehung gelernt, weder sich selbst noch anderen Fragen zu stellen. Er lebt neben seinem Umfeld her und versucht wenig aufzufallen. Im Verlauf des Romans beginnt Theo jedoch langsam aus seinem Stupor aufzuwachen. Es fängt damit an, dass er zum Druckabbau joggen geht. In diesen Momenten der Freiheit beginnt er sich selbst Dinge zu fragen, die ihm zuvor nicht zugänglich waren. Neue Menschen, die in sein Leben treten, erwecken zudem Neugier über sich selbst und seine Umgebung. So beginnt er, Gitarre zu spielen, entdeckt den Gesang und wird durch Mitmenschen inspiriert, sich mit den Werken der queeren Musikerin Joan Baez und dem schwulen Autoren James Baldwin auseinanderzusetzen.

Markus Jäger geht zärtlich und geduldig mit Theos Selbstfindung um. Andere Romane handeln den Schritt von "Ich weiß nicht recht, worauf ich stehe" zu "Das ist mein erster Freund" in teils schwindelerregender Schnelligkeit ab. Jäger hingegen nimmt sich sehr viel Zeit dafür, auch Theos Umfeld zu analysieren. Theo ist wie er ist wegen seiner Eltern, die so sind wegen ihrer Eltern, die so sind… Dabei entschuldigt Jäger keineswegs das Verhalten der Erwachsenen in Theos Familie. Den Großvater und einen Onkel skizziert er recht eindeutig als Arschlöcher. Es gelingt dem Autor jedoch sehr gut, Erklärungen für das Verhalten der Personen in Theos Umfeld zu finden und ihnen so Dimension zu geben.

Schwul in den 1990er Jahren


Markus Jäger wurde 1976 in Tirol geboren. "Theo wird lauter" ist nach "Helden für immer" der zweite Roman, den er unter seinem Geburtsnamen veröffentlichte (Bild: Die Fotografen)

Ich selbst war einst vier Jahre mit einem Mann zusammen, der wie Theo sehr ruhig und in sich gekehrt war. Kommunizieren konnte er nur schlecht. Der Grund dafür offenbarte sich mir bereits beim ersten Treffen mit seiner Familie. Jäger zeichnet genau dieses Bild, das uns Theo besser verstehen lässt, als hätte er geschrieben: "In der Familie Lauter wurde wenig gesprochen."

Als jemand, der in den 2000er Jahren seine Teenie-Jahre verbrachte und die eigene sexuelle Orientierung zu erkunden begann, kann ich sagen, dass die Repräsentation von Schwulen in diesen Jahren dürftig war. Nochmal zehn Jahre davor, mit den Auswirkungen der Aids-Krise noch immer in den Köpfen der älteren Generationen, sah es nochmal schwieriger aus.

So liest Theo das Wort "Homosexualität" zum ersten Mal im Alter von 17 Jahren in einem Buch von Joan Baez. Zudem schildert Theo, dass er zuvor noch nie positiv über dieses Thema gelesen oder gehört hat. Auch in der Schule gab es keinerlei Aufklärung zu sexueller Orientierung, was bei mir in den 2000er Jahren dasselbe war.

Jäger skizziert die Selbstfindung von Theo mit einer Authentizität, die eine zumindest semiautobiografische Note suggeriert – Jäger und Theo teilen sich ihr Geburtsjahr. Ich wage es zudem, mich aus dem Fenster zu lehnen und zu deklarieren, dass beispielsweise kein heterosexueller Mann den inneren Tumult in Bezug auf die Vermutung des eigenen Schwulseins derart empathisch zu Wort bringen könnte. Dasselbe gilt für die schiere Erleichterung über positiven Kontext zu dem, was man als seinen eigenen größten Makel ansieht, weil man dies von seinem Umfeld so gelernt hat.

Lauter, Theo

Wo genau die Reise von Theo hingeht, möchte ich an dieser Stelle nicht preisgeben. Für mich ist "Theo wird lauter" von Markus Jäger eine absolute Leseempfehlung. Selten – oder gar noch nie? – habe ich eine dermaßen liebevolle, empathische und authentische Skizzierung der inneren Unruhe und Verunsicherung in Bezug auf die Selbstfindung als schwuler Mann gelesen.

Theo bin ich, Theo bist du, Theo sind wir. Ich bin überzeugt, dass sich viele Leser und auch Leserinnen in der Geschichte von Theo wiederfinden können. Letztlich ist es nicht nur seine Geschichte, sondern auch eine darüber, wie unser Umfeld uns prägt, insbesondere, wenn wir nicht in das (heteronormative) System passen, das uns vorgelebt wird. Und das ist eine Geschichte, die quasi universell queer ist.

Infos zum Buch

Markus Jäger: Theo wird lauter. Roman. 304 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 18 € (ISBN: 978-3-89656-313-2). E-Book: 9,99 €

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#1 Markus JägerAnonym
  • 04.04.2022, 12:27h
  • Vielen Dank für diese bezaubernde Besprechung!
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